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vorgänge: Artikel - 31.12.76

Frauen bei Rundfunk und Fernsehen-Minderheiten in einer Männerwelt

Claudia Pinl

Sind Frauen eine „gesellschaftlich relevante Gruppe”?, Aus. vorgänge Nr.24 (Heft 6/1976), S. 15-20

Hörfunk und Fernsehen sind in der Bundesrepublik öffentlich-rechtlich organisiert, um sowohl die Auslieferung dieser Medien an private kommerzielle Interessen als auch an den bestimmenden Einfluß des Staates zu verhindern. Das Programm insgesamt unterliegt dem Postulat der Ausgewogenheit, das heißt, es sollen möglichst viele der divergierenden Interessen und Meinungen in der Gesellschaft zu Wort kommen. Die Kontrolle über die Einhaltung dieser Grundsätze obliegt den Aufsichtsgremien, also den Rundfunkräten, Verwaltungsräten, den Programmbeiräten und beim ZDF dem Fernsehrat. Die Gremien sollen innerhalb der Struktur der Anstalten die Interessenvertreter der Allgemeinheit sein, in ihnen sollen alle „gesellschaftlich relevanten Gruppen” vertreten sein bzw. zu Wort kommen.
Nun ist keinesfalls klar, wer oder was eine „gesellschaftlich relevante Gruppe” ist. Der gegenwärtige Zustand der Aufsichtsgremien ist ein Pluralismus der Versteinerung. In vielen Fällen sitzen in den Räten Repräsentanten angeblich relevanter Gruppen, die nichts mehr repräsentieren außer sich selbst. Große gesellschaftlich wichtige Verbände wie die Gewerkschaften sind unterrepräsentiert, andere Gruppen- Beispiel: Bürgerinitiativen, Gastarbeiter- sind nicht vertreten.
Der Grabenkampf der beiden großen Parteien um Einfluß auf Fernsehen und Hörfunk hat zu einer Polarisierung in den Gremien geführt, die auch parteipolitisch ungebundene Gremienmitglieder in „schwarze” und „rote” einteilt.
Die Vertretung der gesellschaftlichen Gruppen in den Gremien ist nicht auf Abgesandte von Interessenverbänden beschränkt, es sind dort auch ganz allgemein „die Hochschulen” oder „das Handwerk” vertreten, also Gruppen innerhalb der Bevölkerung mit einer besonderen geistigen, ökonomischen oder berufspolitischen Interessenlage.
Nun ist sicherlich umstritten, inwieweit man davon ausgehen kann, daß Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts eine Bevölkerungsgruppe mit, spezifischen Interessen darstellen. Tatsache ist jedoch die allgemeine gesellschaftliche Unterprivilegierung der Frauen. Die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, gerade auch die Interessen unterprivilegierter Minderheiten- bei den Frauen handelt es sich ja sogar um eine unterdrückte Mehrheit- zum Ausdruck zu bringen, ist im Programmauftrag verankert, wie er in unterschiedlichen Formulierungen in den Rundfunkgesetzen festgehalten ist. So heißt es beispielsweise im § 4 des Gesetzes über den Westdeutschen Rundfunk: „Der Westdeutsche Rundfunk soll die internationale Verständigung fördern, zum Frieden und zur sozialen Gerechtigkeit mahnen, die demokratischen Freiheiten verteidigen und nur der Wahrheit verpflichtet sein.”
Geht man von der numerischen Repräsentanz aus, dann bieten die Aufsichtsgremien in ihrer derzeitigen Zusammensetzung keine Garantie, daß die öffentlich-rechtlichen Anstalten auch im Sinne der Frauen „zur sozialen Gerechtigkeit mahnen”. Der Anteil der Frauen in den Rundfunkräten schwankt zwischen 0 (bei insgesamt 24 Rundfunkräten des Norddeutschen Rundfunks) und 4 (unter 48 Rundfunkräten des Bayerischen Rundfunks). In den rundfunkpolitisch wichtigsten Gremien, in den Verwaltungsräten der Anstalten, sind Frauen überhaupt nicht vertreten, mit der Ausnahme von Radio Bremen, der kleinsten Anstalt, und des Südwestfunks, wo eine Personalratsvertreterin mit beratender Stimme an den Sitzungen des Verwaltungsrats teilnimmt.
Letztlich ist natürlich eine solche formale Sichtung der Aufsichtsgremien nach weiblicher Repräsentanz problematisch. Es ist weder auszuschließen, daß auch Männer in den Rundfunk- und Verwaltungsräten sich für weibliche Belange einsetzen. Noch ist auszuschließen, daß. Frauen in den entsprechenden Funktionen und Ämtern sich nicht im Sinn emanzipatorischer Medieninhalte einsetzen, vor allem dann, wenn sie als „Alibi-Frauen” isoliert sind. Für eine bessere inhaltliche Vertretung der Fraueninteressen in den Medien wäre zu fordern, daß vor allem mehr Vertreterinnen a u t o n o m e r Frauenverbände in die Aufsichtsgremien kämen, also solcher Gruppierungen, bei denen frauenspezifische Benachteiligungen Anlaß zur Organisation waren. Stattdessen sitzen heute vielfach Frauen sozusagen als verlängerter weiblicher Arm von Organisationen gänzlich anderer Zielrichtung in den Gremien, wie etwa die Vertreterinnen konfessioneller Frauenverbände. Das würde natürlich bedeuten, daß grundsätzlich überlegt werden müßte, wieweit die „Relevanz” der in den Gremien vertretenen Gruppen überhaupt noch die gesellschaftliche Realität widerspiegelt. Es wäre beispielsweise zu fragen, ob die autonome feministische Frauenbewegung inzwischen nicht eine größere gesellschaftliche Bedeutung hat als die Vertriebenenverbände.

