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vorgänge: Artikel - 1.03.06

"Der Tourist verlangt, der Pilger dankt"

Philipp Schwörbel

Der Jakobsweg: Tagebuch einer Pilgerwanderung,

aus: vorgänge Nr. 173 (Heft 1/2006), S. 97-105

Freitag, 1. April 2005

 

Ich bin in Oloron St. Marie, einem kleinen französischen Städtchen am Rande der Pyrenäen. Zum französisch-spanischen Grenzpass Puerto de Somport ist es nicht mehr weit. Dort beginnt morgen meine Reise nach Santiago de Compostela. Über 700 km Fußmarsch liegen vor mir. Ich bin aufgeregt. [...]
Alle wollen wissen, warum ich allein nach Santiago pilgere. Ehrlich gesagt, nervt die Frage. Ich weiß nicht warum. Ich laufe einfach. Habe mir aber 3 wohlklingende Antworten überlegt, wie z.B. dass ich mein materielles und geistiges Leben ins Gleichgewicht bringen will, meine Religion neu entdecken möchte, dass ich wissen will, wo meine Grenzen liegen bzw. dass ich herausfinden möchte, mit wie wenig ich im Leben auskomme. Aber wie gesagt, ich weiß es nicht. [...]
Auskommen muss ich mit dem was ich auf dem Rücken und am Körper trage:

3 Unterhosen
2 Unterhemden
3 Paar Socken
2 Hemden
2 Hosen (Beine abtrennbar)
1 leichten Fleecepulli
1 wärmere Fleecejacke
1 leichte Wanderjacke (alles Funktionskleidung!)
1 Schlafsack
1 kl. Isomatte
2 Wanderstöcke
1 Paar Handschuhe
1 Mütze
1 Halstuch
1 leichte Dioden-Kopflampe
10 Ohropax
1 Zahnbürste
1 halbleere Tube Zahnpasta
1 kl. halbleere Dose Nivea
1 kl. Fl. Shampoo-Konzentrat von Rosanna
1 kl. Fl. Duschgel
1 Rasierschaum und Rasierer
1 Waschlappen
20 Blasenpflaster
5 Pflaster
Desinfizierungszeug
1 Taschenmesser
1 Döschen Haarwachs (einziger Luxus für den eitlen Philipp!)
2 Jakobswegführer
2 Bücher
rosa (!) Flip-Flops
1 Paar Wanderschuhe
2 Packungen Tempos
1 Kreditkarte, 1 EC-Karte
1Hande
3 Meter dünnes Seil zum Aufhängen der Wäsche
1 Rei in der Tube (halb voll)
3 Sicherheitsnadeln
1 Nähzeug aus Hotel
1 Stift
dieses Moleskine-Buch
3 Müllsäcke zum Extra-Schutz dieser Sachen vor Regen
Tinas Rucksack
1 Rucksack-Regenschutz
Rucksackgewicht 9,5 kg, ohne Wasser und Verpflegung.

 

Samstag, 2. April, Puerto de Somport – Jaca, 32 km

 

Zunächst: Heute wäre meine Mutter Renate 65 geworden und irgendwie wandere ich auch für sie! Jedenfalls bin ich den ganzen Tag in Gedanken bei ihr.
Mein Weg beginnt am Somport-Pass. Es ist 10.00 h. Es ist kalt, stürmisch. Überall liegt Schnee. Der Weg führt zunächst über vereinzelte Schneefelder. Dank großem Enthusiasmus gleite, springe ich fast darüber hinweg. Ich gehe schnell, der Abstieg ist gut zu bewältigen. Nach zunächst kleinen Bergschluchten und Wasserfällen gehe ich nun durch Almen und Wiesen. Wunderschön. [...]
Nach ca. 23 km tut mir wirklich alles weh. Es ist anstrengend. Mein Gott. Um halb sechs bin ich endlich in Jaca.
Um 20.00 h Messe für Pilger. Vorher hole ich noch meinen Pilgerpass im Kirchenbüro ab. Ich fühle mich besonders. Glücklich. Ich bin den Tränen nahe. Die große Kirche ist voll. Zum Abschluss der Messe werden die Pilger durch Priester und Gemeinde gesegnet. Alle Pilger werden nach vorne zum Altar gerufen. Alle bin ich. Und da stehe ich nun. Als Pilger. [...]

