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Rezension, Humanismus - 29.10.10

Begriffsarbeit. Zwei Publikationen des Humanistischen Verbands markieren weltanschauliche Ansprüche auf den Humanismus

Sven Lüders

Mitteilungen Nr. 210 (3/2010), S. 25

Coverbild von [Groschopp 2010]

Coverbild von [Fink 2010]

Horst Groschopp (Hrsg.):
Humanismusperspektiven. Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland Bd. 1, Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2010, 209 S.,
ISBN 978-3-86569-058-6

 

Helmut Fink (Hrsg.):
Der neue Humanismus. Wissenschaftliches Menschenbild und säkulare Ethik. Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Bayern Bd. 4, Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2010, 218 S.,
ISBN 978-3-86569-059-3

 

In diesem Frühjahr hat der Alibri-Verlag kurz hintereinander zwei Bände vorgestellt, mit denen er der Diskussion um „den“ Humanismus neue Nahrung gibt. Die Bände versammeln Beiträge verschiedener Tagungen des Humanistischen Verbandes (HVD) der vergangenen Jahre. Zusammen mit weiteren Publikationen aus dem Umfeld des HVD markieren sie den Anspruch, das diskursive Feld des Humanismus zu besetzen.

So verschiedenen die Autoren und Positionen auch sind – die Frage, ob im je eigenen Verständnis des Humanismus ein Bekenntnis zu einer bestimmten Weltanschauung enthalten sei, würden wahrscheinlich alle bejahen. Der feine Unterschied liegt im Detail. Für die Vertreter eines liberalen, aufgeklärten Humanismus – in Reinform Julian Nida-Rümelin – beschränkt sich dieses Bekenntnis auf das Subjekt einer deontologischen Ethik, in der die Rationalität menschlicher Handlungen, die Freiheit ihrer Handlungsentscheidungen und die Verantwortlichkeit für ihr Tun im Vordergrund stehen. In dieser Perspektive ist „Humanismus ein Bekenntnis zu einer bestimmten Form von Individualismus“.

Ganz anders hingegen der weltanschauliche Anspruch aus den Reihen des HVD. Hier greift die Weltanschauung weit über den Bereich der Subjektphilosophie hinaus und wird zu „Erklärungen von Weltall, Erde und Mensch“ (Groschopp). Wie stark die Bestrebungen des HVDs zur Reformulierung des Humanismus-Begriffs sind, wird richtig deutlich, wenn man die Autoren der beiden Sammelbände nach internen und externen Stimmen sortiert. Dabei zeigt sich deutlich, dass die kritischen, das humanistische Selbstverständnis eher begrenzenden Stimmen von außen stammen, während die „amtlichen“ Vertreter des HVD keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass der Humanismus eine umfassende, weltanschaulich-kulturelle Veranstaltung sei. In ihrer Bestimmung dessen, was den eigenen (neuen) Humanismus im Kern ausmacht, zeigen sich freilich beachtliche Unterschiede. Für Helmut Fink etwa besteht kein Zweifel daran: „Der neue Humanismus ist naturalistisch.“ Dagegen pflegt Horst Groschopp eine „historisch gewordene Auffassung von Barmherzigkeit, Bildung und Menschlichkeit“. Für Jaap Schilt gehört der Atheismus zum Bekenntniskern des HVD, während Frieder Otto Wolf eine „Praxis der Selbstkultivierung“ als humanistischen Imperativ ausgibt.

Im Vergleich der beiden Bände zeigt sich ein geografisches Gefälle: Während der aus Berlin stammende Band stärker die Auseinandersetzung mit dem politischen Humanismus pflegt (vertreten auch durch zahlreiche Mitglieder der HU), konzentrieren sich die bayerischen Humanisten auf erkenntnistheoretische Grundfragen und versuchen sich in der Begründung eines neuen, humanistisch-naturalistischen Menschenbildes. Neben einer historischen Reminiszenz an die Antike (Theo Ebert über Epikur) und den obligatorischen kritischen Stimmen zur reduktionistischen Hybris der Naturalisten (Löffler und Pfahl-Traughber) liegt der eigentliche Mittelpunkt ihrer Diskussion bei Fragen der Evolutionsbiologie, der kulturellen Evolution, des technischen Fortschritts und der evolutionären Erklärung von Religionen.

Um die Differenz zwischen den beiden „Kulturen“ des Humanismus zu erahnen, halte man nur die Beiträge von Julian Nida-Rümelin (Berlin-Band) und Michael Schmidt-Salomon (Bayern-Band) nebeneinander: Während Schmidt-Salomon der naturalistischen Entzauberung frönt („Willensfreiheit ist eine Illusion.“; Gut und Böse „sind moralische Fiktionen ohne jeglichen Erklärungswert“) und eine naturalistische „Ethik für nackte Affen“ erschaffen will, pflegt Nida-Rümelin den klassischen politischen Humanismus, der nicht mehr und nicht weniger als die Grundlage der Werteordnung unseres Grundgesetzes sei. Für ihn gilt uneingeschränkt: „Freiheit ist ... transzendentale Bedingung rationaler Existenz.“ Beide Autoren repräsentieren idealtypisch das Spannungsfeld zwischen dem Humanismus des (bayerischen) HVD und dem Humanismus der HU. Angesichts der organisatorischen und ökonomischen Größe des HVD bestehen kaum Zweifel daran, wer die Deutungshoheit erringen mag. Wie auch immer die internen Debatten der „neuen Humanisten“ ausgehen mögen, der Humanismus wird mehr und mehr zur Weltanschauung geraten, die in entsprechenden „Kulturorganisationen“  gepflegt wird. Das Programm der Humanistischen Union ist ein anderes.