Ein Lebenswerk im Dienste der Humanität

Sven Lüders

Begründung zur Vergabe des Fritz-Bauer-Preises 2008 an Dr. Klaus Waterstradt

Klaus Waterstradt und Helga Lenz vor der Frauen- und Familienberatungsstelle in Lübeck

„Es gibt kein Recht zu sterben.
Aber es gibt ein Menschenrecht, in Würde zu sterben.“

(Klaus Waterstradt 1981)

 

Die Humanistische Union verleiht den Fritz-Bauer-Preis 2008 an den Lübecker Arzt Dr. Klaus Waterstradt. Mit ihm ehrt die Bürgerrechtsorganisation einen Menschen, dessen Werk in herausragender Weise mit dem Ziel einer Humanisierung unserer Gesellschaft verbunden ist. Über Jahrzehnte hinweg hat sich Klaus Waterstradt für die Bedürfnisse (ungewollt) schwangerer Frauen, für ein sozial gerechtes Gesundheitswesen und nicht zuletzt für den Anspruch auf ein menschenwürdiges Sterben eingesetzt.

Für Klaus Waterstradt war die Humanität unserer Rechtsordnung stets mehr als nur eine Frage allgemeiner Prinzipien des Rechts. Sein Engagement ist von der Überzeugung geprägt, dass sich die Humanität einer Gesellschaft vor allem darin zeige, wie sie mit den existentiellen Problemen der Menschen umgehe – von der Geburt über die Krankheit bis zum Tod.

Gemeinsam mit anderen Kollegen gründete Klaus Waterstradt 1974 die erste unabhängige Beratungsstelle für schwangere Frauen in Lübeck. In der Einrichtung fanden Schwangere eine fachkundige Beratung vor, die keine moralischen Forderungen erhob oder mit strafrechtlichen Sanktionen drohte, sondern ihre Sorgen und Probleme in den Mittelpunkt der Beratung stellte. Klaus Waterstradt war sich durchaus bewusst, dass ein vermeintlicher „Lebensschutz“ oft das Gegenteil bewirke, für die betroffenen Frauen mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist und familiäre Konflikte verschärfen kann. Seine Beratungsstelle unterstützte deshalb vorbehaltlos die Entscheidung der Schwangeren – ob nun für oder gegen ihr Kind.

Klaus Waterstradt steht darüber hinaus für ein politisches und soziales Verständnis der medizinischen Praxis, das sich nicht auf klinisch verengte Krankheiten beschränkt und seine Verantwortung auch außerhalb der Arztpraxis wahrnimmt. Immer wieder forderte Klaus Waterstradt ein gerechtes Gesundheitssystem ein, wies auf sozialpolitische und ökologische Gesundheitsrisiken hin, engagierte sich in Initiativen der Bürgerrechts-, Ökologie- und Anti-Atom-Bewegung. 

Klaus Waterstradt setzte sich nicht zuletzt für eine humane Medizin ein, die sich ihrer Grenzen bewusst ist. Vor dem Hintergrund immer weiter reichender Behandlungsmöglichkeiten und bisweilen ungewollter Lebensverlängerungen initiierte und organisierte er 1978 die Fachtagung „Menschenwürdiges Sterben“. Mit der Tagung gelang es erstmals, die Probleme der menschenwürdigen Behandlung im Krankenhaus und den Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Anschluss verfasste Klaus Waterstradt gemeinsam mit anderen Experten den ersten Musterentwurf einer Patientenverfügung der Humanistischen Union. Bereits in den 1980er Jahren forderte er, dass die Wünsche Sterbewilliger gesetzlich anerkannt und die strafrechtlichen Sanktionen reformiert werden, damit Ärzte wirklich im Auftrag ihrer Patienten tätig werden können.

Das gesamte Werk von Klaus Waterstradt steht in besonderer Weise für den Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben, von der Geburt bis zum Tod.