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vorgänge: Artikel - 1.12.06

Prekäre Arbeit und soziale Desintegraton

Klaus Dörre

Anmerkungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung*,

aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 13-22


Nachfolgend möchte ich über eine grundlegende Veränderung im System der Erwerbsarbeit sprechen, die ich als Prekarisierung bezeichnen will. Begünstigt durch die außergewöhnlich lange Nachkriegsprosperität ging die gesellschaftliche Verallgemeinerung von Lohnarbeit über Jahrzehnte mit einer Tendenz zur sozialen und politischen Einhegung von Einkommens-, Armuts- und Beschäftigungsrisiken einher. Lohnarbeit wurde zu einer Institution, gekoppelt mit „sozialen Eigentum“ – einem Eigentum zur Existenz- und Statussicherung, das sich u. a. in garantierten Rentenansprüchen, Mitbestimmungsrechten oder in verbindlichen tariflichen Normen manifestierte. Erst die enge Koppelung mit sozialem Eigentum verwandelte Lohnarbeit in ein zentrales gesellschaftliches Integrationsmedium. Geschützte, halbwegs sichere Lohnarbeit war die Basis für einen Bürgerstatus, der – gleichsam als Klammer zwischen System- und Sozialintegration – zuvor besitzlosen Klassen und Gruppen trotz fortbestehender Ungleichheiten zu einem respektierten Status in der Gesellschaft verhalf.
Wenn nicht alles täuscht, so erleben wir seit den 1980er Jahren eine Umkehrung dieser Entwicklung. Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen. Erstens drängen die neuen Formen von „immaterieller“ Dienstleistungs- und Informationsarbeit nach einem flexibleren Arbeitsmanagement, das in einem Spannungsverhältnis zu Regelungsformen des fordistischen Nachkriegskapitalismus steht (Castells 1996). Zweitens – und das ist für den hier interessierenden Kontext entscheidend – kommt es unter dem Druck eines internationalisierten Finanzmarktkapitalismus (Windolf 2005) zur Ausweitung prekärer Beschäftigung und damit zu einer „Rückkehr der Unsicherheit“ in die historisch gesehen reichen und überaus sicheren Gesellschaften des Westens (Castel 2005: 54 ff.). Obwohl „diese Gesellschaften von Sicherungssystemen umgeben und durchzogen sind“, bleibt die Sorge „um die Sicherheit allgegenwärtig“, sie „beschäftigt weite Teile der Bevölkerung“ (ebd.: 8). Robert Castel hat diese Diagnose auf die französische Lohnarbeitsgesellschaft bezogen.
Darüber, ob sie auf Deutschland übertragbar ist, wird in den Sozialwissenschaften gestritten (vgl. Brinkmann u. a.). Meine These ist, dass ein Empfinden sozialer Unsicherheit, welches sich wesentlich aus prekären Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen speist, auch hierzulande wegen der noch immer hohen Sicherheitsstandards zu massiven gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen führt. Zur Begründung dieser Sichtweise will ich auf Ergebnisse einer eigenen empirischen Studie [1]zurückgreifen, die sich mit der Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse und deren subjektiver Verarbeitung befasst.
Als heuristische Folie dient die Castelsche Zentralhypothese (Castel 2000). Danach spalten sich die Lohnarbeitsgesellschaften in drei große „Zonen“. Die „Zone der Entkoppelung“ umfasst die von regulärer Erwerbsarbeit dauerhaft Ausgeschlossenen. Die oberen und mittleren Ränge der Arbeitsgesellschaft sind noch immer in einer – allerdings schrumpfenden – „Zone der Integration“ mit formal gesicherten Normbeschäftigungsverhältnissen angesiedelt. Dazwischen expandiert eine „Zone der Prekarität“ mit heterogenen Beschäftigungsformen, die sich allesamt dadurch auszeichnen, dass sie     oberhalb eines kulturellen Minimums nicht dauerhaft Existenz sichernd sind. Dazu gehören Leih- und Zeitarbeit, niedrig entlohnte Beschäftigung, erzwungene Teilzeitarbeit und befristete Stellen ebenso wie Mini- und Midi-Jobs, abhängige Selbstständigkeit     oder sozialpolitisch geförderte Arbeitsgelegenheiten. Wie sich die Ausbreitung unsicherer Beschäftigungsformen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirkt, lässt sich angemessen nur erfassen, wenn man die subjektiven Verarbeitungsformen von Prekarisierungsprozessen in die Analyse einbezieht.

