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vorgänge: Artikel - 1.09.05
Auf der Suche nach dem Bürger. Ein aktueller Literaturbericht
Alexander Cammann
aus vorgänge Nr. 170: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit, S.94-104
Wer heute nach dem Schicksal deutscher Bürgerlichkeit fragt, findet in der Geschichte einer Schriftstellerfamilie jenen Glanz und jene Gebrochenheit, die diese Bürgerlichkeit während der letzten beiden Jahrhunderte kennzeichneten. Die aus einem Lübecker Kaufmannsgeschlecht stammende Familie Mann, in den vergangenen Jahren in alle Verästelungen hinein erforscht und sogar verfilmt, bietet eine symbolische Verdichtung bürgerlicher Werdegänge. Exemplarisch gilt das für die Brüder Thomas und Heinrich Mann, deren lebenslang konfliktgeladene Beziehung zueinander nun von Helmut Koopmann mit beeindruckender Detailversessenheit nachgezeichnet wurde:
Helmut Koopmann: Thomas Mann - Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder, C.H. Beck: München 2005, 531 S., ISBN 3-406-52730-2, 29,90 Euro
Der emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literatur in Augsburg ist einer der besten Kenner von Leben und Werk der Brüder. Heinrich, der ältere, früh als Schriftsteller erfolgreich und produktiv, stand politisch Zeit seines Lebens links; Thomas dagegen, der jüngere, durch diszipliniertes Arbeiten die Schwierigkeiten mit seinen Werken bekämpfend, durchlebte mehrere politische Metamorphosen - "in wüthender Leidenschaft für das eigene Ich", wie Heinrich es einmal nannte. Es sind zwei Wege deutscher Bürgerlichkeit, die hier repräsentativ werden: der frankophile Heinrich wird zum vehementen Kritiker des wilhelminischen Obrigkeitsstaates und Fürsprecher westlicher demokratischer Gesinnung. Thomas kämpft mit Hass und Ressentiment in den Betrachtungen eines Unpolitischen 1918 gegen undeutschen Republikanismus und
oberflächliche Zivilisation, für tiefsinnige deutsche Kultur und "machtgeschützte Innerlichkeit", wie er es selber später kritisieren sollte.
Es gehört zu den Paradoxien dieser politischen Brudergeschichte, daß sich der linke Westler Heinrich Mann später im kalifornischen Exil so viel schwerer akkulturierte als sein einst national-konservativ gesinnter Bruder. Die ideologischen Wandlungen des Bruders Thomas sind oft beschrieben worden, bis hin zu seiner späten Öffnung für einen Sozialismus als geistig-politische Möglichkeit. Bürgerlichkeit war für ihn ein Lebensthema, ob in den Betrachtungen oder den Buddenbrooks. Die Studie von
Manfred Görtemaker: Thomas Mann und die Politik, S. Fischer: Frankfurt/Main 2005, 284 S., ISBN 3-10-028710-X; 19,90 Euro
vermag da kaum etwas hinzuzufügen. Konventionell referiert der Potsdamer Historiker die sich verändernden Haltungen Manns - zwar ganz aus den Quellen geschrieben, die zahllosen Briefe und Selbstauskünfte auswertend, jedoch ohne Einordnung in die
Ideengeschichte, ohne Antworten auf die Frage, wie repräsentativ dieser Schriftstellerrepräsentant in seinen Positionswechseln gewesen ist.
Gelitten hat Mann erklärtermaßen darunter, wie stark sich das Klima in seiner Wahlheimat München veränderte: von der liberalen Metropole vor dem Ersten Weltkrieg hin zur Stadt des Hitler-Ludendorff-Putsches 1923. Detailliert kann man sich nun
darüber informieren, welche intensive Bindung der Norddeutsche Thomas Mann zu Bayern aufgebaut hatte:
Dirk Heißerer: Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern, C. H. Beck: München 2005, 303 S., ISBN 3-406-52871-6; 22,90 Euro
Umso schmerzlicher war es für ihn, dass München ihn 1933 ins Exil trieb: Der Protest der Richard-Wagner-Stadt München, mit dem Künstler und Kulturfunktionäre ihn im April 1933 scharf wegen seines großen Essays Leiden und Größe Richard Wagners attackierten, offenbarte, dass der Bürger Thomas Mann im NS-Deutschland keine Heimat mehr hatte.
