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vorgänge: Artikel - 1.02.15

Wie es zum Auschwitz-Prozess kam

Axel Bußmer

Ein Gespräch mit Giulio Ricciarelli. Aus: vorgänge Nr. 206/207 (Heft 2-3/2014), S. 107-112

Der Regisseur und seine beiden Hauptdarsteller zum Auftakt der Dreharbeiten im Frankfurter Römer.

Giulio Ricciarelli wurde 1965 in Mailand geboren, machte eine Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule als Theaterschauspieler, war an verschiedenen Schauspielhäusern, trat in zahlreichen TV-Filmen auf und gründete 2000 naked eye filmproduction. Er inszenierte mehrere Kurzfilme und gab jetzt mit „Im Labyrinth des Schweigens“ sein Spielfilmdebüt. Das Drehbuch schrieb er mit Elisabeth Bartel, die bereits 2009 mit den Recherchen und der Stoffentwicklung begann. Vor dem Filmstart traf ich Giulio Ricciarelli im Soho-Haus in Berlin, um mit ihm über seinen Film und die historischen Hintergründe zu sprechen.

 

Welche Rolle spielt Fritz Bauer für den Film und für Sie?

 

Das große, große Verdienst von Fritz Bauer war ja, den Prozess anzusetzen, die verschiedenen Taten zu bündeln und die Idee, daraus einen großen Prozess zu machen und dann seinen Staatsanwälten den Rücken freizuhalten. Den eigentlichen Prozess, die mühsame Kleinarbeit, die haben ja tatsächlich die Staatsanwälte gemacht. Im Film haben wir sehr darauf geachtet zu zeigen, dass die Idee, die Initialzündung, von Fritz Bauer kommt. Der Prozess, der Gedanke, die Leute vor Gericht zu stellen, das ist Fritz Bauers großes Verdienst.

Man ist dann aber natürlich in der Position, wo man sich fragt, wie man das filmisch umsetzen kann. Es gibt ja Dokumentarfilme, es gibt sehr viele Bücher. Dem Mann ist praktisch auf ganz vielen Ebenen ein Denkmal gesetzt worden, vollkommen zu Recht. Für mich ist der Fritz Bauer ein ganz großer Humanist gewesen, der es geschafft hat, trotz der ganzen Verletzung und dem ganzen Schmerz für dieses junge Deutschland eine Vision der Aufklärung gehabt zu haben. Er wollte keinen Rachefeldzug, sondern – und ich glaube, dass wir das auch erzählen – er wollte erziehen. Der Prozess, das war ein ganz pädagogischer Ansatz. Deshalb hat er auch vom Kommandanten bis zum Aufseher einen Querschnitt gemacht. Es ist dann auch sehr traurig, wie wenige letztendlich verurteilt wurden. Es gab mehrere Prozesse: diesen, in Nürnberg und in Polen. Und wenn man die alle zusammenzählt, dann sind wir, glaube ich, bei drei Prozent der Täter.

 

Damals war es schwierig, die Taten gerichtsfest zu beweisen.

 

Was aber heute anders ist. Fritz Bauer hatte ja ursprünglich vor, Auschwitz als einen großen Mordakt zu betrachten. Sein Ausdruck war die 'Mordmaschinerie', die wir auch im Dialog erwähnt haben. Er sagt: 'Es war eine Mordmaschinerie und jeder, der daran mitgewirkt hat, hat sich per se schuldig gemacht.' Also einfach dort gewesen zu sein und mitgemacht zu haben. Das ist eine Rechtsmeinung, mit der er damals nicht durchgekommen ist. Interessanterweise hat die Bundesrepublik mit Bedacht die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie eigentlich in das Strafgesetzbuch hätte übernehmen können, nicht übernommen. Es war zu dem Zeitpunkt juristisch gesehen nur als Mord, nicht mehr als Totschlag zu ahnden. Totschlag war verjährt, Mord musste jetzt spezifisch in Einzeltaten nachgewiesen werden. Heute hat sich die Rechtsmeinung geändert. Inzwischen ist man soweit, dass man sagt: 'Wer dort war, hat sich schuldig gemacht'. In der Tat versucht man jetzt ja noch diese ganzen neunzigjährigen Männer vor Gericht zu stellen,  was natürlich eine ungeheuer schwierige Situation ist. Die sind Neunzig. Die sind nicht mehr verhandlungsfähig. Die sind nicht mehr haftfähig. Die haben ihr ganzes Leben unbehelligt unter uns gelebt.

