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vorgänge: Artikel - 30.11.85
Geheimnis — Ein interaktionistisches Paradigma
Birgitta Nedelmann
aus: vorgänge Nr. 78 (Heft 6/1985), S. 38-48
»Das Geheimnis, das durch negative oder
positive Mittel getragene Verbergen von
Wirklichkeiten, ist einer der größten
Errungenschaften der Menschheit«
Simmel 1968, 272
Ebenso wie der Anspruch auf Umverteilung materieller Güter kann auch der auf Umverteilung von Wissen zum Gegenstand sozialer und politischer Auseinandersetzungen werden. Insbesondere solche Fälle bergen ein hohes Konfliktpotential, in denen Wissen monopolisiert und anderen daran Interessierten bewußt und absichtlich vorenthalten wird. Es sind dies Fälle, in denen durch Geheimhaltung Macht geschöpft und ergriffen wird. Diese Akte ziehen meistens dann heftige Turbulenzen nach sich, wenn sie ganz offensichtlich Normen zur Veröffentlichung von Wissen verletzen und außerdem von solchen Akteuren begangen werden, die ohnehin über Machtressourcen verfügen. Dies trifft vielfach für Positionsinhaber im Politikbereich demokratisch verfaßter Gesell-schaften zu. Die Möglichkeit zur Kontrolle der gewählten Vertreter durch Teilhabe an Wissen ist zentraler Bestandteil dieser Systeme. Diese Kontrollmöglichkeit wird ganz offensichtlich dann vereitelt, wenn Bürgern der Zugang zu für sie relevantes Wissen versperrt wird, aber auch dann, wenn auf sie zu viel für sie irrelevantes Wissen abgeladen wird.
Im Mittelpunkt derzeitiger Zeitdiagnose stehen zwei Vermutungen über die Entwicklungstendenzen von Geheimnis: Zum einen wird der Verdacht geäußert, Geheimnis nehme im Politikbereich immer mehr zu; das Öffentliche werde immer privater. Zum anderen wird der Verdacht einer gleichzeitig stattfindenden, gegenläufigen Tendenz geäußert, nach der die Geheimhaltung privater (oder intimer) Angelegenheiten immer mehr abnehme; das Private werde immer öffentlicher (so etwa kürzlich Guggenberger 1985). Sollte - um den von Richard Sennet geprägten Ausdruck zu übernehmen - die »Tyrannei der Intimität« die »Tyrannei der Öffentlichkeit« ersetzt haben? (Siehe hierzu die Diskussion von Barbara Sichtermann 1985).
Georg Simmel hat in seiner im Jahre 1908 publizierten »Soziologie« eine sog. Evolutionsformel aufgestellt, die der heutigen Zeitdiagnose widerspricht. Danach wird »das Öffentliche immer öffentlicher, das Private immer privater« (Simmel 1968, 277). Haben die jüngsten Entwicklungen Simmels Evolutionsformel überholt? Oder beruht die
heutige Kritik auf einer Überschätzung der durch Massenmedien hochgespielten Skandalfälle und Affären? Diese Fragen lassen sich in der so gestellten Form nicht beant-worten. Sie können auch nicht Diskussionsgegenstand eines Beitrages sein, der seinem Charakter nach nicht kulturkritisch sein soll. Er beschränkt sich auf den Versuch, eine wichtige Vorfrage zu klären: Was ist eigentlich genauer unter Geheimnis zu verstehen? Welche sozialen Beziehungen werden inszeniert oder abgeschnürt, wenn Wissen geheim gehalten wird? Die Klärung dieser Fragen erlaubt es, auf Widersprüche, Spannungen und Prozesse hinzuweisen, die durch Geheimhaltung als Interaktionsform als solcher ausgelöst werden. Viele aktuelle politische Skandal-Fälle (von der Fälschung der Hitler-Tagebücher, über den Flick-Skandal und die Parteispendenaffäre, bis zum Weinskandal) ließen sich bereits dadurch eher verstehen, daß man Erkenntnisse über Geheimnis als Interaktionsform von Anfang an berücksichtigt.
Der Rekurs auf kontingente politische »Umstände« und »Bedingungen« reicht oft bloß aus, um die von Fall zu Fall inhaltlich wechselnden, aber funktional austauschbaren politischen Motive für Geheimhaltungsabsichten zu erfassen, nicht aber, um Struktur und Dynamik geheimer Konstellationen selbst zu begreifen.