    

1. Typische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung


Anhand von empirischem Material, das ausgewählte Problemkonstellationen aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft erfasst, können wir neun typische Formen der (Des)-Integration unterscheiden (Schaubild 1). Arbeitskraft- (reproduktive Dimension) und Tätigkeitsperspektive (arbeitsinhaltliche, professionsbedingte Ansprüche) beinhalten die primären Integrationspotentiale einer Erwerbstätigkeit. In der „Zone der Integration“ bilden drei Typen (1, 3, 4) die Integration in formal gesicherte Normbeschäftigung ab. Im Fall der „Selbstmanager“ dominiert das Integrationspotential der Tätigkeitsperspektive (inhaltliches Interesse an der Tätigkeit, Streben nach Professionalität) über den unsicheren Beschäftigungsstatus. In der „Zone der Prekarität“ sind unstete Beschäftigungsverhältnisse angesiedelt, die jedoch subjektiv höchst unterschiedlich bewertet werden. In der „Zone der Entkoppelung“ befinden sich Erwerbs- und Langzeitarbeitslose mit ebenfalls divergierenden subjektiven Orientierungen. Unsicherheitsempfinden kann insbesondere bei den „Abstiegsbedrohten“ (Typ 4) deutlich ausgeprägter sein als bei Befragten, die aufgrund der Struktur ihres Beschäftigungsverhältnisses der „Zone der Prekarität“ zuzurechnen sind (Typ 5, 7). Selbst bei den Veränderungswilligen (Typ 8) in der „Zone der Entkoppelung“ besteht noch die Hoffnung, die eigene Lage über kurz oder lang deutlich verbessern zu können. Im Falle der „Abstiegsbedrohten“ (Typ 4) erscheinen Brüche in der beruflichen Biographie und sozialer Abstieg hingegen fast schon als Gewissheit. Der Neigungswinkel individueller Biographien zeigt bei dieser Gruppe nach unten und es sind nicht genügend Ressourcen vorhanden, um diese Abwärtsbewegung grundlegend korrigieren zu können. Daher nehmen Bedrohungsgefühle nicht linear zu, je weiter man in der Hierarchie der Typen nach unten steigt. Vielmehr sind Abstiegsängste bei jenen Gruppen besonders präsent, die noch etwas zu verlieren haben. Die Angst vor Statusverlust ist ein wichtiger Ursachenherd für Prekarisierungsängste und soziale Desintegration, der innerhalb der „Zone der Normarbeit“ angesiedelt ist.           

 

 

 

 Schaubild 1: (Des-)Integrationspotentiale von Erwerbsarbeit -                                                 eine Typologie [2]

                            Zone der Integration (67,7 %) 

 1. Gesicherte Integration ("Die Gesicherten"; 31,5%)

 2. Atypische Integration ("Die Unkonventionellen" oder "Selbstmanager"; 3,1%)

 3. Unsichere Integration ("Die Verunsicherten"; 12,9%)

 4. Gefähdete Integration ("Die Abstiegsbedrohten"; 33,1%)

                            Zone der Prekarität (13,8 %)

 5. Prekäre Beschäftigung als Chance/temporäre Integration ("Die Hoffenden";3,1%)

 6. Prekäre Beschäftigung als dauerhaftes Arrangement ("Die Realistischen"; 4,8%)

 7. Entschärfte Prekarität ("Die Zufriedenen"; 5,9%)

                                    Zone der Entkoppelung (1,7 %)

 8. Überwindbare Ausgrenzung ("Die Veränderungswilligen")

