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vorgänge: Artikel - 4.05.17

Konsequenzen von Kulturalismus

Arata Takeda

Von konfrontativen zu partizipativen Ansätzen in der Vermittlung von Sprache, Kultur und Werten, in: vorgänge Nr. 217 (Heft 1/2017), S. 127-139


Wenn die hierzulande stattfindende Ausgrenzung von MigrantInnen angesprochen wird, ist bei der Suche nach den Ursachen schnell von den verschiedenen Formen des Rassismus die Rede: dem offenen oder verdeckten, latenten oder strukturellen … Inwiefern diese Ausweitung des Rassismusbegriffs praktikabel ist, oder ob nicht besser von einen Kulturalismus der Ausgrenzung gesprochen werden sollte, untersucht der folgende Beitrag von Arata Takeda.

1. Integration versus Diskriminierung

Die unsichere Zugehörigkeit bestimmter Personen oder Personengruppen zu unserer Gesellschaft als Ganzem ist ein klarer gesellschaftlicher Missstand. In der Auseinandersetzung darüber, ob die zugehörigkeitspolitischen Missstände eher auf Integrationsprobleme oder auf Diskriminierungspraktiken verweisen, nimmt der Begriff des Rassismus eine zentrale Rolle ein. Aus sprach- und diskurskritischer Sicht stellt sich jedoch die Frage: Wie sachgemäß und überzeugend ist das Rassismus-Argument, sofern es als Generalargument gegen die migrationsgesellschaftliche Diskriminierungspraxis eingesetzt werden soll? Wäre vielleicht nicht an terminologisch angemessenere und pragmatisch sinnvollere Argumente zu denken?

Diese Frage ergibt sich aus dem einfachen Umstand, dass Diskriminierende in unserer Gesellschaft kaum von ‚Rasse‘ sprechen, geschweige denn mit ‚Rasse‘ argumentieren. Das ist nicht misszuverstehen: Dass in der migrationsgesellschaftlichen Diskriminierungspraxis kaum von ‚Rasse‘ gesprochen wird, bedeutet keineswegs, dass Rassismus im wörtlichen Sinne hier keine Rolle spiele. Im Gegenteil: Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass es verschiedene Formen von Rassismus gibt, explizite wie verdeckte, elaborierte wie banale, rassistische Ausdrücke, Gesten, Denkfiguren etc., die verurteilt und bekämpft werden müssen. Aber das soll nicht Thema des vorliegenden Beitrages sein. Was in diesem Beitrag von Interesse ist, ist die migrationsgesellschaftliche Diskriminierungspraxis als Ganzes, gesteuert von einem bedeutungsgenerierenden Diskurs, der sich von der Kategorie ‚Rasse‘ – wenn nicht als Struktur, so doch als Begriff – eindeutig losgesagt hat.

Bei mancher Verwendung des Wortes ‚Rassismus‘ in jüngerer Zeit – sei es in Zusammenhang mit Gunnar Heinsohns FAZ-Beitrag „Hartz IV und die Politische Ökonomie“ (vgl. Heinsohn 2010), Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (vgl. Sarrazin 2010) oder der anhaltenden griechischen Staatsschuldenkrise (vgl. Reuters 2015) –, sind vorsichtige Bedenken angebracht. Wie zielführend ist es, Personen oder Systemen Rassismus zu attestieren, die sich gar nicht auf rassische Differenzen berufen? So konnte Sarrazin in einem Interview im Sommer 2010 ebenso dezidiert wie ruhigen Mutes sagen: „Ich bin kein Rassist“ (Sarrazin/Seibel/Schumacher/Fahrun 2010). Es soll hier keineswegs um die grundsätzliche Legitimität dieser Zuschreibung gehen, sondern einzig und allein um deren pragmatischen Sinn – darum, ob das Rassismus-Argument einer kritischen Auseinandersetzung mit der migrationsgesellschaftlichen Diskriminierungspraxis zuträglich ist. Und da dürften Zweifel erlaubt sein.

2. Rassismus als Metapher

Der vorliegende Beitrag möchte dahingehend argumentieren, dass die migrationsgesellschaftliche Diskriminierungspraxis, vor allem im Hinblick auf ihre Alltagsbanalität (vgl. dazu Terkessidis 2005), weniger rassistisch als vielmehr rassistoid ist, dass sie nicht als Rassismus, sondern wie Rassismus in Erscheinung tritt, sich manifestiert und funktioniert. Und genau darin liegt meines Erachtens das Problem: Rassismus ist zu einer Metapher geworden. Er steht metaphorisch für eine Denk- und Handlungsstruktur, die Menschen in mehr oder weniger rigide Kategorien einteilt und hauptsächlich am Überleben, wenn nicht sogar an der Dominanz, der eigenen Kategorie interessiert ist, und zwar metaphorisch deswegen, weil diese Kategorien nicht im wörtlichen Sinne rassische Kategorien sein müssen.