 

Montag, 4. April, Arrés – Undués de Lerda, 40 km

 

8.10 h Abmarsch in Arrés. Wunderschöner Abstieg (ca. 100 – 200 Höhenmeter) mit tollen Blicken zurück auf Arrés. Ich wandere alleine. Die Strecke verläuft auf einem Höhenweg mit etlichen kleineren Auf- und Abstiegen. Ich blicke ins grüne Tal des Rio Aragon. Rechts und links die Ausläufer der Pyrenäen. [...]
Bald sehe ich von Ferne mein heutiges Ziel: Undués de Lerda: Ein kleines sonniges Dorf. Ankunft dort um ca. 18.00 h. Der/die „Hogar social“, das ist der vom Dorf selbst betriebene Laden, in dem es die Schlüssel zur Herberge gibt, macht gerade zu, als ich ankomme. Glück gehabt. Es gibt ein Bett für mich, aber kein Abendessen. Aber ich bekomme ein paar Früchte, habe auch noch 1/2 Boccadillo vom Mittag. Ich kaufe noch 1 Coke, 1 Aquarius und 1 Bier. [...]
Ich bin der einzige Pilger hier, habe ein tolles Zimmer mit Sonnenuntergangs-Aussicht. Telefoniere 2x mit Tina. Wasche meine Wäsche. Morgen geht es bis Izco.
Ein wenig Hunger habe ich doch noch. [...]

 

Mittwoch, 6. April, Izco – Puente la Reina, 38 km

 

Ich plane ein ausgedehntes Frühstück in Monreal, der nächsten kl. Stadt. Abmarsch aus Izco um 7.15 h. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es wird langsam hell. Etwas frisch. Herrlich zu laufen. Ich komme gut voran. [...]
Ca. 9.15 h Ankunft in Monreal. Alles zu, kein Laden hat auf, die Herberge ist geschlossen. Ich bin sauer auf den Ort, ich habe Hunger, mir knurrt der Magen. Ich esse wieder Schokolade und Kekse, die ich noch habe, aber nicht mehr sehen kann. Einen Brunnen finde ich auch erst nach einiger Zeit hinter der Herberge. Ca. 9.30 h weiter Richtung Puente de Reina. Ich finde den Weg nicht raus aus der Stadt und ärgere mich doppelt. Ich frage auch niemanden, weil sich hier ja eh alle gegen mich verschworen haben.
Kurz vor 13.00 h umrunde ich einen Steinbruch und erreiche kurz darauf Tienda. Ich bin hungrig, denn bis auf die Tüten-Bolognese in Izco habe ich seit 2 1/2 Tagen nicht warm gegessen. Ein Erlebnis der anderen Art: Im Restaurant muss ich meinen Rucksack im Nebenzimmer abstellen, damit ihn niemand sieht. Die Kellnerin muss ihren Chef fragen, ob ich mich auch allein irgendwo hinsetzen darf. Das ganze Ding ist leer!!! Aber egal, denn das was kommt, ist ein Fest: Vorspeise: Ein Riesenteller Spagetti, Hauptspeise: Mind. 20 Chicken Wings, dazu 1 l Wasser, Apfel. 10 Euro Menü, dazu ein Cafe solo. Nach und nach (im 30-Sekunden-Takt) füllt sich das Restaurant. Die Arbeiter der Steinbrüche rücken an. Das Haus ist voll, nur ich sitze noch alleine an einem 4er-Tisch. [...]
Gegen 17.00 h bei der wunderschönen Kirche Eunate treffe ich auf die ersten deutschen Pilger-Trupps (= kombinierte Fuß- und PKW-Wanderungen aus dem Katalog. Erkennungszeichen: Große Jakobsmuschel demonstrativ um den Hals getragen. Selbstbild: „Frag’ mich was zum Jakobsweg, ich weiß alles!“ Dumm: Können gutes nicht von schlechtem Brunnenwasser unterscheiden). Böse, böse, aber so ist es. [...]

 

Freitag, 8. April, Villamayor – Logroño, 40 km

 

Abmarsch um 7.45 h, 10.00 h in Los Arcos. Kaufe meine Jakobsmuschel. Das Radio – im ganzen Ort zu hören – berichtet von der Suche nach einem neuen Papst. Meine Füße und Beine schmerzen zu sehr, um weiter zu schreiben. Morgen vielleicht.
Nachtrag zum 8. April (notiert am 10. April)
Ich fühle mich schlecht, wie bisher noch nie auf meiner Tour. Nicht körperlich, obwohl die langen Touren der letzten Tage ihre Spuren hinterlassen haben, sondern emotional. Obwohl ich in Logroño in einer Herberge mit rund 50 anderen Pilgern übernachte und ich mit 10 anderen noch Essen gehe, fühle ich mich unter all den Menschen einsam. Das Gefühl hatte ich lange nicht mehr. [...]

