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Rezension - 15.07.10

„Fritz Bauer – Tod auf Raten”. Ein Film über den Generalankläger des Ausschwitz-Prozesses und Mitbegründer der HU

Werner Koep-Kerstin

Mitteilungen Nr. 208/209 (1+2/2010), S. 18-20

Filmplakat

 

Fritz Bauer - Tod auf Raten
Deutschland 2010, 97 Minuten
Ein Film von Ilona Ziok
CV Films Produktion in Koproduktion mit dem Saarländischen Rundfunk
Format Digital Beta, Farbe & s/w

 

Auf der diesjährigen Berlinale hatte der Film über Fritz Bauer in der Sektion Panorama mit viel Beifall bedachte Welt-Premiere. Zwei weitere Vorstellungen waren rasch ausverkauft. Ilona Ziok, international bekannte und preisgekrönte Regisseurin, hat in jahrelanger Recherche-Arbeit nunmehr das filmische Porträt dieses für die Frühgeschichte der Bundesrepublik und für die Ahndung der Nazi-Verbrechen so bedeutenden Juristen vorgelegt.

Während Bauer, zunächst in Braunschweig, dann als hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt/M. tätig, der Humanistischen Union nicht nur als Gründungsmitglied aus dem Jahr 1961 bekannt ist, dürften die meisten Deutschen mit diesem Namen nichts verbinden. Nach ihm ist keine Straße benannt; das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, kam keinem der Bundespräsidenten in den Sinn. Bauers Tod im Jahr 1968 war allerdings für Robert W. Kempner, Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, Anlass festzustellen: „Er war der größte Botschafter, den die Bundesrepublik hatte… Er wusste, womit man Deutschland helfen kann und er hat ihm geholfen.“

Aber Deutschland hat ihm nicht geholfen. Gegen größte Widerstände aus Justiz und Politik hat Bauer 1963 die Aufnahme des Auschwitz-Prozesses, der gegen Wachmannschaften des KZ Auschwitz mit der Anklage millionenfachen Mordes geführt wurde, durchsetzen können. Ohne seine Hinweise an den israelischen Geheimdienst Mossad über den Aufenthalt Eichmanns in Argentinien wäre dessen Entführung 1960 und der Prozess in Jerusalem im folgenden Jahr nicht möglich gewesen. Den deutschen Behörden, die sich nie ernsthaft um die Auslieferung Eichmanns bemüht hatten, misstraute Bauer. Er hielt es sogar für möglich, dass Eichmann vorab gewarnt würde. Bereits Anfang der fünfziger Jahre konnte Bauer im sogenannten Remer-Prozess den deutschen Widerstand vom Vorwurf des Hochverrats freimachen und so für die allgemeine Anerkennung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland sorgen.

Der Film stellt nicht den Anspruch, die Umstände des Todes von Fritz Bauer – er wurde 1968 zu Hause tot in der Badewanne aufgefunden – durch neue, ultimative Fakten aufzuklären. Es kommen Freunde zu Wort, die Selbstmord für höchst unwahrscheinlich halten, Mord aber nicht ausschließen. Der Film kommentiert dies nicht. Schon der Titel des Films allerdings weist den Tod Bauers als Endpunkt einer tragischen Vorgeschichte aus: „Tod auf Raten“ heißt doch, dass jemand nach und nach gestorben ist. Oder nach und nach ums Leben gebracht wurde. Die Zusetzungen, die Fritz Bauer erfahren musste, kulminieren in seiner Bemerkung, wenn er sein Büro verlasse, befinde er sich in „feindlichem Ausland“. Der zufällige Zeuge einer Unterhaltung zweier sich unbeobachtet wähnenden Kunden in einem Braunschweiger Antiquariat nach dem Remer-Prozess Anfang der 1950er Jahre konnte hören, wie bedauerlich es sei, dass man Fritz Bauer zu vergasen vergessen habe. Zahlreiche Schmähbriefe mit Anspielungen auf seine jüdische Herkunft spiegeln den „unsäglichen Zeitgeist“ (Ralph Giordano), der wenig bereit war, die NS-Täter, von denen zahlreiche noch oder wieder in Justiz und Politik tätig waren, zur Verantwortung zu ziehen.

Der Filmemacherin Ilona Ziok ist es beeindruckend gelungen, das Leben und Wirken Bauers durch die Mitteilungen seiner Freunde, Bekannten und Kollegen in eine große Erzählung mit tiefgründiger dramatischer Struktur zu montieren. Zu Wort kommen sein Nachlassverwalter Manfred Amend, der Neffe Rolf Tiefenthal, Gerhard und Ingrid Zwerenz, Ralph Giordano, Heinz Düx – Untersuchungsrichter im Auschwitz-Prozess – und Joachim Kügler, Staatsanwalt im Ausschwitz-Prozess sowie Staatsanwalt Johannes Warlow, schließlich noch Thomas Harlan, als der Sohn Veith Harlans mit dessen NS-Vergangenheit belastet, und viele mehr.

