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vorgänge: Artikel - 30.11.85

Vom Sinn und Widersinn des Geheimhaltens

Günter Weigand

aus vorgänge Nr. 78 (Heft 6/1985), S. 105-112

Mancher Leser mag vermuten, nachfolgende Überlegungen seien durch die auffallende Serie von geflüchteten oder gefaßten Agenten beiderlei Geschlechts veranlaßt, die in diesen Monaten nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland die Aufmerksamkeit der Medien und Staatsbürger auf sich ziehen, weil begreiflicherweise in dieser Zeit der Wechselbäder von Entspannung/vertrauensbildenden Maßnahmen und explodierender globaler und orbitaler Superrüstungen die Wirksamkeit der »Maulwürfe« in West und Ost gesteigertes Interesse findet. Doch es ist nicht so: Mich bewegt vielmehr die Grundsatz-frage, ob in diesem Land, das durch die verschiedensten Geschichtsepochen für eine übertrieben gründliche, perfektionistisch gewissenhafte Mentalität berühmt und berüchtigt ist, im Alltag ein vernünftiges Maß von Geheimnisschutz praktiziert oder durch ein (neurotisches?) Übermaß von Geheimniskrämerei tragisch Abwehrhaltungen erzeugt werden, die das Gegenteil des legitim Bezweckten bewirken.

 

Zur Veranschaulichung meines Motivs stelle ich zwei Erfahrungen voran, die ich 1962 und 1983 machte. Damals war ich in Münster praktisch schutzlos brutaler Verfolgung durch nazistische Staatsanwälte ausgeliefert, die mich verleumdeten, gemeingefährlich geisteskrank zu sein, und meine lebenslange Zwangsunterbringung in einem Irrenhaus gemeinsam mit dem korrupten Oberbürgermeister hartnäckig betrieben. Ihnen mißfiel sehr, daß ich den sehr dubiosen Gewalttod eines prominenten Rechtsanwalts aufklären helfen wollte, der der Juniorpartner in der Sozietät des OB war und als hochwahrscheinliches Opfer eines Mordes zynisch als »ein sonnenklarer Fall von Freitod« hingestellt worden ist - quasi mafiawürdig. Meine Aktivitäten im Stillen und Gewohnten wurden lächerlich gemacht und abgeblockt, aber noch hingenommen. Erst als ich durch die Verteilung von Flugblättern Öffentlichkeit herstellte (»die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung störte«!), schlug der Staatsapparat gnadenlos zu.
Ein sog. Gerichtspsychiater, dem die Medizinische Fakultät der Universität als einer »üblen Zeiterscheinung« die Umhabilitation als DDR-Flüchtling verweigert hatte, er-schien mit dein Ansinnen vor meiner Wohnung, ihn doch am besten gleich in meinem wohlverstandenen Interesse in das Landeskrankenhaus zu begleiten. Ich wollte seinen Auftrag sehen. »Ganz unmöglich! Das ist streng geheim!!« , war seine sofortige Entgegnung. So forderte ich ihn zum unverzüglichen Verlassen des Treppenhauses auf. Er ging und fertigte aus der hohlen Hand zwei sog. Aktengutachten über mich, die von Unwahrheiten strotzten, aber meine sofort notwendige unbegrenzte Zwangsunterbringung behaupteten. Deren Beschaffung durch einen Verteidiger war schwer, ihre Widerlegung durch vier Fachleute der Psychiatrie von Rang angesichts der vorherrschenden Neigung, »Privatgutachten« grundsätzlich nicht auszustellen, um sich nicht selber das Wasser als gerichtliche Sachverständiger abzugraben, zeitfressend mühselig, schließlich jedoch erfolgreich. Aber wieder schlug justiziell die Borniertheit die Vernunft aus dem Rennen: Anerkennung wurde den Expertisen mit dem »Argument« versagt, die Autoren kannten ja die Akten nicht! Der Antrag, sie ihnen dann doch zur Überprüfung ihrer Erkenntnisse zuzuleiten, verfiel wiederum der Ablehnung. So kann die Staatsmacht durch vorsätzliche Transparenzverweigerung ihren Mitbürgern das Leben über lange Zeit zur Hölle machen.

 

