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Berlin: Veranstaltungsberichte - 29.11.07

Filme für eine bessere Welt

Axel Bußmer

Humanistische Union und Gustav Heinemann-Initiative engagieren sich beim „One World Berlin" Festival, Mitteilungen Nr. 199, Seite 26 - 27

Bernhard Docke, Hans-Christian Ströbele, Tamer Yigit und Werner Koep-Kerstin (Moderation). (v.l.n.r.)

Seit vier Jahren präsentiert das „One World Berlin – Filmfestival für Menschenrechte und Medien" Dokumentarfilme und lädt anschließend zu Expertengesprächen über die Themen ein. Die meisten Filme erleben ihre Deutschlandpremiere beim „One World Berlin" und können von den Organisatoren EYZ Media für spezielle Veranstaltungen ausgeliehen werden. Die Humanistische Union Berlin engagierte sich auch dieses Jahr für das One World Berlin-Festival. Gemeinsam mit der Gustav Heinemann-Initiative bestritt die Humanistische Union die Eröffnungsveranstaltung, präsentierte zwei Filme und bot einen Workshop über die Nutzung von Videos, Filmen und neuen Medien für die Bürgerrechtsarbeit an.

Eröffnungsveranstaltung:
Menschenrechte in Zeiten des Anti-Terror-Kampfes

Das Festival wurde am Mittwoch, dem 14. November, von seinem diesjährigen Schirmherren Bernhard Docke eröffnet. Der Rechtsanwalt berichtete von seinen Erfahrungen mit dem US-amerikanischen Rechtssystem und dessen Pervertierung in Guantánamo. Docke setzte sich für Murat Kurnaz ein, der nach seiner Verhaftung in Pakistan fünf Jahr lang ohne Anklage in Guantánamo festgehalten, erniedrigt und gefoltert wurde.
Bernhard Docke wies darauf hin, dass der Fall Murat Kurnaz, aber auch die Auszeichnungen, die er für sein Engagement in dieser Sache erhalten hat, ein betrübliches Bild auf den Zustand der Menschenrechte zu Beginn des 21. Jahrhunderts werfen. Er habe für seinen Mandanten nur getan, was im 21. Jahrhundert eigentlich selbstverständlich sein sollte: Ein rechtsstaatliches Verfahren, in dem belastende Hinweise offengelegt, Möglichkeiten der Verteidigung eingeräumt und richterliche Entscheidungen geachtet werden. Die Menschenrechte seien von den Vereinten Nationen als krisenfeste, eherne Grundsätze verabschiedet worden, die immer und überall zu gelten haben. Deshalb müsste sich die Achtung der Menschenrechte „gerade in Zeiten von Krisen, gerade in Zeiten von Kriegen" beweisen.
Mit welchen Folgen die Menschenrechte in Guantánamo missachtet werden, wurde bei der anschließenden Lesung mit Tamer Yigit deutlich. Der Schauspieler trug Auszüge aus dem Erlebnisbericht „Fünf Jahre meines Lebens - Ein Bericht aus Guantanamo" von Murat Kurnaz vor. Dass die Achtung der Menschenrechte nicht nur seitens der amerikanischen, sondern auch durch die deutsche Regierung infrage gestellt wird, war ein Schwerpunkt der abschließenden Podiumsdiskussion mit Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen). Er berichtete von der Arbeit des BND-Untersuchungsausschusses, in dem deutlich wurde, welch schäbiges Spiel deutsche Geheimdienste, Frank-Walter Steinmeier als damaliger Chef des Bundeskanzleramtes und das Bundesinnenministerium mit dem aus Bremen stammenden Kurnaz trieben. Während Mitarbeiter der CIA und des BND, die Kurnaz auf Guantánamo verhörten, schnell von dessen Unschuld überzeugt waren, versuchten jene alles, um Kurnaz Rückkehr nach Deutschland zu verhindern und verlängerten dessen Aufenthalt in dem Folterlager. Es spricht gegen die menschenrechtliche Fundierung deutschen Regierungshandelns, dass sie ihre illegalen Tricks (wie die versuchte Entziehung der Aufenthaltserlaubnis aufgrund einer fehlenden Meldung bei der Ausländerbehörde) aber auch ihre fadenscheinige Begründung, man habe in Kurnaz damals ein Sicherheitsrisiko für Deutschland gesehen, nachträglich immer noch als legitime Entscheidung verteidigen.

