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Religion, Frieden - 21.03.02

Im weiten Land der Zeit

Mitteilungen Nr. 177, S.18-19

Max Kruse ist Autor zahlreicher Bücher für Jung und Alt; insbesondere die Kinder- und Jugendbücher sind z.B. über die
„Augsburger Puppenkiste“ weithin bekannt geworden (zum Beispiel „Der Löwe ist los“, „Urmel aus dem Eis“). Daneben erschienen aus seiner Feder auch Reisebücher sowie drei lesenswerte Autobio-graphien der Vor- und Nachkriegszeit, die der Autor als Sohn Käthe Kruses erlebte („Die versunkene Zeit“, „Die behütete Zeit“, „Die verwandelte Zeit“). Zum achtzigsten Geburtstag Max Kruses erschien kürzlich eine zweibändige Kassette des Werkes, in dem der Autor die Kulturgeschichte der Menschheit Revue passieren lässt. Die drei jugendlichen Protagonisten erleben in einem virtuellen Freizeitpark eine Reise durch die Menschheitsgeschichte in zwölf
Tagen. An Stelle einer Besprechung des über 1.000 Seiten starken
Werkes drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Autors einen Abschnitt aus dem „Nachwort, das gleichzeitig ein Vorwort ist“. Der Auszug ergibt eine knappe Bilanz der Kulturgeschichte aus humanistischer Sicht im besten Sinne.
Nachwort:
[...] Es zeigt sich eben auch, wie wir uns bis heute nicht aus
steinzeitlichen Verhaltensformen befreien konnten: Schon damals
eilten Waffentechnologie und Zerstörungstrieb der Moral weit voraus. So ist es geblieben, so scheint es zu bleiben. Denn wir brauchen die Moral höchstens bei anderen, zu unserem Schutz. Zum Überleben waren unseren Vorfahren in grauer Vorzeit Grausamkeit und Aggression viel wichtiger. Das ist nicht unsere Schuld, es ist die Beigabe der Natur, die uns in eine so harte Umwelt hineinschuf. Um darin zu überleben, entwickelten wir Verstand und Erfindungsgeist. Heute müssen wir dagegen eine sehr hochentwickelte, ganz selbstverständliche, das heißt beinahe instinktiv funktionierende Ethik haben.
Aber woher sollen wir diese so schnell schaffen? Der Blick der
Religionen auf das Jenseits hilft dabei nicht. Die Welt, die der Mensch sich schuf, ist heute ein Szenarium, in dem er nur noch moralisch agieren dürfte, unter Schonung der Mitmenschen, der Pflanzen, Tiere und der Atmosphäre – alles im weitesten Sinne. Aber er wusste bis heute nicht, dass er die Moral notwendig brauchen würde, um selbst überleben zu können.
Noch immer bewegt er sich wie der Urmensch mit der Keule, stampfend und grölend, um sich schlagend, raubend, mordend und erpressend, vernichtend und zerstörend; hängt Schamanen und jeglichem Aberglauben an, in einem Lebensraum, der nur auf die allersensibelste Weise im Gleichgewicht erhalten werden könnte – und nun hat er nicht nur Keulen, er hat Panzer, Flugzeuge, Atomwaffen. Jeder Narr kann heute die Welt in die Luft sprengen. Und er wird es tun,weil fast alle Menschen Narren sind. Das alles noch ohne jede Erwähnung der ökologischen Keulen, mit denen wir um uns schlagen.
[...] Wir sind die erste Generation, deren Blick weiter in die
Vergangenheit zurückgeht als der jeder anderen Generation vor uns. Unsere Generation ist ebenso die erste, die die Weltkugel frei im Raum schwebend sehen kann: Muss das nicht unser Denken – und was noch viel wichtiger ist – unser Empfinden verändern? Bisher konnten wir es uns nur vorzustellen versuchen – unsere Sinne blieben noch auf der Erde. Jetzt ist das anders – und die Bilder von der Erde aus der Umlaufbahn kann nun jeder sehen, wie auch die Bilder aus dem Kosmos, die von unseren Satelliten fotografiert werden! Ebenso sind wir die erste Generation, die an der Wende steht und die weiter in die Zukunft blicken muss, als jede andere vor uns. Denn alle konnten leben, ohne die Folgen ihrer Taten zu bedenken.
Aber wenn wir es nicht tun, verspielen wir jede Chance. Und außerdem sind wir sicher auch die erste Generation, die so weit in den Weltraum und zum Beginn des Universums schauen kann, dass wir dahinter andere Universen ahnen. (Die Mehrzahl ist kein Druckfehler.) Nun gut, in dieser Wissenschaft werden uns künftige Generationen mit Sicherheit weit übertreffen, aber auch sie werden die letzten Geheimnisse nicht lösen, und sie würden erst gar nicht dazu kommen, es zu versuchen,wenn wir ihnen die Lebensgrundlagen zerstören.
