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vorgänge: Artikel - 1.08.18

Machtkartelle im Sport – Ohnmacht der Kontrolleure?

Sylvia Schenk

in: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 31-38

Machtmissbrauch, Korruption, Doping, Spielmanipulationen und Menschenrechtsverletzungen – die Probleme, mit denen sich IOC, FIFA und andere internationale Sportorganisationen auseinandersetzen müssen, sind vielfältig. Da kommt der Ruf nach Kontrolle auf - wer aber könnten die Kontrolleure sein? Was die Möglichkeiten der internationalen Politik zur Einflussnahme angeht, besteht Skepsis, ist es doch gerade die enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Medien mit den Funktionären und Sportstars, die Interessenkonflikte und Fehlverhalten begünstigt. Wie es gehen könnte, haben Sponsoren gezeigt, die – besorgt um ihre Reputation – Druck auf die geförderten Verbände ausüben. Würden sich alle Akteure auf ihre eigene Rolle besinnen und die nötige professionelle Distanz wahren, sich selber an Gesetze halten sowie internationale Instrumente z.B. zu Compliance und Sorgfalt betr. Menschenrechte nutzen, könnte die Reform der Sportorganisationen entscheidend vorangebracht werden. Für den weltweiten Erfolg kommt dabei der Stärkung zivilgesellschaftlicher Elemente des Sports auf allen Ebenen die größte Bedeutung zu.

 

Krisenerscheinungen im Sport

Bei Machtkartellen im Sport kann es ja nur um das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder die Fédération Internationale de Football Associations (FIFA) gehen – die beiden Spitzenorganisationen sind seit Jahren weltweit in der Kritik. Immer wieder kommen Vorwürfe von Machtmissbrauch oder Korruption hoch, Schlagzeilen zu Menschenrechtsverletzungen (nicht nur) bei Großveranstaltungen drängen in den Vordergrund, Spielmanipulationen zum Zwecke des Wettbetrugs bedrohen die Essenz des Wettkampfsports und das Doping-Problem bekommt schon seit langem niemand in den Griff. Also wird der Ruf nach Kontrolleuren laut – aber wer sollte das sein?

Soweit es um strafbares Verhalten geht, ist die Antwort einfach. Staatliche Strafverfolgungsbehörden vom FBI über Scotland Yard bis zur deutschen Steuerfahndung sind ebenso wie Europol und Interpol mit Korruptions- und Betrugsfällen im Sport befasst.  Für die Themen Doping sowie Spielmanipulation ("Match-Fixing") wurden in Deutschland Sonderstaatsanwaltschaften und sogar eigens neue Gesetze geschaffen, letztere allerdings auf dogmatisch umstrittener Grundlage und mit bislang nur äußerst geringer Wirkung. Kartellrechtliche Fragen, u.a. hinsichtlich Fernsehverträgen oder Wettkampfformaten, haben die Kartellbehörden national bzw. in der Europäischen Union im Blick.

 

Kontrollbehörde für die FIFA?

Einen konkreten Ruf nach mehr Kontrolle konnte man am 22. Dezember 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) lesen: Unter der Überschrift "Nehmt der FIFA das Spiel aus den Händen!" plädieren drei ehemalige Mitglieder des FIFA Governance-Komitees – Miguel Maduro (als Vorsitzender im Mai 2017 nicht wieder zur Wahl vorgeschlagen) sowie Navi Pilay und Joseph Weiler (als Mitglieder aus Solidarität mit dem ausscheidenden Maduro zurückgetreten) – "Für ein entschlossenes Tätigwerden von außen". "Öffentliche Behörden" sollen "Kontrollaufgaben" übernehmen.

Perfekt – endlich eine Lösung für die Probleme im internationalen Sport: Weg mit den Verbänden, her mit den Behörden. Nur – was für Behörden? Wer schafft die von den drei Jurist*innen geforderte "unabhängige Agentur" mit den "Kompetenzen … zu überprüfen und zu beaufsichtigen" und vor allem: auf welcher Legitimationsgrundlage?