Zur Situation der festangestellten weiblichen Beschäftigten der Sendeanstalten

Rund ein Drittel der Angestellten der Rundfunkanstalten sind Frauen; das entspricht etwa dem Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen insgesamt. So gesehen also: auf den ersten Blick keine Diskriminierung. Aber schlüsselt man die Zahl der Beschäftigten nach der Art ihrer Tätigkeit auf, dann zeigt sich wieder einmal das alte Bild: auch bei Rundfunk und Fernsehen sind Frauen auf die untergeordneten Funktionen beschränkt. Unter den knapp 1000 festangestellten weiblichen Belegschaftsmitgliedern des NDR sind beispielsweise nur 53 als Redakteurinnen für Programminhalte verantwortlich, aber weit über die Hälfte sind Büro- und Verwaltungsangestellte. 942 Frauen sind beim WDR angestellt, davon 49 Redakteurinnen, beim SFB lauten die entsprechen-den Zahlen: 494, davon 23 Redakteurinnen. Unter den im ARD-Jahrbuch 1975 namentlich verzeichneten leitenden Angestellten finden sich 14 Frauen unter insgesamt 581 Namen, also noch nicht einmal3 Prozent.
Daß die Frauen in den Sendern die untersten Ränge der Arbeitshierarchie bevölkern, geht auch aus der Verteilung auf die verschiedenen Vergütungsgruppen hervor. Beim WDR hat nur eine einzige Frau einen außertariflichen Vertrag, in der obersten Vergütungsgruppe I sind sieben Frauen. Mit anderen Worten, noch nicht einmal zehn der beim WDR beschäftigten Frauen sind in sogenannter leitender Position tätig.
Die größte Einzelgruppe unter den weiblichen Mitarbeitern sind Stenotypistinnen, Sekretärinnen und Sachbearbeiterinnen. Das quasifeudale Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sekretärin und Chef besteht selbstverständlich auch in der Rundfunkanstalten. Sekretärinnen im Programmbereich machen häufig zusätzlich redaktionelle Arbeit, redigieren Manuskripte, machen Themenvorschläge, schneiden Bänder, ohne daß ein beruflicher Aufstieg zur Reporterin, Autorin oder Redakteurin damit verbunden wäre.