 

Montag, 11. April, San Vicente de la Barquera – Quintanilla de Lamason, 26 km

 

Die körperlichen Anstrengungen der ersten Tage lassen nach. Ich habe das alltägliche Leben (Hygiene, Waschen, Essen) im Griff. Mein Kopf ist frei, klar. Meine Wahrnehmung liegt bei 150%. Ich höre jeden Vogel. Ich habe das Gefühl, alles zu hören, zu sehen. Ich bin unendlich wach. Ich verstehe: Jeder geht (im Leben) seinen Weg. Doch gibt es einen „richtigen“ Weg? Wer beurteilt das? [...]

 

Donnerstag, 14. April, Cangas de Onís – Villaviciosa, 44 km

 

What a day! Abenteuer pur. Alle Emotionen. Freude, Frust, Anspannung, Schmerz, Glück. Heute war durchhalten, stark sein, diszipliniert sein angesagt. Abmarsch in Cangas de Onís um 7.45 h. 7.46 h fängt es an zu regnen. Es geht auf kleinen Wegen und Landstraßen hinaus in die Berge. Liebliche und trotz Regen wunderschöne Landschaft. Tolle erste 10 km durch bergiges Gelände. Trotzdem: Es ist nass. Nur hin- und wieder reißt der Himmel auf. Nach einigem auf und ab steht der erste Anstieg nach Sorribes an. Nur, ich weiß nicht, wie lange er dauern wird. Doch die Sonne kommt raus und über gut zwei Stunden geht es langsam aber sicher bergan. Ich strotze gerade auf den ersten 10 km nur so vor Kraft und Selbstbewusstsein. Ich singe. Vor mir liegen noch über 30 km. Aber ich fühle mich stark! Recht steiler Abstieg von Sorribes. Im Führer steht: Bei Regen kann es matschig werden. Es ist matschig! Und wie. Auf ca. 1 km geht es steil bergab in einer einzigen Schlammgrube. Der Weg hat sich im Regen aufgelöst, ich versinke in bis zu 30 cm tiefem Matsch.
Vor dem Mittagessen beginnt der zweite Anstieg nach Anayo. Es gießt mittlerweile in Strömen. Der Anstieg ist steil und geht über kleine Betonwege hin- und wieder unerträglich steil bergauf. Ich stöhne, schwitze, fluche. Auf einem unbewohnten, aber bewirtschafteten Hof frage ich nach dem Weg. Ein alter Mann schickt mich offensichtlich in die falsche Richtung. Was soll’s, ich finde den Weg dennoch. Es wird immer steiler, windiger, regnerischer, die Wolken dunkler. Jetzt geht es auf Landstraßen bergauf zum Kamm. Und was sehe ich: Eine Bar mit 3-4 Autos davor und es gibt Essen deluxe: Pasta mit Chorizo, gebratenen Fisch, Flan im Joghurt-Becher, Milchkaffee und zwei Coke.
Das sollte der „anstrengende“ Teil der heutigen Tour sein. Doch was jetzt kommt, schlägt alles. Durch steile, rutschige Wege geht es bergab. Ich schlage mich förmlich durch 3 m hohes Dornengestrüpp, das den Weg zugewuchert hat, ziehe mir trotz Regen meine Jacke aus, um sie vor den Dornen zu schützen, muss aber doch aufgeben, zurück gehen und abseits des Weges über Wiesen ausweichen. Es geht weiter auf einem Steinweg. Es ist rutschig auf den großen Platten. Ich stolpere, doch meine Stöcke stützen mich. Doch dann stürze ich. Kopfüber nach vorne, mit dem Rucksack habe ich keine Chance, mich zu fangen. Recht große Platzwunde am rechten Handballen. Ich verbinde und desinfiziere die Wunde notdürftig in der nächsten Kapelle.
Mittlerweile bin ich von innen und außen komplett durchnässt. Selbst meine „wasserdichten“ Schuhe stehen voll Wasser. Es ist schrecklich kalt. Das letzte Stück geht an einem Fluss entlang. Der Weg daneben ist leider auch zum Fluss geworden. Das gibt mir den Rest. Weil die nächste Pilgerherberge erst in 5 km kommt, weiche ich ins nahe Villaviciosa aus. Gute Entscheidung: Es fängt bald sintflutartig an zu schütten. Ich „rette“ mich förmlich ins Hotel** Neptuno. Neptuno! Das Zimmer ist klein und nicht wirklich freundlich, aber ich bin fix und fertig, wasche meine Wäsche und schlafe ein.
Was geht mir durch den Kopf? Nichts, außer trockener Wäsche und Essen.


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