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vorgänge: Artikel - 1.12.06

Die Konkurrenzgesellschaft

Frauke Hamann, Frank Nullmeier

Zu Wandel von Sozialstruktur und Politik in Deutschland,

aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 5-12

Soziale Gerechtigkeit ist wieder Thema in Deutschland


Zwei Momentaufnahmen aus dem November 2006 markieren eine wachsende Beunruhigung über den Mangel an Gerechtigkeit in der Gesellschaft: Einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie zufolge gehören acht Prozent der Deutschen einer „Unterschicht“ an – 20 Prozent im Osten und vier Prozent im Westen. Der Bildungsgrad der überwiegend Arbeitslosen sei zumeist niedrig, ihre berufliche Mobilität und ihr Aufstiegswillen nur gering ausgeprägt. Die Umfrage von Infratest dimap für die ARD „Geht es in Deutschland gerecht zu?“ beantworteten 66 % mit „ungerecht“,     27 % mit „gerecht“.
Das Bewusstsein, keine zusammengehörende Gesellschaft mehr zu sein, bricht durch – als ein Erschrecken, dass dies tatsächlich eine denkbare Deutung des gegenwärtigen Zustandes sein könnte. Diese Diagnose für wahr zu halten, hieße jedoch, alle bisherigen Politikansätze und reformerischen Konzepte zu Makulatur zu erklären. Da das von den politischen Eliten nicht akzeptiert werden kann, folgt auf das Erschrecken der normative Reflex, dass nicht sein dürfe, was doch alle wissen. Und so versteigt sich Arbeitsminister Franz Müntefering zu der Äußerung „Es gibt keine Schichten in Deutschland“.

 

Konflikt-Interpretationen


Aber vielleicht hat Franz Müntefering in anderer Hinsicht Recht. Die alten Kategorien von Schicht, Klasse oder auch Milieu sind oft nicht hinreichend, um die Veränderungen in der bundesdeutschen Sozialstruktur zu erfassen. Immer weniger bündeln sich die gesellschaftlichen Spannungslinien in Deutschland in einem zentralen Thema, einem großen Konflikt, einer großen Gerechtigkeitsfrage. Neben die klassischen Arbeit/Kapital-Konflikte treten die Auseinandersetzungen zwischen Generationen, Altersgruppen, Bildungsschichten, Haushaltstypen, Lebensformen und -stilen, zwischen Bundesländern und Berufsgruppen wie die zwischen Steuerzahlern und Transferbeziehern. Entsprechend durchziehen neben Überlegungen zur traditionellen Verteilungsgerechtigkeit Konzepte der Generationen-, Geschlechter-, Bildungs- und Arbeitsgerechtigkeit, der Teilhabe-, Teilnahme- und Befähigungsgerechtigkeit die gesellschaftlichen Debatten. Doch werden all diese vielfältigen Konfliktherde sehr stark ökonomisch betrachtet: Die Generationenfrage beispielsweise ist keine Frage von kulturellen Ansprüchen, wie es für den Generationenkonflikt in den 1960er Jahren gelten kann, als umfassende Lebens- und Gesellschaftsentwürfe aufeinander prallten. Konflikte zwischen gänzlich unterschiedlichen Lebenszielen und Weltverständnissen spielen heute kaum eine Rolle. Es geht um Geld, um die Verteilung der Lasten für die Versorgung der heute Älteren und die zukünftige eigene Altersvorsorge. Selbst da, wo die jungen Alten entdeckt werden, interessiert vorrangig die Konsumkraft dieser Gruppe. So wundert es nicht, dass eine zunehmend lange Lebensdauer vor allem als Kostenproblem der Kranken- und Pflegeversicherung begriffen wird.
Der generationelle Verteilungskonflikt beruht gerade darauf, dass sich die Werte zwischen den Generationen angenähert und die ökonomischen Sicherungs- oder Steigerungslogiken alle Generationen ergriffen haben. Auch der Streit um die geringen Geburtenraten und die Anlage einer geburtenförderlichen Familienpolitik lebt vom Ressentiment gegen jene, die sich dadurch ökonomische Vorteile verschaffen, dass sie keine Kinder in die Welt setzen und erziehen. Auf der anderen Seite beruht die neue Kinder- und Familienfreundlichkeit auf einem ökonomischen Kalkül, dass nur mit vielen, möglichst gut ausgebildeten Kindern die Bundesrepublik in der Weltmarktkonkurrenz der Wissensgesellschaften bestehen kann – und ihre sozialen Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten vermag.
Dennoch – eine Wiederkehr der Klassengesellschaft als Gesellschaft sich gegenüberstehender Großgruppen vollzieht sich derzeit sicherlich nicht. Dagegen unterschätzt die Interpretation, es handele sich um nebeneinander existierende Spaltungen, die sich in ihrer politischen und sozialen Sprengkraft eher neutralisieren, die Wirkungen wachsender sozialer Ungleichheit. Die Sozialstruktur Deutschlands weist Kontinuitäten auf, die dramatisierende Deutungen nicht stützen. Aber es zeichnen sich Tendenzen ab, die skeptisch stimmen gegenüber Diagnosen einer bloßen Vielfalt unverbundener und hierarchiefreier Spaltungen. Deutschland erlebt derzeit die Zersplitterung einer von Konkurrenzen durchzogenen Gesellschaft, in der jede Lage, jede Gruppe ihr Heil und Wohl in kompetitiver Entgegensetzung zu anderen Gruppen sucht und suchen muss.
Der Blick zurück ergibt, dass sich das soziale Bild der Bundesrepublik seit den 1960er und 1970er Jahren grundlegend verändert hat. In dem „Goldenen Zeitalter“ einer Mittelschichtsgesellschaft waren Arbeitsplätze und auskömmliches Einkommen für alle vorhanden, Wohlstandssteigerung, Bildung und beruflicher Aufstieg bildeten für viele die zentrale Orientierung. Trotz beträchtlicher Vermögens- und Einkommensunterschiede wies die Gesellschaft ein hohes Maß an sozialer Kohäsion auf, schien kaum jemand von Armut, Ausgrenzung und Marginalisierung betroffen. Anders die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2006: Es handelt sich um eine vielfach gespaltene Gesellschaft. Das zeigt eine Fülle von Fakten zu Konfliktlinien, gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten und sich auseinander entwickelnden Lebensweisen.

