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vorgänge: Artikel - 15.08.16

"Viele Menschen möchten gern eingreifen und etwas ändern"

Sven Lüders

Interview mit Florian Mehnert. In: vorgänge Nr. 214 (Heft 2/2016), S. 131-135

Der Künstler Florian Mehnert erregte schon mehrfach mit Kunstprojekten und Ausstellungen zum Thema Überwachung internationale Aufmerksamkeit. Bei seinen „Waldprotokollen“ hörten im Wald versteckte Mikrofone die Gespräche vorbeigehender Passanten ab und gaben deren Gespräche preis. Mit den „Menschentracks“ wies er anhand von Videosequenzen gehackter Smartphones auf die intimen Überwachungsmöglichkeiten dieser Geräte hin, deren Kameras und Mikrofone sich aus der Ferne steuern lassen.

Im vergangenen Jahr startete Mehnert sein Kunstexperiment „11Tage“. Dabei handelt es sich um die Liveübertragung aus dem Leben einer Ratte, die in einer weißen Box gehalten wurde. An der Box war eine fernsteuerbare Waffe installiert, die über das Internet ausgelöst werden konnte. Die Webcam, mit der das Geschehen übertragen wurde, war auf dem Lauf der Waffe montiert, wodurch eine typische Egoshooter-Perspektive auf das Tier entstand. Nach 11 Tagen – so die Ankündigung des Künstlers – sollte die Waffe scharf gestellt werden, so dass die Ratte von jedem beliebigen Rechner oder Smartphone aus getötet werden könne.

Mit dem Kunstexperiment wollte Mehnert auf den Zusammenhang von Überwachung und Drohnenangriffen sowie die durch Computerspiele abgesenkte Hemmschwelle für gezielte Tötungen aufmerksam machen: Jeder kann zum anonymen Täter werden. Mehnert hatte nie geplant, die Ratte wirklich töten zu lassen. Er beendete das Experiment nach sechs Tagen, nachdem er zahlreiche Drohungen erhalten hatte und die Polizei ihn zu einem Abbruch drängte. Über die Wirkungen seines Experiments sprachen wir mit dem Künstler.

 

Als erstes würde mich interessieren, warum Sie ihr Experiment bereits nach sechs Tagen abgebrochen haben: Was waren die ausschlaggebenden Gründe dafür?

 

Das waren im Prinzip mehrere Gründe. Der vorrangige Grund war  für mich, dass ich nach sechs Tagen den Zenit des Projekts in Bezug auf seine Reaktionen und seine Reichweite erreicht hatte. Ich hätte vielleicht noch ein paar mehr TV-Sender oder ein bisschen mehr Presse erreichen können – aber mein grundsätzliches Ziel, diese Kontroverse aufzuwerfen und einen Diskurs zu erzeugen, das hatte ich erreicht.

Dann spielte mit hinein, dass der Shitstorm nach sechs Tagen für mich zur psychischen Belastung wurde. Anfangs drängte ich den weg und das funktionierte auch ganz gut, weil ich einfach so viel zu tun hatte mit der Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt. Aber dann wurde es ein spürbarer Druck. Ich finde das auch im Nachhinein interessant: Man spricht ja eigentlich mit niemandem, der einem da schreibt – und dennoch entsteht so ein psychischer Druck, der einen tatsächlich belastet.

 

Sie waren schon darauf eingestellt, dass es solche Reaktionen geben wird?

 

Nicht in dieser Vehemenz. Ich war drauf eingestellt, dass Tierschützer sich melden würden oder demonstrieren in irgendeiner Form. Aber dass das Experiment so starke Aggressionen erzeugen würde, war mir nicht bewusst.

Das war der zweite Grund für den Abbruch. Der dritte Grund war dann das Verhalten der Behörden, das Udo Kauß in seinem Beitrag(1) auch beschreibt.

 

Wieso?