Die bürgerliche Kultur, für die Thomas Mann stand, ist ein hervorstechendes Wesensmerkmal einer sozialen Schicht, über die sich die Sozialwissenschaften bis heute den Kopf zerbrechen: das Bürgertum. Einen profunden Überblick über die Forschungen
der vergangenen Jahrzehnte, vor allem in den Geschichtswissenschaften, verschafft der Band von
Andreas Schulz: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, Oldenbourg: München 2005, 144 S., ISBN 3-486-55790-4; 19,80 Euro
In der bewährten konzentrierten Form der Reihe Enzyklopädie deutscher Geschichte liefert der Autor, Professor an der Universität Frankfurt/Main, zunächst einen 50seitigen Überblick über die Grundtendenzen zur Geschichte des Bürgertums, um danach mit
großer Sachkenntnis die Diskussionen innerhalb der Forschung vorzustellen. Am Ende findet sich eine thematisch gegliederte, über 450 Titel umfassende Bibliographie zum Thema. Bürgerlichkeit erweist sich über alle Brüche und Wandlungen hinweg als eine
erstaunlich dauerhafte Haltung - und dieser Band als ein brillantes, preiswertes und keine Wünsche offenlassendes Arbeitsmittel.
Der Berliner Historiker Wolfgang Hardtwig hat 15 seiner Aufsätze über die bürgerliche Epoche aus 25 Jahren in einem Sammelband vereint und mit einer elegante Arbeit am Begriff "bürgerliche Hochkultur" leistenden Einleitung versehen:
Wolfgang Hardtwig: Hochkultur des bürgerlichen Zeitalters, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2005, 387 S., ISBN 3-525-35146-1; 46,90 Euro
Über historisches Erzählen, Historismus und Ästhetisierung der Geschichtsschreibung in jener Zeit, über bürgerliche Kunstkompetenz die Rolle von Sammlern und Mäzenaten wie Harry Graf Kessler und Wilhelm von Bode finden sich hier Texte, ebenso über Architektur und Stadtverwaltung, Landschaftsdarstellungen in der Kunst. Das Panorama, das Hardtwig hier in dieser Zusammenstellung entfaltet, ist weitgespannt, die Verbindung zwischen den verschiedenen Formen der Kulturproduktion und dem Bürgertum immer sichtbar. Melancholischer Empfindungen bei der Betrachtung dieser - unbestechlich analysierten - Hochkulturformen kann man sich kaum erwehren.
Ein schmaler Sammelband, der sich ebenfalls der bürgerlichen Kultur widmet, enttäuscht dagegen, weil er den Mindestanforderungen an eine Publikation kaum genügt:
Clemens Albrecht (Hg.): Die bürgerliche Kultur und ihre Avantgarden, Ergon: Würzburg 2004, 119 S., ISBN 3-89913-368-4; 19 Euro
Diverse Beiträge nicht zustande gekommener Tagungsbände sind hier vereint, die teilweise nicht aktualisierten Referate basieren auf Konferenzen aus den Jahren 1996 oder 2000. Dabei finden sich anregende Texte in dieser disparaten akademischen Resteverwertung: Clemens Albrecht deutet den Salon als Keimzelle der bürgerlichen Kultur in Frankreich, Volker Kalisch variiert recht freihändig über die musikalischen Werke der vergangenen Jahrhunderte, die man unter "bürgerlicher Musik" subsumieren
könnte, Joachim Fischers Draufsicht auf die Gegenwart gerät zu einem überzeugenden, umfassend belegten Plädoyer, diese immer noch als "bürgerliche Gesellschaft" zu analysieren (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft).
Das Leben deutscher Bildungsbürger im Zeitalter der Extreme: Die Historikerin Helga Grebing hat sich nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin 1998 daran gemacht, die Geschichte von deren Eltern zu erforschen:
Helga Grebing: Die Worringers. Bildungsbürgerlichkeit als Lebenssinn - Wilhelm und Marta Worringer (1881-1965), Parthas: Berlin 2004, 317 S., ISBN 3-936324-23-9; 38 Euro
Beide geboren 1881 im Rheinland in bürgerlichen Verhältnissen, schlug Wilhelm nicht sonderlich systematisch die akademische Laufbahn als Kunsthistoriker ein, mit Karrierestationen in Bonn und dann in Königsberg, Marta wurde Künstlerin. Es ist eine unorthodoxe bürgerliche Familiengeschichte: Befreundet mit Gelehrten wie Martin
Buber, Ernst Robert Curtius, Erich von Kahler oder der Dichterin Marie-Luise Kaschnitz, überstehen die linksliberale Intellektuellenpaar mit ihren Kindern die NS-Zeit in Königsberg, wo sie einen Kreis mit antinazistische gesonnenen Freunden unterhielten und er als populärer Professor lehrte. Das Kriegsende überlebten sie in Berlin, von 1946 bis 1950 lehrte er in Halle, um dann in den Westen zu gehen. Ein kurviger, facettenreicher Lebensweg inmitten dramatischer Umbrüche erschließt sich dem Leser - und das wunderschön gestaltete Buch hätte einen Preis verdient.
