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vorgänge: Artikel - 17.05.18

Überschüsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerstören die Eurozone und gefährden die Europäische Union (II)

Rainer Land

in: vorgänge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 179-195


Im ersten Teil seines Beitrags (in Heft Nr. 220) erklärte Rainer Land, welche ökonomischen, gesellschaftlichen und ökologischen Probleme mit den Überschüssen in Außenhandelsbilanzen (und den notwendigen Defiziten anderer Länder) verbunden sind. Im zweiten Teil geht er auf die verschiedenen Ursachen für unterschiedliche Produktivitätsniveaus und die daraus entstehenden Differenzen in den Handelsbilanzen ein (etwa die Bevölkerungsstruktur, regionalen Infrastruktur- und Synergiebedingungen). Solche Differenzen wurden früher durch variable Wechselkurse (weitgehend) ausgeglichen. Mit der Einführung des Euros entfällt diese Möglichkeit des Ausgleichs für den europäischen Wirtschaftsraum. Zugleich fehlt es an einer europäischen Lösung, die eine adäquate Entwicklung der nationalen Lohnniveaus mit der Produktivität in den einzelnen Mitgliedstaaten gewährleisten könnte. Land zeigt, inwiefern die Wirtschafts- und Währungskrisen im gegenwärtigen Zustand unvermeidbar sind – und benennt mögliche Auswege.

 

Teil II: Überschüsse und Defizite im Detail – Ursachen und Ausgleichsmechanismen

4. Warum gibt es Überschüsse und Defizite?

Um zu verstehen, wie Überschüsse und Defizite zustande kommen, muss man sich mit drei Faktoren befassen: a) regionalen Unterschieden in der Produktivität, b) regionalen Unterschieden in der Bevölkerungszusammensetzung, vor allem dem Verhältnis der Zahl der Erwerbstätigen zur Einwohnerzahl und c) mit der Funktionsweise der Ausgleichsmechanismen, insbesondere den Transfersystemen sowie den differenzierten Lohnniveaus und ihrer Anpassung, die Veränderung von Wechselkursen eingeschlossen.

Überschüsse und Defizite gibt es zwischen Regionen innerhalb einer Volkswirtschaft sowie zwischen den Volkswirtschaften. Der Vergleich kann helfen, die Ursachen und die Funktionsweise der Ausgleichsmechanismen zu verstehen. Allerdings funktioniert der Ausgleich innerhalb einer Volkswirtschaft ganz anders als zwischen Volkswirtschaften.

 

4.1. Produktivitätsdifferenzen (8)

Die Produktivität in Ostdeutschland betrug 1989 etwa 44 Prozent der westdeutschen. Sie sank durch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zunächst (1991) auf 35 Prozent und stieg bis 2013 auf rund 76 Prozent der westdeutschen Produktivtät (Land 2015, Tabelle). Vieles weist darauf hin, dass sich dieser Abstand derzeit kaum verringert. Ein Rückstand von 35 zu 100 lässt sich nur in einer außergewöhnlichen Situation und mit besonderen Anstrengungen verkraften. Auch der heutige Rückstand (75 bis 80 zu 100) ist nicht unproblematisch.
Zwischen eigenständigen Volkswirtschaften sind solche Differenzen hingegen nicht selten. So haben die Euroländer Estland, Portugal, Griechenland im Vergleich zu Frankreich, einem großen Industrieland mit der höchsten Produktivität in der EU, eine Produktivität von 25, 38 bzw. 44 Prozent, während Deutschland 94 Prozent erreicht (s. Abbildung 4). (9)

 


Abb. 4: Reale Arbeitsproduktivität in Euro pro Arbeitsstunde zu konstanten Preisen (Quelle: Eurostat © Europäische Union, 1995-2017, eigene Grafik)


Folgende Gründe spielen eine Rolle: Erstens sind regionale Unterschiede der Produktivität durch die unterschiedliche Ressourcenausstattung, den Industrialisierungsgrad und die Wirtschaftsstruktur bedingt; sie spiegeln die pfadabhängige Entwicklung und Industrialisierungsgeschichte der einzelnen Regionen wider. Solche Differenzen sind unvermeidlich. Nicht jeder Unterschied in Ressourcen und Wirtschaftsstruktur hat unterschiedliche Produktivitätsniveaus zur Folge. Eine Region, die starke Kapazitäten im Bereich der Elektronik hat, kann mit einer anderen Region, in der starke Medien- oder Umweltunternehmen entstanden sind, durchaus auf gleichem Produktivitätsniveau (Wertschöpfung pro Arbeitsstunde) liegen.