Rassismus als Metapher: Nun ist es keineswegs so, dass dies etwa auf einen undifferenzierten, unreflektierten Umgang mit der Geschichte des Rassismus zurückzuführen wäre. Vielmehr ist festzustellen, dass gerade die kritische Reflexion und die engagierte Beschäftigung mit der Geschichte und Gegenwart des Rassismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich zur Metaphorisierung des Rassismus beigetragen haben. Die begriffsbestimmende Erklärung in Artikel 1 Satz 1 der UN-Rassendiskriminierungskonvention, die die Bedeutung des Ausdruckes ‚Rassendiskriminierung‘ (racial discrimination) auf nicht rassenbezogene Formen der Diskriminierung ausweitet (wie etwa Diskriminierung aufgrund nationaler oder ethnischer Herkunft, die in Richtung Sprache und Kultur durchaus offen sind) (vgl. Bundesgesetzblatt Teil II 1969: 964), gehört ebenso dazu wie die theoriebildenden und diskursformierenden Äußerungen zu Rassismus von Frantz Fanon, Michel Foucault, Immanuel Wallerstein, Siegfried Jäger, Étienne Balibar, Pierre-André Taguieff und anderen, bei denen der Begriff ‚Rassismus‘ immer mehr im abstrahierten und übertragenen Sinne Verwendung findet (vgl. Fanon 2001; Foucault 1993; Balibar/Wallerstein 1992; Jäger 1992).

So sind im Zuge der letzten Jahrzehnte durch philosophische, soziologische, linguistische und kulturtheoretische Ansätze in der Rassismusforschung Begriffe in Umlauf gekommen, die in Zusammensetzung mit Rassismus die spezifisch postkoloniale Praxis der Diskriminierung bezeichnen sollen: ‚Rassismus ohne Rassen‘, ‚kultureller Rassismus‘, ‚differentieller Rassismus‘, ‚Kulturrassismus‘, ‚Differenzrassismus‘ etc. Alle diese Begriffe, auf die migrationsgesellschaftliche Diskriminierungspraxis im Allgemeinen gemünzt, kranken daran, dass sie ihre anprangernde Wirkung aus einem Vorstellungsbereich zu gewinnen suchen, auf den sich die von ihnen bezeichnete Praxis nur metaphorisch bezieht. Ihre semantische Schlagkraft ist eine geliehene. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich bei ihnen weniger um explikative Begriffe als vielmehr um rhetorische Figuren.

‚Rassismus ohne Rassen‘ besagt selbst, dass die Aussagekraft des hier zentralen Wortes mit einem substantiellen Defizit belastet ist. ‚Kultureller Rassismus‘ versteht sich als ein Rassismus neueren Typus, der den einstigen ‚biologischen Rassismus‘ abgelöst habe (vgl. Reinfeldt/Schwarz 1993: 5), aber Rassismus im wörtlichen Sinne beruft sich eben auf rassische, d. h. vermeintlich biologische, Merkmale und nicht auf kulturelle, d. h. über das Biologische hinausgehende, Differenzen, so dass ‚kultureller Rassismus‘ in gewisser Hinsicht ein Oxymoron ist, eine contradictio in adjecto, genauso wie ‚biologischer Rassismus‘ ein Pleonasmus ist. Nur ein semantisch durchlässiges, rhetorisch ausgerichtetes, durch und durch strukturelles Verständnis von ‚Rasse‘ und ‚Rassismus‘ lässt einen metaphorisierenden Begriffsgebrauch zu. Aber ein solches Verständnis ist nur schwer quer durch alle politischen Lager vermittelbar.

Die Diskriminierungsbekämpfung, die zusammen mit der Integrationsförderung zu migrationsgesellschaftlichen Schlüsselaufgaben gehört, sollte in erster Linie pragmatisch orientiert sein und sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen verlieren. Sie braucht allgemein vermittelbare Argumente, um die in der politischen und gesellschaftlichen Kommunikation veränderte Diskriminierungspraxis sachgemäß zu beschreiben und damit der eingangs erwähnten Diskriminierungsthese mehr Plausibilität zu verleihen. Diskriminierende – von jenen abgesehen, die sich unverblümt gegen ‚ethnische Überfremdung‘ aussprechen und damit eindeutig auf rassistischem Terrain bewegen –, sprechen von, und argumentieren mit, ‚Kultur‘; aber nicht mehr so, wie Theodor W. Adorno 1955 beobachtete, dass ‚Kultur‘ als „bloßes Deckbild“ anstelle von ‚Rasse‘ (vgl. Adorno 2003: 277) trete in dem Sinne, dass sie von ‚Kultur‘ sprächen, um eigentlich ‚Rasse‘ zu meinen. Sie sprechen von ‚Kultur‘ und meinen auch ‚Kultur‘, wobei sie darunter eine Kategorie verstehen, die in ihrem Denken und Handeln so funktioniert, wie Rasse im Rassismus funktioniert: Differenz markierend, Werte ausdrückend und Einheit verkörpernd.