Königsberg, die Stadt, in der Worringer lehrte, hat seine definitive intellektuelle Biographie erhalten:
Jürgen Manthey: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik, Hanser: München 2005, 736 S., ISBN 3-446-20619-1; 29,90 Euro
Ihrem Autor kommt das Verdienst zu, diese Stadt als Gedächtnisort deutscher Geistesgeschichte - wie Heidelberg, wie Tübingen oder Weimar - rehabilitiert zu haben. Die bürgerliche Welt wurde hierzulande entscheidend von Königsbergern geprägt: Neben Kant, Hamann und Herder auch E.T.A. Hoffmann, der linksliberale 1848er
Demokrat Johann Jacoby, später Hannah Arendt oder Rudolf Borchardt, die hier aufwuchsen. Es ist eine liberale bürgerliche Welt, die Mantheys brillant geschriebenes Stadtporträt erstehen lässt, deren republikanisches Bürgertum bourgeois und citoyen lange Zeit bestens in sich vereinte. Dass diese Geschichte sich im Nationalsozialismus verdüstert, mit antiliberalen Gelehrten wie Arnold Gehlen, Konrad Lorenz, jungen NS-affinen Wissenschaftlern wie Theodor Oberländer, Werner Conze oder Theodor Schieder, wird als Menetekel der Bürgerlichkeit vom Autor ebenfalls minutiös
rekonstruiert.
Wie bürgerlich war Deutschland nach 1945? Dieser Frage geht ein sehr gelungener Sammelband nach, der rasch zum Standardwerk avancieren dürfte:
Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hg.): Bürgertum nach 1945, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 438 S., ISBN 3-936096-50-3; 35 Euro
Auf die profunde Einleitung durch Manfred Hettling, der die wesentlichen Figurationen von Bürgerlichkeit theoretisch reflektiert und zusammenfassend vorstellt, folgt ein großes, biographisch angelegtes Interview mit Reinhart Koselleck, Jahrgang 1923 und
einer der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart, über seinen bildungsbürgerlichen Lebensweg in der Bundesrepublik. Heinz Bude will bürgerliche Generationen in der Bundesrepublik herausarbeiten, Josef Mooser stellt die Marktwirtschaftskonzeptionen des Ordoliberalen Wilhelm Röpkes vor, Ulrich Bielefeld das allmähliche Ankommen des Soziologen Hans Freyer in der Bundesrepublik. Beiträge über das Selbstverständnis der Bundeswehroffiziere, die Verbürgerlichung von Facharbeitern und Stadtbürgerlichkeit in Bremen finden sich hier ebenso wie Aufsätze zur Frage, wie entbürgerlicht die DDR war oder Wolfgang Kraushaars Betrachtungen über die Antibürgerlichkeit der 68er.
Gab es das von den 68ern so heftig attackierte "bürgerliche Denken" in der Bundesrepublik überhaupt? Am ehesten mag diese Zuschreibung auf die sogenannte Ritter-Schule zutreffen, jenen Kreis um den Münsteraner Philosophen Joachim Ritter, dem liberalkonservative Denker wie Odo Marquard, Hermann Lübbe, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Robert Spaemann u.a. entstammen (vgl. auch den Beitrag von Jens Hacke in diesem Heft). Die wichtigsten Aufsätze des 1903 geborenen und 1925 bei Cassirer
promovierten Ritters liegen in einer erweiterten Neuausgabe als Suhrkamp-Taschenbuch vor:
Joachim Ritter: Metaphysik und Politik. Studien zu Aristoteles und Hegel. Erweiterte Neuausgabe, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003, 458 S., ISBN 3-518-29253-6; 16 Euro
In seinem Aufsatz von 1956 über Aristoteles unter dem Titel "Das bürgerliche Leben" stellt Ritter die griechische polis als "bürgerlichen Staat" in den Mittelpunkt; Gesellschaft der Individuen sei hier erstmals möglich gewesen, von hier tradiere sie sich bis heute. Aus der Beschäftigung mit Hegel erwächst Ritters Idee der "Entzweiung" der bürgerlichen Welt: Zukunft und Herkunft seien auseinandergefallen, sie gehörten jedoch in "positivierter" Form zusammen: in der Akzeptanz unseres Doppellebens als
Herkunftsmensch und Zukunftsmensch.