 

Spaltungs-Vielfalt


Statt des einen einzigen großen Risses, der durch die Gesellschaft geht, haben wir es mit sich überlagernden Konflikten zu tun, statt der bloßen Pluralität der Lebenslagen mit klaren vertikalen Abstufungen und Abspaltungen. Statt des in den 1980er Jahre proklamierten Endes der Verteilungskonflikte werden alle, auch tiefgehende kulturelle Differenzen in ökonomische Verteilungskonflikte überführt, Gruppendifferenzen als materiale Gerechtigkeitsfragen (statt als Lebensziel- und Lebensstilfragen) erlebt und das Bewahren gegen das Modernisieren – immer im Sinne der Befähigung zum Wettbewerb – ausgespielt. Die vielfachen Spaltungen sind Kennzeichen einer in Konkurrenzgrüppchen zerfallenden und sich immer wieder neu gruppierenden Gesellschaft. Die Allgegenwart der Konkurrenz erstreckt sich dabei nicht nur auf die Privatwirtschaft, sondern auch auf alle Felder des Politischen als Konkurrenz um Fördermittel, Sozialtransfers oder begünstigende rechtliche Regulationen. Mag die eigene Lage mehr vom Markteinkommen oder stärker von staatlichen Transferzahlungen abhängen, immer werden Belastungen und Begünstigungen aus der Perspektive der jeweils eigenen Gruppenbetroffenheit beurteilt. Die Gruppen, die als Bezugsgröße dienen, werden dabei immer kleiner: Statt der Gruppe der Arbeiter mit mittlerem Einkommen wird nun die Gruppe der Industriefacharbeiter mit Mittlerer Reife und einem Einkommen zwischen 2500 bis 3000 € in der Altersklasse über 50 in einer dreiköpfiger Familie zugrunde gelegt. Dass sich bei dieser Betrachtungsweise für jede politische Maßnahme Gewinner- und vor allem Verlierergruppen ausweisen lassen, liegt nahe. Aber es sind nicht die gewachsenen statistischen Möglichkeiten, die zu dieser Verfeinerung führen, es ist die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft, in der jeder sich in einer sehr speziellen Konkurrenzlage wähnt, aber keine Identifikation mit Großgruppen mehr existiert.
Gerade die vorherrschende Wettbewerbslogik trägt dazu bei, dass sich die vielen Spaltungen nicht zu der einen großen Spaltung verdichten. Marktlagen hängen nicht mehr von lebenslanger beruflicher Anstrengung im Rahmen einer zielstrebig und ausdauernd verfolgten Karriere ab, sie werden angesichts rasch wechselnder Konjunkturen, technologischer Innovationen und Unternehmensfusionen als Zufall oder Glückssache erlebt, als Ergebnis günstiger Umstände. Erfolg stellt sich ein – oder auch nicht. Anstrengung ist die Eintrittskarte, um überhaupt dabei zu sein. Ebenso schnell wie die Marktlagen ändern sich die „Sozialstaatslagen“: Was am Markt die Konjunktur, das ist auf politisch-sozialstaatlicher Ebene die neueste Reform. Gesetzgeberische Akte, die die soziale Lage einzelner Gruppen recht grundlegend verändern können, folgen fast im Jahresrhythmus aufeinander. Was gestern noch galt, ist bereits heute Gegenstand parlamentarischer Beratungen oder gerichtlicher Überprüfung und morgen womöglich – und durchaus durch dieselbe Regierung – wieder aufgehoben, erneuert, reformiert. So trägt auch der Sozialstaat nicht dazu bei, dass sich stabile Klassenlagen auf der Basis staatlicher Zahlungen herausbilden, so genannte Versorgungsklassen. Ebenso wenig entstehen aus den fluiden Marktbewegungen eines dynamisierten Kapitalismus stabile Marktlagen, die die Basis von Marktklassen bilden könnten.