Bei der Produktion fern-handelbarer Güter in modernen Industriegesellschaften, deren Preise weitgehend von überregionalen Märkten bestimmt werden, sind die Produktivitätsunterschiede weniger auf einzelbetriebliche Differenzen, sondern eher auf Synergieeffekte in Clustern zurückzuführen. Der Produktivitätsrückstand in Ostdeutschland (76 % im Jahr 2013) dürfte weder auf technologische Rückstände noch auf mangelhafte Qualifikation oder Motivation zurückzuführen sein. Ein einzelner Maschinenbaubetrieb in Mecklenburg könnte nicht überleben, wenn er deutlich schlechtere Produkte oder mit viel höheren Kosten produzieren würde. Die Angleichung des technologischen Niveaus führt aber nicht automatisch zu einer gleichen regionalen Produktivität. Ein High-Tech-Cluster aus vielen miteinander kooperierenden, aber auch im Wettbewerb stehenden Unternehmen (Forschung und Entwicklung, unternehmensbezogene Dienstleistungen und Infrastruktur eingeschlossen), wird viele innovative und hochpreisige Produkte herstellen und immer wieder neue entwickeln können. Im Ergebnis ist die Wertschöpfung des Clusters pro Beschäftigten bzw. pro Arbeitsstunde höher. Ein einzelner Maschinenbaubetrieb, wie etwa der Schiffsschraubenhersteller in Mecklenburg oder der Hersteller von sehr speziellen Operationstischen für Krankenhäuser in Thüringen, ist für sich genommen wahrscheinlich nicht weniger produktiv als ein vergleichbarer Betrieb in Baden-Württemberg oder in Boston (Massachusetts). Aber in peripheren Regionen gibt es weniger solche Betriebe und der Anteil der Beschäftigten in prosperierenden Branchen ist geringer.

In der Regel sind Regionen in verschiedenen wirtschaftlichen Entwicklungszyklen. Eine Region, in der neue und expandierende Wirtschaftszweige entstanden sind (Silicon Valley), ist in einer anderen Lage als eine altindustrielle Region (Ruhrgebiet, Lausitz), in der bestimmte Produktionszweige überflüssig werden, schrumpfen oder ganz verschwinden und deren Produkte ausgesondert werden. Daher gibt es Regionen, die früher Überschüsse hatten, jetzt aber ein Produktionsdefizit aufweisen (z.B. die Lausitz, Teile des Ruhrgebiets, Schiffbaustandorte), und solche, die früher niedrige Einkommen hatten, jetzt aber prosperierende Überschussregionen geworden sind (wie Teile von Bayern).

Eine zweite Ursache sind Preisdifferenzen bei nicht fern-handelbaren, lokalen Gütern. Solche Güter und Dienstleistungen sind ein beträchtlicher Teil des regionalen Umsatzes (30 bis 40 Prozent). Dazu gehören Bauleistungen, lokales Handwerk, personenbezogene und andere Dienstleistungen, ein Teil des Einzelhandels und des Gastgewerbes. Dabei sind regionale Preisdifferenzen für die Produktivitätsunterschiede relevant. Kostet eine Bauleistung in München das Vierfache im Vergleich zu Friedland (Mecklenburg), dann ist auch die Produktivität (BIP pro Stunde) entsprechend höher, selbst wenn es keine Unterschiede in der Technologie gibt. Ein Friseur, der zwei Köpfe pro Stunde frisiert, bekommt in München 50 Euro dafür, in Putlitz hingegen nur 25. Der Münchener Friseur ist – wirtschaftlich betrachtet – doppelt so produktiv, obwohl er technologisch (Köpfe pro Stunde) die gleiche Produktivität hat (vgl. Anm. 8).

Drittens ist die Zusammensetzung der Bevölkerung von Bedeutung, zwar nicht für die Produktion pro Arbeitsstunde, aber pro Einwohner. Vergleichen wir zwei Regionen A und B mit je 5.000 Einwohnern, die dieselbe Arbeitsproduktivität von 50 Euro pro Stunde haben sollen. In der Region A sind 2.000 Einwohner beschäftigt, in der Region B 3.000. In A beträgt die Wertschöpfung pro Einwohner und Stunde dann 20 Euro, in der Region B 30 Euro pro Stunde, obwohl die Produktivität pro Arbeitsstunde gleich ist. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Region B 50 Prozent produktiver. Die Bevölkerungszusammensetzung beeinflusst die Produktivität im Verhältnis der Regionen zueinander. Je höher der Anteil von nicht erwerbstätigen Personen (Rentnern, Kindern, Arbeitslosen), desto geringer ist die regionale Produktivität bezogen auf die gesamte Einwohnerzahl.

Auch im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland spielt dies eine Rolle. Bezogen auf die Arbeitsstunde lag das ostdeutsche BIP bei 76 Prozent des westdeutschen (2013), bezogen auf die Einwohnerzahl aber nur bei 66 Prozent (vgl. Land 2015, Tabelle). Der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung war in Ostdeutschland wegen der Abwanderung seit 1990 deutlich geringer, die Produktivität (bezogen auf die Einwohnerzahl) entsprechend niedriger. Diese Differenzen wären noch höher, wenn man periphere Regionen wie Vorpommern mit Jena oder Hamburg vergleichen würde.

