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vorgänge: Artikel - 1.12.06

Weder freelancer noch free-rider

Heiko Geiling

Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung,

aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006) S. 39-49


Die Rede von der „Fragmentierung“ und von der „Desintegration“ der Gesellschaft wird lauter. Sogar von der „Klassengesellschaft“ im Sinne Max Webers wird hin und wieder gesprochen, von für soziale Ungleichheit ursächlichen „ökonomischen Klassenlagen“. Noch in den 1980er Jahren war dies kein Thema. So wurde damals in den Sozialwissenschaften zwar über „neue soziale Formationen und Ungleichheiten“ diskutiert, allerdings eher akademisch selbstreferenziell mit Blickrichtung auf bildungs- und geschlechtsspezifische oder auf risiko- und weltgesellschaftliche Kontexte (vgl. Kreckel 1983). Grundlegende soziale Ungleichheiten oder gar klassenspezifische Trennlinien, wie sie seinerzeit insbesondere von Pierre Bourdieu in Frankreich und Europa geltend gemacht wurden (Bourdieu 1982), blieben abseits der öffentlichen Agenda. Sie waren „out“. Das sieht mittlerweile ganz anders aus.
Selbst die Politik der „Berliner Republik“ hat nach einigem Hin und Her wieder die „Unterschicht“ entdeckt. Der Tunnelblick politischer Betriebsamkeit, in der die gesellschaftlichen Realitäten häufig nur als fachspezifisch aufbereitete Szenarien wahrgenommen werden, scheint sich ein wenig geweitet zu haben. Offenbar hat sich die gesellschaftliche Realität skandalöser sozialer Ungleichheiten Ausdrucksformen gesucht, die zunehmend den Nerv der politischen Klasse treffen: Dramatisch sinkende Quoten bei der Beteiligung an Wahlen, Stimmenverluste zu Gunsten kleiner Parteien und vor allem auch Wegbrechen der Mitgliederbasis in den beiden großen Volksparteien.
Reaktionen auf diese nicht mehr zu leugnende Krise der politischen Repräsentation erfolgen allerdings zumeist reflexartig. Bemüht wird dabei das immer wiederkehrende Muster von Verelendung und Modernisierung bzw. von Masse und Elite. Soziale Verwerfungen und Polarisierungen werden entweder mit verelendungs- und anomietheoretisch angereicherten Bildern des 19. Jahrhunderts wahrgenommen oder mit aus der selben Zeit stammenden Modernisierungs- und Disziplinierungsvorstellungen, nach denen die Menschen nur hinreichender Anreize bedürfen, um den Anforderungen der „Globalisierung“ genügen zu können. In beiden Fällen wird über die betroffenen Menschen hinweg gedeutet. Sie kommen gar nicht erst zu Wort. Sie haben keinen Akteursstatus, sondern sie sind Objekte oder gar Opfer. Im öffentlichen Diskurs werden ihnen politischer Beteiligungswille und Bereitschaft im Sinne von Umstellungs- und Bewältigungsstrategien ihrer Lebensführung von vornherein abgesprochen. Aus der Perspektive der in dieser Weise zum Schweigen Verurteilten – und das reicht von Arbeitslosen und anderen Ausgegrenzten weit in die respektablen sozialen Milieus der gesellschaftlichen Mitte hinein – findet eine Entwürdigung bisheriger Lebensleistungen statt. Mühsam in  langfristiger Arbeit erworbene Ressourcen und Kompetenzen zur Bewältigung unterschiedlichster sozialer Probleme sind nicht gefragt, weil weitgehend unerkannt.

 

