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vorgänge: Artikel - 1.08.18

Was darf es kosten?

Eike Emrich, Freya Gassmann, Tim Meyer & Christian Pierdzioch

Zur Zahlungsbereitschaft für olympische Medaillen und zur Finanzierung des deutschen Spitzensports. In: vorgänge Nr. 223 (3/2018), S. 75-92

Der Medaillenspiegel am Ende olympischer Wettbewerbe bringt die sportpolitischen Erfolge oder Misserfolge der Nationen auf den Punkt. Eine gute Platzierung im Ranking der Medaillen gilt zumeist als Ausweis einer erfolgreichen Förderung des Spitzensports im Land, deren finanzieller Aufwand auch über die gewonnenen Medaillen legitimiert wird. Doch wie hoch ist die "Nachfrage" nach deutschen Olympiamedaillen von Seiten der Bevölkerung eigentlich? Und wie viel Geld sind die Menschen bereit, für den Spitzensport auszugeben? Diese Fragen beantwortet das Autor*innenteam des folgenden Beitrags, indem es Sportförderung und Medaillengewinne als die beiden Seiten der Ökonomie des Sports betrachtet und zwei Umfragen zur Zahlungsbereitschaft der Deutschen für den Spitzensport auswertet. Ihre Untersuchung bietet zugleich einige Anhaltspunkte dafür, wie die staatliche Förderpolitik verbessert werden kann.

 

Einleitung

"The olympic games are competitions between athletes in individual or team events and not between countries" (IOC 2011: 19). Gleichwohl werden olympische Sportwettbewerbe medial häufig im Medaillenspiegel als eine Konkurrenz der teilnehmenden Nationen inszeniert. Nicht selten wird hierzulande der Eindruck erweckt, es würden von deutschen Sportlern zu wenige Medaillen "produziert". Tatsächlich ist allerdings wenig über die wirkliche Nachfrage nach Medaillen in der Bevölkerung bekannt, weshalb auch niemand die Frage beantworten kann, ob der Staat überhaupt den Medaillengewinn auf Kosten des Steuerzahlers finanzieren sollte und ob aus Sicht der Bevölkerung zu viele oder zu wenige Medaillen produziert werden.[1)

Wie das Sozialprodukt optimal zwischen der Produktion öffentlicher und privater Güter aufzuteilen ist, diskutierte bereits Wicksell (1896). Öffentliche Güter können nicht am Markt gehandelt werden. Ihre Nutzung erfolgt ohne Rivalität im Konsum und damit ohne marktgebundene Knappheitsindikatoren.[2] Daraus folgt zwangsläufig eine permanent steigende Nachfrage und zunehmende Produktion öffentlicher Güter. Begünstigt werden solche Überproduktionen öffentlicher Güter dadurch, dass Politiker die daraus resultierenden finanziellen Folgen, die meist erst nach dem Ende ihrer jeweiligen Wahlperiode anfallen, langfristig Dritten (sprich: dem Steuerzahler) überantworten. Langfristige Kostendeckungsvorschläge werden vermieden und die Kosten über die Zeit systematisch unterschätzt, zudem entwickelt sich ein stummer Konsens zwischen den beteiligten Parteien, sich gegenseitig bei der Ausweitung der Produktion öffentlicher Güter zu unterstützen. Das systematische Unterschätzen langfristiger Kosten erleichtert diese Form der Kooperation. Ein neues Stadion oder ein Schwimmbad sind schnell gebaut, laufende Betriebs- und langfristige Erhaltungskosten bleiben entweder aktuell unberücksichtigt oder werden zu niedrig angesetzt, fallen aber in der Zukunft in Form von Erhaltungs- und Sanierungsaufwand in voller Höhe und dauerhaft an – selbst bei Nichtnutzung (s. nicht mehr genutzte Olympiabauten). Aktuell gewährte Subventionen verstärken diesen Prozess, da Subventionen in der Regel nur zum Aufbau neuer, nicht jedoch zur Unterhaltung der bestehenden Anlagen verwendet werden dürfen. So sind selbst finanziell schwächere Gemeinden oder Städte kurzfristig in der Lage, den Ausbau bzw. Aufbau öffentlicher Güter zu finanzieren, deren Unterhalt sie in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten stark belastet, wenn nicht gar überfordert.