Zusammengefasst: Produktivitätsdifferenzen ergeben sich a) aus Produktivitätsunterschieden bei der Herstellung überregional handelbarer Güter (Produktpalette, Ressourcenausstattung, Forschung und Entwicklung, Qualifikation, Clustereffekte), b) aus den Preisdifferenzen bei nicht handelbaren Gütern und c) aus der Relation der Erwerbstätigen zur Gesamtbevölkerung.

Die Ausgleichsmechanismen für Produktivitätsdifferenzen innerhalb einer Volkswirtschaft und zwischen Volkswirtschaften unterscheiden sich grundsätzlich. Innerhalb einer Volkswirtschaft sind Transfers entscheidend, Lohndifferenzen spielen eine nachgeordnete Rolle. Zwischen Volkswirtschaften spielen Transfers eine geringe Rolle, der Ausgleich erfolgt hauptsächlich durch differente Lohnniveaus.

 

4.2. Ausgleichsmechanismen innerhalb einer Volkswirtschaft

In einem geschlossenen Wirtschaftssystem – einer aus mehreren Regionen bestehenden Volkswirtschaft (vom Außenhandel wird jetzt abgesehen) – muss immer genau so viel verbraucht, d.h. konsumiert plus investiert werden (real, d.h. in Form von Gütern und Leistungen), wie produziert wurde. Produziert eine Region innerhalb einer Volkswirtschaft mehr als sie verbraucht, hat sie einen Überschuss, was aber nur möglich ist, wenn eine andere Region mehr verbraucht, als sie produziert. Solche Differenzen sind innerhalb einer Volkswirtschaft normal. In Deutschland beispielsweise dürften viele Regionen in Baden-Württemberg mehr produzieren als sie verbrauchen, während im Ruhrgebiet oder in Sachsen-Anhalt Defizitregionen überwiegen dürften. In Mecklenburg-Vorpommern dürfte Stavenhagen eine Überschussregion sein, während Friedland und Woldegk weniger produzieren, als sie verbrauchen.

Überschüsse und Defizite müssen sich ausgleichen: Waren, Güter und Dienstleistungen wandern aus den Überschuss- in die Defizitregionen, aber die Zahlungen dafür bewegen sich in umgekehrte Richtung, denn die regional importierten Waren müssen natürlich bezahlt werden. Woher aber nehmen Defizitregionen das „Geld“ (eigentlich: das Einkommen), um den Import aus den Überschussregionen zu bezahlen? Die eigenen interregionalen Exporte reichen jedenfalls nicht. Gäbe es keinen finanziellen Zufluss, müssten die Haushalte, die Regionalverwaltung und/oder die Unternehmen ihre Ausgaben für Löhne, Investitionen und öffentliche Ausgaben reduzieren – was teilweise aus rechtlichen Gründen nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist (z.B. Renten, Sozialausgaben, Gesundheit, Schule) und zudem die Region in eine Abwärtsspirale ziehen würde (z. B. wenn die Löhne regional sinken, die Bevölkerung daher stärker abwandert, die Wirtschaftsleistung weiter abnimmt usf.).

Die Einnahmen aus dem Güterexport sind in der Überschussregion laufend höher als die Ausgaben, in der Defizitregion laufend geringer. Der Warenaustausch zwischen beiden ist nur möglich, wenn die Differenz finanziell laufend ausgeglichen wird, und zwar durch Finanztransfers aus den Überschuss- in die Defizitregionen. Die Überschussregionen müssen ihren Warenexport in die Defizitregionen mittels Transfers irgendwie selbst bezahlen – aber wie? (10)

Welche Transfers kommen in Frage? Zunächst private Transfers, z.B. von Pendlern, die in der Überschussregion arbeiten, aber einen Teil des Einkommens am Familiensitz in der Defizitregion ausgeben oder an die Familie „zu Hause“ überweisen. Große Bedeutung haben die Transfers der Sozialsysteme: In der Überschussregion wird laufend mehr in die Sozialsysteme ein- als ausgezahlt, weil es hier relativ zur Gesamtbevölkerung mehr gut verdienende sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gibt. Umgekehrt in der Defizitregion, weil es hier relativ mehr Rentenempfänger, Arbeitslose und Sozialleistungsempfänger gibt. Der dritte große Block sind die laufenden Staatsausgaben, der Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern, Regionen und Kommunen und schließlich die privaten und öffentlichen Investitionen sowie die Wirtschaftsförderung. Würden diese Transfers nicht die interregionalen Handelsbilanzsalden ausgleichen, käme der Güterverkehr zwischen den Regionen zum Erliegen, die Überschüsse könnten nicht abgesetzt werden. Überschuss- wie Defizitregionen würden dabei verlieren: die Überschussregion würde Einnahmen und Einkommen verlieren und die Defizitregion die benötigten Produkte nicht mehr bekommen; sie würden erodieren und verfallen. Ohne den Ausgleich regionaler Überschüsse und Defizite würde die Volkswirtschaft in kleinere Einheiten mit insgesamt deutlich niedrigerem Produktivitätsdurchschnitt und stark unterschiedlichen Einkommensniveaus zerfallen.


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