3. Formen von Kulturalismus

Christian Koller schließt seine ebenso konzise wie fundierte Monographie zu Rassismus mit der Feststellung, dass „dem Antirassismus bislang ein […] theoretisch überzeugendes und zugleich propagandistisch einsetzbares Konzept [fehle], das dem kulturellen Neo-Rassismus wirkungsvoll entgegengehalten werden könnte“ (Koller 2009: 106). Der vorliegende Beitrag möchte als solches Konzept ‚Kulturalismus‘ vorschlagen – einen Begriff, der seit einiger Zeit als prägnantere Alternative zu den metaphorisierenden Begriffen wie ‚kultureller Rassismus‘ oder ‚Kulturrassismus‘ gebraucht wird, zu dem aber in diesem spezifischen Zusammenhang noch wenig eingehende Theoriebildung stattgefunden hat.

Mancher Rassismuskritiker mag dagegen einwenden, dem Begriff ‚Kulturalismus‘ fehle der wörtliche Bezug zu Rassismus und damit der eindeutige Hinweis darauf, dass er in struktureller Analogie zu, und als postkoloniale Fortsetzung von, Rassismus gesehen werden könne und solle. Das ist richtig. Aber ein solcher Hinweis muss nicht unbedingt im Wort enthalten sein; er kann auch anderweitig kommuniziert werden, was meines Erachtens notwendig und geboten ist. Und vielleicht wäre es sogar sinnvoller, Rassismus und Kulturalismus – neben Sexismus, Homophobie etc. – in einem übergeordneten Zusammenhang von diskriminierenden Ideologien zu sehen, als die spezifisch kulturbezogene Form der Diskriminierung – bei aller wichtigen Differenzierungsarbeit zwischen Antirassismus und Rassismuskritik – unter den vermeintlichen Oberbegriff ‚Rassismus‘ zu subsumieren.
Der Begriff ‚Kulturalismus‘ weist in dreierlei Hinsicht entscheidende Vorteile auf. Zum ersten ist er analytischer: Er unterscheidet sich von Rassismus und sensibilisiert zugleich für eine analoge Form der Diskriminierung, die es genauso zu ächten gilt wie Rassismus. Zum zweiten ist er terminologisch präziser: Er nennt das beim Namen, was bei der von ihm bezeichneten Diskriminierungspraxis im Vordergrund steht: Kultur, kulturelle Prägung, kulturelle Identität – aber auch kulturelle Vielfalt. Die Rede von kultureller Vielfalt kann nämlich dann problematisch werden, wenn damit der Eindruck vermittelt werden soll, es seien Personen, und nicht Praktiken, die zu solcher Vielfalt beitrügen. Möchte man Edward W. Said darin folgen, dass alle Kulturen heterogen sind (vgl. Said 1994: xxv), so sollte die Rede von kultureller Vielfalt eher tautologisch anmuten. Zum dritten, und meines Erachtens am wichtigsten: Der Begriff ‚Kulturalismus‘ erfasst auch die ‚gut gemeinte‘ Form der Diskriminierung, die es ebenso in unserer Gesellschaft gibt, die die Rassismuskritik eher seltener zum Gegenstand der Auseinandersetzung macht.

Kulturalismus kann, genauso wie Rassismus, in unterschiedlichen Formen auftreten. Je nach Grad der interkulturellen Orientierung lassen sich grundsätzlich drei Formen von Kulturalismus unterscheiden. Sie können entweder von Abwertung geprägt, struktureller Art oder von Wohlwollen getragen sein. Mit anderen Worten: Es gibt (1) den ‚abwertenden‘, (2) den ‚strukturellen‘ und (3) den ‚wohlwollenden‘ Kulturalismus.

(1) Der ‚abwertende‘ Kulturalismus beruht auf einer Denkweise, die die eigene Kultur als überlegen ansieht und andere Kulturen gering schätzt. Er glaubt nicht an die Vereinbarkeit von Kulturen, geschweige denn an die Vermischung von Kulturen. Er will es nicht wahrhaben, dass Kulturen sich seit jeher gegenseitig beeinflusst und miteinander verflochten haben. Stattdessen hält er an der Idee der kulturellen Reinheit fest, die es zu bewahren und zu beschützen gelte. Diese Form von Kulturalismus wird am ehesten mit Rassismus in Verbindung gebracht. Da es bei ihr, wie vorhin erwähnt, nicht mehr um rassische Merkmale, sondern um kulturelle Differenzen geht, wurden dafür Begriffe wie ‚kultureller Rassismus‘ oder ‚Rassismus ohne Rassen‘ vorgeschlagen (vgl. Balibar/Wallerstein, 28). Adornos Befund, „[d]as vornehme Wort Kultur [trete] anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse“ (Adorno 2003: 277), gibt umgekehrt zu bedenken, wie verfänglich die Versuchung ist, bei der Kulturalismuskritik auf die Kraft eines verpönten Wortes zu vertrauen, anstatt über die historische wie gegenwärtige Vermischung von Kulturen aufzuklären.


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