 

Was wollen Sie mit Ihrem Film erreichen?

 

Wir wollten einen emotionalen Kinofilm machen. Für mich ist Kino das Erleben von Welten und Zuständen; ganz klassisch, wie jemand am Lagerfeuer erzählt, was er erlebt hat und die ganze Gruppe hört zu. So ist Kino für mich. Es muss zum Erleben kommen. Wenn wir uns auf Fritz Bauer konzentriert hätten, hätte man die Geschichte verfälschen müssen. Fritz Bauer war ja ganz klar in seiner Haltung. Er hatte ein dramatisches Leben. Er war immer ein Humanist. Er wusste, was richtig ist und hat da auch nicht gezögert. Und was hätte man dann für einen Film machen können? Man hätte spekulieren müssen, denn vieles ist ja nicht belegt. Oder man hätte Sachen erfinden müssen.

Unser Konzept ist eigentlich, dass wir historisch wirklich genau sind. Wir haben sehr eng mit Werner Renz vom Fritz-Bauer-Institut zusammengearbeitet. Zum Beispiel die amtliche Liste mit den Namen der SS-Männer, die in Auschwitz Dienst hatten und die gefunden wurde. Über diese Liste kam der Auschwitz-Prozess in Gang. Das haben wir gezeigt. Wenn unser Hauptdarsteller die Zeugenaussage vorliest, dann benutzt er die Original-Zeugenaussage zur Ermordung des Jungen, der sich über einen Apfel freute. Wenn der Anwalt sagt: 'An der Rampe zu selektieren, ist ein Akt der Menschlichkeit' - das war die Verteidigungsstrategie eines Anwalts im Prozess. Wir haben also überhaupt kein spekulatives Element. Aber wir haben ganz klar gesagt: Beim Staatsanwalt, da nehmen wir uns die Freiheit; das müssen wir dramatisieren, um in der Geschichte genau zu sein.

 

Warum ist für Sie die persönliche, emotionale Seite der Geschichte so wichtig?

 

Ein Kinofilm ist zwei Stunden Lebenszeit. Wenn jemand einen gut recherchierten Artikel über Fritz Bauer liest, weiß er nach zwanzig Minuten wahrscheinlich genauso viel wie bei uns. Was also können wir im Kino machen? Wir können den Zuschauer auf eine emotionale Reise mitnehmen und wir können ihm klar machen, wie die Atmosphäre damals war. Wie es sich anfühlen muss mit dieser Verdrängung. Wie es sich anfühlen muss, wenn ein Opfer einem Täter begegnet. Wie es sich anfühlen muss, wenn ein Junge herausfindet, dass sein Vater vielleicht doch keine reine Weste hatte. Wir haben zum Beispiel einen Oberstaatsanwalt – eine Figur, die ich sehr mag. Der war gar nicht in der Partei. Der ist aber, so wie Adenauer, der Meinung, es muss ein Schlussstrich gezogen werden. Diese Sachen wollten wir erlebbar machen und deshalb haben wir uns bei diesen emotionalen Kern die Freiheit genommen.

Es war damals tatsächlich so, dass die Staatsanwälte das Gefühl hatten, sie kommen ja gar nicht vor. Die tatsächliche Arbeit vor dem Prozess, das haben die Staatsanwälte gemacht. Bauer war der Generalstaatsanwalt und er hat den Auftrag gegeben. Die Initiative und die schützende Hand, das war Fritz Bauer. Und ich glaube, dass wir damit dem Geist von Fritz Bauer gerecht werden. Wenn ich ihn heute fragen könnte, würde er wahrscheinlich sagen: 'Machen wir einen Film, der möglichst viele Leute erreicht, der spannend ist und diese Geschichte in die Welt bringt.' Genau das hat er ja mit dem Prozess gewollt.

