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Rezension, vorgänge: Artikel - 17.07.19

Überwachung als neue Entwicklungsstufe des Kapitalismus?

Heinz Bierbaum

in: vorgänge Nr. 225/226 (1-2/2019), S. 140-142

Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungs-Kapitalismus, Campus Verlag Frankfurt/New York 2018, 727 S., 29,95 €.

 

Angesichts der ständigen Hacker-Angriffe, des Verdachts der Beeinflussung politischer Wahlen und Entscheidungen durch Daten-Manipulationen könnte  Shoshana Zuboffs Buch kaum aktueller sein. Es stellt zweifellos einen wichtigen Beitrag in der gesellschaftlichen Diskussion um Ausmaß und Konsequenzen der Digitalisierung dar. Zuboff sieht in den innovativen Digitalisierungstechniken und ihrer Nutzung durch Unternehmen wie Google oder Facebook eine neue Phase der kapitalistischen Entwicklung, die sie „Überwachungskapitalismus“ nennt. „Überwachungskapitalismus beansprucht einseitig menschliche Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten.“ (22) Diese Verhaltensdaten können einerseits der Verbesserung von Produkten und Dienstleistungen dienen, werden jedoch vor allem zur Profiterzielung  u.a. mittels gezielter Werbung und eben auch zur Überwachung und zur Verhaltensmanipulation genutzt. Dies verändert zugleich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. „Das Ringen um Macht und Kontrolle der Gesellschaft ist damit nicht länger bestimmt durch versteckte Fakten von Klasse und deren Beziehungen zu den Produktionsmitteln, sondern vielmehr von den versteckten Fakten einer automatisierten Verhaltensmodifikation. War Macht früher mit dem Besitz der Produktionsmittel gleichzusetzen, so definiert sie sich heute durch den Besitz der Mittel der Verhaltensmodifikation.“ (352) Sie nennt die aus dem Besitz der Verhaltensmodifkationsmittel resultierende neue Art von Macht „Instrumentarismus“, eine raffinierte Form von Verhaltensteuerung, die im Gegensatz zum Totalitarismus auch nicht des Terrors zu ihrer Machtausübung  und -erhaltung bedarf.

Den Beginn dieser grundlegenden Veränderung sieht Zuboff in der Erfindung von iPod und iTunes durch Apple, die eine neue Beziehung zwischen Hörern und ihrer Musik zur Folge hatte und damit den Konsum weg von den Massen auf den Einzelnen fokussierte. „Das befreite den Kapitalismus aus alten operativen Zwängen und versprach etwas ganz und gar Neues … etwas, was außerhalb der vernetzten Räume des Digitalen undenkbar war.“ (48) Zuboff sieht darin einen historischen Einschnitt, der die weitere Nutzung durch Google und Facebook vorbereitete. Google und dann später Facebook nutzen das ihnen zugängliche umfangreiche Datenmaterial zunächst zur gezielten Werbung und machten darüber immense Profite. Doch dies war Zuboff zufolge nur der erste Schritt. „Googles Erfindung der zielgerichteten Werbung ebnete den Weg zum finanziellen Erfolg des Unternehmens, legte aber auch den Grundstein für eine viel weitreichendere Entwicklung: die Entdeckung und Weiterentwicklung des Überwachungskapitalismus.“ (88) Entscheidend dafür ist die Entdeckung des „Verhaltensüberschuss“. Das meint: die gesammelten Verhaltensdaten dienen nur zum Teil der Verbesserung der zugrundeliegenden Dienste, sondern stehen auch für andere Anwendungen zur Verfügung. Es geht nicht mehr nur darum, Werbung noch zielgenauer zu machen; zugleich soll auch das Verhalten der Nutzer selbst beeinflusst werden.

Sehr ausführlich legt Zuboff dar, wie stark Google und Facebook das Verhalten ihrer Nutzer zu beeinflussen und sie zu manipulieren versuchen. Basis ihrer Einschätzung sind eigene umfangreiche Studien und vor allem zahlreiche Gespräche mit Vertretern der Informatik. Sie vergleicht die Aktivitäten dieser Unternehmen mit der Verhaltensforschung bei Tieren, denen man einen Chip eingepflanzt hat, um ihr Verhalten zu studieren. Sie zeigt, wie allumfassend die Erhebung der Daten ist, die zwangsläufig mit der Nutzung des Smartphones, von eMails, Suchdiensten und den sozialen Medien anfallen. Die jüngsten Pressemeldungen, dass Facebook jungen Smartphonenutzern Geld bezahlt, um ihre Daten lückenlos zu bekommen, passt in dieses Bild. Die Nutzer selbst sind gegen die Verwendung ihrer Daten praktisch machtlos. Deren Verwendung kann kaum kontrolliert werden, zumal Unternehmen wie Google und Facebook selbst mit millionenschwerem Lobbying wirksamen Datenschutz zu verhindern suchen und auch sonst Strategien entwickeln, um ihre Datenerhebung und -nutzung nicht einschränken zu lassen.  Selbst dort, wo – wie in der EU – verschärfte Datenschutzbestimmungen gelten, ist ein wirksamer Schutz kaum möglich.

