Heide Hering

Die Angst der Frauen - eine Lust der Männer?

aus: Frauenverachtung verbieten? Gegensätzliches zur Verrechtlichung eines gesellschaftlichen Problems. HU Schriften Nr. 14 . München 1988, Seiten 21-24

 

Ich fürchte, wir stecken in der Klemme. Beim Thema Pornographie stehen sich zwei Grundprinzipien der Humanistischen Union scheinbar unvereinbar gegenüber: der politische Kampf für eine freiere Sexualität und der politische Kampf gegen die Diskriminierung der Frauen. Beide haben ihre HU-Geschichte. Einerseits gab es in den 60er Jahren einen heißen Kampf zwischen Sitte und Anstand auf der einen Seite und Pornographie auf der anderen. Ich selbst war damals noch nicht politisch aktiv - aber ich entnehme schon allein dem Inhaltsverzeichnis der „vorgänge", daß diese Auseinandersetzung ein HU-Thema war. Unzüchtige Schriften hieß das seinerzeit, und der Volkswartbund sorgte sich um die Moral der Bürger; eine „Aktion saubere Leinwand" wachte über die Kinogänger. Die Humanistische Union setzte sich damals für eine Liberalisierung des Sexualstrafrechts ein, gegen jede Zensur, für die Freigabe der Pornographie. Es war auch die Humanistische Union, die damals für die „Sammlung Kronhausen" eine öffentliche Ausstellung erotischer Kunst organisierte. Dieser Tradition der Humanistischen Union bin ich mir durchaus bewußt. Andererseits waren wir die ersten in der Bundesrepublik, die sich 1976 daran machten, ein Antidiskriminierungsgesetz zu erarbeiten. In diesem Gesetz wurde damals, vor mehr als 10 Jahren, ein Verbot frauenfeindlicher Werbung gefordert. Werbung, die Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter festlegt, sollte ebenso verboten werden wie eine Herabsetzung von Frauen als Sexualobjekte. Diese Forderung blieb damals in der HU unwidersprochen - wer wollte sich auch schon für die Freiheit der Werbung stark machen? In der Pornographiedebatte geht es heute um die Fortsetzung dieser damaligen Forderung - Verbot von frauenfeindlichen Darstellungen -, und das rührt heute nun an einem empfindlichen HU-Nerv. Das Anliegen ist das gleiche. Es geht um das Frauenbild in unserer Gesellschaft. Frauen leben in einer Welt, in der sie benachteiligt sind, beruflich, finanziell, politisch. Sie leben in einer Wirklichkeit, in der sie mit sexueller Gewalt rechnen müssen. Und genauso werden sie in dieser Gesellschaft auch abgebildet: als doofes Heimchen in den Schulbüchern, sexuell verfügbar in der Werbung, freudig gefesselt und vergewaltigt in der Pornographie. Und jetzt kommen wir, meine ich, zum entscheidenden Punkt, der diskutiert werden sollte: Hat das eine, die gesellschaftliche Wirklichkeit, mit dem anderen etwas zu tun? Ist das Abbild unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit in Schulbüchern, Werbung und Pornographie einfach nur eine Dokumentation der herrschenden Zustände - und sonst gar nichts? Oder ist dieses Bild der Frau nicht auch immer zugleich Werbung für diese Frauenrolle? Bleibt die Erfahrung solcher Bilder ohne Folgen? Ohne Auswirkung auf unsere Söhne und Töchter, auf unsere Liebhaber - oder Vergewaltiger? Welche Fantasien werden erst geweckt? Werden diese Wünsche dann nicht auch in die Tat umgesetzt? Ich will versuchen, diese Frage anhand eines Beispiels zu illustrieren. Es ist mir aufgefallen, daß in den sogenannten „schönen" Fotobüchern, die dem Akt gewidmet sind (und damit dem weiblichen Körper), neben vielen neckischen, erotischen und wirklich schönen Akten, Gewalt auch immer wieder abgebildet wird, nicht grausam, eher mit dem Rohrstöckchen. Vor allem aber taucht ein Thema immer wieder auf: die Frau in Angst und Schrecken. Eine Frau auf der Flucht, schreiend, eine Frau, erschreckt, weil eine männliche Hand ihr die Kleider wegreißt, eine Frau, vor Angst erstarrt, weil eine männliche Hand sich von außen in die Wohnungstür schiebt. Die Angst der Frauen zur Lust der Männer. Diese Bilder predigen doch: Es ist toll und aufregend, wenn Frauen sich fürchten. Wenn Frauen weglaufen müssen - wie erregend! Ich kann es nicht anders interpretieren. Unsere Gesetzgebung geht offenbar davon aus, daß Bilder und Beschreibungen von Gewalt und sexueller Gewalt ihre Wirkung haben. Wie käme sie sonst dazu, Darstellung von Gewalt und Aufstachelung zum Rassenhaß zu verbieten? (Die Aufstachelung zu Frauenhaß wurde seinerzeit nicht gesehen, ich denke, sie müßte heute ergänzt werden.) Wissenschaftliche Beweise über den Zusammenhang von Pornographie und Zunahme sexueller Aggression von Männern werden von der Zeitschrift EMMA zitiert. Herr Kentler bestreitet den direkten Zusammenhang. Ein indirekter Zusammenhang ist wohl nicht zu leugnen. Ich sehe die Humanistische Union im Moment gewissermaßen hin- und hergerissen zwischen den beiden Zielen, Befreiung der Sexualität und Befreiung der Frauen - um es einmal auf eine vereinfachte Formel zu bringen. Mein Fazit lautet: Es sind dies zwei Verkrüppelungen, die uns unsere Geschichte beschert hat, auf der einen Seite die Verkrüppelung unserer Sexualität und auf der anderen Seite die Verkrüppelung unserer Geschlechterrollen. Beides wollen wir bekämpfen. Und wir werden wohl nicht eins davon los werden ohne das andere. Es kann gar keine neue, freiere Sexualität geben ohne ein neues Frauenbild in unser aller Köpfe und unser aller Lust. Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als auf dem Weg zu einer freieren Sexualität auch die Manifestation der Weibchen- und Opferrolle der Frauen zu bekämpfen. Der Vorschlag von EMMA zu einem neuen Anti-Pornographiegesetz erscheint mir richtig. Er schafft keinen neuen Tatbestand - harte Pornographie ist und bleibt verboten. Die Überwachung dieses Verbots soll nun nicht mehr nur Aufgabe des Staatsanwalts sein, sondern außerdem in die Hand von Frauen und Frauengruppen gelegt werden. Frauen können dann per Zivilklage den Pornographen auf Unterlassung und Schadensersatz verklagen. Und während wir dann dafür sorgen, daß die alte Pornographie verschwindet, können sich ja alle kreativen Männer und Frauen den Kopf darüber zerbrechen, wie denn eine neue Kunst und Kultur, eine neue erotische Kunst, eine neue Pornographie aussehen kann, wenn Frauen und Männer in der Sexualität und im Alltag, im Beruf und im Haushalt auf gleicher Ebene zusammen leben. Sicher sehr anders.


Coverbild der Broschüre