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- 1.09.98

Betr. Brief des Bundesvorsitzenden

Carl Ehrig-Eggert, Mainz

Zum Brief des Bundesvorsitzenden der HU, Dr. Till Müller-Heidelberg an den SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, in den Mitteilungen Nr. 161 (März 1998)

 

Mitteilung Nr. 163, S. 82

Der Bundesvorsitzende der HU, Dr. Till Müller-Heidelberg, hat unmittelbar nach der Nominierung von Gerhard Schröder zum Kanzlerkandidaten der SPD einen Brief an diesen verfaßt (und wohl auch abgeschickt), der auszugsweise in den Mitteilungen Nr. 161 S. 2 (März 1998) zu lesen war. In ihm heißt es u.a., die HU gratuliere Herrn Schröder zu seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten und daß „wir uns freuen, daß hoffentlich ... ein HU-Mitglied erstmals Bundeskanzler...sein wird“.
Als HU-Mitglied darf ich zunächst bemerken, daß ich mich als Nicht-Mitglied der SPD von dieser freudigen Gratulation ausschließe – wen die SPD ins Rennen schickt, ist ausschließlich ihre Sache. Darüber hinaus bin ich dann über die Formulierung gestolpert, daß „wir“, also auch ich, uns über etwas freuen, was hoffentlich sein werde, nämlich Herrn Schröders Kanzlerschaft. Darüber bin ich dann ins Grübeln geraten, denn bisher hatte ich Freude und Hoffnung geschieden: Ich kann mich über etwas Bestehendes freuen und ich kann etwas, was möglicherweise eintritt, erhoffen, aber ich kann mich nicht über etwas freuen, von dem ich erst erhoffe, daß es eintritt.
Auf jeden Fall verbinde ich mit der Nominierung von Herrn Schröder auch keine Hoffnung. Eine solche Haltung wäre z.B. dann begründet, wenn die bisherige Politik der SPD im Allgemeinen und die von Gerhard Schröder im Besonderen in Aussicht stellten, daß es mit der Verteidigung von Grund- und Bürgerrechten wieder aufwärts ginge. Zu dieser Vermutung besteht aber kein Anlaß, denn die Politik der SPD auf diesem Gebiet ist spätestens seit der Notstandsgesetzgebung 1968 ein Anlaß zur Trauer und ich sehe daher auch keinen Grund, einen Wechsel zu erhoffen. Die allgemeine Schröder-Euphorie hat ihren einfachen Grund in einer Verwechslung: Seine Parteigänger sind der Meinung, seine (vermutliche) Wahl sei eine hinreichende Bedingung für eine neue Politik – sie ist aber nach Lage der Dinge nur eine notwendige Bedingung.
Als Optimist lasse ich mich aber gerne belehren und biete daher Herrn Müller-Heidelberg HU-öffentlich eine Wette an, daß Gerhard Schröder sich als Bundeskanzler z.B. nicht für Grund- und Bürgerrechte im Sinne der HU einsetzen wird, und zwar um eine der guten kubanischen Zigarren, die er so gerne raucht (oder um eine andere legale Droge).

Dr. Carl Ehrig-Eggert, Mainz