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vorgänge: Artikel - 1.08.18

Das späte Erinnern an die Rolle des Sports in der NS-Diktatur

Hans Joachim Teichler

in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 115-129

Der Breitensport ebenso wie die sportlichen Großereignisse wurden im Nationalsozialismus vielfach für faschistische Zwecke in Anspruch genommen. Wie vielen anderen Institutionen fiel es den Sportverbänden in der Nachkriegsära schwer, sich mit diesem Erbe kritisch auseinander zu setzen. Hans Joachim Teichler skizziert die verschiedenen Phasen der Erinnerung und des Aufarbeitens der NS-Bezüge im deutschen Sport.


Im „kollektiven Gedächtnis“ der deutschen Mehrheitsbevölkerung gehört der Sport zu den positiv besetzten Erinnerungen an die NS-Zeit. Das hat Alexander von Plato, der sich in seinem Hagener Institut für Geschichte und Biographie intensiv damit beschäftigt, wie historische Erfahrungen verarbeitet werden, erst vor kurzem bestätigt.[1] „Man“ erinnert sich an die Erfolge der Silberpfeile, die Kämpfe von Max Schmeling, an die Erfolge bei den Olympischen Spielen, an die Siegesserie von Schalke 04 und die eigene Punktzahl im Führerzehnkampf der HJ. Weithin vergessen ist die Zerschlagung des Arbeitersports und das Verbot der konfessionellen Sportorganisationen. Insofern existierte auch kaum ein öffentlicher Druck, sich mit der Geschichte des Sports im Nationalsozialismus zu befassen. Dass die Attraktivität des Sports in HJ und BdM höhere Bindungskräfte als die NS-Ideologie bei den Jugendlichen erzielte, erkannten schon die Gewährsleute der geheimen Berichte aus dem Reich für die Exil-SPD (Teichler 1997). Dass es sich aber bei der Erhöhung der Sportstundenzahl an den Schulen auf fünf Stunden wöchentlich sowie bei der Attraktivität und Faszination der technischen Sportarten in den Eliteschulen um eine hochgradig instrumentalisierte Moderne handelte, haben nur wenige erkannt.

Die verbale und praktische Radikalisierung des Sportwesens, die sukzessive Aushöhlung des Verbands- und Vereinswesens, um dessen Erbe sich noch im Krieg KdF und SA stritten (Luh 2005), blieb den praktizierenden Sportlern oftmals verborgen. Bezüglich ihrer jüdischen Sportkameraden verhielten sich die Sportler nicht anders als das Gros der Bevölkerung. Manche begrüßten ihren Ausschluss, die Mehrheit schaute weg und nur wenige versuchten zu helfen.

Beginn der wissenschaftlichen Aufarbeitung

Die entsprechenden wissenschaftlichen Ergebnisse, die, beginnend mit Hajo Bernetts Arbeiten 1966 und 1971, eine große Affinität des bürgerlichen Sports zur NS-Diktatur belegten und die Mär der Gleichschaltung widerlegten, wurden vom organisierten Sport nicht oder nur zögernd zur Kenntnis genommen. Heute weiß man, dass 1933 ein unwürdiger Wettlauf zwischen Turnen und Sport um die Gunst der neuen Machthaber einsetzte und dass der fast überall erfolgte Ausschluss der jüdischen Sportler und Sportlerinnen aus den bürgerlichen Sportvereinen im Jahr 1933 ohne gesetzliche Vorgaben erfolgte.[2]

In den Akten der Berliner Turnerschaft Korporation, die d. Verf. Mitte der 1970er Jahre im Bundesarchiv Koblenz als Erster auswertete, kann man die damit verbundene Tragödie für die ausgeschlossenen jüdischen Vereinsmitglieder, zu denen auch der Olympiasieger von 1896 und Turnfestsieger Alfred Flatow (vgl. Bernett 1987) gehörte, nachlesen und nachempfinden. Zahlreiche prominente jüdische Sportler, wie z.B. der Davis-Cup-Spieler Daniel Prenn, emigrierten. Andere, wie der Turnolympiasieger Alfred Flatow oder die Leichtathletik-Weltrekordlerin Lilli Henoch, blieben und wurden Opfer des Holocaust. Als in Berlin unter hohen bürokratischen Hürden der Alliierten 1947 wieder Anträge für die „Zulassung für nichtpolitische Organisationen“ gestellt werden konnten, stand der letzte NS-Vereinsführer der Berliner Turnerschaft Korporation, um bei unserem Vereinsbeispiel zu bleiben, nicht auf der Liste, man hielt ihn für zu belastet. Das hinderte ihn 1950 nicht (als die alliierten Kontrollen weggefallen waren), erfolgreich für die Präsidentschaft im Landesverband zu kandidieren.

