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Pluralismus - 1.06.99

Bilanz eines Jahres

Helga Engel

Vermittlungen von Gefangenenbriefkontakten:

Mitteilungen Nr. 166, S. 41

Vor etwa einem Jahr begannen wir die Vermittlungen von Gefangenenbriefkontakten zu intensivieren. Nach wie vor werben wir über Annoncen in verschiedenen Zeitschriften Menschen, die bereit sind, mit Briefen der seelischen Vereinsamung in den Gefängnissen zu begegnen. In den ersten Wochen gab es mehr Angebote von draußen als Nachfragen von drinnen – eine unerwartete Konstellation, die aber den Vorteil hatte, daß wir Inhaftierten mehrere Briefpartner anbieten konnten. Über Gefangenenzeitungen wie „Lichtblick“ aus Tegel, „unsere zeitung“ aus Brandenburg und „Diskus 70“ aus Bremen erfuhren die Häftlinge von der Möglichkeit dieser Kontakte. Langsam hat sich durchgesetzt, daß wir Einsame von drinnen und draußen zusammenbringen, nicht aber Partner vermitteln. Nicht selten wird sogar um ältere Briefpartner gebeten in der Hoffnung, mit einem lebenserfahrenen Menschen individuelle Probleme per Brief diskutieren zu können.
Mit Stand vom 15. April 1999 haben 235 Menschen aus allen Bundesländern ihre Bereitschaft zum Schreiben angeboten. Demgegenüber stehen 170 Nachfragen aus den JVAen von Aichach bis Lübeck und von Chemnitz bis Geldern. Was uns besonders freut, sind die vielen dankbaren Rückmeldungen von beiderseits der Mauern. So schrieb ein Mann über seinen seit Oktober 1998 bestehenden Kontakt zu einem Häftling in Straubing: „Inzwischen hat sich ein reger Briefverkehr entwickelt, den ich eigentlich nicht mehr missen möchte.“ Eine Dame formulierte es so: „ ... möchte ich Ihnen für die zwei Adressen danken, und es läuft bestens. Es ist ganz toll, was Sie für diese Menschen leisten und was das für eine Bedeutung für die Gefangenen hat ...“ Einige Menschen bieten sogar Hilfe für einen Start nach der Entlassung an. Im Zuge dieser Kontakte gelang es überdies, drei Vollzugshelferschaften zu vermitteln, zwei in Tegel, eine in NRW. Auch einige andere Wünsche konnten wir „nebenbei“ mit erfüllen – eine Liste mit Adressen von Ämtern, die Vermittlung eines Rechtsanwalts, eine rechtliche Auskunft und anderes.
Wir versuchen, in unseren Informationen vor zu hohen Erwartungen zu warnen. Diese sind nicht gänzlich zu vermeiden, und deshalb klappt es nicht in jedem Fall sofort mit einem Briefkontakt. Aber jeder kann sich erneut an uns wenden. Ich denke, was wir tun ist gut und wichtig. Mir persönlich macht es Freude zu erleben, wie dankbar diese Kontakte angenommen werden. Deshalb werden wir uns weiterhin um Kontinuität in dieser Arbeit bemühen.

Helga Engel