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vorgänge: Artikel, Arbeitslosigkeit, Existenzsicherung - 30.11.87

Arbeit für alle?

Asit Datta

aus: vorgänge Nr. 90 (Heft 90/1987), S. 8-12

 »Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?« — schrieb Hannah Arendt schon im Jahre 1958 in ihrem Buch »Vita activa«. Ist die Aussicht wirklich verhängnisvoll? Die Arbeit, die uns auszugehen droht ist die Lohnarbeit. »Leben wir um zu arbeiten, oder ist es umgekehrt: arbeiten wir um zu leben? Leben wir, wenn wir arbeiten und arbeiten wir vielleicht auch, wenn wir leben? Ist Leben.und Arbeiten vereinbar oder gar identisch, ganz oder teilweise, und Arbeiten mit Leben?« — fragt Bernd Guggenberger, nicht nur rhetorisch.

 

Der Begriff »Arbeit« ist schon seit jeher ambivalent. Die Arbeit als ein repetitives Handwerk, immer wiederkehrende Mühsal, war in  der griechischen Gesellschaft für die Sklaven bestimmt, die Muße der Oberschicht vorbehalten. Die Muße ist weder mit Müßiggang noch mit Faulenzen zu verwechseln; laut Aristoteles ist sie eine anhaltende geistige Tätigkeit — also nach dem marxistischen Begriff eine »Kopfarbeit«.

In fast allen Kultursprachen hat Arbeit zwei  oder mehrere Bezeichnungen. Das Griechische unterscheidet zwischen ponein und ergazestai, das Lateinische zwischen laborare und facere bzw. fabricare, das Französische zwischen travailler und ouvrer, das Englische zwischen labour und work, das Deutsche zwischen arbeiten und werken bzw. schaffen. Ihnen lassen sich zwei Grundbedeutungen zuordnen: Arbeit als Mühsal, Qual, Last, Not (ponos) und als Leistung, Werk (ergon) (Guggenberger).

Der Begriff Arbeit birgt also die beiden Momente »Last« und »Lust«, »Mühsal« und »Vergnügen«. Die Mehrzahl der Menschen hat immer »im Schweiße ihres Angesichts« ihr Brot gegessen. Unsere Urahnen, die Jäger und Sammler, haben die beiden Momente — das repulsive und das vergnügliche, das notwendige und das spielerische — das nach Schiller den Menschen erst ganz Mensch werden läßt — miterlebt. Man kann ohne Arbeit — oder genauer: ohne Lohnarbeit — leben, aber ohne eine Tätigkeit kann der Mensch auf Dauer wohl nicht existieren. Arbeiten, Herstellen, Handeln — faßt Hannah Arendt als »lebendige Arbeit« zusammen.

 

Mit der industriellen Produktionsweise begann auch eine zunehmende Trennung des Notwendigen von dem Spielerischen in der Arbeit. Mit der Zerstückelung des Arbeitsprozesses — des Taylorismus — nahm das repulsive Moment zu. Der Zweck heiligte nicht nur das Mittel, er war wertbestimmend. Die Zweckhaftigkeit wird umso  drückender, je enger und präziser der Zweck gefaßt ist, der einer Tätigkeit zugrunde liegt, je definitiver sich damit »Abweichungen« verbieten und je rigider sie sanktioniert werden. Paradoxerweise machte die puritanische Arbeitsmoral aus der Not eine Tugend — und damit wurde möglicherweise die gewaltigste Revolution der Geschichte eingeleitet: Die Heraufkunft des Kapitalismus als eine Gesellschaftsform, welche sich in allen ihren Schichten der Arbeit öffnet, sie zum Stützpfeiler des gesellschaftlichen Gesamtgebäudes erhebt, in denen arbeitsjenseitige Götter nicht mehr geduldet werden. Ausgerechnet die niederste Arbeit, am meisten verachtete aller Tätigkeiten innerhalb der vita activa, hat alles andere verdrängt. Dies gilt für das Marxsche Emanzipations- und Fortschrittsprogramm — die Arbeit wird zum einzigen verläßlichen Mittler zukünftiger Emanzipation: Befreiung von der Arbeit durch die Arbeit.