Die zweite Erfahrung betrifft Heinrich Böll. Mit ihm wurde ich über einen Freund im Dezember 1962 bekannt, als ich mich vor der drohenden, durch Beschwerden nicht abwendbaren Einschleppgefahr ins Irrenhaus auf den guten Rat meines Verteidigers verbarg. Böll bewies dem doch praktisch Fremden gegenüber nicht nur die Größe, mir sein Ferienhaus in Irland auf unbegrenzte Zeit als Asyl zur Verfügung zu stellen; er stattete mich sogar noch mit 350 DM Bargeld aus für die Fahrt dorthin. Meine Dankbarkeit dafür überdauert seinen frühen Tod.
Seit 1979 bemühe ich mich um die Befreiung eines unschuldig »wegen Mordes pp.« zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilten Hilfsarbeiters, dessen Schwiegersohn den Raubüberfall vor seiner Frau und deren Mutter zweifach - zehn und elf Monate nach der erstinstanzlichen Verurteilung durch das Schwurgericht - gestanden hat, nachdem Bieralkohol seine Zunge löste. Wie etliche andere, so bat ich auch Herrn Böll um seine Intervention bei der Justizbehörde, nachdem sich mein Eindruck gefestigt hatte, daß diese inzwischen sehr wohl selber das Fehlerhafte der Verurteilung erkannt hatte, aus niedrigen Prestigeüberlegungen unter Ausnutzung alter Gesetzesbestimmungen jedoch die nötige Korrektur stur ablehnte. Dazu übergab ich ihm eine komprimierte Darstellung des Sachverhalts. Als ich auch nach Monaten nichts wieder von der Sache hörte, fragte ich an, was denn aus der Fürsprache geworden sei, und ob ich jetzt wohl eine Abschrift der Eingabe für meine Handakten bekommen könne. Das lehnte Bölls Sekretärin in seinem Namen mit der Begründung ab, »die Korrespondenz von Herrn Böll ist privat, und ich bin nicht befugt, davon Kopien zu machen. Bitte verstehen Sie, daß ich Ihnen die private Korrespondenz von Herrn Böll nicht in Ablichtungen zugänglich machen kann.« (19.8.83)

 

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Geheim ist, wie das Grimmsche Wörterbuch, Sp. 2351 sagt, das Adjektiv zu Heim wie heimlich, mit dem es an sich zusammenfällt, seine jüngere Schwesterbildung seit der neuhochdeutschen Zeit, während heimlich schon im Althochdeutschen bezeugt sei. Auf 20 Spalten werden dort dann die verschiedenen Wortbedeutungen und Belege dafür von Geheimelei für Mystizismus bis Geheimzimmer (des Königs Kabinett, aber auch das nur der Freundin zugängliche Boudoir höhergestellter Damen) zusammengestellt. Sie verraten schon quantitativ, wie tief und ausgedehnt dies Wort mit seinen Zusammensetzungen in fast alle menschlichen Bezüge hineinreicht, einigermaßen rätselhaft für uns aufgeklärte Zeitgenossen, ja Bildschirmvoyeure, denen praktisch keine Intimität verborgen und verschlossen bleibt.
Ich kann hier nicht einmal die sieben Grundbedeutungen von geheim referieren. Es muß genügen, daß geheim -  heimlich, vertraut, familiär, ja behaglich in seiner eigentlichen Bedeutung »unmittelbaren Anschluß an Heim gewann« und »hier und da auch wirklich volksmäßig wurde«: daheim ist es geheim! In diesem Sinne läßt das heute zur gedankenlosen Steigerung für »sehr« verkommene »unheimlich« genau den Gegensatz zum Gemeinten auch im emotionalen Umfeld aufklingen und erkennen.
So war das geheime Haustier das heimisch gewordene zahme, domestizierte Tier im Unterschied zum wilden der freien Wildbahn, die (Brief)Tauben nicht weniger als Hühner, Gänse, Kälber und Schweine.

 

Freilich schwingt auch hier schon mit, was später im Bedeutungskern nach vorne rückte: Geheim ist das Geheimnisvolle, das nicht voll benannt, erklärt, begriffen werden kann, das - ob gegenüber Gott, dem Monarchen, dem Geliebten, dem Vorgesetzten, dem Offizier, dem Feind, der Öffentlichkeit, der Presse usw. - verborgen und geschützt werden muß, bis hin zu solchen Zweckgeheimnissen im Finanz-, Steuer-, Bank-, Kredit-, Börsen-, Immobilien- und Spekulationswesen. »Unbefugte« sollen nicht wissen, was ich weiß, was meine Gruppe, Partei, mein Stand, mein Forscher- und Entwicklungsteam, mein Volk, meine Armee, meine Religionsgemeinschaft weiß bis hin zur Arkandiszipiin: Wissen ist Macht, das Herrschaftswissen zumal und leichter regiert's sich mit künstlich dumm gehaltenen und dann unvermeidlich abhängigen »Laien« als mit wachen, wissbegierigen, emanzipierten und nach Teilhabe an sozialer Verantwortung strebenden mündigen Staatsbürgern.
Ein Standardwerk der Wortfeldforschung (Wehrle-Eggers, Deutscher Wortschatz, Stuttgart 1961) ordnet die von »geheim« abgeleiteten Wörter nicht weniger als 26 Wort-gruppen zu, die hier nur einmal aufgeführt seien, um darzutun, wie sehr sich dieser soziale Kernbegriff in die disparatesten Felder des Denkens, Sprechens und Ordnens verzweigt: Ausschluß - Aufenthaltsort - Behältnis/Verwahrraum - Unwissenheit - Vorausschau - Unverständlichkeit - Mehrdeutigkeit - Offenheit - Verborgenheit - Geheimhaltung - Offenlegung - Schlupfwinkel - Geheimnis - Bote - Täuschung - Schrift - Wahlfreiheit - Heilmittel - Sicherheit - Flucht - Ratschlag - Zweckverband - Seelenqual - Unehre - Überhebung und Geheimlehre.

