Sie befinden sich hier: Start |Veranstaltungen |Bürgerrechtspreise |

Berlin: Drewitz-Preis, Veranstaltungen: Berichte - 11.02.05

Auszug aus der Laudatio von Peter Lehmann, Mitbegründer des Weglaufhauses

Von: Peter Lehmann

Mitteilungen Nr. 188, S.9

„1982 war ich Teil jener Reisegruppe, die nach Amsterdam fuhr, um einen Kongress zum Thema Alternativen zur Psychiatrie zu besuchen. Dort besichtigten wir ein Weglaufhaus, und sofort entstand bei uns der Wunsch, auch in Berlin ein solches Asyl aufzubauen: ein Asyl für Menschen, die vor einer gewaltbereiten Psychiatrie fliehen und die Hilfe und Unterstützung suchen ...

Immer wieder hatten wir in unserer damaligen Selbsthilfegruppe die Erfahrung gemacht, dass Einzelne schnell überfordert sind, wenn sie einen Menschen in die eigene Wohnung mitnehmen, der eine psychische Extremsituation durchlebt und vor psychiatrischen Nachstellungen auf der Flucht ist. Viele Nächte hält man dies nicht durch, man muss ja doch einmal schlafen, tagsüber eventuell arbeiten. Und unbezahlt die Schäden bearbeiten, die andere bezahlt verursachen, das konnte und kann nicht die Lösung sozialer Probleme sein ...

Das Weglaufhaus, das am 1. Januar 1996, rund 14 Jahre nach Entstehen der Idee, seinen Betrieb aufnahm, ist ein antipsychiatrisches Asyl für Menschen mit gelegentlich andersartigen Wahrnehmungen und hoher Sensibilität. Es sind in aller Regel die Wehrlosesten, die von ihren Gruppen und Familien ausgegrenzt werden, und wenn sie im Weglaufhaus ankommen, stehen sie meist da ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Ausbildung, ohne Freunde, dafür abgefüllt oder zugespritzt mit Psychopharmaka. (Am Weglaufhaus) beteiligt sind kritische Psychiatriebetroffene, Angehörige, sogenannte Fachleute, sogenannte Laien, auch Journalisten, Politiker oder einfach nur Bürger. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von Widerspruchsgeist und der grundlegenden Erkenntnis erfüllt sind, dass die Psychiatrie als naturwissenschaftliche Disziplin dem Anspruch, psychische Probleme zu lösen, nicht gerecht werden kann, dass ihre Gewaltbereitschaft eine Bedrohung darstellt und ihre Diagnostik als Schubladen-Denken den Blick auf die wirklichen Probleme des einzelnen Menschen verstellt ...

Das Weglaufhaus ist nicht nur ein antipsychiatrisches Asyl, es ist nutzerkontrolliert.

Mindestens die Hälfte der Mitarbeiter sind ehemalige Psychiatriebetroffene – Menschen, die ihre Psychiatriebetroffenheit verarbeitet haben und wissen, wo es lang gehen soll, zumindest wissen, wo nicht, denn Patentrezepte lehnt das Weglaufhaus ab ... Welch ein Unterschied ist es doch, ob in einer Einrichtung Psychiatriebetroffenheit Grund zur Verweigerung eines Arbeitsvertrags ist, ob sich Psychiatriebetroffene – neudeutsch – trialogisch und auf gleicher Augenhöhe – als Krankheitsfälle präsentieren dürfen oder ob sie ihren Erfahrungsschatz der Selbsthilfe und Problembewältigung als Grundlage der Arbeitskonzeption einbringen und dafür sorgen, dass Respekt vor dem – auch unverstandenen – Gegenüber und Selbstbestimmungsrecht oberstes Prinzip einer Hilfeeinrichtung ist.

Dem Projekt – den Menschen, die es gegründet und unterstützt haben, die es jetzt tragen und die dort arbeiten, gehört mein Respekt: Menschen, die vor akademischen Titeln und weißen Kitteln nicht in Ehrfurcht versinken, Menschen mit Durchhaltevermögen und Widerspruchsgeist."