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vorgänge: Artikel, Religion - 4.05.17

„Die individuelle Religionsausübung ist bisher nur partiell gegeben“

Sven Lüders

Interview mit Riem Spielhaus, in: vorgänge Nr. 217 (Heft 1/2017), S. 11-20

Portrait Riem Spielhaus


RIEM SPIELHAUS   Jahrgang 1974, studierte Islamwissenschaften und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach ihrem Magisterabschluss war sie zunächst als Referentin der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Islamwissenschaft an der Humboldt-Universität tätig. Sie promovierte 2008 mit der Arbeit „Wer ist hier Muslim? Die Entwicklung eines islamischen Bewusstseins in Deutschland zwischen Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung“. Es folgten Forschungsaufenthalte am Centre for European Islamic Thought an der Theologischen Fakultät der Universität Kopenhagen sowie am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, wo sie u.a. zur rechtlichen Anerkennung des Islams in Deutschland arbeitete. Heute ist sie Professorin an der Georg-August-Universität Göttingen und leitet seit 2016 die Abteilung Schulbuch und Gesellschaft am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig.

 

Frau Spielhaus, Sie haben sehr viel geforscht und gearbeitet zum Selbstverständnis und zur Identitätsbildung von muslimischen Menschen in Deutschland. Wenn Sie die Entwicklungen der letzten Jahre auf einen Nenner bringen sollten: Was hat sich geändert?


Als wichtigste Änderung ist zu nennen, dass Muslime in Deutschland überhaupt als solche wahrgenommen werden. Alle, die einen sichtbaren Hintergrund in einem mehrheitlich muslimischen Land haben, müssen sich heute in Deutschland zum Islam positionieren – entweder als Muslime oder Ex-Muslime, als Juden oder Christen. Ein großer Anteil der Identitätsbildung von Muslimen erfolgt derzeit über Zuschreibungen. Das betrifft ganz stark Jugendliche in der Schule, aber auch Prominente, Unternehmer, Sportler, Künstler. Und es hat dazu geführt, dass wir plötzlich viele Muslime im Land haben.

Während es vorher Nationalitäten waren?


Genau. Dieselben Menschen wurden in den 1980er und 1990er Jahren als Türken wahrgenommen – übrigens auch, wenn sie Araber waren. Früher dominierten ethnische und nationale Herkünfte den Diskurs und die Wahrnehmung Eingewanderter, heute ist es die Religion. Mit der Änderung der Fremdwahrnehmung wurden neue Gruppen geschaffen: In den 1970er Jahren wurden die „Südländer“ in einen Topf gesteckt – Griechen, Spanier, Türken und Jugoslawen, die als Gastarbeiter nach Westdeutschland gekommen waren. Seitdem hat sich dieser „Topf“ stark verändert. Die Italiener, die Griechen und die Spanier wurden in den „europäischen Topf“ integriert, während die Türken mit den Arabern und den Pakistanis in einem anderen „Topf“ behandelt werden. Als Afrikaner Markierte werden in der Regel nicht als Muslime wahrgenommen, auch wenn viele der Senegalesen und Ghanaer in Deutschland sich als solche verstehen. Wichtig ist daher, sich bewusst zu machen, dass die Kategorisierungen nicht den Beziehungen der vermeintlichen Gruppen untereinander, ihrem Gemeinschaftsempfinden und ihrer Solidarisierung entsprechen, und dass sie auch nicht unbedingt mit der Selbstwahrnehmung der darin zusammengefassten Menschen übereinstimmen.


Wie wirken sich diese Fremdzuschreibungen auf die Selbstwahrnehmung der hier lebenden Migranten aus? Nehmen sie sich jetzt beispielsweise stärker als Muslime denn als Türken wahr?


Identitäten lassen sich nicht als „entweder oder“ darstellen. Auf der persönlichen Ebene ist Selbstwahrnehmung manchmal ambivalent und meist vielfältig. Identitäten haben ihre Konjunkturen, und ihre Bedeutungen können sich schnell verschieben. Menschen haben immer mehrere Identitäten und würden nicht unbedingt ihre muslimische als erste angeben – auch wenn sie vor allem über diese wahrgenommen werden. Zuschreibungen und Adressierungen als muslimisch führen dazu, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund als Muslime in der Öffentlichkeit sichtbar werden und sich als solche in Debatten einbringen. Sie werden im Islamdiskurs ja auch immer wieder dazu aufgefordert, sich zu positionieren, werden zu Talk-Shows eingeladen und sollen auf Podiumsdiskussionen als Muslime sprechen.

