Rezension, vorgänge: Artikel - 17.07.19

Friedenspolitische Rückschau

Werner Koep-Kerstin

in: vorgänge Nr. 225/226 (1-2/2019), S. 151-154

Ulrich Finckh: Pimpf. Pfarrer, Pazifist. Ein kritischer Rückblick (1927-2017). Donath Verlag 2019, 275 S.

 

„Im Straßenverkehr können Sie doch auch Menschen töten“ – mit dieser Begründung wurde der Antrag eines Kriegsdienstverweigerers abgelehnt, der mit Taxifahrten sein Studium finanzierte. Solch abenteuerliche Argumente und die Zahlenschwindeleien aus dem Bundesverteidigungsministerium bei der Berechnung von tatsächlich Wehrpflichtigen und der vergleichbaren Dauer von Wehr- und „Ersatz“-Dienst gehörten zu den Auseinandersetzungen, die der Pfarrer und Vorsitzende der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen e.V., Ulrich Finckh, jahrzehntelang zu bestehen hatte.

In seinem Lebensrückblick hat der Autor pars pro toto zugleich eine Geschichte zivilgesellschaftlichen und besonders friedenspolitischen Engagements in der Nachkriegsrepublik geschrieben. Zentral waren dabei Fragen des Glaubens in einer von wissenschaftlichem Denken geprägten Moderne und ein in Bezug auf die Botschaft Jesu und nicht zuletzt auf das Völkerrecht begründeter Pazifismus. Krieg als Mittel der Politik wird von ihm generell abgelehnt, weil die Entwicklung des modernen Krieges in Richtung Luftkrieg geht, der katastrophal für die Zivilbevölkerung sei und dem Völkerrecht widerspreche, „weil das Risiko stets hoch ist, Unbeteiligte zu vernichten.“ Es war nur konsequent, dass Finckh strikter Gegner der Wiederaufrüstung unter Bundeskanzler Adenauer gewesen ist.

Als Konsequenz aus den NS-Verbrechen ging es dem Pfarrer Finckh im neuen demokratischen Staat um aktives Eintreten für Menschen- und Bürgerrechte und um den Rechtsstaat. Finckh kam in der Entwicklung seines Denkens von weit her. Er wuchs in einem liberalen Elternhaus mit kirchlichen Bindungen auf. Als „Pimpf“ und junger Flakhelfer empfand er es als Verrat, dass ausgerechnet Generäle und andere Offiziere gegen Hitler am 20. Juli 1944 putschten. Mit Bestürzung hat der Autor viele Jahre später aufgrund von Fakten zur Kenntnis nehmen müssen, dass er Mitglied der NSDAP gewesen ist – und dies verdrängt, vergessen oder was auch immer hatte. Mit Schlitzohrigkeit ist er den Fängen der SS entgangen, die schon bei den 15-Jährigen rekrutierte, indem er naiv fragte, ob man denn auch wie die Ärzte studieren könne, wenn man wie er Pfarrer werden wolle. Er hat den Kirchgang für sich und einige Kameraden durchgesetzt. Der christliche Kompass, der den Glauben über das von Menschen gemachte Gesetz stellt, half schon dem 17-Jährigen zu begreifen, dass ein Eid nicht zu Verbrechen verpflichtete. Aber dass der Krieg selbst verbrecherisch war, ist Finckh erst später bewusst geworden. Selbstkritisch fragt er, wie weltfremd er und andere damals gewesen seien, ausgerechnet in der Frage der Gottesdienste aufzubegehren, „aber die wirklich schlimmen Dinge nicht zu sehen.“ Als Kriegsgefangener fand er den Brief Thomas Manns als „empörend“, der an die deutschen Verbrechen erinnerte und den Gefangenen auf Geheiß der Alliierten vorgelesen wurde.

„Dreimal gelang es mir, politische Begriffe inhaltlich so zu prägen, dass Unrecht damit beendet wurde“, schreibt der Pfarrer. Mehr zufällig habe er den Begriff „Fachhochschule“ bei einer Demonstration von Studierenden  der Hamburger Ingenieur- und höheren Fachschulen benutzt. Damit machte er klar, dass diese in den Hochschulbereich gehörten und bereitete den Weg zu deren Anerkennung als Hochschulen. Die zweite „rhetorische Großtat“, die ins Schwarze traf und in der politischen Kommunikation ein scharfes Schwert wurde, war die Anklage gegen die Prüfungsverfahren für Kriegsdienstverweigerer als „Inquisition des Gewissens“. Gewissen ist Ausdruck größter Subjektivität und kann nicht gemessen werden. So einfach ist das. Es brauchte aber Jahre, bis eine vom Kalten Krieg und Antikommunismus geprägte Bevölkerung das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Kriegsdienstverweigerung den jungen Leuten in Form von gesellschaftlich-politischer Anerkennung auch zusprach.