 

Ich finde, sie haben die damalige Zeit, die gesellschaftlichen Strukturen und Hierarchien genau getroffen. So nennt der junge Staatsanwalt Radmann die Sekretärin, die seine Mutter sein könnte, immer Schmittchen.

 

Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Wir hatten am Anfang eine Radioansage: 'Frauen dürfen weiterhin ihren Beruf nur mit Zustimmung des Ehemannes ausüben.' Das war ganz interessant. Eigentlich wollten wir folgenden Text einspielen: 'Ab sofort können Frauen auch ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten'. Aber das stimmt so nicht. Es gab das Gleichstellungsgesetz. Da stand: 'Frauen dürfen einen Beruf ausüben, wenn sie ihre häuslichen Pflichten nicht vernachlässigen'. Das heißt, es war immer noch die Zustimmung des Ehemannes notwendig.

Wir erzählen ja auch die Hierarchien, wie das damals war. Das waren einfach vollkommen andere Zeiten. Die Menschen waren viel hierarchischer. Damals hat ja fast jeder in irgendeiner Form den Krieg mitgemacht. Da waren viel stärkere Gefühlspanzer da, man hat sich einfach nicht so emotional gegeben.

 

Wie schwer war für Sie der Zugang in diese Welt, die sie auch nicht erlebt haben?

 

Es war wahnsinnig spannend und auch schön. Ich wurde dann etwas geschichtsbesessen. Man fängt an nachzudenken, nicht nur über diese Zeit. Man beschäftigt sich mit dem Zweiten Weltkrieg, mit dem ersten Weltkrieg. Was mir nie so klar war, wie dünn eigentlich die Schicht der Demokratie ist, wie prekär. Und was Deutschland durchgemacht hat und andere Länder hat durchmachen lassen, bis es das Land wurde, das es heute ist.

Ich bin dabei auch sehr demütig geworden. Die westlichen Länder schauen ja gerne auf andere herab und sagen 'Ihr müsst das so und so machen.' Und dann schaut man in die eigene Vergangenheit und sagt:  'Leute, passt mal auf, was wir alles für ein Chaos angerichtet haben, bevor wir dahin gekommen sind.' Man hat einen ungeheuren Respekt vor dem Thema. Am Anfang, wenn man das Drehbuch beginnt, ist der nicht so da. Aber als das Projekt real wurde, sagt man sich irgendwann: 'Um Gottes willen. Wir machen jetzt einen Film zum Thema Auschwitz.' Unser Thema sind die Fünfziger Jahre. Aber man nimmt dann natürlich in irgendeiner Form Stellung. Wir hatten da sehr großen Respekt davor. Wir hatten ja einen Verbrechenskomplex, der bestens dokumentiert ist und der Bilder hervorruft. Jeder hat die Bilder und Filme gesehen, heute kennt jeder die Schrecken. Und eigentlich erzählen wir von einer Zeit, in der man das nicht wusste. Deshalb haben wir eine sehr klassische Exposition, weil wir den Zuschauer mitnehmen mussten. Wir mussten ihn mit Hilfe der Hauptfigur in diesen Zustand der Unwissenheit bringen. So dass man sagt: 'Ja, es war ein Schutzhaftlager gewesen.' Das ist historisch belegt, das war damals die Stimmung. Aber man kann es heute tatsächlich nicht glauben. Das Interessante ist eigentlich, das ist ein Gedanke von Alexander Fehling, dass Fritz Bauer und die Auschwitz-Prozesse heute genauso vergessen sind bei der normalen Bevölkerung, wie damals versucht wurde, die Verbrechen zu vergessen.


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