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Verband: Arbeitskreise - 15.12.05

Wir müssen wieder verstanden werden

Elena Deipenbrock

Motiv-Workshop der jungen Humanistischen Union vom 25.-27. November in Berlin

Mitteilungen Nr. 191, S.20-22

Der  Fortschritt besteht nicht darin, das Gestern
zu zerstören, sondern seine Essenz zu bewahren,
welche die Kraft hatte, das bessere Heute zu schaffen.
Ortega Y Gasset

 

Und es gibt sie doch: die jüngeren, hochmotivierten Mitglieder in der HU. Zugegeben, ihre Anzahl ist überschaubar; sie sind versprengt und in ihren Regionen oftmals einsame Vertreter ihrer „Spezies". Umso größer aber ist ihr Bedarf an einem intensiven, kontinuierlichen Austausch, an inhaltlicher Reflektion und strategischer Reorientierung. Genau dies war auf dem Motiv-Workshop der Jungen HU deutlich zu spüren. Erstmals in der Geschichte der HU hatte sich vom 25.-27. November explizit die jüngere Mitgliedschaft im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte zusammen gefunden, um sich über Herkunft, aktuelle Herausforderungen und Zukunft der HU Gedanken zu machen – und eben auch, um den eigenen Motivationen als junges HU-Mitglied endlich Raum zu geben. Dabei tauschten sich die 20 TeilnehmerInnen des Workshops in offenen Foren und Referaten über ihre Interessen, Kompetenzen, Visionen und Vorstellungen aus. Zusätzlich ließen sie sich von Tobias Baur (bagfa) einen Einblick in die Möglichkeiten der Interessenorganisation geben und wagten mit Sebastian Müller (Deutsches Institut für Menschenrechte) einen Einstieg in die Bürgerrechtsarbeit der Europäischen Union.

Woher kommen wir?

Um die Frage zu beantworten, mit welcher „Erbschaft" wir es eigentlich zu tun haben, nahm Norbert Reichling (HU-Bildungswerk NRW) die jungen HUler mit auf eine Reise zurück zum „Urknall" der Humanistischen Union. Deren Gründung im Jahre 1961 – als Reaktion auf überzogene Kontrollversuche des Staates – stieß insbesondere bei Kultur- und Medienschaffenden der jungen Bundesrepublik auf den „unglaublichen Hunger" nach Argumenten und auf einen heranwachsenden, kritischen Zeitgeist. Reichlings Suche nach den historischen Wurzeln der HU führte in eine Epoche, in welcher die Irrationalismen von Staat und Kirche einen enormen Bedarf nach Reformen nährten; eine Zeit, in der die öffentliche Nachfrage nach kritischen Stimmen groß, das Angebot zunächst jedoch überschaubar war. Die HU artikulierte als erste von später drei „Voll-Bürgerrechtsorganisationen" die Frustration einer von Paternalismus und Reformstau empörten Generation. Eine vergangene Zeit, als die Medienlandschaft noch überschaubar und den Zeitungsredakteuren bundesweit das Kürzel „HU" noch ein Begriff war. Als Publikationen wie die Buchreihe rororo-Aktuell – ein frühes Sprachrohr bürgerrechtlicher Anliegen – noch in riesigen Auflagen gedruckt wurden. Nichtsdestotrotz hat sich die HU ihre intellektuelle wie fachliche Kompetenz bis heute bewahrt. In den 60er und 70er Jahren füllte die „Intelligenzia" nicht nur den HU-Briefkopf, sondern stellten eine durchaus flächendeckende Mitgliedschaft dar, welche zudem in der Kulturpolitik und den Medien als auch in den Universitäten – und zwar sowohl in den Lehrstühlen als auch in den ASten – ihre Wurzel hatte. Eben jene lebenswichtige Basis ist dem Honoratiorenverein HU heute verloren gegangen. Die Mitgliederzahlen fallen stetig in bedenklichem Ausmaß.

Ist die HU demnach ein Generationen-Projekt, dass sich erschöpft hat?

Der Rückblick offenbarte auf recht anschauliche Weise, wie sehr sich die gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen, unter welchen sich die HU nun behaupten muss, gewandelt haben. Zugleich führte er aber auch vor Augen, dass die HU es bisher versäumt hat, auf diese externen Veränderungen als Interessenorganisation mit einem konzeptionellen Wandel zu reagieren. Das durchschnittliche Mitgliedsalter liegt bei über 60 Jahren!

Diese Diagnose entsprach auch den Einschätzungen der versammelten Nachwuchs-HUler: Die HU muss ihre Vermittlungsaufgabe als zentrale Herausforderung ernst nehmen und sich strategisch neu orientieren. Zwar wird sie aufgrund ihres juristischen Sachverstands auf den politischen Einflussebenen nach wie vor als kompetenter Akteur wahrgenommen. Doch ist das hohe Niveau ihrer fachlichen Expertise zugleich auch ein Problem. Die Art, in der die HU ihren bürgerrechtlichen Diskurs führt, mutet oft elitär an und macht sie für potentiell Interessierte schwer zugänglich. Der Denkansatz der HU ist keineswegs antiquiert, geschweige denn ohne aktuelle Bezüge – im Gegenteil. Ob auf Podiumsdiskussionen oder im privaten Kreis, viele der Anwesenden haben die Erfahrung gemacht, dass die von der HU aufgegriffenen Themen auch bei der jüngeren Generation meist auf fasziniertes Interesse stoßen.

