An der Seite Rosa Luxemburgs: Paul Levi

Joachim Perels

aus: vorgänge Nr. 62/63 (Heft 2-3/1983), S. 177-179

Sibylle Quack: Geistig frei und niemandes Knecht. Paul Levi - Rosa Luxemburg. Politische Arbeit und persönliche Beziehung. Mit 50 uneröffentlichten Briefen, Verlag Kiepen heuer & Witsch, Köln 1983, 297 Seiten, 48. — DM.

 

Die geschichtliche Rolle Paul Levis (1883 - 1930), führender Kopf des radikalen Flügels der deutschen Arbeiterbewegung, ist bisher wissenschaftlich nicht im Zusammenhang untersucht worden. Für die Geschichtsschreibung der DDR ist dies kein Zufall, weil Levi — von 1919 bis 1921 Vorsitzender der KPD — die luxemburgianische Richtung des frühen deutschen Kommunismus repräsentierte, die von jener autoritär veränderten KPD Schritt für Schritt besiegt wurde, die bis heute den positiven Bezugspunkt des ostdeutschen Staates bildet. Aber auch für die Historie der Bundesrepublik ist Levi, seit 1922 Exponent des linken Flügels der Weimarer SPD, eher eine Randerscheinung geblieben. Er hielt, allzu aktuell, der SPD ihre Staatsfrömmigkeit vor, die für die Schranken der Demokratie in der Klassengesellschaft blind machte. Mit ihrer Studie über die Herausbildung der politischen Positionen von Paul Levi beleuchtet Sibylle Quack eine Figur, die den Kampf gegen die reaktionäre Auslöschung der demokratischen Republik und den Kampf für eine parteibürokratische Untertänigkeit ausschließende, sozialistische Demokratie in sich vereinigt. Nicht zufällig schlägt noch dem toten Levi 1930 im Reichstag der Haß der Rechtskonservativen, aber auch der stalinisierten KPD entgegen: »Als Löbe ein paar Gedenkworte für Paul Levi sprach«, schreibt Carl v. Ossietzky in seinem Nachruf in
der »Weltbühne«, erhoben sich zwei Reichstagsparteien und gingen geschlossen hinaus. Die eine hatte Paul Levi mitbegründet..., die andere rechnete ihn seit je zum engsten Kreis der 'Novemberverbrecher'.«
Der Darstellung Sibylle Quacks liegt ein eingehendes Quellenstudium zugrunde. Neben vielen anderen Ergebnissen der Quellenforschung — so wird etwa ein Brief von Karl Radek an Levi von 1918 zutage gefördert, der die Beziehungen zwischen der Spartakusgruppe und den Bolschewiki unmittelbar erhellt — ist ein Fund besonders bemerkenswert. Sibylle Quack ist es gelungen, im Privatarchiv Frank Herz bisher unbekannte Briefe von Rosa Luxemburg an Paul Levi, die auch ihre über die politische Zusammenarbeit hinausgehende Zuneigung und Liebe in den Jahren 1913/14 dokumentieren, zu erschließen. Im Anhang sind diese äußerst lebendigen und zarten Briefe Rosa Luxemburgs, versehen mit genauen Anmerkungen, nahezu vollständig abgedruckt. Sie zeigen, neben vielem anderen, wie weit entfernt Rosa Luxemburg von einem, wie sie es nennt, »heiseren Radikalismus« (S. 207) war, der die konkreten Handlungsbedingungen außer acht läßt.
Die politische Lebensgeschichte Paul Levis wird aus dessen Innenperspektive nachgezeichnet, ohne daß dabei das jeweilige politische Kampffeld, in dem Levi — eher Stratege und Praktiker als Theoretiker — agiert, ausgespart würde. Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Levi tätig wird und sein jeweiliges Verhalten werden geschickt aufeinander bezogen. Weder die Vorführung leerlaufender Privatheft noch die Aufstapelung historischer Fakten dominiert. Das Buch ist in einer offenbar durch Levis akuraten Stil inspirierten treffsicheren Sprache geschrieben.
Levi stammt aus einer jüdischen Familie, in der die Distanz zur herrschenden Klasse und ihres Obrigkeitsstaates zur Grundhaltung gehört. Prägend wirkt Levis freisinnig-republikanisch gesonnener Vater, der auch dann noch zu seinem Sohn hält, als dieser sich längst zum radikalen Sozialisten entwickelt hatte. Wichtig werden für Levi aber vor allem die im liberalen Geist absolvierte juristische Ausbildung und die frühe Aneignung der politisch-strategischen Positionen Rosa Luxemburgs.
Als Anwalt ist Levi unverkennbar durch den großen liberalen Staatsrechtler Georg Jellinek, der die unverbrüchliche Geltung subjektiver öffentlicher Rechte im Obrigkeitsstaat theoretisch entwickelt, beeinflußt; nicht umsonst hatte Levi bei Jellinek über ein verwaltungsrechtliches Thema promoviert. In seinen vielen Auftritten vor Gericht erzielt Levi die größte Wirkung dadurch, daß er die juristische Argumentation der Gegenseite, der öffentlichen Gewalt und privater Besitzpositionen, immanent auseinandernimmt. Auf dieser Grundlage kann er die öffentliche Meinung, vor allem der Arbeiterbewegung, mobilisieren. In dem Prozeß gegen Rosa Luxemburg vom Februar 1914 gelingt ihm dies ganz besonders. Genau unterscheidet er zwischen der strafbaren Aufforderung zum Ungehorsam und dem Versuch »den Geist des anderen, seine Art zu denken...; zu ändern« (S. 81). Levis forensischer Exaktheit, die ihn zum wohl scharfsinnigsten linken Anwalt der Weimarer Republik werden ließ, ist es schließlich zu verdanken, daß die von dem Kriegsgerichtsrat Jorns systematisch betriebene Verwischung der Spuren nach der Ermordung von Rosa Luxemburg aufgedeckt wird.