Wie ging der deutsche Sport, dessen Funktionäre die Umwandlung des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) im Jahr 1938 unisono als politische Aufwertung begrüßt hatten, nach 1945 mit seinem braunen Erbe um?

 

Phasen des Erinnerungsverhaltens

Die verschiedenen Phasen des Erinnerungsverhaltens (von Erinnerungs-Kultur kann hier nicht die Rede sein) beginnen mit einer kollektiven Verdrängung und Erinnerungsverweigerung.

Carl Diem, Organisator der Olympischen Spiele 1936 und altgedienter Sportfunktionär seit der Kaiserzeit, hatte noch im März 1945 die Jugend zur soldatischen Pflichterfüllung aufgerufen[3] und in den ersten Kriegsjahren dem Reichssportführer als kommissarischer Leiter der Auslandsabteilung gedient. Diem nahm nach dem 8. Mai 1945 seine internationalen Kontakte wieder auf und stellte sich dem Hauptsportamt Berlin als einziges Nicht-Parteimitglied der Sportführung zum Wiederaufbau der Sportlehrerausbildung zur Verfügung. Er wurde wenig später Rektor der Deutschen Sporthochschule Köln und nebenberuflicher Sportreferent der Bundesregierung. Er und später zunächst auch seine Nachlassverwalter sahen seine Rolle im Nationalsozialismus ausschließlich auf olympische Ämter begrenzt.

Hermann Altrock, seit 1925 der erste deutsche Sportprofessor, legte in Leipzig am 1. Juni 1945 eine Denkschrift vor, in der er den Sport als Mittel zur Steigerung der Volksgesundheit und Leistungsbereitschaft sowie als „Sicherheitsventil zur Ableitung überschüssiger Kräfte zur Verhütung von politischen Infektionen“ anpries. Nur zwei Jahre zuvor hatte er noch die „Ausbildung der hohen Rasse nordischer Prägung“ als Ziel der „Erziehung vom Leibe her“ propagiert (Teichler 2005b). Trotz NSDAP- und SA-Mitgliedschaft sah er sich als Opfer des Regimes und begann einen regen Briefwechsel mit Diem, der ihm später einen erfolgreichen Persilschein ausstellte.

Geprägt waren die ersten Nachkriegsjahre jedoch durch die überall feststellbaren Bemühungen, den praktischen Sportbetrieb wiederaufzunehmen. Obwohl das NSDAP-Verbot auch alle im NSRL organisierten Sportvereine einschloss, entwickelte sich in den Westzonen – meist unter dem Deckmantel des kommunalen Sports – recht schnell wieder ein Sportbetrieb, der sich auf den Kern der alten Vereine und Verbände stützte, wenngleich diese offiziell noch nicht wieder zugelassen worden waren.

1946 gründeten sich, wie in Bayern und Hessen, die ersten Landessportbünde, meist mit ehemaligen unbelasteten Arbeitersportlern an der Spitze, die glaubten, dass die Führung der neuen demokratischen Sportbewegung nach der engen Liaison des bürgerlichen Sports mit der NS-Bewegung ihnen automatisch zufallen würde. Dies erwies sich aber schnell als Irrglaube: In den Verbänden – vor allem im Fußball – dominierten mit Ausnahme weniger besonders belasteter Funktionäre die alten Verbandsvertreter, die ihre Aktivitäten im Dritten Reich nunmehr als unpolitisch und rein sportfachlich darstellten. Während die ehemaligen Arbeitersportler eine überfachliche, regionale Organisationsform des Sports anstrebten, beharrten die bürgerlichen Funktionäre auf dem Fachverbandsprinzip. Von 1946 bis 1950 dauerte der Streit zwischen dem regionalen und dem verbandsfachlichen Sportorganisationsprinzip an, bis ein Kompromiss für die Gründung des Deutschen Sport Bundes gefunden wurde. Bei den Wahlen für die Führung des DSB im Dezember 1950 dominierten die bürgerlichen Vertreter der Fachverbände, so dass es erst des Verzichts des Leichtathletikpräsidenten Max Danz bedurfte, um mit Oskar Drees auch einen Vertreter des Arbeitersports in die Führung zu wählen (vgl. Nitsch 1990). Das Nationale Olympische Komitee (NOK)  hatte sich unter der Federführung Diems und des Herzogs von Mecklenburg schon 1949 wiedergegründet (vgl. Lämmer 1999). Diem gründete 1947 die Sporthochschule in Köln, Altrock wurde 1948 an das Institut für Leibesübungen der Universität Frankfurt berufen und zum Leiter der Arbeitsgemeinschaft der Institutsdirektoren gewählt, die mit Ausnahme von Diem alle NSDAP-Mitglieder gewesen waren (Teichler 2005a). Die mahnenden Stimmen von Emigranten, wie dem Sportreferenten der SPD, Heinrich Sorg, oder des jüdischen Sportjournalisten Willy Meisl, die sich gegen diese personelle Kontinuität aussprachen, wurden als politische Einmischungen in den „unpolitischen Sport“ zurückgewiesen.