Dieses Zusammenspiel der politischen Kräfte lässt sich auch bei der Spitzensportförderung und ihrem staatlichen Ziel, dem Medaillengewinn beobachten (Haut, Emrich & Prohl 2016; Emrich, Gassmann, Haut, Pierdzioch & Prohl 2016). Teile der Medien kommunizieren die gewonnene Zahl nationaler Medaillen, vergleichen sie mit früheren Medaillenerfolgen und kommen so zumindest bei Sommerspielen zur These von der fortschreitenden Krise des Leistungssports. Ein bedrohlicher Rückgang der nationalen sportlichen Erfolge wird von ihnen teilweise als Indikator für eine allgemeine Krise der Leistungsfähigkeit der Nation interpretiert. Das provoziert legitimierende Reaktionen des organisierten Sports (vgl. zu ähnlichen Mustern am Beispiel von Fangewalt Anthonj, Emrich & Pierdzioch 2015): Auf die Medienberichte reagiert gewöhnlich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der in Übereinstimmung mit den Spitzenverbänden reflexhaft mehr Geld für die Sportförderung fordert, gleichzeitig aber auch Defizite in der Vorbereitung und Förderung der Athleten durch einzelne Spitzenverbände beklagt (zur Spitzensportfinanzierung s. Emrich, Pierdzioch & Flatau 2011; Emrich, Pierdzioch & Rullang 2013). Der Bundesminister des Inneren verweigert die deutliche Erhöhung von Fördermitteln mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines effizienteren Fördersystems und fordert Organisationsreformen, deren Entwicklung er aktuell fördert (s. das PotAS-System, mit dessen Hilfe der DOSB in Abstimmung mit dem Bundesminister des Inneren versucht, ein umfassendes Kriteriensystem zur Einschätzung des künftigen Medaillenpotentials einer Sportart als Grundlage der Mittelzuweisung zu entwickeln).[3] In diesem Kontext erwartet er bei annähernd gleicher Förderhöhe 30 Prozent mehr Medaillen, geht also von erheblichen Rationalisierungsreserven und einer aktuell ineffizienten Organisation aus.[4] Dahinter steckt aber auch die Idee einer klaren Plan- und Produzierbarkeit sportlichen Erfolgs.

Die staatliche Subventionierung der Medaillenproduktion führt so zu einem dauerhaft kommunizierten Mangel gewonnener Medaillen. Sie ist gleichzeitig sowohl für eine eventuelle, die Zahlungsbereitschaft überschreitende Überproduktion als auch für Klagen über den (tatsächlichen oder vermeintlichen) Mangel an Medaillen verantwortlich.[5]

Der Bundesminister des Inneren unterstellt dabei, dass in der Bevölkerung grundsätzlich eine hohe Nachfrage nach Medaillen besteht. Wenn diese Annahme falsch wäre, würde dies bedeuten, dass viel mehr Steuergelder für die Medaillenproduktion ausgegeben werden, als die Bevölkerung selbst zu zahlen bereit ist. Zur Beantwortung der Frage, ob die Kosten der Medaillenproduktion zu rechtfertigen sind, vergleichen wir im Folgenden die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung mit den Kosten der Bereitstellung der Medaillen.[6]

 

Zahlungsbereitschaft

Der Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für Medaillenerfolge kommt in der (sport-)politischen Diskussion eine Schlüsselrolle zu. Deshalb wird seit einigen Jahren in der sportökonomischen Forschung die Methode der Willingness to Pay (WTP) eingesetzt, um die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung zu ermitteln (u.a. Breuer & Hallmann 2011; Wicker, Hallmann, Breuer & Feiler 2012; Bakkenbüll & Dilger 2017; Rohkohl & Flatau 2017).[7]

Die bisherigen Studien zur Ermittlung der Zahlungsbereitschaft für den Leistungssport weisen in der Art der Fragestellungen (offene/geschlossene Fragen), in der Einleitung und Einordnung des Themas, der Abfrage konkreter Zahlungsbeträge und -modi zahlreiche Unterschiede auf, weshalb ihre Ergebnisse kaum vergleichbar sind. Angesichts des diffusen Forschungsstandes sollen im vorliegenden Beitrag auf der Grundlage neu erhobener Daten drei Fragen empirisch beantwortet werden:

  1. Wie sieht die Nachfrage der Bevölkerung nach Medaillen aus?
  2. Wie sieht die Spenden- bzw. Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für Medaillen aus?
  3. Welche Faktoren bestimmen die Spenden- bzw. Zahlungsbereitschaft?


Daten

Zur Untersuchung der WTP im Sinne der Bereitschaft, Athleten durch Spenden zu fördern, wurde ein Datensatz aus zwei Befragungen anlässlich der Olympischen Spiele in London (2012) und Rio de Janeiro (2016) erstellt. Dies war möglich, da in den beiden Erhebungen bis auf eine Ausnahme Fragen mit exakt gleichem Wortlaut und Antwortmöglichkeiten gestellt wurden.

