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vorgänge: Artikel - 1.03.06
Von der Aufklärung eines religiösen Herzens
Carl-Wilhelm Macke
Erinnerung an frühen Glauben und spätere Lektüren,
aus: vorgänge Nr. 173 (Heft 1/2006), S. 87-96
„Lob der Aufklärung – aber...“
Ernst Fischer (1899-1972)
Farben, Düfte und Glockenklänge prägten meine Kindheit. In der Sakristei roch es immer nach Weihrauch. An den Sonntagen, wenn der Pfarrer im Hochamt und in der nachmittäglichen Andacht den Weihrauchschwenker besonders ausgiebig benutzte, zogen oft Schwaden dieses Duftes durch die Sakristei. Bis heute sind die Aufenthalte in der von Weihrauch vernebelten Sakristei nicht aus meinem Geruchsgedächtnis verschwunden. Jede Sakristei einer Kirche riecht immer ein wenig nach Weihrauch. Aber die Sakristei meiner Kindheit roch immer ein wenig noch nach mehr. Die sakralen Düfte vermengten sich immer mit sehr profanen, alltäglichen Gerüchen. Es gab Tage, da glaubte man als kleiner Ministrant in einer Schnapsbude zu kellnern. Immer wenn der alte Mesner in der Sakristei anwesend war, spürte man in der Nase, wie irdisch der katholische Glaube auch sein kann. Nie kam der Mesner in die Sakristei ohne eine schon von weitem wahrnehmbare Alkoholfahne.
Eine katholische Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren
In Südoldenburg, der niedersächsischen „Schweinebucht“ zwischen Oldenburg und Osnabrück, war es noch in den 1950er, 1960er Jahren selbstverständlich, dass (fast) jeder Junge auch Messdiener wurde. In farbenprächtigen Ornaten, mal in Rot, mal in Lila, mal in Schwarz, mal in Grün, mussten wir dem Pfarrer während des Gottesdienstes zur Seite stehen. Großartig waren die Fronleichnams- und Erntedankprozessionen. Unter dem Geläut aller lokalen Kirchen sind wir durch die Stadt gezogen, vorbei an Altären, zu denen schillernde und phantasievolle Blumenteppiche führten. Die Monstranz, ein wertvolles, glitzerndes Kreuz, wurde von Pfarrern getragen, die in einer faszinierend bunten, kostbaren Brokatstola steckten. Ebenso farbenüberquellend und für mich als Kind von blendender Faszination waren auch die Umzüge aus Anlass des alljährlichen „Katholischen Sportfestes“. Die katholischen Weitspringerinnen trugen rote Röcke, die gläubigen Kugelstoßer lila Hosen und die mariengläubigen Barrenturnerinnen gelbe Hemden. Zu Weihnachten, zu Ostern und zu Pfingsten dauerte das Hochamt immer fast zwei Stunden. Der Kirchenchor sang eine Messe von Mozart, wir Messdiener schwenkten fast ununterbrochen den Weihrauchtopf, der Altarraum war mit Blumengestecken übersät. Die Messtexte wurden in einer Sprache gesprochen, die außer vom Zelebranten von keinem verstanden wurde. Es war eine fremde, alte, aber doch sehr feierliche Sprache. Mechanisch wie ein altes Uhrwerk leierten wir Messdiener das uns unsäglich lang erscheinende Stufengebet zu Beginn der Messen hinunter. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.
Nicht nur für jeden Tag, auch für fast jedes Malheur gab es einen Heiligen, der in Wechselgesängen um Beistand gebeten wurde. Santa Agata – ora pro nobis. Gegen das schmerzvolle Verschlucken einer Fischgräte half der so genannte Blasiussegen. Meine Mutter betete immer zum Heiligen Antonius, wenn ich mal eine Eintrittskarte zum Freibad verloren hatte. Im Gebetbuch waren Fürbitten für Maurer, Kaufleute und Krankenschwestern abgedruckt. Man vertraute in allen Lebenslagen auf Gott und die ganze Heiligenschar im Himmel. Der Staat war weit weg, vor allem war er grau und unfassbar. Der Himmel aber (und die Hölle) waren immer präsent. Man beschwor ihn in mächtigen Gesängen (O Heiland, reiß die Himmel auf) und er hatte seine ‚Stellvertreter‘ auf Erden. In meiner Zeit war es Johannes XXIII., ein gutmütiger, weltzugewandter Papst, den die Italiener immer il Papa buono, den guten Vater nannten. Es hat entsprechend lange gedauert, bis in Südoldenburg Versicherungsagenten in die Hand nahmen, wofür Jahrhunderte lang hier die Heiligen zuständig waren.
