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vorgänge: Artikel, Armut, Frauen - 24.02.85
Chips - Wegbereiter einer neuen Armut?
Angelika Bahl-Benker
aus: vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 84-96
»Die Informationstechnik - von der Basistechnologie der Elektronik über die Systemkonzepte der Datenverarbeitung und der Technischen Kommunikation bis zu den Anwendungsfeldern der industriellen Automation, der Bürotechnik und der Unterhaltungselektronik - ist von grundlegender Bedeutung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik. Für große Teile unserer Gesellschaft bedeutet sie Hoffnung auf weiteres wirtschaftliches Wachstum, auf neue Arbeitsplätze, mehr Freizügigkeit und Annehmlichkeiten im täglichen Leben; für manche löst sie allerdings Befürchtungen aus« (Hervorhebungen A. B) (1)
Diese optimistische Einschätzung aus der neuen Förderkonzeption 'Informationstechnik` der Bundesregierung geht großzügig über diejenigen hinweg, die beim öffentlich geförderten und in den Betrieben realisierten Rationalisierungsschub mittels der neuen Informations- und Kommunikationstechniken (IuK-Techniken) durch die Roste fallen. Sie geht darüber hinweg, daß die neuen Techniken ein ungeheures Rationalisierungspotential enthalten, das auf einen Arbeitsmarkt trifft, wo heute schon beinahe jeder Zehnte arbeitslos ist. Sie geht darüber hinweg, daß die Herstellung der neuen Techniken weit weniger Arbeitsplätze erhält oder vielleicht neu entstehen läßt als ihre Anwendung vernichtet. Sie geht darüber hinweg, daß von dieser Arbeitsplatzvernichtung die Arbeitsplätze der erwerbstätigen Frauen überproportional betroffen sind - schon heute und erst recht angesichts der sich abzeichnenden Rationalisierungsschwerpunkte der kommenden Jahre. Sie geht darüber hinweg, daß die »Befürchtungen mancher« zum Alptraum von vielen zu werden drohen.
Am Beispiel der Frauenarbeit geht es im folgenden um die sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen, die bewirken, daß der sog. »technische Fortschritt« zum sozialen Rückschritt führt, daß die Anwendung der neuen Techniken die Lebenslage vieler Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen verschlechtert.
1. Wirtschaftskrise, Rationalisierung und die neuen Informations- und Kommunikationstechniken
Angesichts weltweiter ökonomischer Krise zielen die Profitstrategien des Kapitals seit Jahren verstärkt auf Kostensenkung in den Betrieben. Umfassende Rationalisierungskonzepte zur Reduzierung von Kapital- und vor allem Arbeitskosten werden durchgesetzt. Diese Konzepte gehen von Strukturveränderungen in den Unternehmen (z.B. durch Zentralisierung von Aufgabenbereichen) über Produktrationalisierung (z.B. Ersetzung von Metallteilen durch - mit weniger Arbeitsaufwand herzustellende — Kunststoffteile) bis hin zur Rationalisierung des Arbeitsprozesses selbst. Mit der Entwicklung der Computertechnik, der Informationstechnik, und deren Verbindung mit der Nachrichtentechnik, der Kommunikationstechnik stehen den Unternehmern hervorragende arbeitssparende Instrumente für die Rationalisierung in Produktion und Verwaltung zur Verfügung, die zudem in den letzten Jahren immer leistungsfähiger und billiger werden. Die Rationalisierungskonzepte beschränken sich dabei längst nicht mehr darauf, in einem einzelnen Bereich ein EDV-System einzuführen. Jetzt geht es um die durchgängige Computerisierung des ganzen Betriebes, um die Vernetzung bisher isolierter Systeme inner- und überbetrieblich - mittels elektronischer Datenübertragung zur Konzernzentrale, zu den Lieferanten, zu den Kunden.
Die Folgen dieser Rationalisierungsstrategie - Arbeitsplatzvernichtung, Dequalifizierung und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen - wirken sich auf alle Betriebsbereiche und alle Beschäftigten aus. Überproportional betroffen aber sind die Frauen.