Workshop zu „Film/Video/Neue Medien und Menschenrechtsvermittlung“

Auf dem Workshop am 17. November im Haus der Demokratie und Menschenrechte trafen zwei Welten aufeinander. Filmer und Bürgerrechtler diskutierten mit verschiedenen Schwerpunkten die Frage, wie man gegenseitig voneinander profitieren könne.
Der ganztägige Workshop begann mit einem Einblick in die Arbeit von zwei Künstlern. Meira Asher, Musikerin und Soundartist, wurde in den vergangenen Jahren mit multimedialen Performances bekannt, kürzlich präsentierte sie die experimentelle Dokumentation „Woman see lot of things" über drei Kindersoldatinnen in Sierra Leone und Nigeria. Mit ihrem Film will Asher kein Urteil über die Frauen fällen, das überlässt sie den Zuschauern. Ihr künstlerischer Ansatz setzt auf Dissonanzen zum Publikum.
Emmanuel Vaughan-Lee verfolgt mit dem von ihm initiierten „Global Oneness Project" den gegenteiligen Ansatz: Bei seinen Begegnungen mit Menschen stellte er immer wieder fest, dass sie letztendlich alle dasselbe wollten, nämlich Einheit und Liebe. Mit dem „Global Oneness Project" möchte er Dialoge und neue Wege des Denkens und Arbeitens in der Welt anstoßen. Dafür reist er um die Welt, führt Interviews mit Menschen, die sich für eine bessere Welt engagieren, und stellt die so entstandenen Kurzfilme kostenlos ins Internet. In der sympathisch hemdsärmeligen Art der Amerikaner empfahl er den Teilnehmern, einfach eine Kamera in die Hand zu nehmen und anzufangen. „Die Kosten sind nicht mehr so hoch. Und mit dem Internet haben wir die Möglichkeit, einfach und schnell die Filme zu veröffentlichen." Bürgerinitiativen könnten so mit einem gut gemachten Film ein breiteres Publikum erreichen als mit langen Texten.  Angie J. Koch, die Chefin des renommierten Filmverleihs Neuzeitfilm, betonte dagegen die gestiegenen Publikumsansprüche und die Bedeutung großer Namen, wenn an die Kinoverwertung von Filmen gedacht werde. Sie illustrierte ihre Ausführungen mit den hochgelobten Dokumentationen „The Devil came on Horseback" und „We are together". Beide Filme sollen 2008 im Kino laufen. Der erste Film erzählt von der Wandlung des amerikanischen Elitesoldaten Brian Steidle, der in Darfur auf einer Beobachtermission war und anschließend die Probleme Darfurs in den USA auf die politische Agenda brachte. An der Werbung für den Film beteilige sich die deutsche NGO „Rettet Darfur" – umgekehrt werbe der Streifen für deren Kampagne. Ihr Ziel sei, so Angie Koch, verschiedene Gruppen an einen Tisch zu bringen und eine maximale Aufmerksamkeit für das Anliegen des Films zu erreichen. Bei dem zweiten Film, dem ruhig-poetischen „We are together" über das singende Waisenhaus Agape in Südafrika, sei die Rolle von bekannten Persönlichkeiten noch wichtiger, so Koch. Auf der Premiere waren Bono, Alicia Keys und Iman. In Deutschland sollen ähnlich bekannte Musiker für die Präsentation des Films gewonnen werden. Dr. Claudia Lohrenscheit vom Deutschen Institut für Menschenrechte berichtete über ihre Versuche, Fragen der Menschenrechtsbildung für Jugendliche und Jüngere aufzubereiten. Bei der Ansprache von Jugendlichen sei es wichtig, dass sie wie Erwachsene angesprochen würden. Das Material müsse interaktiv sein, Spaß machen und auf eigenen Erfahrungen aufbauen. Mit dem Fragebogen „Menschenrechts-Bingo", den sie auch in der Bildungsarbeit einsetzt, löste sie unter den Teilnehmenden schnell eine intensive Diskussion über verschiedene Menschenrechte aus. So zeigte sie praktisch, wie schwierige Themen angesprochen werden können. 

Ein langer Essay über die Freiheit

Am Sonntag präsentierten HU und GHI die dreistündige BBC-Dokumentation „The Trap: What happened to our dream of freedom" (GB 2007). Curtis zeichnet nach, wie sich während des Kalten Krieges ein reduzierter Begriff von Freiheit in Wissenschaft und Politik durchsetzt. „The Trap" zeigt eine Politik, die vom selbstbezüglichen Menschenbild des Rational Choice ausgeht, wonach man niemandem vertrauen könne und stets nach seinem eigenen Glück streben solle. Dies führt zu Misstrauen und Paranoia.
Professor Doktor Bernd Ladwig von der Freien Universität Berlin beantwortete in den Pausen Fragen zum Film und wies auf bestimmte einseitige und verkürzende Darstellungen der Theorien im Film hin. Doch insgesamt ist, so war die einhellige Meinung nach dem dritten Teil, „The Trap" sei eine sehr gelungene essayistische Dokumentation, die einen großen argumentativen Bogen spannt und dabei viele aktuelle Fragen und Theorien aufgreift und gelungen miteinander verbindet. Entsprechend lange wurde nach dem Film in der Kneipe über die Thesen des Films weiter diskutiert.

Der bedrückende Film über Folter oder: von 9/11 zu Abu Ghraib

Zum Abschluss präsentieren HU und GHI am 21. November den spielfilmlangen Dokumentarfilm „Taxi zur Hölle" (Taxi to the Dark Side, D/USA/GB 2007) von Alex Gibney. Der Film wurde auf den Filmfestivals in Tribeca (New York) und Chicago als beste Dokumentation ausgezeichnet. Gibney beginnt seinen Film 2002 mit der Verhaftung des afghanischen Taxifahrers Dilawar. Fünf Tage später stirbt er in Afghanistan in einem US-Gefängnis. Vor seinem Tod wurde er gefoltert. Gibney zeigt in "Taxi zur Hölle", wie es dazu kam, dass US-amerikanische Soldaten folterten und wie deren Regierung Folter einerseits zuließ und andererseits leugnete. Dabei gelang es Gibney, die Täter vor die Kamera zu bekommen.
Nach dem eindrucksvollen, sachlich argumentierenden Film diskutierten Andrea Arndt und Britta Jenkins (beide vom Behandlungszentrum für Folteropfer) mit unserer Bundesvorsitzenden Rosemarie Will über die Gegenwart der Folter im 21. Jahrhundert. Damit schloss sie den Kreis zur Eröffnung.

Axel Bussmer
Landesvorstand der Humanistischen Union Berlin-Brandenburg