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vorgänge: Artikel - 31.12.20

Corona wirkt wie ein Brennglas. Teilhabe und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen in der Pandemie

Florian Grams

in: vorgänge Nr. 231/232 (3-4/2020), S. 205-212

Dass die Corona-Pandemie genauso wie die dagegen ergriffenen Hilfsmaßnahmen nicht auf die Lebensverhältnisse aller Menschen gleichermaßen, sondern sozial selektiv wirken und bestehende Ungleichheiten verstärken, ist inzwischen von vielen erkannt und diskutiert worden. Für eine Gruppe stellt diese Pandemie jedoch eine besondere, weil existenzielle Herausforderung dar: für Menschen mit Behinderungen. Ihr Lebensrecht wird nicht nur angesichts aktueller Triage-Kriterien in Frage gestellt, auch der plötzliche Wegfall bestehender Assistenz- und Unterstützungssysteme stellt ihre gesellschaftliche Teilhabe und damit ihre soziale Existenz grundsätzlich in Frage. Der folgende Beitrag von Florian Grams schildert die Auswirkungen der Corona-Pandemie für diese Gruppe und verweist zugleich auf die lange Tradition jener Haltung, die diesem Umgang mit Behinderten zugrunde liegt. Es handelt sich dabei um die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Autor am 3. Dezember 2020 im Rahmen der Online-Vortragsreihe "Behinderung in Zeiten von Corona" vom Transfernetzwerk Soziale Innovation (s_inn), der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, des Bochumer Zentrums für Disability Studies (BODYS) und des Sozial-Wissenschaftsladens hielt.

Es ist März 2020, das neue Virus war bereits präsent und doch nicht recht fassbar. In den Geschäften wurden Toilettenpapier und Desinfektionsmittel knapp. Ich saß in einem Café und wartete auf den Beginn einer Sitzung, als mich der Anruf eines Kollegen erreicht: Ich solle bis auf weiteres im Homeoffice arbeiten, bis die Ansteckungsgefahr nicht mehr so groß sei. In den folgenden Wochen gehen fürchterliche Bilder um die Welt. Aus Italien und den USA erhält man den Eindruck, als zöge ein "[…] verlarvter Henker, […] mit einer unsichtbaren Guillotine ambulante […]"[1] durchs Land. Berichte aus Kliniken in Italien und den USA zeigen: Ärzt*innen und Pfleger*innen waren "[…] zunächst machtlos gegen die unbekannte Krankheit, ja, da sie am meisten damit zu tun hatten, starben sie auch am ehesten selbst […]."[2] Doch anders als die Choleraepidemie in Paris 1832 oder die athenische Seuche des Jahres 430 v.u.Z., die wir nur noch aus literarischen Texten und historischen Quellen kennen und die hier beiläufig zitiert wurden,  hat diese Pandemie ganz konkrete Auswirkungen auf das eigene Leben.

Schon ein flüchtiger Blick auf meine eigenen Diagnosen macht mir klar, dass mein Risiko eines schweren, gar tödlichen Verlaufs von COVID-19 nach einer Infektion nicht gering wäre. Rückzug und der Verzicht auf soziale Kontakte waren und sind die logische Folge. An der Stelle von Büroalltag, Sitzungsterminen, Vortragsreisen und Veranstaltungen stehen nun Telefonate, Videokonferenzen und Livestreams. Dabei fehlen jedoch die direkten zwischenmenschlichen Kontakte und die Möglichkeiten des informellen Austauschs – eine Onlinekonferenz ist nicht der Ort für Smalltalk. Vor allem aber fehlt die Möglichkeit, unbeschwert Menschen zu treffen, gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen und Spaß zu haben. Diese Wahrnehmung ist jedoch eine recht privilegierte Sicht und damit zumindest unvollständig. Zur Wirklichkeit gehört auch, dass Menschen in stationären Wohneinrichtungen über Wochen gleichsam eingesperrt waren und keine Gelegenheit hatten, Kontakte zu pflegen, dass Beschäftigten der Werkstätten der ohnehin schon schmale Lohn gekürzt wurde und dass Schüler* innen mit Beeinträchtigungen notwendige Assistenzen fehlen.[3]