2. Frauenarbeit und neue Informations- und Kommunikationstechniken oder: die Chance, verschlissen und/oder wegrationalisiert zu werden
Die erwerbstätigen Frauen arbeiten überwiegend auf Arbeitsplätzen, die in der Einkommenshierarchie am schlechtesten bezahlt sind, an denen gesundheitliche Belastungen vorhanden und/oder die stark durch Rationalisierung gefährdet sind. Einige Beispiele:
Frauen im Büro
Angefangen hat es mit der Einrichtung zentraler Schreibdienste, in denen Frauen den ganzen Tag nur noch Texte vom Band in die Maschine hämmern mußten. Der 'Schreibdienst' wurde in 'Büro für Textverarbeitung' umbenannt, aber das änderte nichts an der Monotonie und den Belastungen der neuen Arbeitsplätze. Es folgte die Bildschirmarbeit an den elektronischen Textsystemen und Computerterminals mit vielen neuen psychischen und physischen Belastungen. Der Schreib- und Sekretariatsbereich war in den 70er Jahren das Einfallstor für die Bürorationalisierung und die Verringerung der Arbeitsplätze fing damals an. Inzwischen richtet sich die Rationalisierungsstrategie auf die Arbeit der Sachbearbeiter in den Büros; sie wird computerisiert und die weitere Rationalisierung der Textverarbeitung wird dabei gleich miterledigt (2).
Nach der traditionellen Arbeitsteilung im Büro erstellen Sachbearbeiter Angebote, machen Einkäufer Bestellungen und verhandeln mit den Lieferanten - Frauen (Sekretärinnen, Kontoristinnen, kaufmännische Angestellte) schreiben die anfallenden Texte, Briefe und dergleichen und wickeln die Arbeiten verwaltungsmäßig ab. Nach der herrschenden Logik der Computeranwendung wird diese Struktur nun gründlich verändert. Angebote, Bestellungen und dergleichen werden nunmehr gleich direkt von Sachbearbeitern am Bildschirm, d.h. am EDV-System bearbeitet. In diesem System sind auch die Arbeitsunterlagen elektronisch gespeichert (das 'papierarme Büro' kündigt sich an) und die meisten Texte sind standardisiert und ebenfalls gespeichert. Auf Knopfdruck des Sachbearbeiters werden damit Briefe automatisch geschrieben. Die Arbeitsplätze der Frauen sind weitgehend wegrationalisiert. Spätestens in ein paar Jahren aber könnte das Briefe-Schreiben ganz wegfallen: Dann kann der Austausch von Briefen ganz ersetzt werden durch den Austausch von elektronischen Signalen von Bildschirm zu Bildschirm, vom Lieferanten bis zum Kunden. Vielleicht bleibt bei dieser Entwicklung statt der vorher 20 Sekretärinnen eine 'Informations-Assistentin` übrig, die die wenigen nicht über das EDV-System laufenden Arbeiten erledigt. (Auch in den Zukunftsszenarien der betrieblichen Rationalisierungsplaner werden die — wenigen — übrigbleibenden Frauen wieder auf die 'Hilfs'-Funktionen verwiesen).
Dieses Rationalisierungsschema geht durch die Verwaltungen von Dienstleistungsbereich wie Industrie. Dabei bleibt noch eine andere Gruppe von Frauen auf der Strecke: die Datenerfasserinnen. Hereingeholt seit Beginn der kommerziellen elektronischen Datenverabeitung auf monotone, belastungsintensive Arbeitsplätze, haben sie nunmehr ihre Schuldigkeit getan: Zahllose Daten sind inzwischen in den elektronischen Speichern und müssen jeweils nur noch ergänzt bzw. geändert werden. Außerdem ist jetzt der elektronische Datenaustausch zwischen Betrieben möglich (über Kontinente hinweg), wodurch die erneute Dateneingabe in jedem Betrieb entfällt.
Bei Bildschirmtext (Btx), seit 1984 ein neuer Dienst der Bundespost, kann die Dateneingabe gleich zuhause erfolgen: elektronische Selbstbedienung direkt beim Handel, bei Banken, bei Reisebüros vom Wohnzimmersessel aus. Hier werden Arbeiten, die bislang überwiegend von Frauen im Dienstleistungsbereich gemacht wurden, privatisiert, von den Kunden übernommen — die Arbeitsplätze sind damit überflüssig.
Der »Umweg« über Menschen — wie es Rationalisierungsplaner offen nennen — ist immer seltener notwendig (3). Diese Entwicklungen zeigen sich heute schon in der Arbeitslosenstatistik. 35% der erwerbstätigen Frauen arbeiten im Büro. Ein großer Teil von ihnen macht sog. »Infrastrukturtätigkeiten« wie Schreiben, Registratur, Datenerfassung. Die Arbeitslosenquote in diesem Teilbereich von Büroarbeit lag 1983 bei 13,9%; selbst das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit spricht inzwischen von einem »wachsenden Arbeitsplatzrisiko«. Diese Zahlen aus einem Bereich, in dem bisher schon besonders stark rationalisiert wurde, vermitteln eine Ahnung dessen, was noch bevorstehen kann, wenn in den kommenden Jahren der gesamte Bürobereich durchrationalisiert wird; die heutige Frauenarbeitslosigkeit bei den Büroberufen von 6,5 % mutet so als Ruhe vor dem Sturm an (4). Hinter dieser Zahl verbirgt sich jedoch, daß seit Jahren von den jeweils 700000 - 800000 arbeitslosen Angestellten kontinuierlich 70% Frauen sind.