 

Aus völlig unterschiedlichen Motiven und  Zielvorstellungen leiteten »linke« und »rechte« Theoretiker, Marx wie Keynes, ihre Forderung des Rechts auf Arbeit ab. Hier ist nicht der Ort, auf die Unterschiede näher einzugehen. Festzuhalten ist die Forderung und der in beiden Denksystemen enthaltene Wachstumsimperativ. Der gesellschaftliche Wert der Arbeit stieg an erster Stelle. Wie erinnerlich, war damit die Bildungsfrage gekoppelt — die allgemeine Schulpflicht war erst durch den Wertewandel und die Erfordernisse der mechanischen und industriellen Produktionsweise überhaupt durchführbar. Mit der allgemeinen Schulpflicht war und ist die Erziehung zur Industriosität verbunden: Erziehung zu Fleiß, Kraft, Zeit- und Materialökonomie. Diese »Sekundärtugenden« sind auch für andere Tätigkeiten, für Arbeit im informellen Sektor, für Eigenarbeit unentbehrlich.

 

»Arbeit für alle« war und ist ewiger Wunschtraum der Menschheit. Mit dem Beginn der Mechanisierung des Arbeitsprozesses, noch mehr mit der industriellen Produktionsweise — und damit einhergehenden Entwicklung der Lohnarbeit — rückte der Traum in weitere Ferne von der Realität. Für Marx waren die Produktivkräfte die Basis aller gesellschaftlichen Entwicklung. Für Keynes war die Vollbeschäftigung die unabdingbare Voraussetzung für das Fortbestehen und die Weiterentwicklung des Kapitalismus. Wie erwähnt, die Bildungsfrage — oder genauer,  die Ziele der Bildung — waren und sind imm er noch in den letzten 200 Jahren daran gebunden. Man lernt ja nicht für die Schule, sondern für das Leben, wobei das Leben, das spätere Leben, etwa gleichbedeutend ist mit Beruf — in unserem Fall mit Lohnarbeit. Auch die Drei-Gliederung des Schulwesens ist bekanntlich danach eingeteilt.  Als vorläufig letztes Indiz für diese Koppelung Lohnarbeit - Bildung darf hier der Anlaß zur letzten bildungspolitischen Reform im Westen — auch in der Bundesrepublik — in Erinnerung gerufen werden: der sogenannte Sputnikschock.

 

Je mehr die industrielle Produktionsweise  voranschritt, je mehr der Taylorismus an Gewicht gewann, desto mehr nahm das Spezialistentum, die Trennung des Arbeitsprozesses vom Ergebnis, zwischen hergestellter Ware und Arbeit, kurzum: die Entfremdung zu. Es ging nicht nur die Beziehung zwischen der Lohnarbeit und dem Arbeitsergebnis, dem Produkt, allmählich verloren, die Folgen waren eine Steigerung der Unzufriedenheit der Arbeiterschaft, die sich in mutwilliger Zerstörung der Maschinen auslud — hierüber gibt es eine Reihe von Untersuchungen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Diese Erkenntnisse veranlaßten Firmen wie Volvo, einige Arbeitsvorgänge wieder zusammenzulegen, damit der ldentitätskrise der Arbeiter — verursacht durch die Trennung der Arbeit vom Ergebnis — ein wenig abgeholfen werden konnte.

Durch die Trennung der Lohnarbeit vom Ergebnis, durch das Aufkommen des Spezialistentums begann auch das Problem des  »Zauberlehrlings«, die Spezialisten verloren vollends den Überblick. Es kam noch schlimmer: Während Goethes »Zauberlehrling« immerhin — weil überschaubar — die Folgen seines Tuns noch rechtzeitig erkennen konnte, fühlen sich die Spezialisten — Zauberlehrlinge unserer Zeit — nicht verantwortlich für ihr Tun, zum großen Teil, bedingt durch ihre Ausbildung, nicht einmal in der Lage, die Folgen ihres Tuns zu erkennen. Um Mißverständnissen vorzubeugen, darf ich hier betonen, daß es mir nicht darum geht, den Sozialromantizismus anzupreisen, »Zurück zur Natur« oder »Heile Welt« zu predigen. Wohlgemerkt: »Es geht nicht darum, 'Rationalisierung' und den durch sie bewirkten Produktivitätsfortschritt zu verteufeln. Wo immer der technische Fortschritt von unmenschlichen Arbeiten befreit, ist der Fortschritt zu rechtfertigen. Nur — es steht nirgends geschrieben, daß dieser Produktivitätsfortschritt allein dazu dienen kann, noch gewaltigere Produktionsleistungen zu vollbringen mit den hinlänglich bekannten Folgeproblemen — u.a. eben auch dem, einen wachsenden Güterberg aufzubrauchen, der aufgrund der hohen Produktivität in immer kürzeren Zeitintervallen zu immer gewaltigeren Höhen sich auftürmt« (Bernd Guggenberger). Es ist eher ein Plädoyer für eine Entprofessionalisierung der Spezialistenausbildung.  »Entprofessionalisierung hat u.a. ihren Sinn darin, daß sie den Laien soweit professionalisiert, daß er gegen Expertenwissen begründet mißtrauisch sein kann... Zunehmende Komplexität erfordert größere Spezialisierung, Intensivierung der Fähigkeiten. Erziehung zur Industriosität muß dementsprechend Ziel der Erziehung bleiben« (Roland Narr).

