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vorgänge: Artikel, Demokratisierung - 4.05.17

America First: Trump, Medien und Leidenschaft

Götz-Dietrich Opitz

Vorabdruck aus: vorgänge Nr. 217 (Heft 1/2017)

Der Beginn der Präsidentschaft Donald J. Trumps wurde in aller Welt aufmerksam beobachtet, oft verbunden mit einem Entsetzen über den hastigen, in vielen Fragen kaum nachvollziehbaren Kurswechsel. Jenseits einer individuellen (V)Erklärung des Trumpschen Kommunikations- und Politikstils geht Götz-D. Opitz der Frage nach, inwiefern sich die von Trump versprochenen Reformen in historischer Perspektive als Auslöser einer wiederkehrenden Erneuerungsdynamik verstehen lassen, die den USA seit ihrer Gründung eigen sind. Er greift dabei auf Samuel P. Huntingtons These zyklischer creedal passion periods zurück und untersucht, inwiefern die Wahl Trumps als Vorbote einer solchen Periode gewertet werden kann. Im Mittelpunkt stehen dabei der Wandel in der politischen Kommunikation der USA im Zeitalter des Web 2.0 und die ständigen Reibungskonflikte zwischen machtkritischen Idealen (American creed) und der aktuellen Realität politischer Institutionen.


Von diesem Tag an wird es nur noch Amerika zuerst heißen. Amerika zuerst!“. So beschrieb Donald J. Trump in seiner in alle Welt live übertragenen Inaugurationsrede vom 20. Januar 2017 die „neue Vision“, die er von den USA hat. Seine inaugural address bildete den Höhepunkt der Feierlichkeiten am Tag der Amtseinführung des neuen US- Präsidenten.

Trumps Inaugurationsrede folgte einer rhetorischen Tradition, die der kanadische Literaturwissenschaftler Sacvan Bercovitch „Jeremiade“ nennt. Das „weltliche Gebet“ war zur Kolonialzeit Teil der puritanischen Strategie zur Revitalisierung des „heiligen“ Auftrags, auf dem nordamerikanischen Kontinent das Tausendjährige Reich (Millennium) zu errichten, das die sendungsbewussten Pilgerväter als „Auserwählte Gottes“ mit der Metapher der vorbildhaften city upon the hill beschrieben. Diese alte Denkfigur findet sich auch bei Trump: „Wir trachten danach, unsere Lebensart als ein Beispiel strahlen zu lassen.

Zusammen mit einer Vielzahl religiöser Gesten sind Antrittsreden Ausdruck eines für die USA typischen Phänomens, das der Soziologe Robert N. Bellah 1966 mit dem Begriff der Zivilreligion etikettierte. Bellah wies darauf hin, dass Gott bisher in allen Inaugurationsreden angerufen wurde – mit Ausnahme der zweiten von George Washington. In der theopathischen Sprache Trumps, mit der er die Einheit seiner Landsleute beschwört, klingt das so: „Die Bibel sagt uns, wie gut und wohltuend es ist, wenn das Volk Gottes in Eintracht lebt … Wir sollten ohne Furcht sein: wir werden … von Gott beschützt. … [alle Amerikaner] sind erfüllt mit dem Lebensatem desselben allmächtigen Schöpfers.

Trotz strikter Trennung von Kirche und Staat im US-Verfassungssystem proklamiert Amerikas Zivilreligion, so Bellah, dass das ganze US-amerikanische Experiment der Demokratie unter dem Urteil eines gerechten Gottes stehe. Die zivilreligiöse Tradition des rhetorischen Millennialismus verbindet auf diese Weise das Sakrale mit dem Säkularen. Damit möchte sie die Bürgergemeinde nicht nur auf altbewährte, christlich-philanthropische Tugenden einschwören, sondern auch republikanische Überzeugungen und revolutionäre Ideale der Gründerväter wachrufen, auf denen das US-amerikanische Gemeinwesen beruht.

Bei Trump, der für die „vergessenen Männer und Frauen“ Amerikas spricht, steht die demokratische Norm der Volkssouveränität im Vordergrund: „Heute übertragen wir nicht nur Macht von einer Administration zur anderen, von einer Partei zur anderen, sondern wir übertragen Macht von Washington und geben sie Euch zurück, dem Volk. … Was zählt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung kontrolliert, sondern ob unsere Regierung vom Volk kontrolliert wird. … Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem das Volk wieder der Herrscher dieser Nation wurde.

