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Rezension, vorgänge: Artikel - 5.05.17

„Do not resist“ - ein Dokumentarfilm über die Militarisierung der US-Polizei

Axel Bußmer

in: vorgänge Nr. 217 (Heft 1/2017), S. 141-143

Szenenbild aus dem Film

„Im April 2013 verfolgte ich voller Entsetzen das Vorgehen der Polizei in den Tagen nach dem Attentat beim Boston Marathon. Die von den dortigen örtlichen Behörden eingesetzten Fahrzeuge, Waffen und Taktiken hätte ich zuvor niemals mit Polizeiarbeit in Verbindung gebracht. In meiner Kindheit und Jugend stand bei der Polizei der Kampf gegen die Drogenkriminalität im Vordergrund. Die Auswirkungen des 'war on terror' auf die Polizeiarbeit seit 9/11 waren mir jedoch bis dahin nicht bewusst gewesen. Mit diesem Film wollte ich versuchen zu verstehen, was sich verändert hatte“, sagt Craig Atkinson über die Inspiration für seinen Dokumentarfilm „Do not resist – Police 3.0“. In dem Film zeichnet er ein Bild der zunehmenden Militarisierung der US-Polizei, die - bei allen Unterschieden - als eine Vision für die künftige Polizeiarbeit in Deutschland dienen kann.

Die Militarisierung der US-Polizei zeigt sich besonders deutlich an zwei Punkten: Ungefähr 40 Prozent der Mitglieder von SWAT-Spezialeinheiten haben heute einen militärischen Hintergrund und waren vorher an militärischen Auslands- und Kampfeinsätzen beteiligt. Sie verfügen damit über eine ganz andere Ausbildung, Trainings und Erfahrung für den Umgang mit dem „polizeilichem Gegenüber“ als normale Polizist_innen. „Die meisten Einsätze, bei denen ich Polizisten in den letzten Jahren begleitet habe, stellten sich als Fälle von häuslicher Gewalt oder psychischer Probleme heraus. Und in vielen dieser Fälle wäre es notwendig, in der Lage zu sein, die Situation zu deeskalieren. Oft waren die Einsatzkräfte jedoch völlig unvorbereitet und nicht fähig, deeskalierend vorzugehen. Kam es jedoch zu Gewalthandlungen, konnten sie problemlos darauf reagieren.“ (Craig Atkinson)

Außerdem werden Geräte und Fahrzeuge, die das Militär für Einsätze in Kriegsgebieten kaufte, kostenlos und ohne irgendeine Kontrolle an Gemeinden weitergegeben – selbst dann, wenn es in der Gemeinde keine Morde gab, die Verbrechensrate niedrig ist, Terroranschläge sehr unwahrscheinlich und die Polizeistation so klein sind, dass sie kaum das Personal für diese Fahrzeuge haben und die MRAP-Panzerwagen (wie im Film zu sehen) die meiste Zeit auf dem Parkplatz der Polizeistation stehen, und nur sonntags einmal durch das Dorf gefahren werden.

Atkinson zeigt in seinem Film mehrere absurde Beispiele dieser militärischen Aufrüstung. Dabei beschränkt sich seine Dokumentation auf die Rolle des teilnehmenden Beobachters bei Polizeieinsätzen, parlamentarischen Hearings und Präsentationen. Die Dreharbeiten dauerten drei Jahre, in denen er ständig um Drehgenehmigungen kämpfte, die ihm immer wieder kurz vor dem Dreh entzogen wurde, weil es z.B. negative Berichte gab.

„Do not resist“ beginnt mit Bildern von den Demonstrationen in Ferguson, Missouri, nachdem am 9. August 2014 ein weißer Polizist den 18jährigen afroamerikanischen Schüler Michael Brown erschossen hatte. Bei den Demonstrationen setzte die Polizei all die Geräte ein, die sie in den letzten Jahren auch vom Militär erhalten hatte. Die nächtlichen Bilder unterscheiden sich kaum von den vertrauten Bildern aus Bürgerkriegsgebieten.

Atkinson wollte mit seinem Film das gesamte Spektrum der Polizeieinsätze zeigen. Dazu begleitete er SWAT-Teams bei ihren Einsätzen. Allerdings werden die SWAT-Teams meist – wie im Film zu sehen – für Hausdurchsuchungen und bei einfachen Drogendelikten eingesetzt. Andere Einsätze gab es während der Dreharbeiten nicht.