Als politischer Stratege betrachtete sich Levi bewußt als Schüler Rosa Luxemburgs. Das zeigt sich in seiner Stellung zum Massenstreik, zum Parlamentarismus, zur Kapitulation der Sozialdemokratie vor dem Weltkrieg des kaiserlichen Deutschlands. In organisatorischen Fragen und in der Beurteilung der russischen Revolution weicht Levi, dem die frühen Erfahrungen der Auseinandersetzungen Rosa Luxemburgs mit Lenin fehlen, allerdings von ihr ab. Während Rosa Luxemburg sehr vorsichtig ist, durch organisatorische Entscheidungen den Kontakt zu den in der sozialdemokratioschen Arbeiterbewegung zusammengefaßten Massen zu verlieren — sie opponiert gegen die frühen Versuche der Bremer Linksradikalen, eine eigene Partei zu gründen —, ist Levi weniger zurückhaltend. Auch in der entscheidenden Abstimmung über den Namen der aus dem Spartakusbund hervorgehenden Partei votiert Levi nicht für den Vorschlag Rosa Luxemburgs, die neue Organisation »Sozialistische Partei« zu nennen, durch den die Verbindung zu den sozialdemokratischen Massen und eine gewisse Distanz zu den Bolschewiki markiert worden wäre. Levi enthält sich der Stimme — mit dem Ergebnis, daß die Spartakusgruppe den Namen »Kommunistische Partei« bekommt, der die Beziehung zum Rußland Lenins deutlich macht. Levi ist es auch, der Rosa Luxemburg dazu bringt, ihre kritischen Bemerkungen zum demokratischen Minus der russischen Revolution nicht zu veröffentlichen.
Die Meinungsunterschiede zwischen Rosa Luxemburg und Paul Levi hängen mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten der Strategiebildung des radikalen Flügels der Arbeiterbewegung zu Beginn der Weimarer Republik zusammen. Wie in einem Brennglas sind diese Schwierigkeiten in der den Gründungspartei-tag der KPD beherrschenden Frage, ob die neue Partei, obgleich Anhänger des Rätesystems, an den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung teilnehmen solle, konzentriert. Levi, der noch wenige Tage vor dem Gründungsparteitag eine flammende Rede vor, den Türen des ersten Reichsrätekongresses vom Dezember 1918 gehalten hatte, die in der Forderung gipfelte, notfalls den Rätekongreß aus den Angeln zu heben, wenn er nicht die Installierung des Rätesystems beschließe, ist derjenige, der wenige Tage später auf dem Gründungsparteitag der KPD den Antrag des Vorstands auf Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung begründet. Leider hat Sibylle Quack die strategischen Grundprobleme, die darin bestanden, daß die Spartakusgruppe auf der einen Seite die sofortige Durchführung der sozialen Revolution propagierte und auf der anderen Seite davon ausging, daß der unzweideutige Wille der Mehrheit des Proletariats nicht in diese Richtung wies, nicht als ungelöste Frage der Politik des radikalen Flügels der deutschen Arbeiterbewegung reflektiert. Gewiß hat diese Zurückhaltung auch einiges für sich, weil sie - beschreibend - die Sache für sich sprechen läßt.
In Form eines knappen Überblicks tritt die Rolle Levis in der Weimarer Republik hervor, und zwar unter dem Gesichtspunkt, wie weit Levi der Gedankenwelt Rosa Luxemburg verpflichtet bleibt. Bis 1921 führender Kopf der KPD wird Levi aus ihr ausgeschlossen, als er die elitäre Putschtaktik der Parteiführung und der Kommunistischen Internationale, die den Massen ein Verschwörungskonzept überstülpt, aus Anlaß der gescheiterten Märzaktion von 1921 kritisiert. Levi formuliert nun seine grundsätzliche Kritik an der bolschewistischen Version des Sozialismus. 1922 veröffentlicht er die von im noch 1918 verworfene Auseinandersetzung Rosa Luxemburgs mit der russischen Revolution, in der äußerst hellsichtig, ja geradezu prophetisch in bestimmten Formen der Herrschaftsausübung von Lenin und Trotzki die Entwicklungslinien für eine Diktatur über das Proletariat freigelegt werden.

 

Nach rechts bleibt Levi nicht minder entschieden. Elf Jahre vor dem Sieg der faschistischen Gegenrevolution schreibt er: »Ein Aufgeben der demokratischen Republik bedeutet für das Proletariat nicht die Wiederherstellung der früheren Staatszustände, sondern etwas Schlimmeres: es bedeutet Reaktion im blutigsten Sinne des Wortes und eine völlige Zerschlagung des Bodens, auf dem die Arbeiterklasse politisch sich in legaler Form betätigen kann« (S. 179).


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