Soziale Milieus und politische Lager in Deutschland


Auf Abqualifizierungen der Alltagserfahrungen und Potenziale der Menschen in den unterschiedlichen sozialen Milieus und auf deren damit verbundene Demütigungen und politische Verarbeitungsformen aufmerksam zu machen, gehört zu den zentralen Erkenntnisinteressen der in Hannover entwickelten politischen Soziologie der Milieuforschung (vgl. Vester u.a. 2001). Deren Ergebnisse verweisen darauf, dass die gegenwärtig wieder offensichtlicher gewordenen Klassenspaltungen der Gesellschaft sich nie erledigt hatten und insbesondere auch unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen fortexistierten. Allerdings waren sie materiell wie alltagskulturell pluralisiert und überformt – um nicht zu sagen übertüncht – und konnten mit den Variablen und Indikatoren üblicher Schichtungssoziologie kaum entschlüsselt werden, zumal das gesellschaftliche Interesse daran ohnehin äußerst beschränkt war. Spätestens mit der durch PISA skandalisierten Bildungsmisere gelangte die These von nach wie vor klassenspezifischen Ungleichheiten wieder auf die Tagesordnung (vgl. Abb.1 sowie Bremer/Lange-Vester 2006).
Soziale Milieus aus dieser Perspektive sind nun nicht zu verwechseln mit in der Tendenz beliebigen bzw. frei wählbaren ästhetischen Lebensstilen oder „Bastelidentitäten“. Sie sind mehr. Emile Durkheim (1988) hatte bereits 1893 „Milieu“ als zentrales Konzept für gesellschaftliche Akteursgruppen in die Diskussion eingebracht. Ähnlich wie Max Weber hatte er „Milieu“ als Ausdruck von sozialer Kohäsion bzw. sozialem Zusammenhalt definiert: auf Grund von Beziehungen der Verwandtschaft, territorialer Nachbarschaft oder Berufsgruppen und auf Grund damit verbundener Herausbildung eines gemeinsamen „Korpus moralischer Regeln“ und deren Verinnerlichung in einem gemeinsamen „Habitus“. Wenn darüber hinaus  berufliche Milieus in einem Herrschaftsverhältnis zueinander stehen, nennt Durkheim sie „Klassen“. Pierre Bourdieu (1982) hat mit seinen Studien an Durkheim angeknüpft. Auf der Grundlage umfassender Berufsgruppen- und Lebensstiluntersuchungen wies er eine relativ enge Verbindung von Klassenfraktion und Habitustypus nach. Dazu gehört, dass der „Klassenhabitus“ nicht allein bestimmte Bewertungs- und Orientierungsschemata des Geschmacks und der Alltagspraxis beinhaltet. Insbesondere auch generiert er bestimmte Strategien der Bildungs- und Berufswege, die nicht nur zur Reproduktion der jeweiligen Klassenstellung, sondern auch zu Umstellung taugen müssen, wenn das angestammte Berufsfeld eines Milieus sich wandelt. Alltagsverhalten und Berufsfelder sind also auf dynamische und flexible Weise miteinander verkoppelt.
Die hannoversche Milieuforschung hat den Ansatz Bourdieus mit dem der frühen englischen Cultural Studies (Williams 1972; Clarke, Hall u.a. 1979) verbunden, weil dieser nicht allein wie Bourdieu die Reproduktion, sondern auch den durch den Generationenwechsel bedingten Wandel der Kultur und des Habitus von Klassenmilieus erklären kann. Dabei konnte für die deutsche Gesellschaft empirisch – mit den von Jörg Ueltzhöffer, Ulrich Becker und Berthold Bodo Flaig vermittelten innovativen Methoden des „Sinus“-Instituts – nachgewiesen werden, dass die historischen Traditionslinien der Alltagskulturen der sozialen Klassen weiter bestehen. Und zwar gerade dadurch, dass die jüngeren Generationen, im Konflikt mit der Kultur ihrer Eltern und herausgefordert durch neue gesellschaftliche Erfahrungen, ihre Herkunftskultur immer wieder flexibel weiter entwickeln. Neu entstandene soziale Milieus konnten als die jüngeren Zweige der älteren Milieus identifiziert werden, die sich horizontal in die moderneren Berufsfelder im linken Teil des sozialen Raums bewegten. Trotz dieses Gestaltwandels der jüngeren sozialen Milieus war alltagspraktisch eine hohe, über soziale Kontrolle reproduzierte Wirksamkeit der im Habitus verfestigten Klassenkulturen festzustellen. Dazu gehören spezifische Klassifikations- und Orientierungsschemata, Geschmacks- und Umgangsformen sowie Strategien des Bildungserwerbs, der Berufswege und der Umstellungen, die sich nach dem jeweiligen Ort im sozialen Raum unterscheiden.

