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Rezension, vorgänge: Artikel - 17.07.19

Die Entzauberung der Netzkultur

Sven Lüders

in: vorgänge Nr. 225/226 (1-2/2019), S. 148-149

Angela Nagle: Die digitale Gegenrevolution. Online-Kulturkämpfe der Neuen Rechten von 4chan und Tumblr bis zur Alt-Right und Trump. Bielefeld 2018, Transcript Verlag. 148 Seiten, 19.99 (Print) bzw. 17.99 € (eBook)

 

Als in den 1990er Jahren die Erstellung digitaler Webseiten, die Lektüre alternativer Nachrichtenboards sowie Foren und Newsgroups für größere Kreise zugänglich wurden, sahen darin viele Beobachter*innen ein emanzipatorisches Potenzial, das vergleichbar mit dem Buchdruck zu einer Demokratisierung und Pluralisierung der Öffentlichkeit beitragen kann. Auf einmal konnte jede*r mit vergleichsweise geringem Aufwand ein globales Publikum erreichen, zugleich wurden völlig neue Informationsquellen zugänglich (plötzlich waren beispielsweise Satellitenansichten der Erde für alle verfügbar). Dieser digitale Aufbruchs- und Fortschrittsmythos hat spätestens mit dem Wahlsieg Donald Trumps einen erheblichen Dämpfer erfahren, machte er doch deutlich, dass sich das Netz nicht nur für linke und vermeintlich fortschrittliche, sondern auch für andere Zwecke erfolgreich nutzen lässt.

Dabei wäre es natürlich viel zu kurz gegriffen, diese Wende in der Wahlkampagne Donald Trumps zu verorten: die Ursprünge und der Aufstieg dieser rechten Netzkultur reichen viel weiter zurück, bis in die Anfänge der digitalen Gesellschaft. Ihnen widmet sich das Buch von Angela Nagele, die eine kleine Kulturgeschichte der digitalen Gegenkulturen entwirft. Ihre zentrale These lautet dabei, dass es (schon vor dem Eintritt ins digitale Zeitalter) eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen rechten und linken Gegenkulturen gebe, die nach ihrer Lesart auch verständlich macht, warum aus dem einst linksliberalen Internet plötzlich ein Tummelplatz rechtspopulistischer bis rechtsradikaler Communities geworden ist. Als verbindende Gemeinsamkeit sieht Nagele einen rigorosen Antimoralismus, eine Lust an der „antimoralische(n) Grenzüberschreitung für progressive Politik“ (S. 52), die sowohl auf der rechten wie auf der linken Seite zu beobachten seien. Nagele geht auf die philosophischen wie literarischen Quellen dieser antimoralischen Kultur ein (Nietzsche, de Sade …), deren emanzipatorisches Potenzial einst darin lag, dass sie etablierte Werte- und Ordnungsvorstellungen radikal infrage stellten. Mit Verweis auf Sigmund Freud und andere stellt sie aber auch das regressive Element heraus, das diesem Reflex gegen das Über-Ich inne wohne: den „anti-zivilsatorischen Impuls, als Teil des Antagonismus zwischen der Freiheit des instinktiven Willens und der durch die Zivilisation nötig gewordenen Verdrängung.“ (S. 48) Indem der Non-Konformismus zur Massenkultur wird, die sich nicht mehr nur „von unten“ gegen etablierte Werte und Systemvorstellungen, sondern ganz massiv auch gegen einzelne Personen richte, entwickle sich daraus eine neue Form der Macht- und Zwangsverhältnisse, die Nagele als Transgression beschreibt.

Die zahlreichen Bezüge zwischen linker und rechter Gegenkultur machen dieses Buch zu einer interessanten Lektüre nicht nur über Netzdebatten; es regt auch zu einem neuen Blick auf die 68er Kultur sowie den nonkonformistischen Impuls des Rechtspopulismus an. Eindrucksvoll sind Nageles Beschreibungen, wie aus dem Antimoralismus verschiedene netzkulturelle Praktiken etwa der Verhöhnung vermeintlicher Opfer, ihrer Bloßstellung, Beleidigung und Bedrohung oder der Verherrlichung von Selbstmorden und Shootings hervorgingen. Das alles illustriert sie anhand prägender Netzdebatten, quer durch alle möglichen Themenbereiche. Für „Außenstehende“, die in den internationalen Plattformen bzw. den zum Teil amerikanisch geprägten Debatten nicht zu Hause sind, ist die Darstellung leider nicht immer leicht nachvollziehbar, zumal man sich an der einen oder anderen Stelle etwas mehr Distanz und Systematik wünschen würde.