Elektronische Heimarbeit
Werden aber die Betriebe durchcomputerisiert, kann man(n) doch gleich auch ein paar Bildschirmgeräte in die Wohnzimmer stellen und dort Frauen Text- oder Datenerfassung machen lassen 5. Das spart die Kosten für Arbeitsplätze (Miete, Ausstattung), das spart aber vor allem Lohnkosten, denn die Bezahlung erfolgt nach geleisteter Arbeitsmenge — wobei selbstverständlich der betriebliche Auftraggeber über Auftragsmenge und Termine entscheidet. Laut Siemens kostet das Schreiben einer DIN A4-Seite im Betrieb 9,40, bei Heimarbeit 6,81 DM. (6)
Das ist kein Zukunftsszenario, das ist bei einer Reihe von Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik heute schon Realität. Büroarbeit wird zuhause erledigt, die Übermittlung zwischen Betrieb und Heimarbeiter/in erfolgt über den Austausch von Datenträgern oder — bisher noch selten — direkt über eine Kabelverbindung zum Betrieb. Hohe Postgebühren, technische Mängel der Geräte, begrenzte Übertragungskapazität und -geschwindigkeit führen dazu, daß sich elektronische Heimarbeit (noch) nicht wirklich 'rechnet' für die Unternehmer. Aber das kann sich bald ändern, wenn die Planungen von Regierung und Bundespost zur Verkabelung der Republik, zum datengerechten Ausbau des Telefonnetzes realisiert werden.
Und in die betrieblichen Rationalisierungsstrategien paßt die elektronische Heimarbeit: ist sie doch eine neue Möglichkeit zur Flexibilisierung von Arbeit, zur Anpassung an wechselnden Arbeitanfall, zum Abbau von Stammbelegschaften und Ausweichen auf Randbelegschaften in ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen. Grundsätzlich ist elektronische Heimarbeit in verschiedenen arbeitsrechtlichen Formen möglich; die bisherigen Erfahrungen zeigen aber schon, daß die Unternehmer kein Interesse haben, elektronische Heimarbeit von 'Außen-Arbeitnehmern' mit den gleichen Rechten wie Arbeitnehmer im Betrieb ausführen zu lassen. Am billigsten ist es doch, wenn die Heimarbeiter/innen als Selbständige oder freie Mitarbeiter arbeiten — ohne jeden arbeits- und sozialrechtlichen Schutz. Werden sie als Heimarbeiter nach dem Heimarbeitsgesetz beschäftigt, sind sie zwar in einigem den betrieblichen Arbeitnehmern gleichgestellt (Sozialversicherung, Betriebsrat), haben aber weder vernünftigen Kündigungsschutz noch Chance auf gleiche Entlohnung.
Elektronische Heimarbeit ist kein reines 'Frauenproblem'. Es gibt unter den bisher bekannten Fällen auch einzelne Beispiele dafür, daß Männer elektronische Heimarbeit machen, vor allem als Programmierer und andere EDV-Fachkräfte. Bei ihnen stellen sich vergleichbare Probleme der sozialen Isolation und der sozialen Absicherung. Aber es dürften zumindest hinsichtlich der Arbeitsqualität und Entlohnung bessere Bedingungen sein. Das heißt, auch bei elektronischer Heimarbeit treffen wieder die Frauen die schlechtesten Bedingungen.
Frauenarbeit in der Elektromontage
Derzeit arbeiten ca. 600000 an- und ungelernte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Montage, vor allem in der Automobil- und Elektroindustrie. Ca. 300000 davon sind Frauen.
„Leiterplattenbestückung ist eine Arbeit, die eine Frau nicht zehn Jahre macht. Man muß gute Augen haben. Diese Arbeit wird etwa drei bis vier Jahre gemacht. Es sind dann überwiegend junge Frauen, die auch wieder aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Die älteren Kolleginnen bewerben sich eher mal auf einen anderen Arbeitsplatz." (7)