Der jüngst erschienene Bericht des COVID-19 Disability Rights Monitor verzeichnet eine Vielzahl von Verstößen gegen die Rechte von Menschen mit Behinderungen während der Pandemie. Für Europa verzeichnet der Report vor allem einen Mangel an Kommunikation über die Maßnahmen und hält fest, dass viele Menschen in Einrichtungen gedacht hätten, sie seien verlassen und dem Sterben überlassen worden.[4] Für andere Teile der Welt wird sogar konstatiert, dass die Hälfte der mit Corona in Verbindung stehenden Todesfälle in Wohneinrichtungen gelebt haben und dass in vielen Ländern vor allem Menschen mit Behinderungen in der Pandemie vom Zugang zu medizinischer Versorgung abgeschnitten sind.[5]

Angesichts dieser Befunde ist man geneigt, mit Karl Marx festzustellen, dass "die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei […] unverschleiert vor unseren Augen [liegen], sobald wir den Blick von ihrer Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den Kolonien wenden, wo sie sich in ihrer ganzen Nacktheit zeigen."[6] Doch selbst für Großbritannien verzeichnet der Report die faktische Durchführung eines eugenischen Programms, da vielen älteren Menschen mit Lernschwierigkeiten die Reanimation vorenthalten worden sei.[7] Auf den ersten Blick mag man diese Befunde noch als fürchterliche Nebeneffekte der schnellen Reaktionen auf die für alle Beteiligten neue Situation einer globalen Pandemie verstehen. Doch bei genauerer Betrachtung der Diskussionen um den Umgang mit Menschen mit Behinderungen unter Corona zeigt sich, dass sich in diesen Debatten ein Menschenbild widerspiegelt, das von Pragmatismus und Utilitarismus geprägt ist und eine lange Traditionslinie besitzt. Diese Traditionslinie gilt es auszuloten, um einige der aktuellen Einlassungen zur drohenden Triagierung in Krankenhäusern und zur Abwägung der notwendigen Schutzmaßnahmen in der Corona-Pandemie in ihrer Tiefe ermessen zu können.

Bevor man Krankheiten, Epidemien und Behinderungen als solche erkennen und behandeln konnte, bedurfte es der Einsicht in die Bedingungen ihrer Entstehung und damit auch des Abschieds von der Vorstellung, sie seien Werk oder Strafe Gottes. Insofern beginnt mit der Aufklärung eine neue Form des Blicks auf Krankheit und Behinderung, und es eröffnet sich die Möglichkeit, ihre Folgen medizinisch und politisch zu bearbeiten.[8] Auf diese Weise war der Weg geöffnet, Krankheiten als Folge von gesellschaftlichen Bedingungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Zugleich war damit aber auch die Möglichkeit geschaffen, Maßnahmen zur Bekämpfung von Krankheit und Behinderung mit den Mitteln der Kontrolle und der Repression umzusetzen.[9] Angesichts der Tatsache, dass die sich zeitgleich vollziehende Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse "[…] die buntscheckigen Feudalbande […] unbarmherzig zerrissen und kein Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen [hat] als das nackte Interesse, als die gefühllose 'bare Zahlung'"[10], verwundert es nicht, dass sich sehr bald eine Verbindung zwischen medizinischen Erkenntnissen und wirtschaftlichen Interessen ergeben hat.

Idealtypisch für diesen Zusammenhang stehen die Positionen des Arztes Wilhelm Schallmeyer. In seiner Schrift "Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker" stellte er die These auf, dass die Forschungsergebnisse Darwins die Gesellschaft insgesamt vor die Aufgabe stellte, die sittlichen Anschauungen auf den Prüfstand zu stellen.[11] Er ging davon aus, dass sich politische Macht vor allem über die Herstellung guter Vererbungsmöglichkeiten in der Bevölkerung sichern ließe.[12] Um dieses Ziel zu erreichen, formulierte er eine Vielzahl von Forderungen an die Wehrverfassung ebenso wie an die Erziehung der Jugend oder an die Ökonomie des Landes. Vor allem aber auf dem Gebiet der Bevölkerungspolitik vertrat Schallmeyer deutliche Positionen. Er konstatierte, beim vermeintlichen Kampf der Völker um das Dasein käme es "[…] nicht blos auf die Zahl, sondern auch auf die Qualität der Bevölkerung an und deshalb ist auch eine qualitative oder auslesende Bevölkerungspolitik geboten."[13] Diese Auslese – hielt Schallmeyer fest – "[…] hätte sich beim Menschen selbstverständlich nicht der Vernichtung von Individuen zu bedienen [...], sondern würde in ihrer bloßen Fernhaltung von der Fortpflanzung zu bestehen haben."[14]

