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vorgänge: Artikel - 1.08.18

Doping – ein ungelöstes Problem des Sports

Michael Krüger

in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 39-54

Die Versuche, mit Medikamenten und anderen chemischen Stoffen die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern, sind weder eine Erfindung der Moderne, noch des Sports. Im Leistungssport wird Doping jedoch zunehmend problematisiert, kontrolliert und sanktioniert – bisher freilich ohne die Aussicht, dass sich dies abstellen ließe. Wie sich Doping und der Kampf gegen Doping gemeinsam entwickelt haben, welche Rolle die Professionalisierung des Sports dabei spielte und warum der moderne Leistungssport ohne Doping kaum denkbar ist, schildert Michael Krüger im folgenden Beitrag.

 

Einleitung

Doping wird als das größte Problem des Sports unserer Zeit angesehen. Das Verbot von Doping im Sport hat den Zweck, die Gesundheit der Athleten zu schützen und Betrug zu verhindern. “To protect the Athletes’ fundamental right to participate in doping-free sport and thus promote health, fairness and equality for Athletes worldwide”, wird im Strategic Plan der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) als ihr wichtigstes Ziel bezeichnet. Um dieses Ziel zu erreichen, soll systematisch und weltweit gegen Doping vorgegangen werden: “To ensure harmonized, coordinated and effective anti-doping programs at the international and national level with regard to detection, deterrence and prevention of doping”.[1] Die WADA war 1999 von Staaten und Sportorganisationen mit dem Ziel gegründet worden, den Kampf gegen Doping effektiver zu führen und zu gewinnen.[2]

Trotz aller Anti-Dopingmaßnahmen scheint das Doping-Problem nicht nur nicht beherrscht zu werden, sondern weiter zu wachsen. Die Medien tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei, weil sie auf der Suche nach Sensationen und Skandalen beim Thema Doping leicht fündig werden. Ein aktuelles Beispiel sind die jüngsten Enthüllungen zum sogenannten russischen Staatsdoping, das von der investigativ arbeitenden ARD-Dopingredaktion aufgedeckt wurde.[3] Immer wieder geht es darum, dass Athleten unerlaubte Mittel nutzen, anstatt sich an die Regeln zu halten; dass Ärzte, Betreuer und Funktionäre Athleten beim Dopingbetrug unterstützen, anstatt sie davon abzuhalten; dass Sportverbände bei der Kontrolle ihrer Dopingregeln versagen, anstatt die Regeln durchzusetzen; dass Staaten und Verbände, anstatt Doping zu verbieten und zu kontrollieren, Doping unterstützen oder sogar verordnen. Obwohl es keine Menschengruppe gibt, die medizinisch und biochemisch so intensiv getestet und kontrolliert wird wie Hochleistungssportler, dreht sich die Dopingspirale weiter. Der „gläserne Mensch“ ist im Hochleistungssport Wirklichkeit geworden,[4] und trotzdem verfestigt sich der Eindruck, dass es mit dem Dopingbetrug schlimmer statt besser werde. Der gläserne Athlet scheint an die Stelle des „mündigen Athleten“ getreten zu sein.[5] Die Dopingexperten Verner Møller und Paul Dimeo bezeichnen diese Entwicklungen als „the end of sport“.[6]

Im Folgenden wird die Genese von Doping und Anti-Doping in ihren Grundzügen geschildert. Danach wird das Dopinggeschehen in größere historische und soziale Kontexte gestellt, bevor über Hintergründe und Ursachen von Doping reflektiert wird. Doping gehört inzwischen zu den am intensivsten erforschten Themen des Sports. Der Beitrag stützt sich auf die wichtigsten Studien und Arbeiten zu diesem Feld.[7]

 

Was ist Doping und wie haben sich Doping und Antidoping entwickelt?

Die zentrale These der historisch und soziologisch ausgerichteten Studie von Marcel Reinold zur Geschichte des Dopings und Anti-Dopings lautet, dass es Doping erst gibt, seit es Anti-Doping gibt. Doping sei eine „Konstruktion“, so Reinold, genauer gesagt eine historische und soziale Konstruktion.[8] Doping sei das Ergebnis eines Diskurses, in dem die Einnahme von leistungssteigernden Mitteln und Medikamenten im Sport als Doping bezeichnet und verboten wurde. Deshalb seien Doping und Anti-Doping nicht voneinander zu trennen.