 

Noch einmal zurück zu unserem Wunschtraum: Arbeit für alle. Was die Lohnarbeit angeht — auch von regelmäßigem, periodischem, schon von Adam Smith beschriebenem Auf- und Abschwung abgesehen — hat es sie nie gegeben. Man hat sich u.a. auch  deshalb darauf geeinigt, daß man selbst dann von einer Vollbeschäftigung sprechen darf, wenn 2,5% aller Arbeitsfähigen und -willigen eines Staates arbeitslos bleiben.

Immer in der 200-jährigen Geschichte der industriellen Produktionsweise, wenn es einen großen technischen Innovationsschub gab — und damit einen unverhältnismäßig großen Produktivitätssprung — gab es eine Strukturkrise und eine große Zahl von Arbeitslosen. Dies geschah seit der Französischen Revolution etwa viermal, die Wellen kommen etwa alle 50 Jahre:

—  die erste Welle dauerte etwa von 1789/93,  mit dem Beginn der Mechanisierung (Dampfmaschine, mechanischer Webstuhl) bis zur 48-er Revolution, mit dem Höhepunkt um 1815;

—  die zweite Periode vom Beginn des Eisen bahnbaus bis etwa zu den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit dem Hoch im Zenit der Gründerjahre 1870/73;

—  die dritte Periode der Elektrifizierung von  um 1895 bis zum Zweiten Weltkrieg, mit dem Hoch am Vorabend des Ersten Weltkriegs;

— die vierte Periode der Massenmotorisierung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu dem sogenannten Ölschock 1973.

Da der Kapitalismus immer »Stehauf-Männchen« spielen und die bisherigen Krisen — wenn auch nicht völlig schadlos — überwinden konnte, meinen die Befürworter, kann man sich auf die »schöpferische  Zerstörungskraft« (Schumpeter) des Systems verlassen, auf die gleiche Weise wird auch die fünfte Krise zu überwinden sein. Die Krisenüberwindung ist system- und lebensnotwendig. Die Frage ist nur, ob man mit den gleichen Instrumenten diese Aufgabe bewältigen kann (Huber).

Es gibt einige wesentliche Unterschiede bei  der gegenwärtigen Krise zu den früheren. Sie ist nicht eine Unterbrechung des Wirtschaftswachstums, sondern dessen Ergebnis. Man mag darüber streiten, wie richtig die Prognosen der Club-of-Rome-Studie sind, ob es nicht mehr Ressourcen als die optimistische Annahme der Studie gibt (fünfmal mehr als damals bekannt), ob die fünf Faktoren — Bevölkerung, Ressourcen, Umwelt, Wirtschaftswachstum, Nahrungsmittel — so oder anders zu berechnen seien, ob das Zusammenspiel Wachstum-Ökologie kontraproduktiv sein müsse, die Erkenntnis, die uns dennoch bleibt, ist, daß das Wachstum Grenzen hat.

Vollbeschäftigung — also die Lohnarbeit —  ist wiederum von fünf Faktoren abhängig: Erwerbsbevölkerung, Wirtschaftswachstum, Produktivität, Arbeitszeit und Personalkosten. Da die Produktivität wieder durch neuere technische Innovationen — wie in den vergangenen vier Wellen — enorm zugenommen hat, das Wirtschaftswachstum hingegen immer deutlicher Grenzen bewußt macht, ist diese Krise strukturell anders.


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