Der Vater des Regisseurs war in der Nähe von Detroit 29 Jahre lang Polizist. „Während der dreizehn Jahre zwischen 1989 und 2002, in denen mein Vater Teil einer SWAT-Einheit war, hat diese insgesamt 29 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Heutzutage führen Teams in vergleichbaren Gegenden über 200 Hausdurchsuchungen durch – pro Jahr.“ (Craig Atkinson)

Atkinson zeigt Ausschnitte aus Seminaren des anerkannten Coachs Dave Grossman, der die Polizei im Krieg sieht. Bei ihm werden Polizisten und Soldaten gemeinsam fortgebildet und trainiert. Er zeigt Ausschnitte aus einer Anhörung des Senats zum Thema „Verteilung und Einsatz von Militärausrüstung bei der Polizei“, bei der die Ministerialvertreter für Heimatschutz und Verteidigung keine Ahnung hatten, was mit der von ihnen verteilten Militärausrüstung geschah. Atkinsons Film geht auch kurz auf Videoüberwachungstechniken ein, die für das Predictive Policing (die Vorhersage von Verbrechen aufgrund statistischer Daten) genutzt werden können und bisher nur für Geheimdienste verfügbar waren.

Die Einsatzszenen und die Statements der Polizisten wirken in ihrer Konzentration schockierend. Sie zeigen, wie sehr militärisches Denken und Handeln inzwischen die Arbeit von SWAT-Teams und damit auch der Polizei bestimmt. Atkinson sind hier einige beeindruckende Bilder gelungen, weil er mehrmals den gesamten Einsatz dokumentieren und danach auch mit den Betroffenen sprechen konnte, die überhaupt nicht dem Klischee der gefährlichen und hochgerüsteten Gangster entsprechen.

Atkinsons Bilder sprechen für sich. Sie geben einen gelungenen Einblick in die Militarisierung der Polizeiarbeit. Allerdings fehlt Atkinson die analytische Schärfe eines Alex Gibney oder Errol Morris. Die Einordnung seiner Beobachtungen in einen größeren Zusammenhang sucht man vergebens. So werden einige wichtige Informationen nur nebenbei erwähnt und nicht weiter verfolgt. Das gilt etwa für den hohen Anteil von Kriegsveteranen in SWAT-Teams, die in einer friedlichen Nachbarschaft vorgehen, als seien sie in Falludscha; für die hinter der Militarisierung steckenden Interessen oder die Frage, wie die Militarisierung der Polizei sowohl das Bild der Polizei in der Bevölkerung als auch den Blick auf Kriminalität verändert. Wenn ein SWAT-Team, wie im Film zu sehen, in voller Montur in die Wohnung eines gefährlichen Drogenhändlers stürmt, dabei schon beim Betreten das halbe Haus zerstört, dann muss es sich um einen sehr gefährlichen Kriminellen handeln. Dass der afroamerikanische Drogenhändler ein Teenager ist, der noch bei seinen Eltern lebt und die vermeintliche Drogenhöhle eher einem gepflegten, wenn auch armen Einfamilienhaus gleicht – geschenkt. Bei dem Einsatz findet das SWAT-Team schließlich einige Gramm im Rucksack des „gefährlichen Drogenhändlers“, die kaum die Eigenbedarfsmenge erreichen und für die ein weißer Schüler noch nicht einmal verwarnt würde.

Natürlich sind die in „Do not resist“ gezeigte Polizeiarbeit und die zunehmende Militarisierung der Polizei nicht direkt mit der Arbeit der Polizei in Deutschland vergleichbar. Sie geben aber eine dunkle Vorahnung – vor allem, wenn man daran denkt, dass die Polizei in Brandenburg um Feldjäger wirbt, die Bundeswehr ihre Waffenarsenale regelmäßig erneuert und sich dann die Stadt Hamburg schon mal mit Panzerwagen und Sturmgewehren versorgt. Dann heißt es nur: Man müsse ja, auch wenn es keine konkreten Hinweise gebe, für den nächsten Terroranschlag gerüstet sein.

 

Der Film läuft seit dem 23. Februar in ausgewählten Kinos und als Video on Demand auf: ITunes, Amazon Instant Video, Maxdome, Videoload und Google Play.

Do not resist – Police 3.0 (Do not resist, USA 2016)
Regie: Craig Atkinson
Drehbuch: Craig Atkinson
Länge: 72 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Weitere Informationen:
http://www.donotresistfilm.com/