- 7.11.91

Anmerkungen

Johannes Neumann

aus: ders., Zur religiösen Legitimation der Staatsgewalt in der Bundesrepublik Deutschland, Tübingen 1991, S. 49-61

  1. Diese Stelle ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil sie zeigt, wie wenig Tertullian die Wiederkunft des Auferstandenen herbeiwünscht. Die eschatologische Endzeit wird eher gefürchtet denn erhofft.
  2. Unter vielen anderen Stellen: Von weltlicher Obrigkeit, 1523: WA XI, 257; Der 82. Psalm, ausgelegt 1530: WA XXXI 1, 192; Magnificat 1521, WA VII, 603: Wider die räuberischen.... Rotten der Bauern 1525: WA XVIII, 360.
  3. Der 82. Psalm: WA XXXI 1, 196, 16; selbst beim (erlaubten) Widerstand gegen den (gottlosen) Tyrannen muss die Befehlsgewalt der Obrigkeit als solche anerkannt werden: Zahllose Nachweise bei: J. Heckel, 1973, 241; Wider Hans Worst 1541: WA LI, 557).
  4. WA Ti IV Nr. 4342; WA XXXIX 2, 77,3.
  5. Dementsprechend schreibt Kardinal Ottaviani (von 1965 - 1968 Chef der obersten Glaubensbehörde der römischen Kirche): "Du sagst vielleicht, die katholische Kirche messe mit zweierlei Maß und Gewicht. Denn wo sie herrscht, will sie die Rechte der Andersgläubigen einschränken, wo sie aber in der Minderheit ist, will sie die gleichen Rechte haben wie die anderen. Darauf ist zu antworten: In der Tat, mit zweierlei Maß und Gewicht ist zu messen, das eine für die Wahrheit, das andere für den Irrtum." (Institutiones iuris publici ecclesiastici II: Ecclesia et status Rom 41960, 72f.. Vgl. zum Ganzen: Neumann, 1987, 71-83).
  6. "Diese neuen staatlichen Maßnahmen... treffen in vielen
    Punkten mit den kirchlichen Vorschriften und Bestrebungen zusammen dass es der katholische Klerus als seine Berufs- und Gewissenspflicht ansieht, mitzuarbeiten, damit das große Werk mit Gottes Hilfe gelinge." (484). Damit wird bestätigt, dass nationalsozialistische und katholischkirchliche Ideologie miteinander nicht nur korrespondieren, sondern kongenial sind: Beide sind totalitär (nicht nur autoritär) und um ihrer Dogmen willen menschenverachtend. So schrieb E.R. v. Kienitz (1937, 27): "Durch die Beschlüsse des Trienter Konzils wurde der kirchliche Führergedanke für alle Stufen der Hierarchie wieder ganz stark betont."
  7. Als Kardinal Faulhaber bereits kurz nach Abschluss des Reichskonkordats erkennen musste, dass die Nationalsozialisten die katholischen Positionen konsequent angriffen, hielt er seine "theologischen Adventspredigten über das Alte und Neue Testament" (vgl. Anm. 12). Von diesen Adventspredigten konnten trotz staatlicher Pressionen weit mehr als 150 000 Exemplare verkauft werden. Wenn in dieser Situation die deutschen evangelischen wie katholischen Kirchenführer und der Vatikan mit einer Stimme der Menschlichkeit gesprochen hätten, wäre vielleicht eine "Wende" noch möglich gewesen. Doch dem Kardinal ging es gar nicht – wie Himmlers Sicherheitssamt fälschlich annahm - um einen "grundsätzlichen oppositionellen Kurs... " (Scholder 1977, 661). Scholder verweist in diesem Zusammenhang auf das unwürdige Lavieren des heiligen Stuhles wie der deutschen Bischöfe und stellt dazu fest: "Diese Politik war ein Irrtum. Aber sie war nicht ein Irrtum des heiligen Stuhles. Sie war der Irrtum Europas", er geht damit an dem Kern des Problems vorbei: Das Dilemma - auch der evangelischen Christen - war selbstgemacht: hätte man nicht anfangs die "Bewahrer deutscher Sitte" und die sinnverwandten Hüter des positiven Christentums hofiert, hätte man nicht vom Herbst 1933 an zu lamentieren brauchen (1977, 662).
  8. E.R. v. Kienitz (33) nennt nicht nur die "ständische Gliederung" ein "fundamentales Verfassungsprinzip der katholischen
    Kirche". "Nach göttlichem Recht sind Klerus und Laien scharf voneinander geschieden als Stand der Führung.... und Stand der Gefolgschaft." Die katholische Kirche ist also die Kirche des "besonderen Priestertums" und muss, "da ihr das ständefeindliche Prinzip der liberalen Demokratien durchaus fremd ist, als eine 'ungleiche Gemeinschaft' bezeichnet werden...  Diese Ordnungen sind derartig voneinander getrennt, dass allein die Hierarchie das Recht und die Vollmacht hat..." - "die Pflicht der Menge aber ist es, sich regieren zu lassen und der Führung der Leiter gehorsam zu folgen (Pius X., Enzyklika 'vehementer' vom 11.2.190G)". Kienitz gibt auch ohne jeden Anflug von Scham zu, dass "das Schwert der deutschen Markgrafen und Deutschordensritter... der Kirche den Weg in den deutschen Osten gebahnt" habe; " Das Schwert der Konquistadoren hat schließlich Lateinamerika...  der katholischen Kirche unterworfen".
    "Aus der Eigenart dieser kirchlichen Liebesgesinnung löst sich das scheinbare Paradox, dass die Kirche große Inquisitoren, einen heiligen Petrus Martyr, Pedro Arbues, Papst Pius V. zur Ehre der Altäre erhoben hat und damit Lehramtlich festgestellt, dass diesen Männern nicht nur eine vorbildliche Glaubensfestigkeit, sondern auch eine heldenmütige Liebe eigen war" . Diese "heldenmütige Liebe" hat  Hunderttausenden von Menschen Qual und Tod, ihren Familien Verbannung, Leid und Armut gebracht. Eine Organisation, die Massenmörder als Heilige verehrt und als Vorbilder hinstellt, wird man mit Fug und Recht als eine kriminelle Organisation bezeichnen dürfen.

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Coverbild der Broschüre "Zur religiösen Legitimation der Staatsgewalt"