Ein solcher Rekonstruktionsversuch von Geheimnis als Interaktionsform soll hier unternommen werden und zwar auf der Grundlage des fünften Kapitels aus Simmels »Soziologie«: »Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft«.
Georg Simmel ist vorgehalten worden, Geheimnis nur unzulänglich definiert zu haben (so etwa von Sievers 1974). Diese - wie immer berechtigte - Kritik dient oft bloß als Vorwand, um sich der Mühe einer konstruktiven Erarbeitung der von Simmel hauptsächlich verwendeten analytischen Elemente von Geheimnis zu entziehen. Scheut man diese Mühe jedoch nicht und läßt sich von Simmel zu Ergänzungen und Weiterführungen seiner Gedanken anregen, so läßt sich ein sog. interaktionistisches Paradigma von Geheimnis erstellen.
Simmel analysiert Geheimnis unter der Perspektive der Wechselwirkung. Dies mag zunächst trivial erscheinen, hat aber Konsequenzen für die Definition und Auswahl der empirischen Fälle von Geheimnis. Als Soziologe interessiert Simmel Geheimnis hauptsächlich insofern, als es soziale Beziehungen stiftet. Er räumt ein, daß »...man mit Recht sagt, ein Geheimnis, um das Zwei wissen, sei keines mehr« (Simmel 1968, 283). Die soziale Wirkung von Fällen, in denen ein einzelner Wissen für sich allein behält, ist »Isolierung, Gegensatz, egoistische Individualisation« (Simmel 1968, 282); sie sind unter der Perspektive der Wechselwirkung soziologische Grenzfälle. In dem Moment, in dem ein Akteur Wissen bewußt und gewollt angebbaren anderen Akteuren vorenthält und es mit angebbar anderen Akteuren teilt, - erst in diesem Moment entsteht eine Dreierkonstellation, die jene Spannung, Emotionalität und Dynamik enthält, die Attraktivität und Ambivalenz von Geheimnissen ausmachen. Welches sind nun im einzelnen die analytischen Elemente des interaktionistischen Paradigma?
I. Anzahl von Akteuren und Arten von Handlungen im Geheimnis
Folgt man Simmel und betrachtet Geheimnis unter der Perspektive der Wechselwirkung, so stellt sich zunächst die Frage, wie viele Akteure typischerweise am Geheimnis partizipieren und welche Arten von Handlungen sie dabei entfalten. Die Beantwortung dieser Fragen führt zum ersten Definitionsmerkmal:
Geheimnis stiftet typischerweise Triaden: Zwei Akteure, (A) und (B), teilen Wissen (I.1) und machen es dadurch zu einem exklusiven Gut, daß sie es vor Dritten, (C), verbergen (I.2). Der »stark betonte Ausschluß aller Draußenstehenden« verleiht den Geheimnisträgern »ein entsprechend stark betontes Eigentumsgefühl« (Simmel 1968, 273). Teilen von Wissen assoziiert (A) und (B) noch in einer anderen Hinsicht: Sie verständigen sich darüber, welche Wissensbestandteile anderen vorenthalten werden sollen und elaborieren u.U. Symbole und Codes zur Binnenkommunikation. Die Beherrschung einer Geheimsprache hat mehr als nur instrumentelle Funktionen: (A) und (B) qualifizieren sich damit nicht nur als Träger exklusiven Wissens, sondern auch als Träger einer exklusiven Kultur.
Während die Teilhabe von Wissen assoziiert, hat das Verbergen von Wissen die Wirkung der Dissoziation. Geheimnisträger müssen eine Vorentscheidung darüber treffen, welche anderen Akteure von der Teilhabe an dem exklusiven Gut ausgeschlossen werden sollen. Durch Verbergen wird eine Schranke zwischen Wissenden und Nicht Einzuweihenden konstruiert. Dadurch bricht aber die Wechselwirkung nicht ab; vielmehr werden in Orientierung an den ausgeschlossenen Dritten vielfältige Techniken des Verbergens erfunden, die ethisch mehr oder minder bedenklich, in manchen Fällen sogar paradox sein können. Plagen den Geheimnisträger Schuldgefühle, weil er vor dem Dritten etwas verbirgt, dann wird er »dadurch zu Rücksicht, Zartheiten, geheimem Wiedergutmachen-wollen bewegt, zu Nachgiebigkeiten und Selbstlosigkeiten, die ihm bei völlig gutem Gewissen ganz fernlägen« (Simmel, 1968, 272, Anm. 1). Verbergungstechniken betreffen zum einen das vorzuenthaltende Wissen selbst und können solche Tätigkeiten veranlassen wie Verschweigen, Unterlassen, Vertuschen, Themenwechsel, aber auch Manipulation von Tagesordnungen, Vernichten von Akten, Lügen, Fälschen, Unterschlagen. Zum anderen können die Techniken des Verbergens die Personen der Geheimnisträger selbst betreffen und zu so bekannten Maßnahmen führen wie Verstecken, Maskieren, Tarnen, chirurgische Operation, Selbstentstellung. Nach Simmel nehmen Verbergungstechniken oft die Form einer »aggressiven Defensive« gegenüber dem (oder den) ausgeschlossenen Dritten an.
