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- 1.09.01

Aus den Anfängen der HUMANISTISCHEN UNION

Mitteilungen Nr. 175 S. 66

Bühne wettern konnte. Und in den Schulen war es gängige
Praxis, den Unterricht in der „christlichen Konfessionsschule“
mit einem Schulgebet zu beginnen.
Eine Organisation zu gründen, die nicht nur im kulturellen
Bereich, sondern vor allem in den Bildungseinrichtungen
eine klare Front bezog und nicht nur durch Veranstaltungen
mit prominenten Rednern einen Gegenkurs propagierte,
sondern auch zur Gegenwehr ermunterte und öffentliche
Unterstützung versprach, die darüber hinaus mit (zunächst
aussichtslosen) Musterprozessen die Diskussion anheizte,
indem sie die inneren Widersprüche dieses Staatswesens aufdeckte,
eine Organisation zu gründen, die versteckten Einzelkämpfern
ein öffentliches Forum bot und eine Phalanx
von nicht einfach zur Seite zu drängenden einflussreichen
Persönlichkeiten wirkungsvoll versammelte – eine solche
Organisation zu gründen, war in diesen durchaus noch finsteren
Zeiten ein ermutigendes Zeichen der Auflehnung –
und so ist es kein Wunder, daß in kürzester Zeit in zahlreichen
Städten Ortsverbände gegründet wurden, Sammelbecken
verstreuter Gleichgesinnter, die endlich die Chance
sahen, eine lokale Öffentlichkeit zu konstituieren und zugleich
ihre regionalen Konflikte wirksam bearbeiten zu kön
können.
Auch an den Universitäten gärte es bereits, wenn auch
äußerlich alles noch „in Schlips und Kragen“ ablief und von
inneruniversitären Konflikten noch wenig zu spüren war. So
wurde bereits 1962 die Humanistische Studenten-Union
(HSU) gegründet, die bald an allen wichtigen Universitäten
vertreten war.
Vom Honoratiorenclub zur Bürgerrechtsbewegung
Es soll hier nicht die Geschichte der HU ausgebreitet werden,
ich möchte nur auf ein paar Aspekte aufmerksam
machen, wie aus dieser kulturpolitischen Vereinigung, die
ihren etwas unklar hochtrabenden Namen durchaus programmatisch
trug, eine Bürgerrechtsbewegung werden
konnte, denn das war sie damals – zumindestens gemessen
an dem, was wir heute unter Bürgerrechten verstehen –
durchaus noch nicht. Es ist nicht so, daß die HU einen vollständigen
Wechsel ihrer Themen vollzogen hätte, ganz im
Gegenteil: erstaunlich viele Themen sind bis heute aktuell
geblieben, obwohl die Akzentuierung sich doch etwas verschoben
hat. Heute geht die HU nicht mehr von dem alten
Aufklärungspathos aus, sondern von einer konsequenten
Position der Verteidigung von Bürgerrechten als einem funda-
mental wichtigen und unantastbaren Kernbereich in einer
eher diffus pluralistischen und zunehmend global bestimmten
Gesellschaft. Hoffentlich.
Manches an ihrem Erscheinungsbild hat die HU seit ihrer
Gründungsphase beibehalten. Zum Beispiel das Layout, so
wie es noch heute ihren Briefkopf ziert. Das ist nicht nur
Tradition, sondern symbolisiert auch politische Entscheidungen,
eine bestimmte Strategie. Im Briefkopf wird nicht
nur eine breite Spalte in Rotdruck geführt, die die Vorstandsmitglieder
auflistet, sondern sie enthält auch die
Namen eines Beirates, in den immer wieder neue Mitglieder
mit ihrem wichtigsten Titel aufgenommen werden. Dieser
Beirat hat keine nennenswerte Funktion außer der, „prominent“
zu sein – ohne dieses gewiss fragwürdige Kriterium
kommt keiner hinein. Die HU glaubt bis heute, dieser
„Fürsprecher mit klingendem Namen“ zu bedürfen, sie vertraut
also nicht allein auf die Kraft ihrer Argumente. In der
Gründungsphase freilich waren die großen Namen noch
Ausweis einer intellektuellen Kraft und der Zusammengehörigkeit:
ein Schutzschild nach außen und zugleich ein
Bekenntnis, das einschloss, jederzeit für die gemeinsamen
Ziele einzustehen. Die auf dem Briefkopf standen waren
auch die, die jederzeit für die HU öffentlich eintraten, mit
Vorträgen, Gutachten und Stellungnahmen zur Verfügung
standen.
