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- 20.12.10

Hessenpremiere von Ilona Zioks Dokumentation „Fritz Bauer – Tod auf Raten“

Peter Menne

Mitteilungen Nr. 211 (Heft 4/2010), S. 23/24

Bild von der Veranstaltung

Bei der Hessenpremiere von „Fritz Bauer - Tod auf Raten" im Frankfurter Naxos-Kino mussten viele Besucher wegen Überfüllung abgewiesen werden: der Dokumentarfilm von Ilona Ziok weckte enormes Interesse beim Publikum, weitere Vorführungen folgen. Im Anschluss an den Film lief eine lebendiges Filmgespräch. Auf dem Podium saßen die Regisseurin Ilona Ziok, Peter Menne vom Frankfurter Ortsverband der HU und der Berliner Rechtsanwalt Dr. Christian Hullmann. Moderiert wurde die Diskussion von Wolf Lindner vom Naxos Kino. Die Präsentation und der anschließende Empfang mit Unterstützung der IG Metall war kein Zufall - deren Otto Brenner Stiftung gehörte zu den Förderern des Films.

Ilona Zioks Dokumentarfilm über den Ausnahmejuristen Dr. Fritz Bauer beginnt mit dessen Wünschen für ein besseres Nachkriegsdeutschland. Die Regisseurin gruppiert Aussagen von Freunden, Kollegen und Zeitzeugen ganz bewusst um Ausschnitte aus dem Gespräch, das Fritz  Bauer in den 1960er Jahren mit jungen Frankfurtern im "Kellerklub" führte und in dem er seine wichtigsten ethischen Maximen formulierte. Aus über 100 Stunden Interviews und Filmaufnahmen entwickelt Ziok eine Struktur, die keine biographische Aufarbeitung ist. Mithilfe zahlreicher Mosaiksteinchen bildet sie die wichtigsten Stationen von Fritz Bauers Leben ab (Ergreifung Adolf Eichmanns, Remer-Prozess, Auschwitz-Prozess). Trotz der beabsichtigten optischen Spröde entsteht eine fesselnde Erzählatmosphäre. Der Zuschauer gewinnt ein lebendiges Bild vom Wirken Fritz Bauers, von seiner Person und von seiner Zeit.

Ilona Ziok blendete einige Dokumente zu Fritz Bauers Herkunft, seinem Stuttgarter Elternhaus und seiner Tübinger Studienzeit ein, um zum Auschwitz-Prozess 1963 - 65 überzuleiten: dem ersten Verfahren gegen die ausführenden Mörder. Fritz Bauer hatte das Verfahren organisiert, die Prozessführung aber vier Mitarbeitern übergeben. Zwei der Staatsanwälte wurden von Ilona Ziok interviewt. Die damalige Atmosphäre dokumentierte sie über Wochenschau-Ausschnitte, darunter, wie fünf der angeklagten Massenmörder in den Prozesspausen frei über die Zeil spazieren.

In der anschließenden Diskussion erläuterte Ilona Ziok, wie sie zu ihrem Sujet gekommen sei: Während der Arbeiten an ihrer Dokumentation „Der Junker und der Kommunist" bekam sie erste Hinweise auf Fritz Bauer, den sie zuvor nicht kannte. Obwohl in Frankfurt aufgewachsen, war ihr der Name nie auf Straßen oder Gedenktafeln begegnet - auch ein Zeichen der mangelnden Anerkennung seines Werkes.

Im Film wurde deutlich, wie weit personelle Kontinuitäten reichten: viele Nazi-Juristen sprachen auch in der Bundesrepublik Recht oder wirkten an seiner Weiterentwicklung in Justizministerien mit. Peter Menne wies darauf hin, dass es neben der personellen noch weitere Kontinuitäten gäbe. Manches Nazi-Gesetz galt lange Zeit weiter, wie das Rechtsberatungsgesetz von 1935. Bauers Dictum „Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden" sei auch heute noch hoch aktuell – so die Frage nach der Unabhängigkeit, aber auch der Kontrolle der Justiz.

Dr. Christian Hullmann lobte die Schriften von Fritz Bauer. Seine Texte zeichneten sich durch eine schöne, dabei klare und leicht verständliche Sprache aus - was bei juristischen Texten nicht selbstverständlich sei, so der Berliner Anwalt. Da manche Bücher Bauers leider vergriffen seien, warb er darum, sich um eine Neuauflage zu bemühen. Hullmann konnte mit vielen Details über Bauer als Juristen und Humanisten aufwarten – kein Wunder, plant er doch eine Bauer-Ausstellung in der Berliner Humboldt-Universität.