Mit dieser Arbeit gewann Schallmeyer im Jahre 1900 den ersten Preis eines von Alfred Krupp ausgelobten Preisausschreibens zur Fragestellung "Was lernen wir aus den Prinzipien der Deszendenztheorie in Beziehung auf die innenpolitische Entwicklung und Gesetzgebung des Staates?" Es ging darum zu erörtern, welche Konsequenzen aus der Evolutionstheorie für das menschliche Zusammenleben zu ziehen wären.[15] Die von Schallmeyer vorgetragenen Positionen waren dabei durchgängig von einem tief verankerten Biologismus getragen und stets der Steigerung des wirtschaftlichen und machtpolitischen Einflusses des Deutschen Reiches verpflichtet.[16] Seine Aussagen entsprachen damit in Gänze dem, was Friedrich Engels in Bezug auf die Arbeiten von Charles Darwin als "[…] Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes und der bürgerlich-ökonomischen von der Konkurrenz […] aus der Gesellschaft in die belebte Natur"[17] identifizierte. Mit seiner Interpretation schuf Schallmeyer eine der theoretischen Grundlagen für die Legitimation der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und vor allem der Aufrechnung menschlichen Lebens gegen die ökonomische Effizienz.[18] Es kann von daher kaum verwundern, dass seine Ausführungen das besondere Interesse des Industriellen Alfred Krupp fanden. Doch auch unabhängig von der Person Krupps waren und blieben seine Positionen in der Welt und behielten ihre Wirksamkeit, waren und sind sie doch den herrschenden Produktionsverhältnissen eingeschrieben.

Gut zwei Jahrzehnte später – nach einem Weltkrieg und einer steckengebliebenen Revolution[19] – legten der Psychiater Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding ein Werk mit dem unmissverständlichen Titel "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens – Ihr Maß und ihre Form" vor. In dem 1920 erschienen Buch radikalisierten die Autoren Schallmeyers Ansätze und votierten offen für die Tötung von Menschen, die sie als blödsinnig – mithin "geistig tot" – deklarierten, da ihr Tod "[…] für sie eine Erlösung und zugleich für die Gesellschaft und den Staat insbesondere eine Befreiung von einer Last ist, deren Tragung […] nicht den kleinsten Nutzen stiftet."[20] Schon diese Formulierung lässt keinen Zweifel zu, dass es beim Nutzen hier um eine ökonomisch quantifizierbare Größe geht. Noch deutlicher wird dies, wenn ausgeführt wird, dass der Aufwand für "Ballastexistenzen" in einer Krisensituation "[…] bei welcher die größtmögliche Leistungsfähigkeit Aller die unerläßliche Voraussetzung für das Gelingen der Unternehmung bedeutet, und bei der kein Platz ist für halbe, Viertels- und Achtelskräfte."[21] Zu Recht gilt dieses Werk als Wegbereiter des faschistischen Behindertenmordes. Die Aussagen von Binding und Hoche folgten jedoch vollständig der Logik der Steigerung der ökonomschen Effizienz. Der deutsche Faschismus hat diese Logik entsprechend der Formel "Behinderung = Arbeitsunfähigkeit = Vernichtung"[22] weiter radikalisiert. Auch in dieser Hinsicht zeigte sich die Herrschaft in Deutschland zwischen 1933 und 1945 als ein Bündnis zwischen der faschistischen Partei und den Spitzen der kapitalistischen Wirtschaft, die sich nicht nur in diesem menschenfeindlichen Interesse trafen.[23]


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