Die dritte Handlungsart, die nach dem Modell geheimer Dreierkonstellationen entfaltet wird, besteht in dem Versuch des Dritten das Geheimnis von (A) und (B) zu enthüllen (I.3). Um Enthüllungsaktivitäten entfalten zu können, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein; der Dritte muß ein Minimum an Wissen besitzen: Erstens muß er wissen, das er von Wissen ausgeschlossen wurde; zweitens, wer ihm Wissen vorenthält und drittens muß er überhaupt daran interessiert sein, das vor ihm verborgene Wissen zu enthüllen.
Während die ersten beiden Voraussetzungen oft erst in einem langwierigen Prozeß erfüllbar sind, der zum eigentlichen Drehpunkt der Interaktionsdynamik werden kann, ist nach Simmel die letzte Voraussetzung am ehesten zu erfüllen. Oft reicht bereits die Kenntnis vom Ausschluß von der Teilhabe des exklusiven Gutes Wissen aus, um die Motivation zur Enthüllung zu wecken. Dabei kann der Dritte einer »typischen Irrung« unterliegen indem er annimmt: »alles Geheimnisvolle ist etwas Wesentliches und Bedeutsames« (Simmel 1968, 274). Unbekanntes und Unzugängliches erfährt in der Phantasie des ausgeschlossenen Dritten eine Wertsteigerung und Aufmerksamkeitsbetonung, »die die offenbarte Wirklichkeit meistens nicht gewonnen hätte« (Simmel 1968, 274). Eben diese - oft maßlose - Wertsteigerung mobilisiert ausgeschlossene Dritte zu Enthüllungsaktivitäten, die mehr oder minder aufwendig sein können; von so laienhaften und alltäglichen Enthüllungsversuchen wie »das Horchen an verschlossenen Türen und das Hineinschielen auf fremde Briefe«, »das gierige, spionierende Auffangen jedes unbedachten Wortes, die bohrende Reflexion: was dieser Tonfall wohl zu bedeuten habe, wozu jene Äußerungen sich kombinieren ließen, was das Erröten bei der Nennung eines bestimmten Namens wohl verrate...« (Simmel 1968, 267), bis zu systematischen Techniken professionalisierter und »routinisierter« Enthüller, wie Journalisten, Spione, Detektive, Fahndungsbeamte, Sozialwissenschaftler und Computer (Marx and Reichmann 1984). Der »aggressiven Defensive« der Geheimnisträger steht die »aggressive Offensive« der Enthüller gegenüber - eine Frontstellung, die dann ins Ungleichgewicht gerät, wenn Professionalität und Routine ungleich auf beide Seiten verteilt sind.
II. Geheimnis als Institution
Der zweite Aspekt des interaktionistischen Paradigma von Geheimnis betrifft die Frage, in welchem Ausmaß Geheimhaltung institutionalisiert ist. Verbergen von Wissen kann Positionsinhabern als Pflicht vorgeschrieben sein, deren Einhaltung durch Sanktionen unterschiedlicher Art und Ausmaßes sozial kontrolliert wird. Institutionalisierte Geheimnisse sorgen dafür, daß die Kommunikation von Wissen nicht der ldiosynkrasie der jeweiligen Positionsinhaber überlassen bleibt. Vielmehr wird etwa von dem Sozialbeamten, Priester, Arzt erwartet, daß sie als Positionsinhaber ihrer professionellen Pflicht genügen und das ihnen von ihren Klienten anvertraute Wissen Dritten gegenüber verschweigen. Von den Klienten wird andererseits erwartet, daß sie so viel Wissen mitteilen, wie zur Herstellung der von ihnen gewünschten Leistung notwendig ist: Um vom Beamten Kindergeld, vom Priester Gewissenserleichterung, vom Arzt Heilung zu erhalten, muß der Klient (B) Wissen über seine Person bereitstellen.