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vorgänge: Artikel - 15.01.88
Antisemitismus und Gesellschaftstheorie
Detlev Claussen
aus: vorgänge Nr. 91 (Heft 1/1988), S. 55-68
Die raison d'etre einer emanzipatorischen Gesellschaftstheorie wird heute nirgends plastischer als am Antisemitismus. Das gemeine Alltagsbewußtsein gibt sich damit zufrieden, zu behaupten: Antisemitismus hat es gegeben, aber Antisemitismus gibt es nicht mehr. An dieser Behauptung ist nichts wahr, sie ist so alt wie die moderne bürgerliche Gesellschaft selbst. Der Umgang mit Geschichte und Zeit kann an ihr studiert werden; denn diese Alltagsweisheit ist eine Variante des Satzes: Geschichte hat es gegeben, aber gibt es nicht mehr.
Man sollte sich nicht durch die Begriffsgeschichte verführen lassen, die man im Lexikon »Geschichtliche Grundbegriffe« kurz und etwas zu knapp nachlesen kanno Dort schreiben zwei ausgewiesene Historiker, Reinhard Rürup und Thomas Nipperdey: »Das Wort Antisemitismus ist nach 1945 in Deutschland zweifellos häufiger gebraucht worden als in den zwölf Jahren vorher. Wissenschaft, Publizistik und Pädagogik haben den Antisemitismus als ein Schlüsselphänomen analysiert. Dabei ist die Bedeutung des Begriffs 'Antisemitismus' außerordentlich erweitert worden: er meint nicht mehr nur die antijüdische Bewegung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert — die man nun meist als '`modernen Antisemitismus' bezeichnet —, sondern alle judenfeindlichen Äußerungen, Strömungen und Bewegungen in der Geschichte. Antisemitismus ist zu einem 'Synonym für eine unfreundliche oder feindselige Haltung den Juden gegenüber' geworden. Versuche, die ältere, nicht rassisch bestimmte Judenfeindschaft als 'Antijudaismus' oder 'Antimosaismus' vom modernen Antisemitismus abzusetzen, sind praktisch erfolglos geblieben: im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich der Begriff Antisemitismus in seinem weitesten Sinne im wesentlichen durchgesetzt. Auch die Wissenschaft wird diesen Sprachgebrauch berücksichtigen müssen; für ein angemessenes historisches Verständnis des Phänomens 'Antisemitismus' kann sie jedoch auf den älteren, engeren Begriff nicht verzichten. [1]
Begriffsgeschichte muß sich daran orientieren, wann der Begriff auftaucht und wie er verwendet wird. Obwohl viele Originalitätsrecht für sich verbuchen möchten, stammt das Wort aus den Berliner Diskussionen des Jahres 1879, in dem als Reaktion auf die Sumpfblüten der Gründerzeit eine heftige antisemitische Diskussion und Agitation einsetzte. Sachlich schien die Diskussion gerechtfertigt, weil mit dem Abschluß des deutsch-französischen Krieges und der Gründung des Zweiten Reiches auch die Emanzipationsgesetzgebung in Deutschland abgeschlossen wurde. Die Ergebnisse dieses Prozesses wurden unter den Gebildeten im sogenannten »Berliner Antisemitismusstreit« diskutiert, den Walter Boehlich hervorragend dokumentiert hat. [2] Auffällig in diesem Berliner Antisemitismusstreit von damals bleibt, daß die antijüdischen Argumentationen sich vom vulgären Antisemitismus distanzieren.