Tontechnikerinnen

Domäne der Frauen in den Sendeanstalten sind vor allem die technischen Assistenzberufe wie Tontechnikerin, Cutterin, Bildmischerin. Berufe also, die vor allem bei der Tontechnikerin keine eigenen Entfaltungsmöglichkeiten zulassen. Sie muß damit rechnen, ihre ganzes Berufsleben lang nach Anweisung Bänder zu schneiden bzw. dem Toningenieur am Regiepult zur Hand zu gehen. Im WDR bestehen Bestrebungen unter den Tontechnikerinnen, wenigstens durchzusetzen, daß dieselbe Technikerin eine Produktion von Anfang bis Ende betreut, statt wie bisher üblich oft mehrere Technikerinnen nacheinander für die Fertigstellung einer Sendung einzuteilen.
Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen haben die Technikerinnen beim Hörfunk zumeist eine verkürzte Ausbildungszeit von zwei Semestern an der Schule für Rundfunktechnik in Nürnberg genossen. An dieser Schule bestand die Tendenz, Männer grundsätzlich in den dreisemestrigen Ausbildungsgang zu lenken. Inzwischen ist diese Ausbildung einheitlich auf 8 Monate reduziert worden, alles andere- Fort- und Weiterbildung- obliegt den Anstalten selbst. Diese sehr schmale Grundausbildung an der Nürnberger Schule führt zu einer jetzt noch stärkeren Verweiblichung des Tontechniker-Berufs und zur fast völligen Blockierung aller Chancen des beruflichen Fortkommens.
Für die qualifizierteren, selbständigeren Arbeiten werden ganz überwiegend männliche Tontechniker eingesetzt, zB. um Live-Sendungen „zu fahren” (etwa im Magazindienst) oder im Außendienst im Ü-Wagen. Als Begründung für die Bevorzugung der Männer in diesem Bereich wird oft das genannt, was früher in einer Informationsbroschüre der Schule für Rundfunktechnik in Nürnberg sogar schwarz auf weiß zu lesen war: „Da Tontechniker bei Außenaufnahmen häufig auf sich angewiesen sind, verlangen diese Aufgaben sowohl umfangreichere technische Kenntnisse als auch größere Körperkräfte und Ausdauer im Arbeiten unter schwierigen Bedingungen."
Der unterschiedliche Einsatz von Männern und Frauen schlägt sich selbstverständlich auch in der Bezahlung nieder - die Männer sind zumeist eine Gehaltsstufe höher eingruppiert.
Die Fernsehtontechnik ist dagegen fast ausschließlich eine männliche Domäne. Die häufig im Außendienst beschäftigten Filmtontechniker haben meist eine Ausbildung als Rundfunk- und Fernsehmechaniker absolviert - ein Ausbildungsbereich, in dem. Frauen ohnehin so gut wie nicht anzutreffen sind. Unter den über 40 Fernseh-Tontechnikern beim WDR sind nur 2 Frauen, die jedoch im Außendienst nicht eingesetzt werden.. „Solange wir's vermeiden können”, sagt der zuständige Betriebsingenieur Georg Meurer; Damen als Tontechniker im Außendienst, das könne er sich nicht vorstellen, schließlich seien die Aufnahme-Teams oft tagelang, wochenlang oder gar monatelang unterwegs, sie seien da nur unter Männern, und er glaube nicht, daß die Kolleginnen selbst das wollten.

