Sie befinden sich hier: Start |Publikationen |Mitteilungen |Heftarchiv |

Religion: Symbole - 1.12.00

Europa braucht den Laizismus

Antonie Brinkmann

Zum Artikel von Henri Pena-Ruiz „Europa braucht den Laizismus“ (Mitteilungen 171, Seite 57 ff.):

Mitteilung Nr. 172, S. 90

Einige der Argumente und Schlußfolgerungen von Henri Pena-Ruiz fordern mich zum Widerspruch heraus:
So das Beispiel der jungen Musliminnen in Frankreich, die sich freuen, daß „das Gesetz der Väter“ an französischen Gymnasien nicht gilt. Was ist mit den jungen Musliminnen, die es anerkennen und Kopftücher tragen möchten? Die gibt es nämlich auch.
Wenn der Laizismus sich weigert, „Machtbeziehungen als ‘kulturell‘ und respektabel zu betrachten, bloß weil sie im Gewand von Brauch und Sitte auftreten und so im Lauf der Zeit wie Merkmale einer ‘kollektiven Identität‘ aussehen“ – dann sollten wir als erstes die zwar rechtlich gefaßten, aber letztlich kulturell und traditionell begründeten Machtbeziehungen zwischen Eltern und Kindern in unserer eigenen Kultur kritisieren. Außerdem hat der Staat nicht das Recht, das richtige Selbstverständnis irgendeines Bekenntnisses zu definieren.
Wenn die Schule als öffentlicher Raum jeden Angriff auf ihre Neutralität zurückzuweisen hat, dann richtet sich das gegen den Staat, der zum Beispiel kein Schulgebet vorschreiben darf. Das Grundrecht der Glaubens- und Weltanschauungsfreiheit stützt jedoch die Freiheit, einen Glauben oder eine Weltanschauung zu bilden, zu haben, zu äußern und entsprechend zu handeln. Diese Religionsfreiheit wird in ihr Gegenteil pervertiert, wenn der Staat vorgibt, die jeweils Andersgläubigen vor Äußerungen oder Anzeichen von Glaubensüberzeugungen schützen zu müssen.
Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ein Staat religiöse Privatschulen bezuschußt oder für ausgewählte Kirchen Kirchensteuern einzieht – das halte ich auch für falsch – oder ob er Schülern verbietet, ein Kreuz, eine Kippa oder ein Kopftuch als Zeichen ihres Bekenntnisses zu tragen. Müßten nicht auch Mao-Kragen oder Lenin-Bärte in der Öffentlichkeit verboten werden? Schließlich ist auch der Kommunismus eine Weltanschauung. Verletzt es die Rechte der Christen, wenn Juden und Moslems beim Schulessen das Schweinefleisch übriglassen?
Die Schule ist doch gerade der Ort, an dem Kinder Toleranz und die Auseinandersetzung mit anderen lernen können. Es wäre völlig unlogisch, das Kopftuch zu verbieten, aber das Reden über Religion zu gestatten. Es ist mit absolut unverständlich, wie sich jemand in seiner Freiheit eingeengt fühlen kann, wenn jemand anders seiner religiösen Überzeugung – in diesem Fall noch dazu ohne Worte – Ausdruck verleiht. Mich erinnert das an die berühmte Zitrone, die zu Zeiten der großen Demonstrationen zur Waffe erklärt und beschlag-nahmt worden sein soll.
Im übrigen ist auch die Straße öffentlicher Raum.

Antonie Brinkmann, Bremen