[Ich möchte ...] auch zeigen, wie sich der Mensch eingerichtet hat auf unserem Planeten, wie er versuchte, sich von der Fron und Last der Arbeit zu befreien, sich das Leben immer angenehmer zu gestalten, wie er sich der Kunst zuwandte, sein Leben verschönerte und mit neuen Inhalten versah. Wie er Religionen erfand, wie er sich über die Welt und sein Leben Gedanken machte und beide philosophisch zu durchdringen versuchte, wie er schließlich in immer weitere Erkenntnisräume vorstieß und dies wohl auch nicht aufgeben wird, mag es nun zu seinem Vorteil oder Nachteil sein. Ich wünsche mir,
dass man auch ›das Wunder Mensch‹ empfinden kann – dieses
Herkommen aus dem Meer, aus dem Tierreich, aus der Urzeit, aus der Eiseskälte – all das, was er war, was er aufbaute, dachte, schuf ... die verschieden Kulturen, die unterschiedlichen Lebensformen, den Abwechslungsreichtum seiner Geschichte ... anders und vielleicht stärker, als er es vorher empfunden hat. Vielleicht ist es sogar den Tod wert, einmal hier gewesen zu sein!
Zurück zu meinem Buch. Jeder weiß, dass die politische Geschichte
der Menschheit eine Chronik des Machtstrebens, des Egoismus, der Grausamkeit ist. Ich möchte zeigen, dass ihre kulturelle Entwicklung genauso mit dem Denken der Menschen verknüpft ist wie mit ihren Religionen – und/oder umgekehrt.
Sogar die Geschichte der Wissenschaft ist es, weil sich die Erkenntnisse aus den Religionen entwickeln, sich zum Teil gegen ihren Widerstand, gegen Inquisition und Scheiterhaufen durchsetzen müssen. Der mittelalterliche Mensch wusste fast nichts von sich selbst, von seiner Seele oder seinen Organen, er wusste fast nichts von der Natur und ihren Grenzen – angesichts des gewaltigen Wunders, als das er sich selber empfinden musste und angesichts der Wunder, die er um sich her gewahr wurde, blieb ihm – wenn er überhaupt erkennender geistiger Regung fähig war (nämlich des Erkennens eben dieses Wunderbaren) – nur der Glaube. Wir modernen Menschen wissen – an ihm gemessen – viel. Wir haben aber auch noch tiefer begriffen, wieviel wir noch nicht wissen (und nie wissen können). Wir befinden uns in einem Zwischenreich, in einem Dämmer der Erkenntnisse, von denen manche heller werden,
manche nur schwach leuchten, andere ganz im Dunkel liegen. In diesem Zwischenreich schwanken auch wir zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Erkennen und Ahnen, zwischen Zuversicht und
tiefer Mutlosigkeit. Wie stark die christliche Religion – im Guten wie im Bösen – mit dieser Entwicklung verknüpft ist, das ist mir bei der Arbeit immer klarer geworden, deutlicher, als ich es zuvor geahnt hatte. Das erklärt den breiten Raum, den die Religion einnimmt. Freilich nicht nur das, sondern auch das Wissen, wie sehr der junge Mensch, wie sehr wir alle von der Frage nach den letzten Dingen umgetrieben werden.
Ich hoffe meine Meinung dazu klar genug ausgedrückt zu haben, Argumente und Gegenargumente, will aber noch einmal betonen, wie sehr mich das Umsichgreifen von Aberglauben, Sekten, religiösem Fundamentalismus und Esoterik – der Namen wäre kein Ende – beunruhigt. Wir mögen uns noch so sehr anstrengen, die realen Dinge zu ordnen, finden wir nicht zur Vernunft, ist alles vergeblich. Ich vermag daher die zur Mode gewordene Vergötterung der Phantasie auch nicht zu teilen. Wir haben genug von Illusionisten und phantasievollen Verführern.
Die ganze Entwicklung der Menschheit ist die Geschichte einer Suche nach Erleichterung, geradezu eine Sucht danach.
Das Gegenteil eine Suche nach Anstrengung, hat es noch nie gegeben, es sei denn bei einigen Einzelnen. All unser Bemühen ist auf mehr Erleichterung, auf mehr Genuss gerichtet. Warum sind wir so programmiert? – Eine Welt, in der die Anstrengung als Genuss empfunden wird, scheint undenkbar zu sein.
Eine nicht zu beantwortende Frage zum Schluss: Begegneten wir unserer Erde in nur hunderttausend Jahren wieder, – was für eine lächerlich geringe Zeitspanne – was würde dann vom menschlichen Leben, von allen Bemühungen, allem Hass, Kampf, unseren Leidenschaften und von unserem Lieben noch übrig geblieben sein? Hunderttausend Jahre? – Vielleicht nur hundert! Könnten wir in die Zukunft sehen, wir würden vielleicht die Augen schließen und schaudernd den Tod herbeiwünschen.
Wer wird dann im Weltall einmal die faszinierende Geschichte davon erzählen können, wie das Leben innerhalb der Wüstenei der toten Dinge entstand, mit seiner unerklärlichen, unerschöpflichen Vielfalt, der Vielfalt und der Größe des Universums durchaus vergleichbar, ebenbürtig in seinen Formen, Farben, Schicksalen, Höhen, Tiefen, Schmerzen, Freuden, dieses hemmungslos schäumende, sich schließlich selbst verzehrende Leben, dessen Schaumbläschen ein jeder von uns einmal gewesen ist? Wer wird je – und wem – begreiflich machen können, dass „es“ möglich war?”