Als Ende der 1960er Jahre ein zarter Hauch des reformerischen Windes von den großen Städten und Universitäten in unserer Kleinstadt spürbar wurde, begannen auch wir Messdiener mit dem großen Aufräumen. Wir wollten den ganzen abgestandenen Kirchenkrempel abschaffen, wir lehnten uns gegen die Farben im Gottesdienst auf, die Blumen fanden wir zuwider, der Weihrauchschwenker wurde in die Ecke geknallt. Für all das hatten wir nur noch Hohn und Spott übrig. Es war für uns Zirkus, ein totes Ritual, Klimbim, religiöser Firlefanz. Im Mittelpunkt stand nur noch eines: das Wort. Brecht, Camillo Torres, Helder Camera, Bonhoeffer, Martin Luther King galt es zu zitieren. Und immer wieder die Fragen nach der Rolle des Klerus in den Nazi-Jahren. Für die Eltern, mehr noch für die lokalen Statthalter der römischen Kirchenhierarchie waren diese „Wortgottesdienste“ eine Provokation. Was wurde damals eingeschüchtert, geschimpft, geschrieen, gezittert! Der Katholizismus als eine Konfession der Angst und Macht – in dieser Zeit spürten wir es bis in die feinste Faser unseres Seelenlebens und in die nächtlichen Träume hinein. Stammelnd und trotzig wie kleine Kinder verteidigten wir aber unsere Ideen der Erneuerung. Wir glaubten, nur mit Provokationen könnten wir die von uns als hoffnungslos rückständig und konservativ angesehenen Gemeindemitglieder an die Errungenschaften der Aufklärung – oder was wir damals dafür hielten – heranführen. Wir emanzipierten uns von diesem ganzen Plunder, von diesen muffig-stickigen Weltbildern, diesem devoten Vertrauen in Gott und die irdischen Autoritäten, diesem falschen Getue von Nächstenliebe und Herrschaftsunterwerfung, dieser angeblich so bibelgemäßen Bespitzelung unserer Lektüren, unserer Lieblingsfilme, unserer Freundschaften, unserer ersten Küsse in den Gassen abseits der Hauptstraßen oder in den hinteren Reihen des Kinos.
Zweierlei KBW: Linke Glaubensfragen an der Universität nach 1968
Später an den Universitäten, in den Juso-Gruppen, in privaten Zirkeln lasen wir dann Marx, Marcuse, demonstrierten gegen NPD-Veranstaltungen, verteilten Flugblätter, schickten den Kapitalismus zum Teufel. Wer wie ich Anfang der 1970er Jahre in Hannover studierte und die ersten Anstrengungen verspürte, seine politischen Wegmarken in einer Tradition weit links von Katholizismus und Christdemokratie zu finden, rutschte in einen Strudel der Orientierungslosigkeit. Dort an der „Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover“ waren die Studenten ihrem eigenen politischen Selbstverständnis nach links, noch weiter links, ganz weit links – oder ganz einfach hilflos verwirrt. Für mich, aus einer ländlichen Kleinstadt kommend, ohne proletarischen oder antifaschistischen Stammbaum, katholisch bis in die Zehenspitzen aufgewachsen und langjähriges Mitglied der außerparlamentarischen Messdiener-Bewegung, waren die ersten Erfahrungen in dieser kulturrevolutionären Atmosphäre der auslaufenden Studentenbewegung von 1968 Mark, Bein und Seelen erschütternd. Mit der Abkürzung KBW verband ich noch völlig selbstverständlich das Katholische Bildungswerk im Bistum Münster und nicht eine maoistische Kaderorganisation, die sich Kommunistischer Bund Westdeutschland nannte. In den Flugblättern der unübersichtlich vielen linken Gruppen wurden rund um die Uhr die Sozialdemokratie und der Reformismus entlarvt, während ich gerade erst unter Anstrengungen die Existenz von anderen Parteien außerhalb der CDU entdeckte. Reformismus hin oder her – ich musste erst einmal die SPD als eine auch für Katholiken wählbare Partei akzeptieren.
Die Namen der an dieser Fakultät lehrenden Dozenten waren für mich Schall und Rauch. Von Peter Brückner, Jürgen Seifert oder Oskar Negt hatte ich während der Schulzeit nichts gelesen oder gehört. Ich kannte Pater Leppich, aber auch schon Walter Dirks, dessen Rundfunkkommentare mich ganz langsam vom Marienwallfahrtsort Bethen in die Moderne hinführten. Die Studentenbewegung von 1968 verband ich nur mit einem Studenten, der aus Berlin an jedem Wochenende immer in unsere Kleinstadt kam, um seine Wäsche zu wechseln und am Abend in der Eisdiele mit dem Besitz von ein paar Gramm Haschisch zu prahlen.