 

Wettbewerbs-Bewußtsein


Auf diesen erheblich beschleunigten Wechsel der Parameter, die die Einkommens- und Lebenssituation beeinflussen, reagieren die jeweils Betroffenen weitgehend ähnlich, gleich, ob sie zum oberen oder unteren Ende der Einkommenspyramide gehören oder sich im mittleren Bereich befinden: Sie nutzen alle Möglichkeiten, die günstigere Marktlage zu erhalten oder zu erreichen, verteidigen hartnäckig den Bestand, versuchen alle Aufstiegs- und Gewinngelegenheiten zu nutzen – oft auch jene, die illegal sind,     aber ins Legitime uminterpretiert werden. Sie reagieren mit der Verkürzung des Zeithorizontes, der Selbst-Reduktion aufs Eigeninteresse, dem schnelleren Umsteigen auf neue Chancen einer neuen Marktlage, sind strukturell illoyal und identifizieren sich rein instrumentell mit Kollektiven oder Gruppen, die als Unterstützer für die eigenen Marktambitionen fungieren können.
Diese Anpassung an die Konkurrenzlagen geht mit einer gleichsam naturalistischen Perspektive auf das soziale Geschehen einher. Es wird schlicht als Selbstlauf und Wettbewerbs-Schicksal erlebt. Zwar muss man seine „Fitness“ in jeder Hinsicht steigern,    aber ob jene Gelegenheiten auftreten, die das eigene Können zur Geltung bringen lassen, ist eine Sache des Glücks oder der Umstände, hängt von sich öffnenden Nischen oder den jeweils aktuell vorherrschenden Entwicklungen ab. All das ist unberechenbar und ungestaltbar. Die Gesellschaft zerfällt in Markt- und Sozialstaatslagen, die bei einzelnen Gruppen bereits als so instabil erlebt werden, dass keine dauerhafte Identifikation mit einer Rolle und Gruppe gelingt. Statt stabiler sozialer Klassen mit relativ klar geschnittenen Klasseninteressen bestimmt das soziale Geschehen eine Fülle schnell wechselnder Markt- und Sozialstaatslagen mit entsprechend situativen Interessen.
Die Konkurrenz wird zum Lebenselixier wie zur permanenten Drohung. Sie erzeugt hohes Selbstbewusstsein, wo Positionsgewinne erreicht werden, und intensiviert die Anstrengungen, wo Aussichten auf Wettbewerbsvorteile bestehen. Sie erzeugt aber auch permanenten Druck bei denen, die um ihre Position fürchten müssen. Subjektiv kann diese neue Marktgesellschaft als fortwährende Angst vor dem Scheitern und Verlieren des sozialen Status erlebt werden. Bei den Abgehängten, den an den Rand der Konkurrenz Gedrängten, entsteht dagegen ein Selbstbewusstsein, das sich gegen eine völlige Marginalisierung sperrt und zur Ausbildung eigener Sub-Kulturen mit subtilen Taktiken des alltäglichen Durchkommens führt. Die Marktgesellschaft mobilisiert ihre Mitglieder, sie produziert aber auch immer „Überflüssige“, die weder vom Arbeitsmarkt noch von einem Familienzusammenhang wirklich „gebraucht“ werden. Der Verlust einer realen Funktion, das Überflüssigwerden, schafft eine wachsende Zahl von Menschen, die aus den Netzen der angeblichen Leistungsgesellschaft fällt und von sozialen Zusammenhängen ausgeschlossen ist.

 

Vergangenheits-Sehnsüchte


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Vor