Die Diskussion über Doping geht zurück bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als sich der moderne Leistungs- und Wettkampfsport in den westlichen, zivilisierten Ländern verbreitete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte wieder aufgegriffen. Die Kriegserfahrungen von Soldaten haben wesentlich dazu beigetragen, dass insbesondere Aufputschmittel und Drogen, die in allen Armeen verwendet wurden und werden, auch im Leistungssport zum Einsatz kamen. Die bekannteste Aufputschdroge, die in der deutschen Wehrmacht anfangs sogar von der Armeeführung ausgegeben wurde, war Pervitin.[9] Ähnliche Mittel mit denselben Wirkstoffen (Metamphetamine) wurden auch in anderen Armeen eingesetzt.[10] Pervitin war nach dem Zweiten Weltkrieg eines der am weitesten verbreiteten Aufputschmittel im Sport. Ebenso haben der Vietnamkrieg, die Afghanistan-Kriege und die Irakkriege zur Verbreitung von Drogen, allgemein Suchtmitteln sowie Psychopharmaka beigetragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich insbesondere in Deutschland Ärzte und Sportärzte Sorgen um die Gesundheit der Athleten. Sie wussten um die Gefahren von Aufputschmitteln, zumal viele von ihnen, wie Arthur Mallwitz, den Krieg (bei ihm waren es sogar beide Weltkriege) miterlebt und erfahren hatten, welche Rolle diese Mittel im Krieg bei den Soldaten der Wehrmacht gespielt hatten.[11]

In Deutschland war die Dopingdefinition des Deutschen Sportärztebundes von 1952 maßgeblich und von nachhaltiger Wirkung.[12] Sie wurde letztlich von den Sportverbänden übernommen. Die Einnahme leistungssteigernder Mittel und Medikamente sei gesundheitsschädliches Doping und verstoße gegen die Chancengleichheit im sportlichen Wettkampf. Deshalb sollte Doping geächtet und verboten werden. Wenn Medikamente mit der Absicht eingenommen werden, die sportliche Leistung im Wettkampf zu erhöhen, müsse von Doping gesprochen werden, und zwar unabhängig davon, ob die Leistungssteigerung tatsächlich aufgrund des Medikaments erfolge oder nicht. Allein die Absicht zu dopen, sollte moralisch geächtet und verboten werden.[13] Damit wurde eine verbreitete und geübte Praxis der Einnahme von leistungssteigernden Mitteln moralisch ins Unrecht gesetzt.

Diese gesinnungsethische Definition von Doping war allerdings nicht geeignet, um geprüft und kontrolliert zu werden. Sie appellierte an die Fairness und den Sportsgeist der Athleten, Ärzte und Betreuer ebenso wie an ihr Selbstverständnis, im Sport trotz aller Anstrengungen, aller Risiken und allem Kampf nicht den Prinzipien der Humanität, der körperlichen Unversehrtheit und Gesundheit zuwider zu handeln. Deshalb sollte allein schon der Gedanke tabuisiert werden, gegen die Grundsätze eines humanen Spitzensports zu verstoßen, ohne dass jedoch das Verbot kontrolliert werden konnte. Sie schuf jedoch ein Bewusstsein dafür, dass Medikamente zur Leistungssteigerung im sportlichen Wettkampf weder mit dem Geist des Sports noch mit dem Ethos des Arztes vereinbar sind. Ärzte sind verpflichtet, Kranken zu helfen. Ihre Aufgabe besteht jedoch nicht darin, Sportlern zu besseren Leistungen zu verhelfen. Grupe hat mehrfach gemahnt, dass der Verstoß gegen dieses sportliche und ärztliche Ethos durch Doping den Sport in seinem humanen Sinn und Selbstverständnis „mitten ins ‚Herz‘“ treffe. Doping sei kein Kavaliersdelikt.[14]

Das Ziel eines humanen Leistungssports ohne Doping und Leistungsmanipulation wurde 1977 in der „Grundsatzerklärung für den Spitzensport“ des Deutschen Sportbundes ausdrücklich noch einmal formuliert, als sich jedoch bereits ein ganz anderes Verständnis von Doping und Dopingkontrollen durchgesetzt hatte.[15] Der Philosoph und Ruder-Olympiasieger von 1960, Hans Lenk, hatte gefordert, den olympischen Leitspruch des citius, altius, fortius durch ein humanius zu ergänzen.[16] Sein Rezept gegen Doping war die Erziehung zum „mündigen Athleten“ durch „demokratisches Training“.[17]