Dass solche permanenten Aufforderungen die Betroffenen nicht unberührt lassen, sehen wir beispielsweise am i,Slam, einem Poetry-Wettbewerb, der von als muslimisch markierten Jugendlichen initiiert wurde. Die Beiträge spiegeln häufig das Ringen mit der Identität: ‚Bin ich jetzt eher dies, bin ich eher jenes, oder will ich etwas ganz anderes sein?‘ Oder DJane Ipek, die nach dem 11. September 2001 ein T-Shirt mit dem Spruch trug: „Don't panic, I'm islamic.“ Dieses Bild brachte es sogar auf die Titelseite eines Magazins. Ipek Ipekcioglu ist bekennend lesbisch und will vor allem als Musikerin wahrgenommen werden. Oder der Schriftsteller Navid Kermani, der sich lange Zeit gegen das Label „Berufs-Muslim“ wehren musste. Ihm ist es gelungen, mit seiner professionellen Identität als Schriftsteller sichtbar zu werden, die weit über die religiöse hinausgeht.

Für Menschen muslimischen Hintergrunds stellt die Islamdebatte mittlerweile einen schmerzhaften Kampf dar – in dem sie ihren eigenen Weg finden, sich positionieren und abgrenzen müssen, um ihre Identität auszuhandeln. Die Islamdebatte ist ja in großen Teilen ein Abgrenzungsdiskurs. Einerseits wird Muslimen darin nicht selten die Zugehörigkeit zu Deutschland abgesprochen, andererseits sollen sie sich vom Terrorismus abgrenzen. Aber es reicht nicht zu sagen, was der Islam nicht ist. Muslime müssen diese Identität gemeinschaftlich und individuell füllen. Für Jugendliche beispielsweise ist das eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe.

Wenn man sieht, wie viele muslimische Jugendliche heute als Muslime aktiv sind, dann ist das ein großer Unterschied gegenüber dem Stand vor 20 Jahren. Damals waren das kleine, marginale Grüppchen, die als muslimische Jugendliche aktiv waren. Heute sehen wir: Menschen die als Muslime angesprochen werden, antworten auch häufig als Muslime.


Teilen Sie die Kritik, dass speziell mit der Deutschen Islam Konferenz und den dort eingebundenen Verbänden die konservativen bzw. restriktiven Stimmen innerhalb der islamischen Community in Deutschland gestärkt wurden?

Die Label „konservativ“ und „liberal“ sind für das muslimische Feld nur sehr schwer anwendbar. Die islamischen Organisationen sind äußerst vielfältig sowohl in Bezug auf politische als auch auf religiöse Positionen. Was klar ist: bei den an der Islam Konferenz Beteiligten handelt es sich um organisierte Gruppen. Das Bundesinnenministerium hat zwar in der ersten Phase versucht, auch Stimmen der Nichtorganisierten zu integrieren. Das ist aber nur begrenzt gelungen und wurde von Anfang an stark kritisiert.


Warum?

Genau weil sie nicht – zumindest nicht in religiösen Gemeinschaften – organisiert sind. So funktioniert eben die Demokratie in unserem Land: Um gehört zu werden und eine Stimme zu haben, muss man sich zusammenschließen und einen Verein oder eine Partei gründen. Die Einbeziehung der Türkischen Gemeinde Deutschlands – einer entlang nationaler Linien organisierten Gemeinschaft – in die Islam Konferenz bildet dabei die große Ausnahme. Wenn man die Menschen an einen Tisch holt, die sich entlang von Religionsfragen engagieren, sich über das Merkmal Religion zusammenfinden, dann hat man eine ganz bestimmte Gruppe einbezogen – und andere eben nicht. Sind diese Menschen nun konservativer als die anderen? Es sind vor allem diejenigen, die sich um die Gestaltung des religiösen Lebens in diesem Land bemühen.