Auch wenn der Film zahlreiche „Talking Heads” zeigt, ist er doch weit entfernt von additiver Präsentation. Wie in einem Spielfilm baut Ilona Ziok ihr jüngstes Werk in einer Erzähl-Tradition, wie sie u.a. von Marcel Ophüls und Krzysztof Kieslowski in den 1950er und 1980er Jahren in überaus vielschichtigen Filmen entwickelt wurde. In spannend erzählten und informativ dichten Kapiteln werden die mit dem Namen Fritz Bauer verbundenen Etappen der Manifestierung des Rechtsstaates mit Hilfe von Archivmaterial und Interviews dargestellt: Remer-Prozess, Verurteilung Eichmanns in Jerusalem, Auschwitz-Prozess, Vorbereitung des Prozesses gegen die Euthanasie-Täter und als Beispiel für eine Form von Strafvereitelung der Fall Dreher.

Der Bonner Ministerialbeamte Eduard Dreher, im Krieg als Staatsanwalt am Sondergericht in Innsbruck tätig und durch Übereifer bei der Verhängung von Todesurteilen berüchtigt, war im Bundesjustizministerium am Entwurf und an der Einbringung eines Gesetzes beteiligt, das zunächst in der unscheinbaren Form eines Einführungsgesetzes zum Ordnungswidrigkeitengesetz die Ausschuss-Hürden nahm – und dann im Mai 1968 durch Anfügung eines § 50 II im Strafgesetzbuch durch den Deutschen Bundestag faktisch zu einem Ende der Strafverfolgung von NS-Schreibtischtätern führte. Statt für Beihilfe zum Mord konnten nun zahlreiche Straftäter nur wegen Beihilfe zum Totschlag belangt werden. Dieser war für Straftaten aus der NS-Ära bereits 1960 verjährt. Welch zynisch-unmenschliche Begründungen für die Bewertung Totschlag statt Mord konstruiert wurden, schildert der Film anhand der detaillierten Wiedergabe eines Schwurgerichtsurteils aus dem Jahr 1962, in dem es um die Erschießung von zehn polnischen Häftlingen in ihrer Zelle ging. Dreher war lange Jahre Leiter der Strafrechtsabteilung im Justizministerium und Mitverfasser eines in zahlreichen Auflagen erschienen Strafrechtskommentars.

Ausschnitte aus der Fernsehsendung „Der Kellerclub“ des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 1964, in der Fritz Bauer mit Studierenden diskutiert, geben leitmotivisch in  allen Kapiteln Bauers Sicht auf Schuld der Täter und Verantwortung  der jungen Generation für das demokratische Deutschland wieder. „Das Nein ist die Grundlage jeder Ethik”, sagt Bauer, und: „Es gibt eine Grenze, wo wir nicht mehr mitmachen dürfen”.

Dass keiner der Angeklagten des Auschwitz-Prozesses auch nur ein einziges Wort der Reue oder Menschlichkeit sagt oder gar an die als Zeugen aussagenden Opfer richtet, hat Bauer mehr als alles anderen beklagt. O-Töne der Angeklagten zu Fotos vom heutigen, leeren Gerichtssaal, in dem gegen Boger, Mulka und andere verhandelt wurde, zeugen von deren feiger Wortkargheit. Mulka hat im Prozess lange geleugnet, etwas von den Vergasungen in Auschwitz gewusst zu haben, bis man ihm Listen mit seiner Unterschrift vorgelegt hat.

Ohne umfangreichen Nachlass und mit nur wenigen schriftlichen persönlichen Aufzeichnungen wie im Falle Fritz Bauers ist es schwer, im Film einen Menschen nahe zu bringen. Es sind vor allem diese Fernsehbilder, die einen Eindruck vom Charisma und auch dem abgründig Vulkanischen in der Person Bauers vermitteln. Seine Hoffnung, die junge Generation werde dem Rechtsstaat und dem individuellen Recht verpflichtet sein, trägt er mit großer Leidenschaft vor. Anekdoten zeugen von der Menschlichkeit Bauers. Noch jeder angeklagte Jugendliche, der seine Unschuld beteuerte, und den Bauer vor dem Prozess zum Gespräch aufgesucht hat oder kommen ließ, habe nach einiger Zeit gesagt: „Herr Bauer, isch bins doch gewäse.”