Die dritte semantische Leistung politischer Kommunikation schreibt sich Finckh bei der Metamorphose der unzutreffend als „Ersatz“-Dienst bezeichneten Arbeit der Kriegsdienstverweigerer zu. Von ihm unter der Bezeichnung „Friedensdienst“ ursprünglich gefordert, entstand der Vorschlag „Sozialer Friedensdienst“, um schließlich – von den Kirchen und der Diakonie aufgegriffen – bis kurz vor dem Ende der Wehrpflicht als staatliches Programm „Zivildienst als Lerndienst“ anerkannt zu sein.
Als Christenmensch soll man ja keine Feindbilder haben; und wenn, dann soll man die Feinde lieben. Die Militärseelsorge und das Hierarchie-Unwesen der Kirchen haben es dem Autor besonders angetan. Er ist verwundert, „dass sich Zehntausende auf den Weg machen, wenn der Papst irgendwo auftritt.“ Und er weist darauf hin, dass die „Ideologie vom Papst als Stellvertreter Christi auf Erden teils Legende ist, teils eine erst im Mittelalter beginnende Amtsanmaßung und historisch durch nichts gedeckt …“ sei. Die Freiheit der evangelischen Kirche und ihr demokratischeres System der gewählten Kirchenvorstände und Synoden sind für den Pfarrer Finckh „seit langem ein Modell, das ich bejahe.“ Keineswegs ist es aber so, dass der Autor nicht immer wieder erhebliche Auseinandersetzungen mit seiner jeweiligen Kirchenleitung hatte, die sein knallhartes und nachhaltiges Engagement für die Beratung der Kriegsdienstverweigerer nicht immer goutierte.

Nach Finckh sollte es eigentlich „überhaupt weder Militär noch eine spezielle Militärseelsorge geben.“ Die Militärseelsorge sei völlig vom Personal der alten Wehrmacht aufgebaut worden, beklagt er. Den Militärpfarrern übertrug die Politik den „Lebenskunde“-Unterricht, weil sie als „Sicherung gegen falsches NS-Denken in der Bundeswehr“ betrachtet wurden. Die Kirchen galten – fälschlicherweise in toto – als vom Nazitum unbelastet. Finckh: „Dass die Militärpfarrer bis heute den ’Lebenskunde‘-Unterricht in den Kasernen halten, auf Gelöbnis und Eid vorbereiten und selbst Kriegseinsätze mitmachen und wohl auch befürworten, die dem internationalen Recht widersprechen, stellt aus meiner Sicht eine Last für unsere Kirche dar und ist nach meinem Verständnis nicht mit der Botschaft Jesu vereinbar“ (S. 122).

Finckh habe kein Tagebuch geführt; schreibt er; man mag es nicht glauben. Denn dann muss er zumindest ein emsiger Sammler von Dokumenten und erstklassiger Rechercheur gewesen sein. Wie sonst könnte er uns über Jahrzehnte so akribisch mit dem ganzen Unterbau der Aktivitäten seiner Kirche auf den unterschiedlichsten Ebenen wie den Studentengemeinden, vielen Arbeitskreisen, mit der ganzen Fülle seiner Gemeindearbeit am Ende in Bremen derart vertraut machen? Auch die Charakterisierung der zahlreichen Menschen, die für seinen Lebensweg von Bedeutung waren, vermittelt uns ein Bild seines, modern gesprochen, riesigen Netzwerkes und seiner geistigen Prägungen. Die von ihm geschätzten Hochschullehrer gehörten in der NS-Zeit meist zur Bekennenden Kirche. Beispielhaft sei hier Rudolf Bultmann genannt, dessen Forderung nach Entmythologisierung der biblischen Botschaft Finckh darin bestätigte, Theologe zu bleiben und Pfarrer zu werden.

Die flüssig geschriebenen Erinnerungen des Autors analysieren im Hintergrund scharfsichtig und meinungsfreudig die Großereignisse der bundesdeutschen Geschichte: Wiederaufrüstung, 68er-Bewegung, Vietnamkrieg, die Untaten der Roten Armee Fraktion und die Mitverantwortung der Politik für deren Radikalisierung, den Untergang der DDR, das weitergeführte Engagement für die Kriegsdienstverweigerer auch nach der Wende.

Der Rückblick auf 90 Lebensjahre ist voller lebenspraller Anekdoten. Als Gustav Heinemann seinen Rücktritt als Innenminister aus dem Kabinett Adenauer erklärt hatte, versuchten Finckh und Freunde ihn zum Austritt aus der CDU zu bewegen. Heinemanns Antwort: Die Sozialdemokraten und Liberalen seinen zu „gottlos“, da könne er nicht mitmachen. Als das Bundesverteidigungsministerium dem Bundesverfassungsgericht (und dem Gesetzgeber) falsche Zahlen im Zusammenhang mit dessen Entscheidungen zur Kriegsdienstverweigerung lieferte, ging Finckh offensiv in die Öffentlichkeit und hielt mit belastbaren Zahlen dagegen – die er mit Hilfe seiner später in Mathematik promovierten Tochter Ute Finckh, SPD-Bundestagsabgeordnete in der 18. Legislaturperiode, recherchiert hatte. Zu Recht setzt Finckh der Vorsitzenden der „Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen e.V.“ und Bundestagsvizepräsidentin sowie späteren Familienministerin Renate Schmidt, in deren Zuständigkeit der Zivildienst fiel, ein kleines Denkmal für ihr Engagement in der Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern.

Über die langjährige Mitarbeit in der Gustav Heinemann-Initiative hat Ulrich Finckh nach der Fusion beider Bürgerrechtsorganisationen zur Humanistischen Union (HU) gefunden. Im Beirat und in der Redaktion der HU-Zeitschrift „Vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik“ sowie der Redaktion des „Grundrechte-Reports“ hat der ehemalige Pfarrer und umtriebige Publizist seine Mitstreiter bis heute in seinen Bann gezogen. Sein Lebensrückblick erzählt, warum das so ist.