Wenn wir uns die Individuen anschauen, etwa so jemanden wie Aiman Mazyek[1]: der hat in den 1990er Jahren für die Liberalen als Bürgermeister kandidiert. Einige in Moscheegemeinden und Vereinen engagierte Musliminnen und Muslime sind Mitglieder in CDU oder SPD; schauen Sie sich den Arbeitskreis muslimischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten an. Es ist nicht davon auszugehen, dass Menschen automatisch konservativ sind, nur weil sie sich in einem religiösen Verband engagieren, in dem es gewiss auch viele konservative Stimmen gibt. Die organisierten Muslime sind diejenigen, die sich die Mühe machen, in einem Moscheeverein mitzuwirken, ihre Zeit einbringen und Geld dafür zahlen, dass z.B. jeden Freitag das Gebet möglich ist. Personen, die das Gebet unwichtig finden, sind vermutlich weniger in solchen Vereinen organisiert. Das unterscheidet islamische Organisationen von Kirchen, in denen über die Taufe auch Menschen Mitglied werden, die sich später überhaupt nicht für Religion interessieren.

Im Rahmen der Islam Konferenz ist es sicher nicht falsch, mit denen über Fragen der Bestattung zu reden, die wissen, wie eine Bestattung nach den islamischen Vorschriften durchzuführen ist. Solche Gespräche sind mit Menschen zu führen, die über eine religiöse Kompetenz in den Sachfragen verfügen. Wie die Gründung des Liberal-Islamischen Bundes [2] zeigt, organisieren sich auch dezidiert religiös-liberale Stimmen innerhalb des Islam in separaten Strukturen.


Noch einmal nachgefragt: Es gibt Äußerungen von DITIB-Vertretern, die beispielsweise die Gleichstellung der Geschlechter oder den umfassenden, auch das Recht der Nicht-Gläubigen integrierenden Begriff der Religionsfreiheit, wie ihn unsere Verfassung enthält, in Frage stellen. Die DITIB ist in der Islam-Konferenz vertreten, die lesbische DJane nicht. Ist es nicht ein Problem, dass ihre Positionen bei der Islam-Konferenz hinten unter fallen?

Aber das ist nicht nur ein Problem der islamischen Vertreter in der Konferenz. Frauen waren auf beiden Seiten – also auch als Repräsentanten des deutschen Staates – kaum vertreten. Das hat sich in der zweiten Phase geändert, wo gerade auch Vereinigungen muslimischer Frauen einbezogen wurden und es explizit um Geschlechterrollenbilder ging.


Sehen Sie einen strukturellen Konservatismus solcher Dialogformen?

Jeder und jedem steht es frei, sich entsprechend zu organisieren. Die DJane könnte auch in diesem Umfeld aktiv werden und einen Verband für ihre Position begründen oder einem bestehenden beitreten. Wenn der Liberal-Islamische Bund wächst, wird er auch zunehmend politische Bedeutung erlangen und Gehör finden. Vielleicht fühlen sich viele Muslime in ihm heimischer als in den bisher bestehenden Verbänden – das kann gut sein. Die Vielfalt innerhalb einer religiösen Szene muss sich allerdings selbst organisieren und darf nicht von außen vorgeschrieben werden. Hier greift das Neutralitätsgebot des Staates. Ob eine DJane dann in der Islam Konferenz sitzen oder sich doch eher auf die Musik konzentrieren möchte, ist dann noch eine andere Frage. Es gibt ja auch Muslime, die sagen: ‚Ich sehe mich im Bundestag vertreten, weil ich eine bestimmte Partei wähle oder sogar Mitglied bin – das ist meine demokratische Repräsentanz, auch im Hinblick auf die Islampolitik, aber nicht mein religiöser Zugang.‘ Wo wären wir denn, wenn wir Menschen verpflichten, sich in einem religiösen Kontext zu organisieren? Und was würde es religionspolitisch bedeuten, wenn wir denen, die sich organisieren, absprechen würden, für ihre religiösen Bedürfnisse Lobbyarbeit zu betreiben und Vereinbarungen mit staatlichen Stellen zu treffen, z.B. für Bestattungen nach islamischem Ritus?


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