Diese antisemitische Agitation begann mit den Reden des Hofpredigers Stoecker, der am 19. September 1879 »Unsere Forderungen an das moderne Judentum« formulierte. Er wollte den Antisemitismus aus der konservativen Ecke herausholen und zum Gadget seiner christlich-sozialen, d.h. antisozialdemokratischen Arbeiterbewegung machen. Nein, dumm war dieser Stoecker nicht, denn er wußte genau, worum es geht: »Marx und Lassalle haben das Problem nicht nach der Börse, sondern nach der Industrie hin gesucht, die Industriellen für alle sozialen Mißstände verantwortlich gemacht und den Haß der Arbeiter auf sie gelenkt. Unsere Bewegung korrigiert das in etwa: Wir zeigen dem Volk die Wurzeln seiner Not in der Geldmacht, dem Mammonsgeist der Börse.« [3] Wie sehr Mitte der siebziger Jahre die Agitation in ei-ne einheitliche, antisozialistische Richtung ging, zeigt die Artikelserie von Otto Glagau aus der »Gartenlaube« im Jahre 1876/77: »Das Judentum«, schreibt Glagau, »ist das angewandte, bis zum Extrem durchgeführte Manchestertum. Es kennt nur noch den Handel, und auch davon nur den Schacher und Wucher. Es arbeitet nicht selber, sondern läßt andere für sich arbeiten, es handelt und spekuliert mit den Arbeits- und Geistesprodukten anderer. Sein Zentrum ist die Börse... Als ein fremder Stamm steht es dem Deutschen Volk gegenüber und saugt ihm das Mark aus. Die soziale Frage ist wesentlich Gründer- und Judenfrage, alles übrige ist Schwindel.« [4]
Diese Zusammenhänge hat Paul W. Massing in einer Arbeit untersucht, erschienen in der von Max Horkheimer initiierten Reihe bei Harper & Brother, New York, die den berühmten Titel trug: »Studies in Prejudice«. Paul W. Massing nannte sein
Buch »Rehearsal for Destruction«, das dann, zehn Jahre später, 1959 in Westdeutschland unter dem Titel »Vorgeschichte des politischen Antisemitismus« mit einem Vorwort von Horkheimer und Adorno erschien. Reinhard Rürup nennt Massings Arbeit den »funktionalistischen Interpretationsansatz, der auch in der westlichen Forschung eine wichtige Rolle spielt.« [5] Im klassifikatorischen Wissenschaftsdeutsch von heute ist völlig untergegangen, daß diese Studie Massings im Zusammenhang der Arbeiten des »Instituts für Sozialforschung« in Amerika zu sehen ist, dem einzigen wirklichen Versuch emanzipatorischer Gesellschaftstheorie, den Antisemitismus und die Rückwirkung von Auschwitz auf Gesellschaftsveränderung zu begreifen. Titel, Übersetzung und Fortführung dieser Arbeiten sind immer weiter in Sklavensprache gehalten worden —Begriffe wie Vorurteil, autoritärer Charakter etc., die heute den wirklichen Zusammenhang der Antisemitismusstudien des Instituts verschleiern. Das bedeutende siebenteilige Kapitel »Elemente des Antisemitismus« aus der »Dialektik der Aufklärung« ist schon bei Rürup zu einem eigenwilligen, keiner Fortsetzung fähigen Interpretationsansatz gworden. Es wird gar nicht gesehen, daß dies kein Produkt westlicher Forschung ist, was auf den Mangel marxistisch-leninistischer Theoreme zurückweist, sondern der Versuch einer kritischen Gesellschaftstheorie, die aus der Tradition der Marxschen stammt, den Antisemitismus in seinen Formwandlungen zu begreifen. Die Marxismen-Leninismen in West und Ost haben angesichts und nach Auschwitz in der Analyse des Antisemitismus vollständig versagt. Reinhard Rürup weist zurecht darauf hin, daß der marxistisch-leninistische »Beitrag zur Entwicklung der internationalen Antisemitismusforschung bis heute erstaunlich gering ist.« [6]
Es gehört schon zur Verkümmerung des Denkens, das den Stalinismus nicht unbeschadet überstanden hat, Marx und Marxismus mit östlicher Forschung zu identifizieren. Diese Eindimensionalität ist im Kalten Krieg erst recht befestigt worden. Aus dieser Kalten-Kriegs-Situation ist auch nur zu verstehen, warum Horkheimer und Adorno, aber auch Marcuse, bis zu einem gewissen Grade der Sklavensprache verhaftet blieben. Der letzte große Kampf, in dem die kritischen Theoretiker sich als aktive Momente und Akteure dieses Kampfes sahen, richtete sich gegen den Nationalsozialismus. Im Nachlaß der Schriften Max Horkheimers findet sich eine Rede vom 16. April 1943, wohl in kleinem Kreis gehalten: »Seit vielen Jahren ist es nun unsere Überzeugung, daß die tagtägliche Verteidigung gegen den Antisemitismus, gegen die Lügen und Verbrechen