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vorgänge: Artikel, Rezension - 1.02.15

Der Auschwitz-Prozess als Spielfilm

Axel Bußmer

Giulio Ricciarellis „Im Labyrinth des Schweigens“. Aus: vorgänge Nr. 206/207 (Heft 2-3/2014), S. 105/106

(Red.) Obwohl in den letzten Jahren mehrere Bücher und Dokumentarfilme über ihn erschienen, obwohl Christian Petzold ihm seinen neuesten Film „Phoenix“ widmete und obwohl immer mehr Straßen und Plätze nach ihm benannt werden – Fritz Bauer, der frühere hessische Generalstaatsanwalt und Mitbegründer der Humanistischen Union, ist in der deutschen Öffentlichkeit immer noch weitgehend unbekannt. Die filmische Popularisierung Fritz Bauers wurde durch den Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ von Ilona Ziok eingeleitet, der seine Premiere auf der Berlinale im Jahr 2010 hatte. Mit dem Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“, der seit November in den bundesdeutschen Kinos läuft und im Frühling 2015 auf DVD erscheint, dürfte Fritz Bauer jetzt einem noch größeren Publikum bekannt werden. Axel Bußmer hat sich den Film angesehen und mit dem Regisseur und Co-Drehbuchautor Giulio Ricciarelli über die historischen Hintergründe und wie sie im Film verarbeitet wurden gesprochen.

 

Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Rathaus, dem Römer, der Auschwitz-Prozess, der erstmals vor einem deutschen Gericht die Verbrechen in den Konzentrationslagern thematisierte. Der Prozess war ein nationales Ereignis, das auch zu einem Bewusstseinswandel bei den Deutschen beitrug.

Vor dem Prozessbeginn sammelten Staatsanwälte jahrelang in mühseliger Kleinarbeit die Beweise für die Anklage und mussten entscheiden, wen sie letztendlich anklagen. Weil es kein deutschlandweites Melderegister gab und die Behörden mauerten, wurden dafür schon mal alle deutschen Telefonbücher besorgt und in mühseliger Kleinarbeit nach Namen durchsucht. Damit auch kein Täter vorgewarnt wurde, geschah all das unter größter Geheimhaltung.

Diese Geschichte, die in Wirklichkeit untrennbar mit dem früheren hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer verbunden ist, erzählt Giulio Ricciarelli in „Im Labyrinth des Schweigens“ in einer stimmigen Balance zwischen Fakten und Fiktion. Der größte Schritt weg von der Realität ist dabei der erfundene Protagonist Johann Radmann (Alexander Fehling); ein junger Jurist, der sich gerade seine ersten Sporen als Staatsanwalt verdient. Er ist engagiert, aber unterfordert von den Verkehrsdelikten, die er zur Anklage bringt. Er glaubt an das Recht und hat noch nie etwas von den Verbrechen, die in Auschwitz geschahen, gehört, weil man fünfzehn Jahre nach Kriegsende nicht darüber sprach. Die Mehrheit der Deutschen wollte damals nur vergessen. Radmann soll – so erzählt es der Film –, nachdem er Bauer einige vielversprechende Ermittlungsansätze vorgelegt hat, die Beweise für eine Anklage sammeln. Dabei werden seine Überzeugungen auf eine harte Probe gestellt, nicht zuletzt weil er auch erfährt, dass sein im Krieg verschollener Vater ein Mitglied der NSDAP war. Angetrieben wird er bei seiner Suche von dem „Frankfurter Rundschau“-Journalisten Thomas Gnielka (den es ebenfalls gab) und dessen Dokumente die Initialzündung für den Auschwitz-Prozess waren. Behindert wird er von Kollegen, Polizisten und einer Gesellschaft, die nicht über die zwölfjährige Nazi-Diktatur reden, sondern diese Jahre aus ihrer Erinnerung streichen wollen.

Ricciarellis Spielfilmdebüt gehört zu den seltenen Glücksfällen im deutschen Kino, bei denen alles stimmt. Die dicht erzählte Geschichte ist spannend. Sie zeichnet, auch dank der gelungenen Kameraarbeit, ein genaues Bild der damaligen bleiernen Zeit. Die historischen Gebäude wecken Erinnerungen. Weil an historischen Orten gedreht wurde, wirkt die Filmgeschichte noch authentischer, ebenso wie die Ausstattung. Nie hat man den Eindruck, dass in einer sorgfältig ausgestatteten Kulisse gedreht wurde. Die Dialoge klingen natürlich und umschiffen die Fallen des Stoffes, die zu didaktischen Dialogen und Monologen einladen. Sie zeichnen nebenbei ein Bild der damaligen Gesellschaft, in der es genau austarierte Hierarchien gab.

Das einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist das Bild, welches er von Fritz Bauer zeichnet. Der wird zu einem grumpy old man, der in seinem Büro sitzt und Aufträge vergibt. Dabei hat er nicht nur das Team von jungen Staatsanwälten, die damals die Beweise suchten, sondern viele junge Menschen in Deutschland beeinflusst. Bauer war – das bezeugen viele seiner Weggefährten – ein liberaler Denker, der das Gespräch mit Jüngeren suchte und ein besseres Deutschland wollte. Dieser Teil seines Charakters wird in dem Drama ausgeblendet. Dennoch, oder wahrscheinlich sogar deshalb, könnte Bauer der Film gefallen. Er stellte nicht sich selbst, sondern die Sache in den Vordergrund. „Im Labyrinth des Schweigens“ ist ein spannender Polit-Thriller, der gelungen die Genre-Muster vom Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft bedient, ein Gefühl der damaligen Zeit vermittelt, informativ und aufklärerisch ist, neugierig auf die Vergangenheit und die damaligen Ereignisse macht und intelligent unterhält. Damit steht er in der Tradition gelungener Filme wie „Die Unbestechlichen“ (All the President's Men).

 

Im Labyrinth des Schweigens (Deutschland 2014)
Regie: Giulio Ricciarelli,  Drehbuch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli
mit Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Lukas Miko, Lisa Martinek
123 Minuten, FSK: ab 12 Jahre

Webseite zum Film: http://imlabyrinth-film.de/
Informationen im Filmportal:
http://www.filmportal.de/film/im-labyrinth_bc423d1c9ccb457b9e970192156d1561