In den 1960er Jahren erfolgte ein Paradigmenwechsel im Verständnis von Doping. Der Beschluss, Doping nicht mehr nur moralisch zu verurteilen, sondern die Einnahme von Dopingmitteln zu verbieten und die Einhaltung des Verbotes auch zu kontrollieren, zu überprüfen und Verstöße sanktionieren zu wollen, ging von den Sportverbänden und am Ende vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) aus. Der Grund für diesen Wandel von der „intensionalen zur extensionalen Definition“ lag darin, dass sich zu Beginn der 1960er Jahre Berichte über Dopingvorfälle häuften.[18] Für das IOC und seinen Präsidenten Avery Brundage spielte der Tod des dänischen Radfahrers Knud Enemark Jensen bei den Olympischen Spielen von Rom 1960 eine wichtige Rolle. Er wurde auf Doping zurückgeführt.[19] 1967 starb Tom Simpson bei der Tour de France am Mont Ventoux.[20]

Nun definierten die Sportverbände, an der Spitze das IOC, Doping anhand einer Liste verbotener Medikamente. Wer Medikamente zu sich nahm, die auf dieser Liste verzeichnet sind, galt als gedopt und musste mit Sanktionen rechnen. Die Liste wurde von der Medizinischen Kommission des IOC erstellt und enthielt zunächst eine Reihe aufputschender Mittel und Medikamente, die bis dahin im Wettkampf genommen und jetzt verboten waren. Ihr Verbot sollte nun auch kontrolliert werden. Diese extensionale Dopingdefinition schuf die Möglichkeit, Dopingvergehen objektiv durch Kontrollen nachzuweisen. Nun mussten jedoch entsprechende Strukturen aufgebaut werden, um Doping zunächst im Wettkampf und dann auch im Training kontrollieren zu können. Außerdem mussten Strafen für diejenigen Athleten definiert und durchgesetzt werden, denen die Einnahme eines Medikaments nachgewiesen werden konnte.

Die Kehrseite dieser Dopingdefinition auf der Grundlage von konkreten, objektivierten Dopinglisten, von denen man sich die Lösung des Dopingproblems versprach, offenbarte sich jedoch erst nach und nach. Sie bestand darin, dass alle anderen Mittel und Medikamente, die nicht ausdrücklich aufgeführt waren, als erlaubt galten. Nun kam es in der Folge nicht mehr nur zu einem Wettkampf der Athleten auf dem Platz und auf der Bahn, sondern auch der Ärzte und Pharmazeuten, Mittel zu entwickeln und einzusetzen, die zwar wirksam sind, aber nicht auf der Dopingliste stehen. Der langjährige Vorsitzende der Anti Doping Kommission des Internationalen Leichtathletik Verbandes (IAAF), Arne Ljungquist, sprach von einem „Hase-Igel-Rennen“, das nun einsetzte;[21] also zwischen denen, die die Dopinglisten erstellten sowie Verfahren und Methoden zur Kontrolle der verbotenen Mittel und Substanzen entwickelten, und den anderen Spezialisten und erfahrenen Experten, die alternative Methoden zu entwickeln versuchten, die wirksam waren, aber weder als verboten auf der Liste standen noch nachweisbar waren. Das Rennen ist bis heute nicht beendet.

Der Wandel von der gesinnungsethisch motivierten, intensionalen zur pragmatisch-kriminologischen, extensionalen Dopingdefinition bedeutete den entscheidenden Schritt hin zur Institutionalisierung und Bürokratisierung von Anti-Doping. Doping und Anti-Doping entwickelten sich zu einem festen Bestandteil des modernen, organisierten Leistungssports, wie ihn auch Allen Guttmann in Anlehnung an Max Weber charakterisiert hatte.[22] Die Anti-Doping-Bürokratie reicht über die Grenzen der Sportverwaltung hinaus. Dopingverstöße sind nicht mehr nur Regelverstöße, die sportintern geregelt und sanktioniert werden. Durch spezifische Anti-Dopinggesetze in einigen Ländern, seit 2015 auch in Deutschland, sind dopende Athleten sowie ihre Helfer und Helfershelfer zu Kriminellen geworden, die über Sportgerichte hinaus von Gerichten verurteilt und bestraft werden können.[23]


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