Herausforderungen

Wichtigste Aufgaben der (Jungen) HU – so die einhellige Meinung der Anwesenden – sind die:

1. Verbesserung der Kommunikation nach außen durch eine verständliche, attraktive Aufbereitung der HU-Themen; eine stärkere Visualisierung, Erarbeitung von Argumentationslinien und die Aktualisierung der Homepage;

2. Verbesserung der Kommunikation nach innen durch Vernetzung und inhaltliche Diskurse;

3. Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit durch Erneuerung medialer Kontakte; durch verstärkten Transport der Verbandsereignisse nach außen (bspw. Presseerklärungen, Herausgabe des Grundrechte-Reports, Preisverleihungen); durch medienwirksame Aktionen und eine intensivere Kommentierung und Nutzung öffentlicher Abläufe, welche HU-Themen berühren;

4. offensivere und gezieltere Akquise von Mitgliedern durch Veranstaltungen, z.B. in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, durch innovative, niedrigschwellige Ansprecharten;

5. verstärkte Bildungsarbeit bspw. durch Seminare zu Bürgerrechten und Zusammenarbeit mit den HU-Bildungswerken und der Bundeszentrale für Politische Bildung;

6. Generierung finanzieller Ressourcen durch Fundraising;

7. Vernetzung mit anderen Organisationen auch auf europäischer Ebene.

Wohin wollen wir? Was können wir?

Insbesondere in den offenen Foren des Workshops wurde deutlich, dass eine effektivere und gezielte Öffentlichkeitsarbeit eine ganz spezifische Voraussetzung hat: die HU muss sich ihren ganzheitlichen Denkansatz wieder ins Bewusstsein rufen. Der Bedarf nach einem grundsätzlichen Diskurs über das humanistische Denkmodell und die Positionen der HU wird von den TeilnehmerInnen des Workshops und den ReferentInnen offensiv artikuliert. Eine solche Selbstvergewisserung erscheint als substantiell notwendig. Zum einen, um auch nach außen mit einem deutlicheren Profil und einem besser nachvollziehbaren Gesamtkonzept auftreten zu können. Zum anderen, um über eine gemeinsame Reflektion und Repositionierung der HU die neue Generation zu integrieren.

Für eine bewusste Auseinandersetzung mit der ganzen Bandbreite des humanistischen Ansatzes plädierte auch Rosemarie Will in ihrem Referat zur „Brisanz der HU". Mit der letzten Wahl im Sommer 2005 habe sich im Bundesvorstand ein Generationenwechsel vollzogen. Jede neue Generation müsse jedoch die Grundpositionen der HU einer kritischen Bestandsaufnahme unterziehen, sie übernehmen oder gegebenenfalls verändern. Dabei versteht sich die Bundesvorsitzende als Vermittlerin zwischen den beiden Generationen und sieht ihre Aufgabe darin, den Lernprozess der sich regenerierenden HU unterstützend zu begleiten und die spezifischen Erfahrungen der Jüngeren zu nutzen. Auch sie mahnt an, vermehrt interne Diskussionen zu führen und das Spezialistentum zu überwinden. Sie unterscheidet zwischen drei Kompetenzen bzw. Aufgabenbereichen der HU: 1. das klassische Feld der Bürgerrechte mit den Kernkompetenzen in der Inneren Sicherheit, dem Strafrecht und der polizeilichen Praxis. 2. das Thema der Trennung von Staat und Kirche und 3. den Bereich der „Lebenswelten". Unter letzterem lassen sich Lebenskonflikte wie die Patientenverfügung, die Liberalisierung der Sterbehilfe, Drogenfreigabe und – als neuerliche Herausforderung – Bioethik und Gentechnik (Klonen, Stammzellenforschung) fassen. Zu diesen Lebensproblemen müsse sich die HU dringlichst positionieren und sie verstärkt in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Gerade dafür bedarf es der jüngeren Generation. Aus Perspektive der jungen HUler liegt die Zukunftsaufgabe der Humanistischen Union darin, ihr Profil durch einen internen Grundsatzdiskurs neu zu schärfen; ihre Themen attraktiv und verständlich aufzuarbeiten; sich mit innovativen Ansprecharten proaktiv an die Öffentlichkeit zu wenden und mittels dieser Grundlagen eine Verbindung zwischen dem abstrakten humanistischen Denkansatz und den konkreten, lebensweltlichen Problemen herzustellen. Die Jungen HUler möchten ihren Beitrag dazu leisten und verstehen sich als Motor bei der Bewältigung dieser Herausforderung. Ziel ist es, das Netzwerk zwischen den jüngeren Mitgliedern zu vertiefen und diesen ein Forum für inhaltliche Diskurse, gemeinsame Strategieplanungen wie konzertierte Aktionen und Kampagnen zu bieten und neue Mitglieder zu werben. Als Initiativgruppe wollen zunächst die Landesverbände Berlin, Bremen und Marburg ihre Kooperation vertiefen.

Junges Potenzial

Die Aufbruchstimmung unter den 20 Teilnehmern ließ erahnen, dass eine Zusammenkunft des HU-Nachwuchses längst überfällig war. Wer angesichts der Zahl skeptisch ist, was die Zukunft der HU anbelangt, der sei bescheiden daran erinnert, dass die Humanistische Union aus der Initiative von 20 Gründungsmitgliedern hervorging. Wenn durch die jetzige Nachwuchsinitiative auch kein Mitgliederboom zu erwarten ist, so ist doch ein Stein ins Rollen gebracht. Das Potenzial ist vorhanden, nun liegt es an allen, dieses auch zu nutzen!