unserer Feinde, nur eine Seite unseres Kampfes um Selbsterhaltung sein kann. Den Krebs behandeln wir in Kliniken, wir pflegen die Kranken und versuchen, ihre Schmerzen zu lindern und ihr Leben zu verlängern. Aber außerhalb der Kliniken, und unabhängig von ihren Bemühungen, geht die unermüdliche Forschungsarbeit weiter: eine methodische und gut organisierte Untersuchung, in der das Wissen aus den verschiedenen Sphären vereinigt wird. Ebenso sollte der tägliche Kampf gegen den Antisemitismus mit einer wohlgeplanten Erforschung der zugrundeliegenden destruktiven Tendenzen einhergehen. Unser Interesse als Juden, das uns zum Engagement bei dieser Arbeit veranlaßt, ist gleichbedeutend mit unserer Aufgabe als Kämpfer für die Zukunft der Menschheit. Wie nämlich die biologischen Untersuchungen der Natur einer Krankheit oft bessere Erkenntnisse über andere Plagen oder gar eine tiefere Einsicht in die Natur der Krankheit als solche mit sich gebracht haben, so könnte sich wohl auch die unerschrockene Untersuchung des Antisemitismus als der beste Zugang zur Erklärung der antidernokratischen Gefühle der Massen erweisen und zu neuen Methoden, um deren emotionale und moralische Verfassung auf den Stand zu bringen, der in den Wissenschaften und in der Industrie erreicht wurde«. [7]
Der wirkliche Zusammenhang, in dem das Antisemitismus-Kapitel der »Dialektik der Aufklärung« steht, wird hier sichtbar. Es ist derselbe, in dem die »Studies in Prejudice« und »Authoritarian Personality« stehen. Zunächst einmal ist es nicht einzelnen Forscherkarrieren zuzurechnen, sondern es geht im alten Sinne um eine verbindliche Theorie —ein »die Individuen übergreifendes Denken«, eben dasselbe, was die Marxsche Theorie intendiert zu sein, als Marxismus aber nicht mehr ist. Das Studium des Antisemitismus sollte damals den Schlüssel liefern, warum Befreiung mißglückt. Wir behaupten, daß das Studium des Antisemitismus das Bedürfnis nach einer historisch greifenden kritischen Theorie der Gesamtgesellschaft schafft, weil man sonst in den Aporien der antisemitischen Fragestellungen selbst steckenbleibt. Adorno spricht dies schon in der »Authoritarian Personality« aus: »Dem Problem der `Einzigartigkeit' des jüdischen Phänomens und folglich des Antisemitismus kann man nur durch Rekurs auf eine Theorie nahekommen, die den Rahmen dieser Studie überschreitet. Eine solche Theorie würde weder eine Vielfalt von `Faktoren' aufzählen, noch einen spezifischen als `den' Anlaß auswählen, sondern eher einen geschlossenen Rahmen entwickeln, in dem alle `Elemente' konsistent miteinander verbunden sind, was auf nichts weniger als auf eine Theorie der modernen Gesellschaft als Ganzer hinauslaufen würde.« [8]
Das genau sollte die »Dialektik der Aufklärung« leisten, aber sie ist eine Sammlung philosophischer Fragmente geworden. Das Antisemitismuskapitel entspricht auch nicht dem Adornoschen Anspruch, sondern die Elemente des Antisemitismus folgen recht unvermittelt und thesenhaft aufeinander. Aber emanzipatorische Gesellschaftstheorie findet hier einen Ansatzpunkt, an dem sie sich in der Analyse bewähren muß. Ich möchte an dieser Stelle vor gedanklicher Bequemlichkeit warnen. Der Entstehungszeitraum der Antisemitismusstudien und der »Dialektik der Aufklärung« wird uns aus dem Horkheimerschen Nachlaß noch einmal ganz deutlich. Es geht nicht allein — wie Habermas sagt — um die »Dekomposition der bürgerlichen Kultur... in Deutschland« [9], sondern um den Untergang einer Welt. Hinter diesen Erkenntnisstand kann man nicht willkürlich zurück, um eine »positive« Theorie der Moderne zu liefern. In unserem Nachdenken über die »Dialektik der Aufklärung« muß aufgehoben sein, daß sie als einzige emanzipatorische Theorie den mörderischen Augenblick reflektiert. Horkheimer versucht 1943 seinen Zuhörern in einer weiteren Rede »das Ausmaß der Katastrophe in Erinnerung zu rufen«. Er zitiert Edwin C. Johnson vor dem Kongreß, der am 14. Januar 1943 sagte: »In den Herzen muß die Erkenntnis reifen und Fuß fassen, daß Israel nicht allein bluten darf, sondern daß seine Wunden die Wunden der ganzen Menschheit sind. Die Juden in Europa werden zu 7 000 pro Tag oder zu 5 pro Minute abgeschlachtet. In den 10 Minuten, die mir für dieses Programm zugebilligt wurden, sind 50 Juden schmachvoll in den Tod geschickt worden.« [10]