 9. Kontrollierte Ausgrenzung / inszenierte Integration ("Die Abgehängten")


 
2. Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit


Diese Feststellung ist wichtig, weil sich Desintegrationserfahrungen nicht auf die „Zone der Prekarität“ beschränken lassen. Unsere Studie liefert viele Hinweise, die für einen sozial gestuften, letztlich aber zonenübergreifenden Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit sprechen. In großen gesellschaftlichen Gruppen beginnt abhängige Erwerbsarbeit ihre zentrale Funktion als Bindemittel der Gesellschaft zu verlieren. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse bedeuten nicht allein Unsicherheit und materiellen Mangel, vielfach bewirken sie Anerkennungsdefizite und eine Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen, die eigentlich dringend benötigt würden, um den Alltag einigermaßen zu bewältigen. Leiharbeiter, Befristete, aber auch Projektarbeiter (Typ 5, 6, 2) sehen sich gezwungen, die Anerkennung ihres wechselnden Umfeldes beständig neu zu erwerben. Je mehr Energie sie darauf verwenden, diesen symbolischen Zyklus der Anerkennung (Kraemer/Speidel 2005: 367 ff.) zu bewältigen, desto problematischer wird es mitunter für sie, soziale Netze außerhalb der Arbeit zu stabilisieren.
Arbeitslosen oder prekär Beschäftigten, die sich unter die „Grenze der Respektabilität“ gedrängt sehen, fällt es generell schwer, gesellschaftliche Anerkennung zu erwerben. Insofern trifft die castelsche Diagnose (2005: 38), wonach soziale Unsicherheit „demoralisierend, als Prinzip sozialer Auflösung“ wirkt, auch auf viele unserer Befragten zu. Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, dass sich Lohnarbeit für sie nicht mehr als stabile Basis einer geplanten Zukunft eignet.
Unabhängig von der konkreten Beschäftigungsform beklagen die „Prekarier“ mehr oder minder alle, dass sie im Vergleich zu den Stammbeschäftigten über weitaus geringere Möglichkeiten verfügen, eine längerfristige Lebensplanung zu entwickeln. Befristete, niedrig entlohnte Beschäftigung blockiert „die Ausarbeitung eines rationalen Lebensplans“ (Bourdieu 2000: 109) allerdings nicht vollständig. Auch bei den „Prekariern“ findet sich noch immer das Bemühen, der eigenen Lebensplanung Kohärenz zu verleihen. Bei Teilzeitarbeiterinnen mit unbefristeten Arbeitsverträgen (Typ 7) gelingt das noch einigermaßen, sofern die Partnerschaften stabil sind. Im Falle von Leiharbeitern und befristet Beschäftigten (Typ 5, 6) sind die Bemühungen um einen kohärenten Lebensplan spürbar, aber weitaus weniger erfolgreich. Es ist nicht allein die Unsicherheit als solche, sondern auch der soziale Abstand zur angestrebten Normalität, der eine Mischung aus Verunsicherung, Scham, Wut und Resignation erzeugt.
Überraschend ist, dass wir in der „Zone der Integration“ auf ähnliche Verarbeitungsformen stoßen. Bei den „Verunsicherten“ (Typ 3) und den „Abstiegsbedrohten“ (Typ 4) ist das Vermögen zu einer längerfristig ausgerichteten Lebensplanung noch nicht verloren gegangen; aber es besteht die mehr oder minder begründete Befürchtung, dass die für eine realistische Zukunftsplanung notwendige Kalkulationsgrundlage abhanden kommen könnte. Abstiegsängste sind auch in diesen Gruppen kein unmittelbarer Reflex auf reale Bedrohungen. Selbst die bevorstehende Betriebsschließung kann je nach Lebensalter, Qualifikation und Ressourcenausstattung höchst unterschiedlich verarbeitet werden. Für jüngere Arbeiter z. B. wirkt sie mitunter als Antrieb, individuelle Weiterbildungspläne vorzuziehen. Ältere und weniger qualifizierte Befragte befürchten hingegen einen nur schwer korrigierbaren Knick in ihrer beruflichen Laufbahn.
Was die noch Integrierten als Befürchtung umtreibt, ist bei den Langzeitarbeitslosen in der „Zone der Entkoppelung“ längst Lebensrealität. Sowohl bei den „Veränderungswilligen“ (Typ 8) als auch bei den „Abgehängten“ (Typ 9) kann von einem über den Tag hinausreichenden Lebensplan im Grunde keine Rede sein. Während die „Veränderungswilligen“ die Hoffnung auf eine Normalisierung ihrer Biographien aber noch nicht aufgegeben haben, richten sich die „Abgehängten“ bereits in einem Leben jenseits regulärer Erwerbsarbeit ein. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass sich ohne festen Arbeitsplatz und ein halbwegs sicheres Einkommen allmählich eine Desorganisation des Raum- und Zeitempfindens einstellt.