 

Das war unangenehm, weil sich dadurch eine Grauzone aufgetan hat. Ich fragte mich dauernd: Wieso kommen die zu mir? Wer schickt die, aus welcher Initiative heraus? Warum diese leeren Drohungen? „Wir finden etwas! Wir haben zwar nichts in der Hand, aber wir finden etwas.“ In so einem Moment, wenn solche Drohungen ausgesprochen werden, da entwickelt man leicht Verschwörungstheorien.

 

Dann haben Sie sich zum Abbruch entschieden?

 

Das hat dazu beigetragen, dass ich mir dann gesagt habe: Na gut, ich will den Bogen nicht weiter überspannen; ich will nicht noch mehr Hass auf mich ziehen.

 

Wenn Sie zurück blicken - zu welchen Aspekten gab es die meisten Rückmeldungen: zur Frage des Tierschutzes, oder gab noch andere Aspekte und Themen, die Ihre Rezipienten angesprochen haben?

 

Man muss sehen, dass die Problematik der öffentlichen Rezeption darin liegt, dass im Grunde genommen eine Minorität, die am lautesten schreit, dadurch am meisten Gehör bekommt – obwohl die Mehrheit offensichtlich anderer Meinung ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass in den sozialen Medien die positive Bekundung immer weniger sichtbar ist als die negative. In den Onlinekommentaren habe ich manchmal Zwischenrufer gelesen, die sagten: „Moment mal, das ist ja gar nicht so! Ihr spinnt doch, guckt doch mal genau hin!“

Zahlenmäßig, wenn ich es richtig im Kopf habe, war es so: Ich konnte rund hunderttausend registrierte bzw. eingeloggte Besucher auf der Seite des Experiments zählen, die an der Waffenshow und der Abschusssituation teilnahmen. Es gab sechs Petitionen, die einen Abbruch des Projekts forderten, mit insgesamt ca. 35.000 Unterzeichnern. Rund 400 Nutzer/innen schrieben E-Mails an mich.

 

Bei den 400 Personen, die Ihnen geschrieben haben, um welche Themen ging es da noch, außer den Tierschutz?

 

Abgesehen von den Drohungen, die nichts mit dem  Tierschutz zu tun hatten, sondern einfach gegen meine Person gerichtet waren, da gab es natürlich positive Rückmeldungen, auch mit Absender, die sagten: Es ist gut, was Sie machen; Sie weisen da auf die Thematik hin in einer Art und Weise, die funktioniert. In den negativen Kommentaren lag der Fokus eigentlich immer auf der „armen“, „bedrohten“ Ratte, die nichts für ihr Schicksal kann, die gerettet werden müsste.

 

Haben die Identifikation mit dem „armen Tier“ und die Wut auf Ihre vermeintliche Grausamkeit nicht das Anliegen des Experiments überlagert?

 

Nein, das denke ich nicht. Kritiker werfen mir das gerne vor, aber das sehe ich überhaupt nicht so. Wenn ein Kunstprojekt so viele Reaktion weltweit hervorruft, dann zeigt das in erster Linie, dass das Projekt funktioniert, weil die Menschen darauf reagieren. Würden sich die Menschen nicht angesprochen fühlen, würden sie nicht so stark darauf reagieren. Für ein solches Kunstprojekt ist jede Reaktion, auch die Drohung mit Mord oder Gewalt, auch Beleidigung und Shitstorm, eine gute Reaktionen, weil dahinter viel Energie steckt.

Und ich bin der Ansicht, dass viele der Leute letzten Endes überfordert waren. Sie konnten die Situation nicht durchschauen; sie mussten als gegeben ansehen, dass die Ratte am Ende erschossen werden würde. Und sie waren auch überfordert mit dem Sprung zur eigentlichen Thematik dahinter. Ihre Reaktionen sind, glaube ich, auch ein Sinnbild dafür, dass viele Menschen in der Gesellschaft vor dieser Komplexität an Informationen und Problemen kapitulieren. Viele Menschen möchten gern in so einem Fall wie dem von mir dargestellten Konflikt etwas ändern, wollen eingreifen und sind bereit, sich zu mobilisieren – nur sie wissen nicht, wie.