 

Soziale Milieus


Demnach gab und gibt es in Deutschland eine relativ hohe Konstanz von fünf großen, an die alten Klassenmilieus anschließenden Traditionslinien sozialer Milieus, die sich wie Familienstammbäume nach Generationen und sozialen Erfahrungen differenzieren und in der Gesamtbetrachtung das Bild von immer noch wirksamen vertikalen Klassenstufungen bestätigen (vgl. Abb.1). Dazu gehören mit „Besitz“ und „Bildung“ sowie entsprechend distinktiven Lebensstilen die zwei Traditionslinien der gesellschaftlichen Oberklassen mit etwa 20% der Bevölkerung. Bis auf das „gehobene Dienstleistungsmilieu“, in dem sich Aufsteiger der technischen Expertenberufe und der sozialen Dienstleistungen befinden, haben sie ihre obere soziale Stellung seit Generationen gegen Neuzugänge gesichert. Auch die kulturelle Avantgarde im Raumschema links oben rekrutiert sich überwiegend aus jüngeren Oberklasseangehörigen. Die beiden Traditionslinien der „Facharbeit“ bzw. „Praktischen Intelligenz“ und des „Ständisch-Kleinbürgerlichen“ repräsentieren die respektablen Volksklassen mit einer Größenordnung von etwa 70%. Respektable Lebensführung und eine sichere und anerkannte Berufsstellung sind ihre Abgrenzungsmerkmale nach unten. Als Arbeitnehmer und „kleine Leute“, die es durch eigene Leistung zur Respektabilität gebracht haben, grenzen sie sich auch nach oben ab. Gegenüber Privilegienwirtschaft, welche die Grundsätze der Leistungsgerechtigkeit und Statussicherung verletzen, zeigen sie sich als äußerst sensibel.


Abb. 1
 

 

 

Dabei zeigt die kleinbürgerliche Traditionslinie im Raum rechts mit ihrer Bereitschaft zur Anerkennung gesellschaftlicher Hierarchien ständisch-konservative Züge. Dagegen setzt die moderne Traditionslinie im Raum links auf relative Autonomie, die von einer systematischen Lebensführung, guter fachlicher Arbeit, Ausbildung, Leistung und gegenseitiger Hilfe geprägt ist. Im weiteren Raum links schließt sich eine jugendspezifische Milieufraktion an, die sich gegen die Pflicht- und Arbeitsethik der beiden Traditionslinien ihrer Eltern abgrenzt. In dieser großen Mitte hat sich die horizontale Bildungs-, Berufs- und Lebensstildynamik erheblich ausgeprägt. Diese Milieus sind alles andere als bildungsfern, sondern bereits zur Hälfte über die Hauptschule hinausgelangt. Allerdings sind sie auf dem weiteren Weg in die höhere Bildung abgebremst worden. Gleichzeitig ist aber deren untere Hälfte in den letzten Jahren in ihren sozialen Stellungen bedroht.
 Die etwa 10% der Traditionslinie der „Unterprivilegierten“ haben seit Generationen die Erfahrung sozialer Ohnmacht gemacht und setzen weniger auf planvolle Lebensführung als auf die flexible Nutzung von „günstigen“ Gelegenheiten und auf Anlehnung an Stärkere. In der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR hatten diese Milieus erstmals dauerhafte, wenn auch körperlich belastende, Beschäftigungen finden können. Weil ein Großteil ihrer Arbeitsplätze heute jedoch abgebaut sind, sind viele Angehörige dieser Milieus wieder in prekären sozialen Stellungen zurückgestuft.

 