 

Europarat und Europäische Union

Schauen wir uns die Auswahl an möglichen Behörden bzw. von Institutionen, die eine solche Behörde neu schaffen sollen, an. Konkret benannt wird in dem FAZ-Artikel der Europarat, dessen Generalsekretär Thorbjørn Jagland laut Meldungen vom 10. Januar 2018 gerade die Gemeinsamkeiten mit der FIFA bei Good Governance und Menschenrechten gelobt und mit FIFA-Präsident Gianni Infantino den Abschluss eines Memorandum of Understanding bis Ende des Jahres 2018 vereinbart hat. Das Parlament des Europarats hat seinerseits am 24. Januar 2018 den Bericht der Abgeordneten Anne Brasseur aus Luxemburg zur "Good football Governance" diskutiert. In der dazu beschlossenen Resolution 2199 (2018) werden zwar die weltweiten Defizite des Fußballs drastisch beschrieben, zugleich sind aber die Fortschritte von FIFA und UEFA (Union of European Football Associations) bei der Governance und den Menschenrechten positiv herausgestellt. Von Kontrolle und Aufsicht kein Wort; stattdessen kommt der Vorschlag, gemeinsam mit IOC, FIFA und UEFA die Machbarkeit einer unabhängigen Einrichtung, die ein Assessment der Governance vornehmen soll, zu prüfen. Das klingt nicht so, als wolle da jemand der FIFA das Spiel aus den Händen nehmen.

Das Gleiche lässt sich für die Europäische Union (EU) feststellen. Abgesehen davon, dass diese für internationale Verbände mit Sitz in der Schweiz – wie IOC, FIFA und UEFA – nicht zuständig ist und allenfalls auf Umwegen versuchen kann, Einfluss zu nehmen, führen die Erfahrungen in den Expertengruppen der EU zu Good Governance im Sport zur Ernüchterung: Ein zähes Ringen unter den Ländervertretern um Formulierungen, oft spürbar mit der Befürchtung, man könnte irgendwem – sei es ein Mitgliedsland oder ein mächtiger Sportverband – auf die Füße treten. Das ist das Kleinklein der Politik, als demokratischer Prozess durchaus nachvollziehbar – aber einen entscheidenden Schub in Richtung Reform oder gar tatkräftige Kontrolle für IOC, FIFA  oder UEFA darf man sich von diesem kleinsten gemeinsamen Nenner nicht erwarten.

 

Die Politik als Kern des Problems

Überhaupt, die Politik. Auslöser der in dem FAZ-Artikel zum Ausdruck kommenden Verärgerung der drei früheren FIFA-Funktionsträger*innen waren Widerstände innerhalb der FIFA-Führung gegen die Entscheidung des Governance-Komitees, den Präsidenten des Russischen Fußballverbandes, Vitali Mutko, zugleich Vize-Ministerpräsident der Russischen Konföderation, nicht zur Wahl für das FIFA-Council im Mai 2017 zuzulassen. Zwar setzte sich das Governance-Komitee damit durch, genauso wie mit seiner Unterstützung auch weitreichende Schritte in der Menschenrechtspolitik erfolgreich auf den Weg gebracht wurden, aber an der FIFA-Basis grummelte es. Dies führte dazu, dass das FIFA-Council mit Präsident Gianni Infantino an der Spitze nicht, wie erwartet, den bisherigen Vorsitzenden Maduro zur Wahl vorschlug, sondern dem Kongress einen anderen, aus Sicht der Delegierten unbelasteten Besetzungsvorschlag unterbreitete. Das mag man feige nennen; man könnte daraus auch schließen, dass Infantinos Macht begrenzt ist. Man kann es kritisieren – aber das ist Politik. Mehrheiten müssen gebildet, Wahlen gewonnen, Kompromisse, auch in Personalfragen, geschlossen, werden. So läuft das in allen Parteien, in allen Ländern und auch in den Parlamenten. Die Politik und ihre Machtspielchen können wahrlich nicht als das Allheilmittel für den Sport dargestellt oder zur Kontrolle herangezogen werden. Im Gegenteil:

Gerade die Einmischung der Politik – siehe auch Mutkos Rolle als Sportminister im Hinblick auf die Doping-Manipulationen bei den Olympischen Winterspielen und Paralympics 2014 in Sotschi – ist ein wesentlicher Teil, wenn nicht der Kern des Problems von Machtkartellen im Sport. Die enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Medien (der Sport finanziert sich neben den Sponsoreneinnahmen vor allem über den Verkauf von Fernsehrechten) mit den Sportstars und Funktionären bildet überhaupt erst das eigentliche Machtkartell im Sport. Nur durch diese gleichgerichteten Interessen – man könnte in einigen Fällen auch sagen: Komplizenschaft – konnte sich die Mär vom sauberen Sport so lange halten. Die Politik hat über Jahrzehnte einen Schutzwall um den Sport gebaut, auch in demokratisch geführten Ländern. Potentaten wie Oligarchen (miss)brauchen zudem den Sport für ihr „Image Laundering“ (Hill 2008), die Wirtschaft – deutsche Konzerne eingeschlossen – schielt nach den globalen Absatzmärkten und gemeinsam mit Fernsehanstalten und Zeitungen nach Reichweite bzw. Auflage (bei der Sport-Berichterstattung sind die wenigsten Journalist*innen investigativ unterwegs). Wer im Übrigen meint, die ungute Vermengung von Politik und Sport gäbe es in Deutschland nicht, schaue sich aktuell die Ermittlungen um den Landessportverband Saarland an oder denke an die Reihe von Abgeordneten im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, die zugleich Führungsfunktionen in nationalen Sportverbänden besetzten – weitere Beispiele lassen sich auf allen Ebenen finden.

 

Druck von Donald Trump

Zuletzt war es US-Präsident Donald Trump, der in seiner unnachahmlichen Art ein besonders krasses Beispiel für politischen Druck auf den Sport abgab. Er twitterte am 27. April 2018:

"The U.S. has put together a STRONG bid w/ Canada & Mexico for the 2026 World Cup. It would be a shame if countries that we always support were to lobby against the U.S. bid. Why should we be supporting these countries when they don’t support us (including at the United Nations)?"

Zwar wies die FIFA sofort distanziert-indigniert auf ihre Ethikregeln für die Bewerbung hin, doch wie soll ein Sportverband den US-Präsidenten zähmen? Und wie steht es um die Entscheidungsfreiheit der Delegierten beim FIFA-Kongress zur Wahl zwischen den Bewerbungen von Marokko einerseits und der United Bid (USA/Kanada/Mexiko) andererseits?

Angesichts solcher Auswüchse wünscht man sich weder staatliche Kontroll-Behörden für die Sportorganisationen noch lässt sich politische Einflussnahme auf den Sport überhaupt als Lösung propagieren.

 

Verflechtung mit der Wirtschaft

Genauso wenig lässt sich von der Wirtschaft erwarten – jedenfalls solange es nicht nur um reines Business geht, sondern die Emotionen mitspielen. Bestes Beispiel dafür ist der Aufsichtsrat des FC Bayern München, in dem deutsche Wirtschaftsführer angesichts des Steuerstrafverfahrens gegen Uli Hoeneß mit ihren eigenen Compliance-Ansprüchen in Widerspruch gerieten; von Oligarchen und Neureichen, die sich inzwischen von Spitzenvereinen über Radteams bis zu internationalen Großevents in den Sport einkaufen, gar nicht zu reden. Auch Fernsehanstalten können beim Kauf von TV-Rechten in einem Zwiespalt landen – erinnert sei an die ARD als Sponsor des Team Telekom um Jan Ullrich mit ihren Übertragungen der Tour de France bis 2008. Ganz zu schweigen von eigener Verwicklung in rechtswidriges Vorgehen – bei den Korruptionsermittlungen des FBI gegen FIFA-Funktionäre in Südamerika saßen u.a. US-Unternehmen als Zahler von Bestechungssummen mit auf der Anklagebank. Überhaupt werden die Sportrechte als ein Einfallstor für Machtmissbrauch von Funktionären gesehen.

Doch aus der Wirtschaft kamen auch die ersten Absetzbewegungen aus dem Interessengeflecht des Sports – zumindest die Global Player müssen inzwischen zunehmend auf ihre Reputation achten. Als es bei der FIFA zu ungemütlich wurde angesichts immer neuer Korruptionsvorwürfe, drohte Sponsor adidas 2015 mit dem Ausstieg und machte gemeinsam mit US-Sponsoren wie Coca-Cola Druck auf die FIFA-Führung in Richtung grundsätzlicher Reformen.


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