Fritz-Bauer-Preis 2012 an Joachim Perels

Stephan A. Glienke

Humanistische Union würdigt Engagement für demokratische Rechtsordnung. Mitteilungen Nr. 217 (Heft 2/2012), S. 20/21

Porträtaufnahme Prof. Dr. Perels

Die Preisverleihung an Prof. Dr. Joachim Perels findet am 22. September 2012 im Rahmen des Verbandstages in Kassel statt (s. Ankündigung auf Seite 17).

 

Die Humanistische Union verleiht den Fritz-Bauer-Preis 2012 an Professor Dr. Joachim Perels. Die Bürgerrechtsvereinigung würdigt damit einen Wissenschaftler und engagierten Demokraten, der sich seit Jahrzehnten und mit Nachdruck für die Unverbrüchlichkeit des Geltungsanspruchs der demokratischen Rechtsordnung eingesetzt hat. Der nach dem früheren hessischen Generalstaatsanwalt und Mitbegründer der Humanistischen Union benannte Preis wurde bislang unter anderem an Gustav Heinemann (1970), Heinrich Hannover (1973), Hans Lisken (1995), Günter Grass (1997) und Helmut Kramer (2010) verliehen. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Verbandstages der Humanistischen Union am Samstag, dem 22. September 2012 in Kassel statt.

Joachim Perels wissenschaftliches Schaffen umfasst Beiträge zur demokratischen Verfassungstheorie, der Herrschaftsstruktur des Staatssozialismus und den politischen Implikationen der Theologie. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt jedoch in der rechtswissenschaftlichen wie politischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, in Fragen des justiziellen Umgangs mit den NS-Verbrechen und deren strafrechtlicher Verfolgung. Joachim Perels engagiert sich besonders gegen den legalistisch verklärenden Blick auf das NS-Unrechtsregime. Für ihn ist selbstverständlich, dass es dabei nicht nur um historische, sondern hochaktuelle Fragen geht. Er will nicht nur das Vergangene bewerten, sondern dazu beitragen, in der deutschen Justiz ein demokratisches Selbstverständnis aufzubauen. Wie dringend nötig dies immer noch ist, zeigen nicht zuletzt die parlamentarischen Debatten der letzten Jahre zur Amnestierung der von den NS-Gerichten als Deserteure Verurteilten oder die erst im Frühjahr 2011 vom Bundestag verabschiedete Entschädigung für die Opfer der NS-Zwangssterilisation. In diesen Debatten wurden immer noch Positionen vertreten, die dem nationalsozialistischen Unrechtsregime zumindest in Teilen den Charakter eines Rechtsstaates zuerkannten. Joachim Perels zählt zu jenem kleinen Kreis von Wissenschaftlern, die sich um die kritische Selbsterkenntnis der Justiz bemüht haben. Wie kaum ein anderer hat er mit seiner Arbeit nachhaltig die Selbstwahrnehmung der deutschen Justiz in der Nachkriegszeit geprägt.

Joachim Perels ist Redaktionsmitglied der von ihm 1968 u.a. zusammen mit Fritz Bauer gegründeten juristischen Vierteljahresschrift „Kritische Justiz“. Gemeinsam mit der Redaktion hat er mehrere umfangreiche Sammelbände zur Struktur des Unrechtsstaates und dem gesellschaftlichen, politischen und justiziellen Umgang mit ihm betreut und herausgegeben. In zahlreichen Schriften hat sich Perels mit Leben und Werk Fritz Bauers befasst, unter anderem auch eine Sammlung seiner Schriften  herausgegeben („Die Humanität der Rechtsordnung").

Unermüdlich hat sich Joachim Perels als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Fritz-Bauer-Instituts (2001-2006) für das Andenken an Fritz Bauer und sein Werk eingesetzt. Er gehörte zu den Initiatoren der Ausstellung zur Geschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, die 40 Jahre nach dessen Beginn (2003) an historischem Ort im Frankfurter Bürgerhaus Gallus eröffnet und seither an verschiedenen Orten gezeigt wurde (zuletzt im Niedersächsischen Landtag). In Zusammenarbeit mit Wilfried Widemann, dem ehemaligen Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, gelang es Perels, zahlreiche lokale Bildungsträger mit einem umfangreichen Begleitprogramm in die Ausstellung einzubinden.

In den Jahren 1996 bis 1999 war Joachim Perels maßgeblich am Aufbau der Gedenkstätte „Justiz und Strafvollzug im Dritten Reich“ in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel beteiligt. Die Aufgabe, eine Gedenkstätte für NS-Verbrechen innerhalb eines großen Gefängnisses mit laufendem Betrieb einzurichten, stellte dabei eine besondere Herausforderung dar. Im Jahre 2002 wurde die Ausstellung auf Bitten des Niedersächsischen Justizministers an den niedersächsischen Gerichtsstandorten als Wanderausstellung gezeigt, jeweils ergänzt um lokale Beispiele der NS-Justiz.

Bis 2007 gehörte Perels der Internationalen Fachkommission zur Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen an, bis 2009 war er Vorsitzender der Fachkommission der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. In den Jahren 2011 und 2012 war er Mitglied der Arbeitsgruppe des Senats der Leibniz-Universität Hannover „Verleihung und Entzug von Titeln während der NS-Zeit“.

Es war eines der zentralen Ziele Fritz Bauers, den Opfern des NS-Regimes durch eine forcierte strafrechtliche Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen jenen rechtlichen Schutz zu gewähren, der ihnen durch den Unrechtsstaat verwehrt worden war. Die hier zum Ausdruck gebrachte Anerkennung erlittenen Leids kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, hat doch die Wiederaufrichtung des Rechts gerade für die Überlebenden große Bedeutung. Nicht zuletzt darf auch die Relevanz der Prozesse für die Wahrheitsfindung und historisch-politische Aufklärung der Gesellschaft nicht vernachlässigt werden; ein Aspekt, den Fritz Bauer stets betonte. Die Arbeit von Joachim Perels knüpft in besonderer Weise an das juristische Denken und die juristische Praxis von Fritz Bauer an.

Stephan A. Glienke


Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union

„Zum Gedenken an ihr Gründungs- und Vorstandsmitglied Dr. Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen von 1956 bis 1968, stiftet die Humanistische Union einen Preis für besondere Verdienste um die Demokratisierung, Liberalisierung und Humanisierung der Rechtsordnung in der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Preis wird alljährlich an Persönlichkeiten oder Institutionen verliehen, die sich im Sinne der Überzeugungen Fritz Bauers und der Bestrebungen der Humanistischen Union in allgemeiner Weise oder auf einem besonderen Gebiet darum bemüht haben, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesetzgebung, Rechtsprechung und im Strafvollzug Geltung zu verschaffen.“ (Bundesvorstand der Humanistischen Union, in: vorgänge 8-9/1968)


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