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Pluralismus - 21.03.02

Neuere Lebensformen für Ältere und alte Menschen

Gisela Charlotte Fischer

Mitteilungen Nr. 177, S.4-5

1. Ausgangspunkt: Die Gesellschaft ist mit ihren Wert- und Leitbildern im wesentlichen auf die Zielvorstellungen des jüngeren
bis mittleren Erwachsenenalters gerichtet. Sie greift dabei auf eine Vorstellung vom Lebenszyklus zurück, in der Kindheit und Jugend als Vorbereitung auf eine durch Arbeit, Beruf und Familie geprägte lebenserfüllende Phase des mittleren Alters angesehen wurden. Der dritte Lebensabschnitt, das Alter, war demgegenüber relativ kurz und durch den Rückzug aus dem aktiven Leben und eine ebenfalls seinerzeit kurze Phase der Unterstützung und gegebenenfalls Pflege geprägt.
Diese Vorstellung mit daraus abgeleiteten Lebensformen wird der heutigen Realität des demographischen Aufbaus der Gesellschaft
nicht mehr gerecht. Während einerseits ein Anstieg der mittleren Lebenserwartung für Männer auf 84 und für Frauen auf 88 Jahre zu verzeichnen ist, nimmt die Dauer des aktiven Berufslebens absolut und relativ ab. Damit gewinnt die sogenannte „dritte Lebensphase“ die Bedeutung eines eigenständigen Lebensabschnitts. Er macht rund ein Viertel bis zu einem Drittel des Lebens aus.
Eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit liegt in der Aufgabe, das Leben im Alter entsprechend den individuellen, aber auch den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu gestalten. Soll dies gelingen, so ist eine Umorientierung der Gesellschaft nötig, die Alter als Bereicherung begreift und die sich in allen Lebensbereichen (zum Beispiel Arbeitswelt und Bildungswesen) auswirken muss.
2. Fakten zum Älterwerden heute: Menschen, die heute das 80. Lebensjahr erleben, haben noch eine mittlere Lebenserwartung
von 8 Jahren. Damit wird Hochaltrigkeit, das heißt das Erreichen des 90. und weiterer Lebensjahre, das zum Beispiel Anfang der 70er Jahre noch eine Ausnahme war, zu einem weit verbreiteten Phänomen. Im 21. Jahrhundert werden in den Industriestaaten nach offiziellen Schätzungen mehr als 50 Prozent aller Personen älter als 80 Jahre sein. Wie die OECD-Daten ausweisen, ist dieser Zuwachs an Lebensjahren nicht mit einem entsprechenden Aufkommen an Behinderungen und Einschränkungen verbunden. Im Gegenteil, mit der steigenden Lebenserwartung hat auch die Anzahl sogenannter „behinderungsfreier Jahre“ deutlich zugenommen. Somit erreicht heute die weit überwiegende Mehrheit alter Menschen bei lange erhaltener guter Gesundheit und Leistungsfähigkeit ein hohes Alter.
Wie die gerontologische Forschung gezeigt hat, ist nicht mit einer generellen Abnahme intellektueller Fähigkeiten im höheren Alter zu rechnen. Die Intelligenz gilt als bis zum 75. Lebensjahr voll erhalten. Später zeigt sie teilweise veränderte Muster, jedoch kann nach heutiger Auffassung nicht von einer grundsätzlich eingeengten intellektuellen Leistungsfähigkeit gesprochen werden. Auch das psychische Befinden ist bis ins hohe Alter bei heute Hochaltrigen gut. Das verbreitete Vorurteil einer zunehmend rigideren und in ihren Grundzügen karikaturhaft hervortretenden Persönlichkeit gilt als widerlegt.
Alte Menschen haben gegenüber jüngeren einen deutlichen Vorsprung an „Lebenskompetenz“: Der Umgang mit emotionalen
Konflikten fällt leichter und ist erfolgreicher, es besteht in höherem Maße die Fähigkeit, weiterführende Lösungen zu entwickeln. In intellektueller Hinsicht zeigt sich ein Vorsprung in der Fähigkeit zum integrativen Denken, so dass ältere Menschen in besonderem Maße über die Fähigkeit verfügen, aus unterschiedlichen Tatbeständen und Erkenntnissen neue Einsichten und innovative Denkansätze zu gewinnen.
Entsprechend der Ausgangsbasis einer bis ins hohe Alter erhaltenen
generellen Kompetenz sind bei alten Menschen auch die Ansprüche an das Leben gestiegen. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass Eheschließungen bei über 80-Jährigen heute keine Seltenheit mehr darstellen oder in den weit verbreiteten Bemühungen älterer Menschen, sich moderner Informationstechnologie zu bedienen.
3. Derzeitiger gesellschaftlicher Umgang mit dem Alter:
Alte Menschen erscheinen in der öffentlichen Diskussion, vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten überwiegend als Belastung.