Gewiss vermittelt der Film keine wesentlich neuen Erkenntnisse über Nationalsozialismus und Holocaust. Auch ist im akademischen Bereich mit einer im Jahr 2009 erschienenen umfangreichen Biografie über Fritz Bauer nahezu alles zusammengetragen. Was den Film auszeichnet, ist seine Gesamtschau auf das politische Klima der Frühzeit der Bundesrepublik, das von größten Widerständen in Justiz, Politik und Gesellschaft gegen eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen geprägt war. Was den Film zudem für ein großes Publikum und insbesondere für Schulen so wichtig macht, ist seine durch den authentischen Bericht von Weggefährten Bauers und ausgezeichnetes Archivmaterial anschauliche Darstellung von ungeheuren Sachverhalten, die in ihrer Täterschaft und Schuld aufzuklären Bauer als Generalstaatsanwalt seine ganze Kraft gewidmet hat: Die Einzigartigkeit des Holocaust durch das industrielle Morden und die mit dem Mord verbundene Beraubung der Opfer sowie deren physische „Verwertung”.

Zur Rezeption des Films

Kritiker tun sich schwer, wenn eine Dokumentation derart schweren Stoffs nicht puristisch bleibt und künstlerische Elemente einsetzt. Wem, wie dem Kritiker der Tageszeitung, die verwendete Musik wegen der „emotionalisierenden Wirkung“ nicht zusagte, dem dürfte vermutlich nicht bekannt gewesen sein, dass es sinfonische Klagelieder aus berühmten Kompositionen sind – Goreckis „Dritte Symphonie“ und Pendereckis „Auschwitz Symphonie“ – die der Film dezent einsetzt. Die Bilder vom Flug einer Möwe mit der Musik des Berliner Komponisten und Produzenten des Films, Manuel Göttsching, bei der Fährfahrt des Erzählers nach Kopenhagen, wo Fritz Bauer zunächst Exil fand, gehören zu den Sequenzen, die dem Zuschauer Augenblicke der Entspannung von schwer zu ertragenden Schilderungen verschaffen, und die zum Rhythmus des Films beitragen.

Der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.2.2010) fragt: „Wo sind Fritz Bauers Feinde geblieben?“ und wirft dem Film „methodischen Mangel“ vor, weil seine Feinde nicht zu Wort kämen. Abgesehen davon, dass diese Kritik von filmischer Ausgewogenheit ausgeht, ist zu fragen, ob es für jene Jahre nicht gerade kennzeichnend war, dass viele Altnazis aus der Deckung heraus agierten? Warum wohl trug der Generalstaatsanwalt Bauer eine Pistole? Absagen bei Interview-Anfragen für den Film gab es genügend – u.a. vom Büro Helmut Kohls, dessen Rolle in einer Landtagsdebatte über die Weigerung des Kultusministeriums in Rheinland-Pfalz, ein Buch Bauers für Schulen zuzulassen, im Film geschildert wird. Es scheint, als hätten Probleme der FAZ mit Fritz Bauer Tradition: Der Artikel zum hundertsten Geburtstag Bauers am 16.7.2003 trug den Titel: „Volksaufklärung durch Strafrechtstheater“ – womit auch die „Inszenierung“ des Auschwitz-Prozesses gemeint war.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat in ihrer Besprechung des Films als finanziellen Förderer irrtümlich die Bundeszentrale für Politische Bildung genannt. Tatsächlich war es das Bundespresseamt, das den Film unterstützenswert fand. Dass ansonsten mit dem Saarländischen Rundfunk nur eine der kleinsten Sendeanstalten Geld gab, verwundert angesichts der Tatsache, dass Filme über Adenauers Staatssekretär Globke oder über Hitlers Sekretärin mit ihrem endlosen Monolog recht großzügig gefördert wurden – der Globke-Film vom WDR, SWR und von ARTE.

Auf dem HU-Verbandstag im Oktober 2010 in Köln wird Ilona Ziok ihren Film präsentieren. AKTION MENSCH hat den Film als den deutschen Beitrag ihres diesjährigen Zyklus mit dem Thema „Über Mut" ausgewählt. Insgesamt 10 internationale Filme werden in dieser Reihe ab dem 4.11.2010 ein Jahr lang in 100 deutschen Städten zu sehen sein. Der Fritz-Bauerfilm wird die Tour eröffnen. Inzwischen gab es zahlreiche Voraufführungen. Das Cinemaxx(!)-Filmtheater in Braunschweig zeigte ihn zusammen mit der Braunschweiger Zeitung, die Juristenvereinigung „Forum Recht und Kultur im Kammergericht e.V." führte ihn in Berlin vor. Derzeit bereitet die Produzentin die US-Premiere des Films in New York vor. Ohnehin findet ihr filmisches Schaffen in den USA mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie in Europa. Das Film-Department der University of California, Los Angeles hat Ilona Ziok einen Lehrauftrag angeboten, in dem sie ihr Filmschaffen vorstellen kann. Bei der Retrospektive wird "Tod auf Raten" der Eröffnungsfilm sein. Der „größte Botschafter, den die Bundesrepublik hatte" (Robert W. Kempner) wird auch dann wieder durch die filmische Darstellung seines Lebens und Wirkens seinen Dienst tun.

Werner Koep-Kerstin

 

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