Bei allem politischen Engagement – und dazu gehörte auch
eine Flexibilität und Schnelligkeit bei der Antwort auf die
Tagesereignisse und Zeitungsmeldungen, wie sie heute
kaum noch anzutreffen ist – im Grunde war die HU in ihren
Anfängen vor allem ein Honoratiorenverein. Ein sehr gut vernetzter
obendrein, denn fast alle kannten sich persönlich,
viele verbanden lange persönliche Bekanntschaften und
Freundschaften. Und die vorgänge waren bewusst als „kulturpolitische
Korrespondenz“ gestaltet, waren also auch für
die Mitglieder ein sehr aktuelles Informationsmedium.
Aber der Erfolg wurde auch sehr bald zum Problem. Denn die
vielen Ortsverbände, die überall entstanden, dazu die HSU, die
ebenso starken Zulauf fand, entwickelten rasch ein Eigenleben
mit eigenen Vorständen, eigenen Schwerpunkten der Arbeit,
eigenen Vorstellungen über wichtige Themen und so fort.
Honoratioren interessieren sich häufig nicht so sehr für
Organisationsfragen, sondern pflegen eher ihre informellen
Kontakte, in deren Rahmen sich Sachfragen ja auch sehr effizient
abstimmen lassen. Aber die neu entstehenden Strukturen
der Ortsverbände waren damit nur schwer vereinbar. Gewiss,
in München gab es einen Geschäftsführer der HU, der die gesamte
Arbeit koordinieren sollte. Aber er agierte nicht sehr
glücklich. (Und überdies gab es die Eigentümlichkeit, daß
in München therapeutische Verflechtungen zwischen Psychoanalytikern,
die im Vorstand saßen, und anderen HUVerantwortlichen,
die ihre Klienten waren, für einen unguten
Dauerstreit sorgten, von dem selbst der Vorsitzende der HU,
Gerhard Szczesny, nicht verschont blieb. In anderen Ortsverbänden
war man höchst befremdet über das, was davon bekannt
wurde.) So war es nicht verwunderlich, daß unter den
Mitgliedern der HU der Wunsch nach klareren Strukturen laut
wurde, nach festgelegten Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten
für den Verband. In einer Mitgliederversammlung in
Kassel sollte darüber beraten werden.