 

Gibt es doch neben den Geheimdiensten, Geheimagenten und Geheimbünden z.B. die Geheimdiplomatie, das Geheimfach und -gemach, den Geheimfonds, die Geheimklausel, die Geheimlehre, das Geheimmittel, die Geheimpolizei, den Geheimrat, Geheimkurier, Geheimschreiber, Geheimschlüssel, Geheimsprache, Geheimsender, Geheimtür, Geheimtinte, Geheimsinn, Geheimvertrag und Geheimwissenschaft!

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Was an der Geheimdiplomatie geheim sei, fragt Ludwig Marcuse (Argumente und Rezepte, München 1967) spöttisch und antwortet: »Der Tag und die Stunde, wann sie sich trafen, und die Farbe der Krawatte des Unterhändlers«. Aber ist die normale Diplomatie überzeugender? »Man sieht, wie die Partner ins Konferenzzimmer gehen und wieder aus ihm herauskommen, ja man erfährt das Ergebnis: beide sind friedliebend!« - so Marcuse.
Andererseits: welcher politische Fortschritt ist es doch, daß wir geheim wählen dürfen, ohne daß uns einer in der Anonymität der Wahlkabine über die Schulter schauen und registrieren darf, welcher politischen Versprechung ins Unberechenbare wir an einem bestimmten Datum unsere Stimme(n) anvertraut haben, allen geschichtlichen Täu-schungen und Enttäuschungen zum Trotz stets neu hoffend, sie könnten sich ja doch einmal erfüllen?
Hat die Geheimtinte noch heute Wert und Berechtigung, oder ist sie im Zeitalter von Codes und Chips nur noch ein belächelnswerter Anachronismus?

 

Solche Fragen können darauf hindeuten, daß dem Geheimgebrauch etwas sehr Zwiespältiges, Ambivalentes anhaftet, das eine eindeutige Bewertung prinzipiell unmöglich macht. Es gibt in unserer Welt unbefugte, auf Ausnutzen, Übervorteilen, Ausbeuten, Betrügen und Schädigen angelegte Neugier und darum staatlich anscheinend notwendi-gerweise betriebene Ausspähung und Spionageabwehr, im Privaten wie Geschäftlichen Diskretion und Ausschluß der Öffentlichkeit, sogar vor Gericht, wenn öffentliches Verhandeln die Wahrheitsfindung grob erschwerte oder schützenswerte Sozialgüter (Sittlichkeit, Jugendschutz usw.) gefährdete. Eigensucht und Lüge haben zunächst immer für den gewissenlosen Anwender gegenüber edler altruistischer und wahrhaftiger Verhaltensweise Start- und Positionsvorteile. So befreiend und gewinnend, aufschließend und zum Guten ansteckend Offenheit und Vertrauensvorschuß sein können, so verheerende Schäden kann eine arglose, naive und unangebrachte gutgläubige, gutmütige Grundhaltung für den Betroffenen und die ihm Anvertrauten bewirken, mitunter erst provozieren, wenn dem Handelnden die Unterscheidungsgabe und Menschenkenntnis fehlen, die für ein sachgerecht differenzierendes Reagieren ohne »Überfahrenwerden« unerläßlich ist.
Sehen wir näher zu, ob die einschlägig wichtigsten Nachbarwörter uns vielleicht Leitlinien bei der Suche nach einem Kriterium sein können, das uns besser ausrüstet zu entscheiden, wie weit wir die Geheimhaltung treiben sollten, ohne der verachteten und verächtlichen Geheimniskrämerei zu verfallen. Diese findet sich in der Nachbarschaft von »Hintertür(chen), Hinterhältigkeit, Heimlichtuerei, Okkultismus, Versteckspiel, Augurenlächeln, Einflüsterung, Rotwelsch - anonym, verstohlen, verkappt, verschleiert, getarnt, hinten herum, erschlichen«, um nur die Haupt- und Eigenschaftswörter zu nennen, denen sich noch etliche verbale Umschreibungen anfügen ließen. Von einer Geheimnissucht wußten unsere Vorfahren sogar, auch von der Proportion, daß sie mit der Kleinheit einer Gemeinde wächst, wohl ähnlich dem Klatsch- und Tratschbedürfnis, das in den Groß- und Weltstädten der vereinzelnden Anonymität und dem Desinteresse am Nachbarn, vor allem denen in den Hochhäusern und wabenförmigen Wohnmaschinen zum Opfer fällt. Beim Geheimniskrämer dürfte in der Regel hinzukommen, daß er sein Wichtigtuertum zum Kompensieren seiner Minderwertigkeitsempfindungen braucht - als Person und erst recht als Funktionär oder Amtsträger, der über daseinsgestaltende Machtchancen verfügen und diese willkommen ausweiten kann, wenn er sein Tun und Unterlassen gegenüber dem Gesuch- oder Antrag- oder Bittsteller zusätzlich mit dem Mantel des Geheimnisträchtigen umhüllen kann.


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