Die Entwicklung zum „Überwachungskapitalismus“ wurde Zuboff zufolge zum einen durch den säkularen Trend zur Individualisierung, zum anderen durch den Neoliberalismus befördert. Mit der Durchsetzung der neoliberalen Ausrichtung kapitalistischer Entwicklung, wie sie von Hayek und Friedman theoretisch begründet wurde, und dem Shareholder-Value-Ansatz in der Unternehmenspolitik mit seiner unbedingten Ausrichtung an den Profitinteressen der Kapitaleigner hat sich ein ideales Umfeld für die privatwirtschaftliche Nutzung von Verhaltensdaten durch Google und Co. entwickelt. Zuboff spricht in diesem Zusammenhang zurecht von der Enteignung menschlicher Erfahrung.

Insgesamt zeichnet Shoshana Zuboff ein nahezu apokalyptisches Bild einer kapitalistischen Entwicklung, die die Menschen in ihrem Verhalten kontrolliert und manipuliert und sie damit beherrscht. Dagegen gibt es kaum ein Entrinnen. Es drängen sich Assoziationen zu Frank Schirrmachers 2013 erschienen Buch „EGO“ auf. Der früh verstorbene Schirrmacher, den Zuboff als einen ihrer engsten Freunde bezeichnet, entwirft darin das Bild einer Informationsökonomie, in der Maschinen mit ihren Algorithmen sowie einem durch und durch egoistischen Menschenbild die Welt beherrschen.[16] Zuboffs Werk ist in gewisser Weise aber auch ein Gegenentwurf zu den Aussagen von Jeremy Rifkin und Paul Mason, die in ihren Darstellungen der informationstechnischen Innovationen eher auf die emanzipatorischen Potenziale verweisen und davon ausgehen, dass Arbeit überflüssig und die kapitalistischen Widersprüche tendenziell überwunden werden – eine Annahme, die m.E. nicht zutrifft.[17]

Da Zuboff die von ihr selbst dargestellte Einbindung der Nutzung von digitalen Innovationen in die Mechanismen kapitalistischen Wirtschaftens nicht weiter aufgreift, bleibt sie in ihren Schlussfolgerungen und der Frage, was man denn dagegen tun kann, relativ hilflos. Sie verweist auf die Notwendigkeit schärferer Datenschutzbestimmungen, obwohl sie deren Wirksamkeit selbst eher bezweifelt, und ruft dazu auf, „Sand ins Getriebe“ zu streuen. Sie fordert das Recht auf „Freistatt“, also von Freiräumen ein und appelliert an das demokratische Gewissen. Damit bleibt sie auf einer eher moralischen Ebene stehen, anstatt die zugrunde liegende kapitalistische Ausrichtung aufzugreifen. Dabei stellt sie doch sehr anschaulich den bereits von Marx aufgedeckten und für die kapitalistische Entwicklung typischen Widerspruch zwischen wissenschaftlich-technischen Innovationen mit ihren Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen und ihrer kapitalistischen Vernutzung dar, die den Profitinteressen Weniger dient und ihre emanzipatorischen Möglichkeiten ins Gegenteil verkehrt. Denn nur vordergründig sind mit der verbesserten Informationsgewinnung gesellschaftlicher Fortschritt und Gewinne für die Nutzer verbunden. Tatsächlich dienen die neuen Möglichkeiten der Informationsgewinnung der privaten Bereicherung der Unternehmen und ihrer Inhaber. Dabei wird aktiv auf das Verhalten der Nutzer eingewirkt, sie werden manipuliert. Die „automatisierte Verhaltensmodifikation“, wie sie von eben diesen Datengiganten ausgeübt wird, gilt ihr als Schlüsselkategorie für den Kampf um die Macht in der Gesellschaft. „Der Industriekapitalismus baute auf die Ausbeutung und Kontrolle der Natur, und das mit Folgen, die uns erst in den letzten Jahrzehnten so recht bewusst geworden sind. Der Überwachungskapitalismus baut … auf Ausbeutung und Steuerung des menschlichen Wesens.“ (538) Ganz ohne Zweifel haben wir es mit neuartigen Entwicklungen zu tun. Doch daraus eine eigenständige Phase gesellschaftlicher Entwicklung zu machen, scheint mir zu weitgehend. Es ist doch geradezu konstitutiv für die kapitalistische Entwicklung, Techniken immer weiter zu entwickeln und dabei immerzu nach neuen Märkten zu suchen – mit der ihm eigenen Widersprüchlichkeit, dass derartige Entwicklungen nur bedingt der Gesellschaft dienen und sich sogar in ihr Gegenteil verkehren können. Es ist etwas erstaunlich, dass Zuboff nicht an dieser Widersprüchlichkeit ansetzt und dabei auch nicht die entscheidende Frage nach den Eigentumsverhältnissen und ihrer Veränderung aufwirft. Anstatt eine gesellschaftliche Kontrolle derartiger Technologien zu fordern, appelliert sie an das Individuum, „nein“ zu sagen. „Es reicht! Nehmen wir dies als unsere Deklaration.“ (599) Das ist nun wirklich zu wenig.

[16] Schirrmacher, Frank: EGO. Das Spiel des Lebens. München 2013

[17] Mason, Paul: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie. Berlin 2016; Rifkin, Jeremy: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeineigentum und der Rückzug des Kapitalismus. Frankfurt a.M. 2016