Showdown in Kassel
Wer im November 1967 in Kassel dabei war, wird sich nur
mit einem gewissen Schaudern erinnern, denn es kam zu
einer Kraftprobe unterschiedlicher politischer „Kulturen“:
Um Szczesny gruppierten sich jene, die die HU als einen
großen Freundeskreis verstanden, der in dieser Weise auch
seine politischen Anliegen vertreten sollte – eher informell,
bestenfalls mit Mitgliederversammlungen. Auf der anderen
Seite waren diejenigen, die eine straff organisierte HU bevorzugten
und – entsprechend den demokratischen Zielsetzungen
der HU – auch die innerverbandliche Demokratie
forderten, also auch ein Delegiertenwesen. Da es sich in
Kassel um eine Mitgliederversammlung handelte, versuchte
jede Seite möglichst viele Unterstützer mitzubringen. Natürlich
musste erst einmal geprüft werden, ob sie überhaupt
Mitglieder waren. Szczesnys Freunde waren klar in der
Minderheit, von seinen Honoratioren waren die meisten erst
gar nicht erschienen. Die anderen, vor allem der Berliner
Ortsverband, wurden angeleitet von einem Organisationssoziologen,
Walter Girschner, der das ganze taktische Arsenal
von Großverbänden, wie etwa der SPD, studiert hatte und
auch über sämtliche Geschäftsordnungstricks verfügte, wie
man sie im Zusammenhang mit Parteitagen kennen lernen
kann. Mit allen Finessen wurde nun für die HU eine neue Satzung
verabschiedet, die mit unwesentlichen Modifikationen
bis heute gilt. Für Szczesny war das gewiss nicht mehr die HU,
wie er sie sich vorgestellt hatte, jedoch muss man zu
seiner Ehre sagen, daß er sich bereit erklärte, als Bundesvorsitzender
weiterzuarbeiten, denn noch war die HUMANISTISCHE
UNION in der Öffentlichkeit vor allem auch mit seinem Namen
identifiziert. Doch sein Rückzug wurde in Kassel eingeleitet,
und es war der großen Integrationskraft Walter Fabians zu verdanken,
der ab 1969 für vier Jahre Bundesvorsitzender wurde,
daß der weitere Rückzug Gerhard Szczesnys aus der HU so
geräuschlos und für den Verband unschädlich verlief.
Szczesnys Stärke bestand vor allem darin, Verbindungen
zwischen heterogenen Persönlichkeiten herzustellen und
sie zum Gespräch über große Themen zusammenzubringen.
Darüber hinaus führte er seinem Freundeskreis auch vermögende
Persönlichkeiten zu, die bereit waren, seine publizistischen
und verlegerischen Unternehmungen zu finanzieren.
Auch die HU profitierte in ihren Anfängen von diesem
auf die Person Szczesnys fixierten Unterstützungssystem.
Wenn man sich die Vielzahl von Themen ansieht, mit denen
sich die HU seit ihrer Gründung beschäftigt hat – sie aufzuzählen
und auch nur ihre Zielsetzungen anzugeben, würde
allein einen umfangreichen chronikalen Beitrag ausmachen –
zeigt sich sowohl Konstanz wie auch Veränderung. Beides
hängt wesentlich mit der Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik
zusammen und, in der Rhythmik, mit der Themen in
den Vordergrund drängen oder eine Zeit lang wieder in den
Hintergrund treten, spiegelt sich auch etwas von der Erfolgsgeschichte
der HU.
Das Verhältnis von Kirche und Staat spielte in den ersten
Jahren eine beherrschende Rolle in vielen Bereichen der
Bildungs- Justiz- und Innenpolitik. In Erwin Fischer, der mit
seinem Buch „Die Trennung von Staat und Kirche“ bündig
die zentralen Forderungen formuliert hatte, gewann die HU
aber auch einen zähen und ausdauernden Juristen, der über
Jahrzehnte und auch mit
Erfolg versuchte, dieses Thema vor dem Bundesverfassungsgericht
durchzufechten. In der Öffentlichkeit verlor dies Thema
zwischendurch an Bedeutung, als Streit um Grundrechte ist es
bis heute nicht gänzlich ausgestanden.Überhaupt gehört es zu
den Veränderungen im Erscheinungsbild der HU, daß anfänglich
das öffentliche Wortgefecht, die publizistische Auseinandersetzung
einen größeren Stellenwert hatte und die HU dadurch
auch stärker und wortmächtiger wahrgenommen
wurde.Doch sehr bald gab es eine Verlagerung in Bereiche,die
vielleicht zwar erfolgreicher bearbeitet werden konnten, sich
aber der Wahrnehmung durch Presse und Medien mehr entzogen.