Dies trifft insbesondere für die Bereiche Renten und Gesundheits-wesen einschließlich Pflege zu. So werden zum Beispiel im Gesundheitswesen vielfältige medizinische Entwicklungen und Aktivitäten mit der steigenden gesundheitlichen „Alterslast“ begründet und von Leistungsträgern, vor allem den Krankenkassen im Gegenzug vom „sozialverträglichen Absterben“ der alten Generation gesprochen. Alter wird somit in großem Umfang unter dem Aspekt eingeschränkter Leistungsfähigkeit, Behinderung, Pflegebedarf und hoher Gesundheitskosten gesehen.
Alte Menschen werden darüber hinaus von der jüngeren Generation
als psychische Belastung erlebt, zum Beispiel in Familien, bei Pflegekräften aber auch in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung und Akzeptanz. Die Belastung bezieht sich dabei sowohl auf psychologische Sachverhalte als auch auf soziale Komponenten, Letzteres zum Beispiel hinsichtlich Besitzstands-verteilung zu Gunsten Älterer, Leben zu Lasten der jüngeren Generation und ähnlichem.
Im Gegensatz dazu werden die Verdienste alter Menschen für die Gesellschaft als gestrige angesehen und ihnen deshalb kompensatorisch dazu der Ruhestand zugestanden. Ihre starke
potentielle und teilweise konkrete Rolle in der Gesellschaft, zum Beispiel als Verbraucher, wird noch unzureichend gesehen.
So gut wie gar nicht wird ihr Potential der konkreten (nicht nur einer ideellen) Bereicherung der Gesellschaft durch die Möglichkeit aktiver gesellschaftlicher Leistungen gesehen.
Diese Situation ist nicht mehr angemessen im Hinblick auf die
Leistungsfähigkeit heute alter Menschen. Sie ist auch im Hinblick auf einen gesellschaftlichen Bedarf, zum Beispiel bei der Erfüllung geistig, kultureller oder edukativer Aufgaben (zum Beispiel in der Erwachsenenbildung, Forschung, wie Kontinuitätsforschung, Nachhaltigkeitsforschung und bei der Verhinderung einer Entkoppel-ung älterer Menschen vom [Informations-] technologischen Fortschritt) nicht mehr angemessen.
Alle diese Aufgaben legen eine aktive Mitgestaltung alter Menschen nahe.
4. Fazit: Angesichts dieser Situation sollte darüber nachgedacht
werden, ob es sich die Gesellschaft leisten kann, eine wachsende Gruppe noch durchaus leistungsfähiger Menschen zu passiven Rentenempfängern für eine Lebenszeit, die in der Regel schon heute die Hälfte oder zwei Drittel der Dauer des Berufslebens ausmacht, werden zu lassen.
So stellt sich die Frage, ob nicht eine regelhafte Einbeziehung alter Menschen in gesellschaftliche Aufgaben vorstellbar ist.
5. Perspektiven: Auch in Deutschland bestehen bereits einige sehr wertvolle Modelle, bei denen ältere Menschen aktiv in gesellschaft-liche Aufgaben einbezogen werden, zum Beispiel im Schulwesen und bei der vorschulischen Kinderbetreuung.
Ebenso existieren Vermittlungsstellen für Ehrenämter für Ältere.
Der Zuspruch gegenüber entsprechenden Initiativen zeigt, dass Aktivität im Alter mit gesellschaftlich anerkannter Sinnhaftigkeit einem weit verbreiteten Bedürfnis vieler älterer Menschen entspricht.
Grundsätzlich diskussionswürdig erscheinen:
– Neue Wege eines gestaffelten Berufsausstiegs mit der Aufhebung
einer starren Altersgrenze.
– den Bezug der Rente an eine (selbstverständlich flexibel an den individuellen Kapazitäten orientierte) verpflichtende ehrenamtliche
Tätigkeit zu koppeln (zum Beispiel angesichts der allgemeinen Klage über finanzielle Engpässe in den Kommunen könnten auf diese Weise Arbeitsleistungen erbracht werden, für die sonst im Stellenplan keine Möglichkeiten bestehen. Ein weiteres Beispiel stellt die in Deutschland sehr schwache Forschungsförderung dar. Viele Forschungsprojekte leiden deshalb unter teilweise unverantwort-lichen personellen Engpässen. Warum sollen nicht die entsprechend
ausgewiesenen Fachleute ihr Arbeitspotential anteilig entsprechenden Projekten zur Verfügung stellen?)
– Gewährung gewisser steuerlicher oder sonstiger Vergünstigungen
bei Ausübung einer ehrenamtlichen Tätigkeit.
Es kann davon ausgegangen werden, dass eine wie auch immer geartete Nutzung des Humankapitals älterer Menschen für die Gesellschaft gleichzeitig die durch ältere Menschen gegebenen
sozialen und gesundheitlichen Belastungen senkt. Gerontologische
Forschungsergebnisse weisen aus, dass Aktivität eine der wirksamsten Mittel darstellt, bis ins hohe Alter gesund und leistungsfähig zu bleiben.
Daten aus dem Gesundheitswesen sprechen dafür, dass dem
Gesundheitswesen durch die Altenpopulation teilweise soziale
Aufgaben zufallen, die sich aus einem Mangel an Lebensinhalten im Alter ergeben und zu deren Bearbeitung das Gesundheitswesen
ungeeignete Wege, nämlich die einer meist teuren und ineffektiven Medikalisierung, geht.