- 5.11.91

Die "Stunde Null" und das neue Selbstbewusstsein der Kirchen

Johannes Neumann

aus: ders., Zur religiösen Legitimation der Staatsgewalt in der Bundesrepublik Deutschland, Tübingen 1991, S. 1-21

Die "Stunde Null" vom 8. Mai 1945 war auch bezüglich des Verhältnisses von Staat und Religion kein Neuanfang, sondern eine Fortsetzung. Erst recht war die Gründung der neuen Republik, der Bundesrepublik Deutschland, kein revolutionärer Umbruch aufgrund der schrecklichen Erfahrung des Krieges und des Widerstandes weniger gegen das nationalsozialistische Unrecht, sondern eine konsequente Fortsetzung der rechtlichen, politischen und religiösen Entwicklungslinien die Jahrzehnte vorher begonnen hatten. Lediglich durch die Auflagen der alliierten Siegermächte hatten manche Traditionen punktuell neue Differenzierungen, aber auch deutliche Verstärkungen der impliziten Inklinationen gegenüber den religiösen Institutionen erhalten. Die Jahre nach 1945 stellen also die Fortsetzung einer verhängnisvollen Geschichte dar, die über die NS-Zeit und die Weimarer Republik hineinreicht in die ungeschminkte Verquickung der Herrschaft von Thron und Altar über Leib und Seelen der Untertanen in den deutschen Monarchien.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es mit Hilfe der (Christlichen) Religion - katholischer wie evangelischer Provenienz - den (absolutistischen) Herrschern möglich geworden war aus Bürgern gehorsame Untertanen zu machen. Die "Kinder Gottes und Erben des Himmels" waren von den geistlichen Hirten mit Hilfe der von Gott gesetzten Obrigkeit (Röm 13, 1-6) zu gehorsam ergebenen, blind vertrauenden Schafen dressiert worden. Das verwundert nicht, wenn man genau liest, was Paulus am Anfang des 13. Kapitels des Römerbriefes schreibt: "Jedermann sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan; denn es gibt Gewalt nur von Gott, und die bestehende Gewalt ist von Gott geordnet. Wer sich also gegen die Obrigkeit auflehnt, widersteht der Anordnung Gottes: die Widersetzlichen ziehen sich selbst das Gericht zu. Die Regierenden sind Anlass zur Furcht nicht wegen der guten Tat, sondern wegen der bösen. Willst du dich vor der Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr erhalten; denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Tust du freilich das Böse, so hast du Grund zu fürchten: Sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist doch Gottes Dienerin, Richterin zur Vollstreckung des Zornes an den Übeltätern. Also, muss man sich (zu ergänzen: der weltlichen Autorität: J.N.) unterwerfen, nicht allein des Zornes wegen, sondern auch um des Gewissens Willen. Deshalb zahlt ihr ja auch die Steuer. Sie walten in Gottes Namen und sind gerade deshalb in ihrem Amt."

Nicht zuletzt dank dieser Ermahnung des Paulus, die in eine ganz bestimmte Situation der Gemeinde Roms gesagt war, hatten die Christen seit frühester Zeit sich den Herrschern als treueste Untertanen empfohlen: Schon zwei Jahrhunderte vor Augustinus hat Origenes (185-254 n.Zw.) es so formuliert: "Die Christen erweisen ihrem Vaterland mehr Wohltaten als die übrigen Menschen. Denn sie sind die erzieherischen Vorbilder für die anderen Staatsbürger, weil sie lehren, Gott treu zu sein, der über dem Staat steht..." (Contra Celsum VIII, 74: Rahner, 1961, 39. - Tertullian (ca. 160-220 n.Zw.) nannte auch die Motive der Christen für ihre Kooperation mit dem Staat und ihre Erwartung, über alles herrschen zu können: "Wir beten nämlich für das Heil der Kaiser zu Gott dem Ewigen wir beten allezeit für alle Kaiser um ein langes Leben, um friedvolle Herrschaft, um die Sicherheit ihres Hauses, um ein tapferes Kriegsheer, einen getreuen Senat, um die Ruhe des Erdkreises...  Es besteht aber für uns noch eine andere, weil dringlichere Pflicht für die Kaiser, ja für den Fortbestand des Imperiums und des römischen Staates zu beten: Wir wissen nämlich, dass die der ganzen Welt drohende Endkatastrophe und das Ende der Zeiten mit all seinen dräuenden Schrecken nur durch den Fortbestand des römischen Imperiums aufgehalten wird. Weil wir nun die Zeiten nicht mit erleben wollen und deshalb um ihren Aufschub beten sind wir auch die Freunde Roms und seiner dauernden Wohlfahrt... " schließlich: "Der Kaiser gehört uns, denn er ist von unserem Gott eingesetzt. Und weil er so mein eigener Kaiser ist, fördere ich sein Heil mehr... " (Apologetikum 28, 3-33,3: Rahner, 1961, 47-49; Hervorhebung im Zitat von J.N.)
Von solch unverblümter Darstellung der eigenen Interessen führt ein gerader Weg zu Martin Luthers Lehre, dass der Christ der rechtmäßigen Obrigkeit nicht nur zeitlicher Strafen willen gehorchen müsse, sondern weil er sonst Gottes Zorn wecken und sein Seelenheil gefährden würde. Der Christ wird also nach Luthers Meinung dem irdischen Recht mit größerer Gewissenhaftigkeit folgen als ein Heidenaher ist das Christentum die festeste Stütze weltlicher Herrschaft '. So gingen denn mit Luthers Ermunterung und Segen die Fürsten gegen die "räuberischen Bauern", Wiedertäufer und Juden vor. Sie durften sich als "Gottes amptmann und seyns Zornes diener" wissen (W.A. XVI, 360).
In dieser ungebrochenen christlichen Tradition stehend konnte im Zweiten Weltkrieg Hanns Lilje, der spätere Landesbischof und seit 1953 leitender Bischof der Vereinigten Evangelischen-Lutherischen Kirche Deutschlands, in seiner Schrift mit dem Titel "Der Krieg als geistliche Leistung" schreiben: "Es muss nicht nur auf den Koppelschlössern der Soldaten, sondern in Herz und Gewissen stehen: Mit Gott! Nur im Namen Gottes kann man dieses Opfer legitimieren." (1941, 14) Das stimmt zweifellos: Der verbrecherische Angriffskrieg der Deutschen konnte nur im Namen des Christengottes legitimiert werden, wenn er als Kampf gegen den gottlosen Bolschewismus und das die christliche Sitte zersetzende Judentum dargestellt wurde. Und wer konnte das besser beurteilen, als die Kirchen. Das war gut lutherisch gedacht, denn kein Unrecht der Obrigkeit gibt dem Untertan das Recht zum Aufruhr: "misprauch verstöret das ampt nicht'. Was allerdings das Recht der evangelischen Fürsten anlangt, so dürfen sie im Fall eines Religionskrieges - aktiven Widerstand leisten gegen den (papistischen) Kaiser, da dieser gegen die reine Lehre vom Evangelium, wie Luther sie versteht, vorgehen will'' . Ein guter Theologe ist, wer aus der Bibel jeden Grundsatz der Macht zu rechtfertigen vermag, sofern er dem eigenen Vorteil dient. Es kommt in einem Konflikt eben immer darauf an, auf welcher Seite das Recht Gottes streitet.


1

2

3

4

5

6

7

Vor

Coverbild der Broschüre "Zur religiösen Legitimation der Staatsgewalt"