Die traditionelle Jeremiade baut eine eschatologische Spannung zwischen „Schon“ und „Noch nicht“ auf, deren Auflösung erst im Millennium zu erwarten ist. Ihr rhetorisches Ziel besteht darin, die Kluft zwischen Sein und Sollen zu beseitigen. Trump, der sich „am Beginn eines neuen Jahrtausends [millennium]“ wähnt, klagt an: „Zu lange hat eine kleine Gruppe in unserer Hauptstadt die Früchte der Regierungsarbeit geerntet, während das Volk die Kosten geschultert hat. … Das Establishment schützte sich selbst, aber nicht die Bürger dieses Landes. … Doch das ist Vergangenheit, jetzt schauen wir nur noch in die Zukunft. … Schutzmaßahmen [„protection“] werden zu großem Wohlstand und Stärke führen.

Amerika“, so Trump weiter, „wird wieder zu siegen beginnen – siegen wie nie zuvor. … Gemeinsam werden wir Amerika wieder großmachen.“ Diese Mut machende Botschaft dürfte beim Kern seiner konservativen Anhänger im wahlentscheidenden Rust Belt der USA verstanden worden sein: Die Region fühlt sich infolge der in den 1970er Jahren einsetzenden Deindustrialisierung zunehmend abgehängt und durch steigende Einwanderung aus Lateinamerika und der Karibik seit Ende der 1960er Jahre überfremdet. Trump beschreibt gerade ihre prekäre Lage im postfordistischen Amerika: „… rostige Fabriken verstreut in der Landschaft wie Grabsteine … amerikanisches Blutbad“.

American Creed: Revolutionäre Ideale versus politische Institutionen

Diese eschatologische Spannung ist indes nicht nur ein rhetorisches Muster, sondern auch ein geschichtsspezifisches. Die Beseitigung der Kluft zwischen Sein und Sollen ist ein Motiv, das sich durch die ganze US-amerikanische Kulturgeschichte zieht. Seit der Gründung der USA stehen die machtkritischen Ideale der Revolution, die der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington in dem Sammelbegriff des American creed zusammenfasst, ständig in Konflikt mit der Realität politischer Institutionen: ein permanenter, letztlich unauflösbarer Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

In seinem Buch mit dem Titel „American Politics: The Promise of Disharmony“ von 1981 apostrophiert Huntington diese vorwärtsdrängende Reibung „kognitiver Dissonanzen“ mit dem Kürzel der IvI-Gap: einer Kluft der ideals versus institutions, deren Spannungsenergie sich mit „moralischer Leidenschaft“ entladen kann. So sei im Laufe der US-Geschichte die Normallage der institutionalisierten Konfliktaustragung zwischen etablierten Interessensgruppen schon mehrmals unterbrochen worden durch Phasen großer sozialer Protest- und Reformbewegungen, die Huntington creedal passion periods nennt.

Deren allgemeines Ziel sei die Öffnung des politischen Systems, wobei der Maßstab dieser Demokratisierungswellen der American creed gewesen sei. Unter diesem Nationalglauben versteht Huntington politische Werte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Individualismus, Konstitutionalismus, Rechtsstaatlichkeit und Protestantismus. „Amerikaner hören auf, Amerikaner zu sein, wenn sie ihre politischen Ideale aufgeben“, so Huntington. Die USA definierten sich als Nation politisch – und nicht ethnisch – über die universalistischen Ideale der Revolution.

Die USA haben im Abstand von 60 bis 70 Jahren bereits vier dieser creedal passion periods erlebt: Die Revolutionary Era der 1760/1770er Jahre bildet den Prototypen, der späteren Reformphasen als Bezugspunkt galt. Sie wurde gefolgt von der Jacksonian Era der 1820/1830er Jahre, der Progressive Era nach 1900 und den „turbulenten 1960/1970er Jahren“ der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung sowie der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg. Im Kern ging es immer um eine verbindlichere, liberalere und demokratischere Regierung.