Politische Lager


Problematisch wird es, wenn politische Ordnungsvorstellungen und Wahlverhalten direkt aus der skizzierten Milieustruktur abgeleitet werden sollen. Zwar neigen die Angehörigen einzelner Milieus mit hohen Wahrscheinlichkeiten auch bestimmten Gesellschaftsbildern und politischen Parteilagern zu. Beispielsweise wählen Menschen der neuen Experten- und Dienstleistungsberufe deutlich seltener konservativ als die Angehörigen der oberen administrativen Dienstklasse. Aber Minderheiten in beiden Milieus wählen eben doch auch anders. Dies beruht auf spezifischen Eigenheiten des politischen Feldes, das sich über öffentliche Diskurse, Kämpfe und Kompromisse nach Koalitionen bzw. politischen „Lagern“ strukturiert, die jeweils auch vertikale Gesellschaftsstufen bzw. Klassen überschneiden.
Die Lager-Koalitionen, die sich in oft weit zurückliegenden historischen Großkonflikten gebildet haben, haben in der Regel eine lange Lebensdauer, da sie sich in den politischen Kämpfen institutionell über die intermediäre Klientelfürsorge und ideologisch über die publizistische und erzieherische Sozialisation verfestigen. Unter besonderen Bedingungen der Entfremdung zwischen Führungs- und Klientelgruppen bzw. zugespitzter Krisen  politischer Repräsentation, wie die Beispiele der Bewegungen des Faschismus und Rechtspopulismus einerseits und der „Achtundsechziger“ und des Postmaterialismus andererseits, können sich die Lager auch teilen und umgliedern. Ihre Orientierungen basieren auf gesamtgesellschaftlichen Ordnungsbildern. Sie entsprechen den klassischen konservativen, liberalen, sozialdemokratischen, rechtspopulistischen und heute auch postmaterialistischen Vorstellungen, nach denen die gesellschaftliche Ordnung sowie das jeweils daran geknüpfte Bild sozialer Gerechtigkeit geordnet sein soll. Dabei kommen soziale, konfessionelle, regionale und andere Dimensionen zusammen, die schon von der klassischen Wahlforschung (vgl. Lazarsfeld u.a. 1969) als „cleavages“ geltend gemacht worden sind und eine bis in die Gegenwart reichende historische Kontinuität der jeweiligen Gesellschaftsbilder bewirken, auch wenn viele intermediäre, kohäsionsstiftende Institutionen nicht mehr direkt und formell an die einzelnen politischen Lager gebunden sind.
So können wir in Deutschland zwischen sechs gesellschaftspolitischen Lagern unterscheiden, die zwar Schwerpunkte in bestimmten sozialen Milieus haben, aber mit diesen nicht deckungsgleich sind. Die Lager verteilen sich jeweils vertikal bzw. diagonal über verschiedene Milieus, was bestätigt, dass es sich um Koalitionen verschiedener Milieufraktionen über die Milieugrenzen hinweg handelt (vgl. Abb. 2).
 Im rechten Teil des sozialen Raums liegt eine noch relativ intakte Formation von zwei konservativen Lagern, die Hochburgen der CDU/CSU und des rechten Flügels der SPD sind. Nach dem konservativen Modell sozialer Gerechtigkeit können alle sozialen Gruppen Solidarität beanspruchen, aber nicht in gleichem Maße, sondern hierarchisch abgestuft nach Besitz, Bildung, Geschlecht und Ethnie. Das Modell folgt dem Patron-Klient-Muster: Loyalität muss durch paternalistische Fürsorge vergolten werden. Das Lager der „Gemäßigt Konservativen“ (ca. 18%), mit Schwerpunkt bei den kleinbürgerlichen Arbeitnehmern, legt das Modell eher arbeitnehmerisch aus. Verletzt z.B. der Patron seine Fürsorgepflicht, so sind u.a. auch gewerkschaftliche Kampfmittel berechtigt. Auch hat sich ein Drittel dieses Lagers moderneren und toleranteren Lebensstilen zugewandt. Dies übt Druck aus auf das Lager der „Traditionell-Konservativen“ (ca. 14%), das die Position des ‚Patrons’ einnimmt.
Im linken Teil des sozialen Raums finden sich zwei etwas heterogenere arbeitnehmerische Lager, die Hochburgen der SPD und des sozialen Flügels der CDU/CSU sind. Das Lager der „Sozialintegrativen“ (ca. 13%) tritt für gleiche Rechte aller sozialer Gruppen ein, d.h. sowohl für die materielle Verteilungsgerechtigkeit für Arbeitnehmer und Unterprivilegierte als auch für die postmateriellen Rechte der Zivilgesellschaft, der Frauen, Ausländer, der Natur usw. Das Lager stützt sich vor allem auf die moderne Reformintelligenz, die nicht nur oben, sondern auch in den mittleren Milieus der Sozialberufe, der Gewerkschaften und der Kirchen verankert ist. Damit ist es räumlich und moralisch einem anderen Lager nahe, den „Skeptisch Distanzierten“ (ca. 18%), die vor allem aus den Volksmilieus der Facharbeit kommen und ein Modell der Solidarität auf Gegenseitigkeit vertreten. Wer zu Produktivität und Sozialstaat beiträgt und wer unverschuldet in Not ist, soll auch daran teilhaben. Beide Lager sind in ihren Vorstellungen von Solidarität von der Politik der Volksparteien stark enttäuscht. Ein drittes Paar von komplementären Lagern entspricht besonders dem ideologischen Gegensatz von ‚Elite’ und ‚Masse’ oder ‚ideell’ und ‚materiell’. Das Lager der „Radikaldemokraten“ (ca. 11%), links oben im sozialen Raum, vertritt emphatisch die postmateriellen Ideale, während es für materielle Ungleichheiten eher unsensibel ist. Wirtschaftsliberale Akzente sind hier stärker als sozialliberale. Das Lager ist daher eine Hochburg der Partei der Grünen und eines gewissen progressiven Neoliberalismus.


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