Auf den Rat von Freunden ging ich in ein Seminar des Marxisten Oskar Negt, weil man dort etwas von jenen Theorien lernen konnte, die in der heilen provinziellen Welt – wenn überhaupt – nur als staatszersetzend oder jugendgefährdend bekannt gewesen waren. Marx, Freud – um Gottes Willen! Allmählich dämmerte mir bei der in den Seminaren vorgeschlagen Lektüre, dass der Marxismus, für den Negt die Studenten zu gewinnen suchte, etwas ganz anderes war als jener Marxismus-Leninismus, vor dem im KBW (katholische Variante) immer gewarnt worden war und für den mich die griesgrämigen Flugblattverteiler des KBW (maoistische Variante) immer agitieren wollten. Wir arbeiteten uns mühsam und lärmend an die Moderne heran. Lernten die Errungenschaften der Aufklärung kennen, auf die wir fortan nicht mehr verzichten wollten und konnten. Marx war für mich nie eine zu verehrende Ikone, sondern einer der sprachmächtigsten Kritiker eines Systems, das die Menschen daran hinderte, nach den christlichen Geboten zu leben. Aufgewachsen in der geschlossenen Welt eines ländlichen Katholizismus, reizte mich nichts an der geschlossenen Welt dogmatischer Marxisten und „revolutionärer“ Studentensekten.
Immer entdeckte ich bei denen auch eine „hohle Stelle“, die mir in meiner Kindheit und Jugend die Sinnlichkeit der Rituale und Symbole, die Festtage und die Legenden des Katholizismus ausgefüllt haben. Mit der rücksichtslosen Kritik am Katholizismus wurde viel gewonnen – aber auch einiges verloren. Das zu begreifen – auch zu empfinden – dauerte lange. Reisen, Begegnungen, Freundschaften, Lektüreerlebnisse halfen, Verstand und Sinne für einen neuen Blick auf die katholische Kindheit zu öffnen. Fragmente dieser „neuen Aufklärung“ reihten sich mit den Jahren aneinander.
Rosenkranz und Rituale
Da schrieb mir etwa ein in allen Schriften von Marx wohl bewanderter Hochschullehrer aus seinem italienischen Feriendomizil:
„Was mir kürzlich aufgefallen ist: ich habe seit Jahrzehnten den Rosenkranz nicht mehr beten gehört. Ist das ausgestorben? Diese Form des demütigen Zusammenstehens der Frauen. Jetzt wird es wahrscheinlich zwei Klassen von Frauen geben: die einen, die so etwas nicht brauchen und die anderen, die es nicht mehr wagen, ihre vereinzelte Schwäche in kollektiven Formen auszudrücken.“
Unglaublich: Ausgerechnet das Beten des Rosenkranzes nahm ein Professor, dessen education sentimentale vom Württemberger Protestantismus und nicht vom Südoldenburger oder bayerischen Katholizismus geprägt ist und dessen Denken durch die Werke von Karl Marx und Max Weber geschärft wurde, zum Anlass einer ernsthaften Reflexion. Wenn Religion, wie man es ja als aufrechter Linker jahrelang den roten Klassikern einfach nachgebetet hat, Opium fürs Volk ist, ist dann nicht die Rosenkranzandacht der reinste Drogenumschlagplatz? Wer wie ich als Kind und Messdiener an den unendlich langweiligen Rosenkranzgebeten teilnehmen musste, ist eigentlich für die Attraktion dieser Form von Kollektivität nicht mehr so recht zu begeistern. Und ob es für die frommen Frauen Gelegenheiten selbst geschaffener Autonomie sind, kann man ebenfalls bezweifeln. Leicht würde es fallen, den anti-emanzipativen, konservativen Charakter des Rosenkranz-Betens zu entlarven. Aber darum geht es in der zitierten Stelle in dem Brief des Freundes ja auch gar nicht. Hier blickt vielmehr ein aufgeklärter, moderner Intellektueller mit Neugierde auf die in diesem traditionellen katholischen Ritual noch als Trümmer, Ruinen, Fetzen vorhandenen vor-modernen Einstellungen oder Gefühle. Nicht um sie zu konservieren oder zu reaktivieren, sondern um mit ihnen der Moderne ihre Gewinn- und Verlustrechnungen zu präsentieren.
Diese Art von Aufklärung, der es nicht um eine schnell formulierte Destruierung des Traditionellen ging, sondern um ein fragendes, neugieriges Verstehen des Alten und ein vorsichtiges Formulieren möglicher humanerer Formen von Vergesellschaftung, war mir, der ich oft sprachlos und verwirrt in die linke urbane Szene Hannovers gestolpert war, neu. Ich hatte mich ohne eine wirkliche Auseinandersetzung von der Kultur meiner Kindheit losgesagt und mich als ein linker aufgeklärter Mensch bekannt. Vieles musste ich neu und ein zweites Mal zu verstehen suchen, was mir längst als obsolet und überwunden erschien. Ich musste das Öffnen von Augen und Ohren ein zweites Mal erlernen, um „das Andere der Vernunft“ (Gernot und Hartmut Böhme) wahrzunehmen. Im Alltag, in Lektüren, auf Reisen, zum Beispiel ins tiefe Niederbayern.