Die wichtigsten Reformerfolge der früheren Phasen waren die republikanische Regierungsform mit dem System der Gewaltenteilung und -verschränkung der checks and balances, die Abschaffung der Sklaverei im Norden sowie die Einführung von Grundrechten in der Bill of Rights (1); die Einführung des Wahlrechts für alle weißen Männer und zahlreicher neuer Wahlämter etwa für Richter (2); die Verabschiedung erster Anti-Kartell- sowie Verbraucher-Gesetze sowie die Einführung der direct primary und der Direktwahl der Senatoren (3); höhere Transparenz des Regierungssystems, stärkere Rechenschaftspflicht für Mandatsträger und erhöhte Bürgerbeteiligung sowie Aufhebung der Rassentrennung, durch den Voting Rights Act und den Freedom of Information Act (4).

Einsatz neuer Kommunikationsmittel in creedal passion periods

Die vier creedal passion periods weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf: etwa die weit verbreitete Unzufriedenheit und moralische Entrüstung über die IvI-Gap, mannigfaltige Enthüllungen über Machtmissbrauch oder der Einsatz neuer Massenmedien und Kommunikationsmittel. So brachte die US-Revolution erstmals überhaupt so etwas wie die „öffentliche Meinung“ hervor, benutzte das Pamphlet als effektivste Waffe politischer Argumentation und führte zu einem phänomenalen Wachstum der Presse. In der Jacksonian Era erzielten die Zeitungen der nunmehr politisch unabhängigen und für jedermann erschwinglichen penny press Rekordauflagen, bevor in der Progressive Era die Magazine der muckrakers (s.v.w. Mistkratzer, Schmutzaufwühler, Nestbeschmutzer), die als Begründer des investigativen Journalismus gelten, einen unvergleichlichen Aufschwung erfuhren. In den „turbulenten 1960/1970er Jahren“ entstand zeitgleich das nationale Fernsehen, das das Gemetzel des Vietnamkriegs in die Privathaushalte übertrug, und eine neue nationale Presse in Gestalt von Zeitschriften wie Time und Newsweek sowie Tageszeitungen wie New York Times und The Washington Post. Letztere deckte bekanntlich den Watergate-Skandal auf, in dessen Folge US-Präsident Richard Nixon nur durch Rücktritt seiner Amtsenthebung zuvorkam.

Auffällig ist außerdem, dass jeder der vier Reformbewegungen eine Erweckungsbewegung vorausging. Diese richteten sich gegen etablierte religiöse Hierarchien und stellten die Autorität des Klerus als Vermittler zwischen Gott und den Gläubigen in Frage. Durch Bibellektüre und individuelle Konversion sollte eine persönliche Direktverbindung zu Gott hergestellt werden. So fand im Abstand von ein bis zwei Dekaden vor der US-Revolution das First Great Awakening statt. Das Second Great Awakening läutete den Jacksonianism ein, bevor ein weiteres Revival Ende des 19. Jahrhunderts den Progressivism ankündigte. Schließlich ging der Bürgerrechtsbewegung eine Erweckungsbewegung in den 1950er Jahren voraus.

Dieser zeitliche Zusammenhang ist mehr als eine bloße Koinzidenz, sondern ist ursächlicher Natur: Richtet sich die bereits pragmatisch ins Diesseitige gewendete Reformleidenschaft im Revival zunächst auf das Individuum, nimmt sie später das Kollektiv ins Visier. Beide Phänomene hatten also ähnliche Funktion: Während die Revivals die Umkehr des schuldbewussten Einzelnen befördern sollten, zielten die creedal passion periods auf die Reform der Gesellschaft als Ganzes.

Die Erweckungsbewegungen verleihen den späteren Reformbewegungen nicht nur ihren religiösen Eifer, sondern auch die neuen Formen der Massenkommunikation und Überzeugungstechniken. Jene wurden nicht zuletzt durch einflussreiche charismatische Evangelisten erprobt: Während Wanderprediger wie George Whitefield noch einen besonderen Rhetorikstil übten, versuchte sich Charles Grandison Finney in camp meetings und neuen Werbemethoden; Billy Sunday und Dwight Moody nutzten Zeitungen, Aushänge und Fundraising-Methoden, während Billy Graham sich das Fernsehen zu eigen machte.


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