 

3. Sekundäre oder kompensatorische Integration


Allerdings, das bleibt in der Castelschen Hypothese unterbelichtet, nehmen selbst Langzeitarbeitslose soziale Desintegration nicht passiv hin. Unter Bedingungen, die sie zu struktureller Benachteiligung verdammen, entwickeln Ausgegrenzte und prekär Beschäftigte eigene Überlebensstrategien. Das ist der Grund, weshalb es nicht zu sich beständig verstärkenden, letztlich die Systemreproduktion gefährdenden Desintegrationsprozessen kommt.
In der „Zone der Prekarität“ und der „Zone der Entkoppelung“ erfolgt Einbindung allerdings nicht mehr über primäre (reproduktive und qualitative) sondern über tradierte oder neu erzeugte sekundäre, häufig kompensatorische Integrationspotentiale. Von sekundären Integrationspotentialen kann gesprochen werden, wenn junge Leiharbeiter ihr prekäres Beschäftigungsverhältnis als Sprungbrett in eine Normbeschäftigung betrachten und dabei auf den „Klebeffekt“ ihrer Tätigkeit hoffen (Typ 5). Um sekundäre Integration handelt es sich bei älteren Leiharbeitern, die sich pragmatisch mit ihrer Lage arrangieren, indem sie beständig zwischen Arbeitslosigkeit und Leiharbeit pendeln (Typ 6). Sekundäre Integrationspotentiale verschaffen sich auch Geltung, sofern sich Verkäuferinnen scheinbar vorbehaltlos in ihre Rolle als mehr oder minder zufriedene Zuverdienerinnen (Typ 7) fügen und damit eine stabile Partnerschaft und ein Existenz sicherndes Einkommen des Lebenspartners zur stillen Voraussetzung ihres Arrangements machen. Und selbst bei den „Abgehängten“ (Typ 9) zeigt sich die Wirksamkeit sekundärer Integrationsmechanismen, wenn sich jugendliche Erwerbslose als „arbeitende Arbeitslose“ definieren, weil sie ihr Einkommen in der Schattenwirtschaft verdienen und dabei auf die informellen Netze von Familie, Nachbarn und Freunden setzen.
Die Orientierung auf Teilhabe an regulärer Erwerbsarbeit haben die Betreffenden aufgegeben. Sie richten sich auf ein Leben in Subgesellschaften mit eigenen informellen Strukturen und Integrationsmechanismen ein. Ausgegrenzte Jugendliche z. B. setzen alles daran, ihre verbliebenen sozialen Kontakte zu stabilisieren, um so zumindest ein Minimum an Selbstbestätigung zu erfahren. Häufig ist ihnen das Risiko, diese Kontakte wegen der vagen Aussicht auf einen unsicheren Job aufzugeben, einfach zu hoch. Daher tendieren subgesellschaftliche Orientierungen, die sich im Osten gerade erst herauszubilden beginnen, zur Selbstreproduktion.      
Schon aus diesem Grund nimmt die Wirksamkeit sekundärer Integrationspotentiale den Prekarisierungserfahrungen nichts von ihrer Brisanz. Im Grunde handelt es sich um schwache, kompensatorische Formen der Integration, die entweder auf Fiktion, auf der Hoffnung, irgendwann doch noch Anschluss an die Normalität regulärer Beschäftigung zu finden, oder auf einer Mobilisierung quasi-ständischer Zugehörigkeiten und Ressourcen beruhen. Sofern dies in Handlungsstrategien mündet, die ein Überleben in prekären Verhältnissen sicherstellen sollen, ist Integration in normativer Hinsicht gerade kein „Erfolgsbegriff“ (Peters 1993: 92). Dass sekundäre Integrationspotentiale überhaupt wirksam werden können, hängt wesentlich mit der disziplinierenden Wirkung von Arbeitsmarktrisiken zusammen. Die Disziplin des Marktes kann z. B. dazu führen, dass tradierte Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung revitalisiert werden. So definieren sich Verkäuferinnen mitunter auch dann als Zuverdienerinnen, wenn ihr Einkommen aufgrund der Arbeitslosigkeit des Lebenspartners längst den Lebensunterhalt der Familie sichert (Typ 7). Als Hysteresis-Effekte über ihre Erzeugungsbedingungen hinaus wirksam, illustrieren derartige Haltungen die Verfestigung einer sozialen Lage, die sich über eine dauerhafte Betätigung in prekären Beschäftigungsverhältnissen konstituiert. Zufrieden sind diese Befragten nur insofern, als sie sich als Teilzeitarbeiterinnen gesellschaftlich durchaus integriert fühlen. Diese Zufriedenheit ändert nichts daran, dass die Betreffenden ihre Berufstätigkeit überaus kritisch beurteilen. Teilweise werden sie in Interessenvertretungen und Gewerkschaften aktiv, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. In diesen Fällen handelt es sich um eine Variante der Integration durch „Streit“ (Simmel 1903), die allerdings an der grundsätzlichen Akzeptanz des Zuverdienerinnen-Status nichts ändert. 


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