Die Daten anlässlich der Olympischen Spiele in London wurden von Mai bis Oktober 2012 mittels einer Online- und Paper-Pencil-Befragung erhoben. Der Fragebogen wurde in Online- und Printausgaben von (deutschen?) Zeitungen mit dem entsprechenden Link beworben. Dies führt zu einer Überrepräsentation von jungen, hoch gebildeten Teilnehmern. Um auch andere Gruppierungen zu erreichen, wurde der Fragebogen als Print-Version in Hessen und im Saarland zusätzlich an ausgewählten Orten direkt eingesetzt (N=899; zur Methodik und zu den Datensätzen vgl. im Detail Haut et al., 2016; Gassmann et al., 2018).

Im Vorfeld und Nachgang der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wurde von Juli bis August 2016 eine standardisierte Online-Befragung durchgeführt. Die Mitgliedsorganisationen der Deutschen Olympischen Akademie gaben den Hinweis auf die Befragung an ihre Mitglieder weiter und leiteten sie in Übersetzungen an die jeweiligen nationalen Pendants der Olympischen Akademien in anderen Ländern weiter. Dabei kamen sowohl der E-Mail-Verteiler als auch Facebook zum Einsatz. Mit diesem Schneeballverfahren wurden 710 Personen erreicht, die an der Befragung teilnahmen (davon 565 in Deutschland). Durch die Art der Gewinnung der Befragungsteilnehmer handelt es sich um eine selektive Stichprobe von an Olympischen Spielen interessierten sportaffinen Personen. Für eine bessere Vergleichbarkeit wurden aus dem Gesamtdatensatz alle nicht in Deutschland lebenden Personen ausgeschlossen. Damit standen für die Auswertungen die Angaben von insgesamt 1.464 Personen zur Verfügung. Um mögliche Unterschiede zwischen den Befragten aus den beiden Stichproben aufzuzeigen, wurden die Auswertungen teilweise für den Gesamtdatensatz und teilweise für die Einzeldatensätze durchgeführt.

61% der Befragten waren Männer (39% Frauen). Im Durchschnitt waren die Befragten 42 Jahre alt (Standardabweichung 17, MIN: 14, MAX: 88), mehrheitlich mit hohem Bildungsniveau (Schüler: 2%, Hauptschulabschluss: 8%, Mittlere Reife: 17%, Fachabitur: 10%, Abitur: 63%; s. Haut et al., 2016). Das hohe Bildungsniveau spiegelt sich auch im Netto-Einkommen der Haushalte wider, welches mittels vorgegebener Antwortkategorien erfasst wurde.[8] Der Median lag hier zwischen 2250 € und 2500 €. Die Befragten sind mehrheitlich (82%) oder waren früher (14%) sportlich aktiv.

Tabelle 1 gibt verschiedene Einstellungen wieder, etwa zum Nationalstolz, das Interesse am Medaillenspiegel generell, am deutschen Abschneiden sowie am Erfolg der deutschen Athletinnen und Athleten und den genutzten Informationskanälen(vgl. auch Emrich et al. 2016: 51). Insgesamt sind die Befragten im Durchschnitt eher stolz darauf, Deutsche zu sein, sie interessieren sich nicht sehr für den Medaillenspiegel und es ist ihnen auch nicht übermäßig wichtig, dass Deutschland bei den Olympischen Spielen viele Medaillen gewinnt. Für die Werte in Tabelle 1 ist zu beachten, dass die Mittelwerte aufgrund der differierenden Skalenbreite von 1 bis 5 bzw. 1 bis 4 nicht direkt miteinander vergleichbar sind.

 

Tabelle 1: Übersicht der verwendeten Einstellungsskalen


Die Befragten nutzen durchschnittlich 2,4 unterschiedliche Medienarten, um sich über die Olympischen Spiele zu informieren. Zudem wurde die Evaluationsgläubigkeit ermittelt, d.h. die Bereitschaft, sich an externen, vordergründig rationalen Ratgebern zu orientieren. Um die Evaluationsgläubigkeit zu ermitteln, wurden Daten für sieben unterschiedliche Bereiche (Pop-Song, Oper, Buch, Film, Theater, Kunstwerk, Restaurant) auf einer Skala erfasst, die zwischen den Erhebungen 2012 und 2016 differierte. In 2012 wurde eine vierstufige Skala (von 1 'stimme überhaupt nicht zu' bis 4 'stimme voll und ganz zu') und in 2016 eine fünfstufige Skala (von 1 'stimme überhaupt nicht zu' bis 5 'stimme voll und ganz zu') erhoben; letztere wurde deshalb auf eine 4-stufige Skala transformiert. Die so erhobene Evaluationsgläubigkeit ist im Mittel mit 2,2 eher gering ausgeprägt.


1

2

3

4

Vor