 

Sie haben ja eigentlich die These aufgestellt, dass durch die Gamifizierung die Hemmschwelle zur Tötung von Lebewesen herunter gesetzt wird. Das ist eine gängige These von Spieleforschern, die ja vom Militär gewissermaßen bestätigt wird, wenn dort Computerspiele zur Anwerbung von Rekruten eingesetzt werden. Aber sind nicht gerade die wütenden Reaktionen auf Ihr Experiment auch ein Zeichen dafür, dass diese Hemmschwelle doch noch nicht so niedrig ist, dass die Leute sich  empören und die Ratte retten wollen?

 

Vielleicht ist das so. Ich denke aber auch, dass die heftigen Reaktionen eine Art Übersprungshandlung waren. Für viele war das ein einfacher Impuls: Ratte retten, Künstler bedrohen. Der Hinweis auf die Gamification bezieht sich natürlich auf Dealer und militärische Einsätze. Ich weiß natürlich nicht, wie viele Gamer unter den Rezipienten tatsächlich waren. Möglicherweise kamen die Hassmails alle von Leuten, die sich nicht mit Computergames beschäftigen.

 

Haben Sie die Gamerszene vielleicht gar nicht erreicht?

 

Doch, es wurde in vielen Gamerforen darüber geschrieben. Einige Gamer haben mir dann auch geschrieben, haben gelacht und gesagt: „So'n Quatsch! Wir zocken seit zig Jahren Counterstrike und alles mögliche, und sind doch keine Terroristen geworden.“ Das ist natürlich eine flache Argumentation, denn ich schneide auch mit meinem Küchenmesser Zwiebeln und ersteche deshalb niemanden. Natürlich gehören neben den Computergames noch mehr Gründe dazu, warum jemand gegenüber dem Gewalteinsatz so abstumpft. Aber ich denke, der gezielte Einsatz solcher Spiele durch das Militär zeigt, dass es funktioniert. Die Psychologen in der Armee haben da sicher mehr Erkenntnisse drüber, sonst würden sie es nicht einsetzen.

 

Was denken Sie, hat Ihre Installation zum Nachdenken über Überwachen und Drohnen beigetragen?

 

(Mehnert seufzt) Ich hoffe es! Es gab viele – auch kritische – Äußerungen in E-Mails, die am Ende dennoch schrieben: „Aber Sie haben mich zum Nachdenken gebracht.“ Ich hatte für die Rezipienten auf der Webseite eine Umfrage erstellt mit der Frage: Soll die Ratte am Leben bleiben oder nicht? Damit wollte ich so eine Art Spiegel für die Teilnehmer schaffen. Natürlich haben dort viele für das Leben der Ratte gestimmt, viele allerdings auch nicht. Das war natürlich auch ein spielerisches Element, um die Wirkungslosigkeit und die Unsinnigkeit solcher Votings sichtbar zu machen.

 

Eine allerletzte Frage: Wurde eigentlich die Sichtbarkeit der Ratte von Rezipienten thematisiert, oder wurde die einfach so hingenommen? Die Kamera war ja Voraussetzung der ganzen Installation und ist wahrscheinlich eher positiv besetzt: nur durch die Kamera konnten die Zuschauer teilhaben am Schicksal des armen Tieres, es beobachten. Ich finde es ja erstaunlich, dass Sie Überwachung thematisieren wollen und dafür eine Anordnung wählen, die die ständige Sichtbarkeit und Verfügbarkeit voraussetzt. Deshalb würde mich interessieren, ob da jemand drauf geachtet hat.

 

Nein, da haben die Leute nicht drauf geachtet.

 

Sind wir schon so sehr ans Beobachten und Beobachtet-Werden gewöhnt?


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