Vor allem der Einfluss auf die Gesetzgebung durch
Stellungnahmen,Alternativentwürfe, Formulierungshilfen und
Gutachten.Hier ist vor allem die Reform des Strafgesetzbuches
zu nennen, die Ende der sechziger Jahre begonnen wurde.Nur
ein kleiner Teil davon – etwa die Abschaffung des § 175 StGB
(Homosexualität) – fand auch ein größeres Echo in der
Öffentlichkeit. Die Verlagerung eines Großteils der Arbeit der
HU in den justizpolitischen Sektor hat bis heute angehalten:
ihr für die öffentliche Wahrnehmung eher schwieriger Charakter
ist bis heute für die HU ein Problem.
In den siebziger Jahren begann in der Bundesrepublik
mit dem überraschenden Phänomen des Terrorismus eine
verdeckte Staatskrise, die in der grotesk anmutenden Hilflosigkeit
begründet lag, selbstbewusst mit den vorhandenen
legitimierten Mitteln zu reagieren. Stattdessen wurde mit
einer Vielzahl von „Terroristen-Gesetzen“ (neue Straftatbestände,
Kontaktsperre, Verteidigereinschränkungen etc.)
versucht, einen Erfolg herbeizuzwingen, was im Hinblick auf
die Bewältigung des Terrorismus zum Scheitern verurteilt
war, sich in den Auswirkungen auf das rechtsstaatliche
System jedoch katastrophal auswirkte. (Das einschränkende
Gesetze, einmal eingeführt, dann vor allem für ganz andere
Zwecke missbraucht werden,ist eine in Deutschland seit der
Weimarer Zeit hinreichend bekannte Erfahrung.) Hinzu kam
eine Praxis staatlichen Handelns, die ebenso hilflos wie martialisch
war, ineffizient aber einschüchternd. Daß in dieser
Ausnahmesituation ein internationales Russel-Tribunal zur
Situation der Menschenrechte in der BRD gegründet wurde,
war nur eine der Folgen. Es war gewiss eine Bewährungsprobe
für die HU, sich an der Arbeit dieses Tribunals allen
Einwänden zum Trotz, es handle sich dabei um ein unterwandertes
Propagandamanöver, zu beteiligen mit der unbefangenen
Selbstgewissheit, sich von niemandem beeinflussen
zu lassen und nur nach Maßgabe eigener Erkenntnisse
zu urteilen. Durch diese ebenso engagierte wie neutrale
Arbeit hat die HU in einer aufgeheizten Situation darüber
hinaus sehr zur Versachlichung und Entschärfung der Konfliktlinien
beigetragen.
Vermutlich resultiert aus dieser Zeit, den späten siebziger
Jahren, auch innerhalb der HU ein deutlicheres Bewusstsein
dafür, daß der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit, – von der
Forderung nach Trennung von Kirche und Staat, über die
Auseinandersetzung über die Notstandsgesetze,Fragen des
Post- und Fernmeldegeheimnisses, des Datenschutzes, des
Verfassungsschutzes und der Geheimdienste, des Radikalenerlasses,
der Formulierung eines Kernbereichs der Demokratie,
bis hin zu Einzelfragen des Strafrechts wie etwa der
Abschaffung des § 218 StGB, – in erster Linie eine Verteidigung
der Bürgerrechte ist. Denn erst seit dieser Zeit tauchte
der Begriff der Bürgerrechte in HU-Publikationen häufiger
auf und führte schließlich zu der auch in ihrem
Werbematerial häufig benutzten Formulierung, daß die HU
„die älteste deutsche Bürgerrechtsorganisation“ sei.
Volkmar Braunbehrens
Der Verfasser war von 1967 bis 1971 Mitglied des Bundesvorstands
der HUMANISTISCHEN UNION
Der Beitrag wurde leicht gekürzt. Er erscheint ungekürzt unter dem
Titel „Aus den Anfängen der HU – Persönliche Erfahrungen“ in der
Ausgabe 155 der vorgänge.