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Rezension, vorgänge: Artikel - 17.05.18

Ein misslungener Film über einen Internetkonzern. James Ponsolds Verfilmung von „The Circle“

Axel Bussmer

in: vorgänge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 221-224

Szenenbild aus dem Film


Vor fünf Jahren war Dave Eggers‘ „Der Circle“ in den Feuilletons und Bestsellerlisten das Buch der Stunde. Seine Anti-Utopie enthielt eine seitenstarke Anklage gegen Facebook und Konsorten, warnte vor dem Überwachungswahn von Internetfirmen und der freiwilligen Preisgabe intimster Details. Eggers reihte sich damit, wenigstens im Werbesprech, ein in die Reihe großer Science Fiction-Romane wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ ( 1932), George Orwells „1984“ (1949) und Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953). Dass Eggers‘ Dystopie für Science-Fiction-Fans spätestens seit dem Cyberpunk ein alter Hut ist, dass sie deutlich länger und oberflächlicher als die eben genannten Klassiker ist – geschenkt, solange das Werk auf ein aktuelles Problem aufmerksam machen kann und eine breite Diskussion darüber anstößt.

Eggers zeigt die subtilen Methoden, mit denen Arbeitgeber ihre Angestellten und Kunden beeinflussen: Sie müssen keinen Druck ausüben, weil, wie in einer Sekte, alle Circle-Mitarbeiter sich freiwillig dem Gebot der Transparenz unterwerfen, intimste Details miteinander teilen und sich gegenseitig über den grünen Klee loben.

Im September 2017 lief in Deutschland James Ponsoldts Verfilmung des Romans in den Kinos an. Ein Blick auf die Besetzungsliste verspricht einen hochkarätig besetzten Film. Emma Watson („Harry Potter“, „Die Schöne und das Biest“), John Boyega („Star Wars: Das Erwachen der Macht“, „Star Wars: Die letzten Jedi“), Everybody's Darling Tom Hanks und Allzweckwaffe Patton Oswalt sind dabei. Darren-Aronofsky-Stammkameramann Matthew Libatique übernahm die Kamera. Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman schrieb die Musik.

Dennoch waren in den USA die Kritiken verheerend, an der Kinokasse blieb der Film weit hinter den Erwartungen zurück. Weltweit spielte „The Circle“ 34 Millionen US-Dollar ein, in Deutschland sahen ihn etwas über 432.000 Zuschauer. Bei einem Budget von 18 Millionen Dollar ist das nicht besonders überragend, angesichts des gründlich misslungenen Films aber nachvollziehbar.

Im Mittelpunkt des Buches und des Films steht die 24-jährige Mae Holland. Sie erhält, protegiert von ihrer Freundin Annie Allerton, eine Stelle bei der Internetfirma „Circle“. Die ist, kurz gesagt, ein das Internet beherrschender Monopolist, der alle möglichen Dienste anbieten - so eine Art Super-Facebook-Amazon-YouTube-Twitter-Instagram-undwasessonstnochgibt, bei dem fast jeder Mensch ein persönliches TruYou-Konto hat. Ihre Arbeit beginnt Mae in der Kundenbetreuung. In den ersten Tagen erkundet sie die riesige Firmenzentrale: ein Campus mit kostenlosen Mahlzeiten (teils von Spitzenköchen zubereitet), Apartments (bei Bedarf) und Endlospartys mit bekannten Künstlern (im Film tritt Beck auf). Mae ist immer wieder begeistert, dass sie einen der gerade angesagten Musiker sehen kann. Die Firmenchefs wollen natürlich, dass ihre Angestellten sich wohl fühlen. Deshalb gibt es auch eine kostenlose Gesundheitsvorsorge; bei Bedarf auch für die Eltern. Und weil Maes Vater MS hat, ist das eine tolle Sache.

Bei einer seiner regelmäßigen Präsentationen vor seinen Angestellten, die ihn wie einen Guru verehren, stellt Circle-Firmengründer Eamon Bailey sein neues Projekt SeeChange vor. Mit Minikameras, die überall auf der Welt verteilt werden, kann er vor dem Surfen sehen, ob die Wellen gut sind; ob seine Mutter in ihrer Wohnung nicht gestürzt ist (er hat die Kameras ohne ihr Wissen angebracht); ob irgendwo auf der Welt gerade etwas Schlimmes passiert, wie ein polizeilicher Übergriff oder die blutige Niederschlagung einer friedlichen Revolution. Die Kameras schaffen Transparenz für die gute Sache und führen zu einer besseren Welt, meint Bailey.