Cutterinnen

Aufgabe des Cutters ist es, in Zusammenarbeit mit dem Regisseur oder Redakteur einen vorführfähigen oder sendefertigen Film in Bild und Ton herzustellen. Erst nach dem Krieg würde der Beruf des Cutters in der deutschen Filmindustrie zu einem reinen Frauenberuf. Beim Fernsehen gilt es inzwischen schon als ungewöhnlich und wird bisweilen von den Cutterinnen sogar mit Argwohn betrachtet, wenn vereinzelt wieder männliche Cutter in die Rundfunkanstalten einziehen.
Die Verweiblichung des Cutter-Berufs ging einher mit einer Dequalifizierung dieser Tätigkeit. Eine Mitarbeiterin des WDR-Fernsehens schreibt dazu:

„Für das Fernsehen wird (im Unterschied zu großen Filmproduktionen) schludriger gedreht, schneller und mit weniger technischem Können. Beim Fernsehen arbeiten viele Leute, die wohl etwas vom Journalismus, aber kaum etwas vom Film verstehen. Entsprechend heißt Filme schneiden im Fernsehen heute weitgehend, Filmteile so aneinander zuhängen, daß es dann (in Anbetracht des geringen Aufwandes an Zeit, Sachverstand und Technik) noch einigermaßen erträglich anzusehen ist. Keiner Cutterin wird die Zeit gegeben, sich um Raffinessen zu kümmern. Das heißt, man bringt sie ihr nicht bei, und wenn sie mit Privatinitiative und aus unerwartetem Interesse an ihrem Beruf dann doch mehr gelernt hat, darf sie ihre Fähigkeiten ja nicht zu ausgebreitet einsetzen, das würde nur aufhalten . . . Außerdem: Welcher Redakteur oder Autor kann sich schon von einem Cutter-Häschen sagen lassen: Das können Sie so nicht schneiden! Oder: Das wäre doch eigentlich so viel schöner. Oder: Wenn Sie mir noch das und das drehen, kann ich . Ihnen das viel besser schneiden als mit dem Material, das Sie mir geliefert haben.
Und entsprechend werden dann auch die Cutterinnen ausgebildet: als technische Roboter, als Handlangerinnen und Zuarbeiterinnen. Wie numeriert man Filme? Wie legt man an? Wie zieht man synchron? Wie schneidet man Bild und Ton? Aber nicht: Welches Bild zu welchem Ton ergibt welche Kombination beim Zuschauer? Was bewirkt eine bestimmte Reihenfolge von Interviews im Gedächtnis des Zuschauers? Das sind inhaltliche Fragen, die für einen Handlanger nicht wichtig sind . . . Kaum eine Cutterin hat je in ihrer Ausbildungszeit die Gelegenheit erhalten, am Drehort mitzuerleben, wie Filme gemacht werden (und zwar nicht nur die Tagesschau) oder selbst dort mitzuarbeiten.
Und auf den Tag, an dem sie Cutterin wird, darf sie meist vier bis fünf Jahre warten und das nicht, weil das Schneiden so schwer ist, denn außer Schnelligkeit und Routine wird kaum etwas dazugelernt, sondern um möglichst lange Zeit billige Arbeitskräfte für die viele Handarbeit zur Verfügung zu haben (Cutter-Assistentinnen).
Die Diskriminierung der Frauen liegt nun letztlich darin, daß man immer wieder bei solchen Berufen mit solchen Funktionen (Handlangerdienste) eher Frauen nimmt als Männer, oder sogar nur Frauen. Dazu kommt, daß Schneideraum-Arbeit zu einem ganz großen Teil wirklich eine viehische Fleißarbeit ist und bevor man wirklich schneidet, fällt eine Menge sehr stupider Arbeit an (anlegen, numerieren, aussortieren, Töne trennen und bestellen usw.), die Männer auf die Dauer vielleicht nicht so ohne Widerspruch auf sich nehmen würden. Es hat zum Beispiel sehr, sehr lange gedauert, bis die Sendeanstalten Numeriermaschinen angeschafft haben. Ich glaube nicht, daß Männer, wenn sie wissen, es gibt solche Maschinen, noch Jahr um Jahr weiter diese Dreckarbeit mit der Hand gemacht hätten . . .”.(1)


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