 

Die langen 1950er Jahre

Die personelle Kontinuität zwischen dem bundesdeutschen Sport der 1950er Jahre und dem NS-Regime war keine Erfindung der DDR, die sich diese propagandistische Chance zur Verunglimpfung des gesamten bundesdeutschen Sports natürlich nicht entgehen ließ: Die prominentesten Beispiele sind Karl Ritter von Halt, der als SA-Oberführer, Mitglied des Freundeskreises Reichsführer SS und als letzter kommissarischer Reichssportführer zum Chef des westdeutschen NOK gewählt wurde und die deutsche Mannschaft als Chef de Mission 1952 nach Helsinki führte.[4] Selbst enge Mitstreiter, wie Ritter von Lex, in der NS-Zeit Sportreferent im Innenministerium und in den 1950er Jahren dort Staatssekretär, bescheinigten ihm eine im Laufe der 12 Jahre sich verstärkende braune Gesinnung. Dann muss natürlich Guido von Mengden genannt werden, der als höchster Hauptamtlicher des NS-Sports unter Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten ein glühender NS-Propagandist war, nach dem Krieg in der Baufirma des DFB-Präsidenten Peco Bauwens untertauchte, kurzfristig unter dem Pseudonym „Till van Rhyn“ publizierte und in den 1950er Jahren wieder höchster Hauptamtlicher im bundesdeutschen Sport wurde (Bernett 1976). Auf Carl Diem wurde schon hingewiesen. Hermann Altrock wurde – wie bereits erwähnt – 1948 zum Chef der Arbeitsgemeinschaft der Institutsdirektoren gewählt, das war die erste sportwissenschaftliche Vereinigung der Bundesrepublik.

Während die DDR das Sportsystem des Nationalsozialismus kopierte (Betriebssportgemeinschaften nach dem Muster der NS-Organisation Kraft durch Freude, Kinder- und Jugendsport zunächst im Rahmen von Jungen Pionieren und FDJ wie bei HJ und BdM und eine von der Partei geführte Sportorganisation; s. Teichler 2006), hatte der Westen das Personal übernommen.

Die neugewonnene ökonomische Prosperität und politische Stabilität stärkte im Westen gerade die Kräfte, die am wenigsten an einer Beleuchtung ihrer NS-Vergangenheit interessiert waren. Neben dem politischen Establishment war auch ein Großteil der Bevölkerung an einer konsequenten Aufarbeitung der NS-Zeit wenig interessiert. Die materiellen Entbehrungen und psychologischen Überforderungen durch die Kriegs- und Nachkriegszeit hatten bei vielen zu dem alleinigen Wunsch nach „Ruhe, Ordnung und Wohlstand“ geführt. Die NS-Zeit war also ein ungeliebtes Thema und wurde bewusst oder unbewusst tabuisiert und verdrängt. Im Bereich der bundesdeutschen Sportwissenschaft sorgte schon die persönliche Verstrickung für Verschweigen und Verniedlichung.

Nach Moshe Zimmermann[5] gibt es in der Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts einen wesentlichen Unterschied. Während bei der Erinnerung an die NS-Zeit zu Anfang die Erinnerungen der Opfer den Erinnerungsdiskurs prägten und die Täter zunächst schwiegen, scheint aus seiner Sicht nach der Friedlichen Revolution und dem Ende der DDR die umgekehrte Tendenz vorzuherrschen. Zumindest der erste Teil der Aussage trifft für den Sport nicht zu. Die ersten schriftlichen Aussagen zum Sport im Nationalsozialismus stammen von Carl Diem und Guido von Mengden (letzterer sogar im Jahrbuch des DSB von 1955). Erst Geschichte machen, dann beschönigen oder verfälschen – mehr kann man zu diesen apologetischen Arbeiten aus historischer Sicht nicht sagen.


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