Als Mae bei einer nächtlichen Kajakfahrt fast ertrinkt, wird sie durch die SeeChange-Kamera vor dem Ertrinken gerettet; sie sorgen dafür, dass Rettungskräfte informiert werden. Danach ist sie von Baileys Vision einer Gesellschaft, in der man immer überwacht wird, restlos überzeugt. Sie beschließt, als erste Person weltweit, vollkommen transparent zu werden. Ab jetzt überträgt eine Kamera ständig ins Internet, was sie gerade tut und mit wem sie sich worüber unterhält. Mae will, dass alle Menschen ihrem Beispiel folgen. Ihr Motto, das gleich vom Circle übernommen wird: „Geheimnisse sind Lügen – Teilen ist Heilen – Alles Private ist Diebstahl“.

Während der Roman diese Geschichte (keine Panik, sie geht noch weiter) stringent als Verführungs- und Aufstiegsgeschichte erzählt, geht der Film einen anderen Weg. Dass dafür einige Details verändert werden und dass aus zwei im Roman wichtigen Personen im Film eine wird, ist für das Scheitern des sich insgesamt sehr nah am Roman bewegenden Films letztendlich egal. Problematischer ist, dass für die Verfilmung die Motivation der Charaktere für ihr Handeln verändert wird. Das hat Auswirkungen auf unseren Blick auf die Person und ihr Handeln. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Film entscheidet sich Mae für die Transparenz, weil sie mit Hilfe der SeeChange-Kameras vor dem Ertrinken gerettet werden konnte. Im Roman dagegen wird sie durch die SeeChange-Kameras beim Diebstahl des Kajaks erwischt und kann nur dank der Intervention der Besitzerin des Bootsverleihs, die für ihre Stammkundin Mae lügt, einer Verhaftung entgehen. Anschließend redet Bailey mit ihr über den nächtlichen Bootsausflug und fragt sie, ob sie das Boot auch dann gestohlen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie bei dem Diebstahl gefilmt werde.

In diesem und in vielen anderen Momenten zeigt Eggers, wie Mae manipuliert wird: Ständig wird ihr ein schlechtes Gewissen eingeredet. Sie verändert ihr Verhalten, passt sich klaglos den Circle-Regeln an und wird immer mehr zu einer überzeugten Circle-Jüngerin, weil sie so ein besserer Mensch wird. Gleichzeitig gibt es im Roman, auch nachdem Mae ihr gesamtes Leben ins Internet überträgt, immer wieder Brechungen. So verändern Mae und ihre Gesprächspartnerinnen bei ihren Begegnungen bewusst ihr Verhalten. Sie wissen in dem Moment, dass sie sich vor einem Millionenpublikum unterhalten. Mae schauspielert, und sie weiß das. Eine Intimsphäre hat sie nur noch in wenigen Momenten ihres Lebens. Wenn sie schläft, nimmt sie die Kamera ab; wenn sie auf die Toilette geht, wird die Kamera für drei Minuten stumm gestellt. Auch im Roman geht ihre Entwicklung weiter: Sie wird zu einer immer lautstärkeren Verfechterin der Circle-Philosophie und sie möchte, dass der Kreis sich schließt; auch wenn sie keine Ahnung hat, was das sich Schließen des Circle-Kreises bedeuten wird.

Im Film – und das ist sein größtes Manko – enthüllt Regisseur und Drehbuchautor James Ponsoldt sehr früh die Motive des Circle und die damit verbundenen Gefahren für unser Zusammenleben. Danach weiß Mae, dass ihr Arbeitgeber nicht so edel ist, wie er behauptet. Als aber die nächste App auf ihrem Computer installiert wird, denkt sie nicht mehr daran. Es ist ihr egal, hat keine Auswirkung auf ihr Handeln. Die Protagonistin hat keine Entwicklung, sondern bleibt durchgehend naiv. Jedes Mal, wenn ihr eine besonders wichtige Circle-App präsentiert wird, runzelt sie skeptisch die Stirn (nein, das kann Emma Watson nicht besonders gut), um dann sofort die App begeistert und vollkommen kritiklos anzuwenden.

Deshalb ist das Ende des Films, das sich vom Romanende unterscheidet, ärgerlich. Das Romanende ergibt sich aus der vorherigen Geschichte. Im Film ist man dagegen von Maes Handlung überrascht, weil sie dramaturgisch nicht vorbereitet wurde. Es ist das Ende eines Films, der unter seiner glänzenden Oberfläche das Potential seiner Geschichte niemals auch nur im Ansatz ausschöpft, weil er durchgehend viel zu nah am schwachen Romantext bleib. Die wenigen Veränderungen schwächen die Geschichte eher, als dass sie sie stärken.

 

The Circle (The Circle, USA/UAE 2017)
Regie: James Ponsoldt
Drehbuch: James Ponsoldt
mit Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Ellar Coltrane, Patton Oswalt, Glenne Headly, Bill Paxton, Jimmy Wong, Judy Reyes, Beck (als Beck)
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Die DVD/Blu-ray erschien Ende Januar 2018 bei Universum Film.


Die literarische Vorlage:

Dave Eggers: Der Circle. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. KiWi, 2015. 560 Seiten für 10,99 Euro. (Originalausgabe: The Circle. Knopf, 2013)