Sie befinden sich hier: Start |Publikationen |Mitteilungen |Heftarchiv |

Pluralismus, Rechtspolitik - 1.01.99

Prostitution als Beruf – Bericht von einer Tagung

Mitteilungen Nr. 165, S. 20

Die am 14.11.98 veranstaltete Tagung der Humanistischen Union und der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS) im Jugendgästehaus Bremen wurde eröffnet durch das Mitglied im Bundesvorstand der HU und der AHS, Johannes Glötzner. Danach äußerten sich Vertreterinnen der Hurenorganisationen auf einem Podium. Es sprachen M. Heitmann und G. Lau von der Organisation Nitribitt, E. Winkelmann und M. Siemers vom Berufsverband S.E.X. sowie Marie-Cyrille Matthieu von der Organisation HYDRA. Die Vertreterinnen berichteten über die Geschichte der Prostitution in Bremen und machten deutlich, daß dies eine Geschichte von Ausgrenzung und Verfolgung war. Bis zum heutigen Tag sind Prostituierte zwar verpflichtet Steuern zu zahlen, jedoch gilt ihre Arbeit als sittenwidrig, weswegen sie keinen Anspruch auf ihren Arbeitslohn haben. Auch fehlen ihnen andere grundlegende Arbeitnehmerrechte. Um diese Situation zu verändern, haben sich die verschiedenen Hurenorganisationen gegründet. HYDRA ist die älteste deutsche Organisation, die Anfang der 80er Jahre entstanden ist. Später kam dann Nitribitt hinzu. War das Ziel der Organisationen zunächst, Huren bei ihren täglichen Problemen zu unterstützen, so kam später rechtspolitische Arbeit hinzu, die zu einem Gesetzentwurf der Hurenbewegung für die rechtliche und soziale Gleichstellung der Prostituierten führte.
Nachfolgend hielt Peter Hermsen vom HU-Landesverband Hamburg ein Referat zum Thema „Analyse und Kritik der Diskriminierung von Huren“. Er machte deutlich, daß Hauptursachen der Diskriminierung zum einen die Sexualfeindlichkeit der Gesellschaft, zum anderen der patriarchale Herrschaftanspruch des Mannes über die Frau ist. Der Mensch lernt durch Erziehung, Sexualität als etwas Niederes zu betrachten, das höherer Werte wie Liebe bedarf, um gerechtfertigt zu werden. Der Mensch kanalisiert seinen unterdrückten Sexualtrieb, indem er die verleugneten Anteile seiner Sexualität auf die Hure projiziert und sie daher verteufelt. Außerdem ist das Selbstbild der Hure ein Angriff auf die patriarchale Ordnung. Die Hure entzieht sich der Herrschaft des Mannes über die Frau, indem sie Sex nur zu ihren Bedingungen und zu ihrem Preis zuläßt.
Das anschließende Referat von Regine Konoss zum Thema „Zwangsprostitution“ machte deutlich, daß die Zwangsprostitution nicht mit der beruflichen Prostitution verglichen werden kann, die Gegenstand der Verbesserung der rechtlichen Lage sein soll.
Nachfolgend schilderte Margarethe von Galen die heutige gesetzliche Lage und die Gesetzentwürfe von SPD, GRÜNEN und der Hurenbewegung. Um die konservative Rechtsprechung der Sittenwidrigkeit zu beenden, bedarf es einer Gesetzesänderung. Die GRÜNEN und die Hurenbewegung fordern eine Abschaffung aller strafrechtlichen Sondervorschriften sowie die volle Gleichstellung der Prostituierten mit anderen ArbeitnehmerInnen. Die Forderungen der SPD beschränken sich auf einen einklagbaren, nicht abtretbaren Lohnanspruch der Prostituierten. Die Hurenbewegung geht mit ihren Forderungen insoweit weiter als die GRÜNEN, weil sie auch die Strafbarkeit des Vermietens von Räumen an sich prostituierende Menschen unter 18 Jahren aufheben will. Damit sollen Jugendliche die Möglichkeit erhalten, ihrer Arbeit außerhalb des Straßenstriches und seinen Gefährdungen nachzugehen. Diese Forderungen fehlen bei den GRÜNEN.
Svenja Uhrig vom Hamburger Projekt KIDS äußerte sich zum Thema „Sozialarbeit mit minderjährigen Prostituierten“. Erfahrungen mit Kinderprostitution hat sie keine, bei ihrer Klientel handelt es sich um Jugendliche. Zwischen Mädchen und Jungen sind dabei erhebliche Unterschiede festzustellen. Während die Mädchen meistens wegen Drogenproblemen der Prostitution nachgehen, stellt sich bei Jungen die Lage anders dar. Sie entfliehen oftmals von zu Hause oder aus Jugendheimen. Die Kontakte zu erwachsenen Freiern sind vielfach so ausgestaltet, daß ein näherer, längerer Kontakt stattfindet und die Jungen dort auch übernachten. Sie bezeichnen diese Erwachsenen oft als „Kollegen“.
Abschließend machte Carmen Emigholz (SPD), von der Bremer Bürgerschaft als Vertreterin der Politik deutlich, daß eine Enttabuisierung der Prostitution dringend notwendig ist. Sie hofft, daß die SPD sich dem Gesetzentwurf der GRÜNEN anschließen wird.

Steve Schreiber


Zum Ende der Tagung beschlossen die Teilnehmenden nach kurzer Diskussion einstimmig eine Resolution an die Politik mit der Forderung, den Gesetzesentwurf der Hurenbewegung durchzusetzen. Die Resolution hat folgenden Inhalt:

„Anläßlich der gemeinsamen Herbsttagung der Humanistischen Union e.V. und der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität e.V. haben die TeilnehmerInnen einstimmig folgende Forderung an die Parteien der Bundesregierung beschlossen:

- Die Koalitionsvereinbarung sieht eine gesetzliche Regelung zur Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten vor.
- Die Hurenbewegung hat im Januar 1996 einen „Gesetzesentwurf zur rechtlichen und sozialen Gleichstellung von Prostituierten mit anderen Erwerbstätigen“ vorgelegt.
- Wir halten den Gesetzesentwurf der Hurenbewegung für eine überfällige gesetzgeberische Maßnahme.
- Bitte setzen Sie den Gesetzesentwurf der Hurenbewegung um. Sorgen Sie dafür, daß der Bundestag unverzüglich ein Gesetz verabschiedet, mit dem die Diskriminierung der Prostituierten noch in diesem Jahrhundert beseitigt wird.“