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vorgänge: Artikel - 28.01.77
Geschichte — keine Geschichtchen
Detlef Hoffmann
Erfahrungen am Historischen Museum Frankfurt a. M.
aus: vorgänge Nr.26 (Heft 2/1977), S.92-97
Man weiß, mit welchem Nutzen die Nationen ihre Geschichte aufzeichnen. Den gleichen Nutzen hat auch der einzelne Mensch von der Aufzeichnung seiner Geschichte. Me-ti sagte: Jeder möge sein eigener Geschichtsschreiber sein, dann wird er sorgfältiger und anspruchsvoller leben(1).
In den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts feiern viele deutsche Museen ihren hundertsten Geburtstag. Sie weisen sich damit als Gründung des Bürgertums aus, dessen wirtschaftliche Macht nach der Errichtung des Deutschen Reichs im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 größer geworden war. Neben den Museen für „Kunst und Industrie” bzw. ;,Kunst und Gewerbe“ stammen auch die Historischen Museen aus dieser Zeit. Während die Kunstgewerbemuseen damals vor allem die Aufgabe hatten, deutsche handwerkliche Produkte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu machen, wurden die Geschichtsmuseen vor allem mit der Absicht gegründet, der Bürgerschaft eines Ortes ihre ruhmreiche Vergangenheit erfaßbar zu machen. Die Ausstellungsstücke veranschaulichen deswegen auch das breite Spektrum bürgerlicher Kulturproduktion. Das Historische Museum Frankfurt, das seine Bestände 1878 den Besuchern zugänglich machte, sammelte und zeigte deswegen auch Gegenstände, die heute dem Bereich der Kunstgeschichte, der Vor- und Frühgeschichte, der Völkerkunde und dem Kunstgewerbe zugeordnet werden. Viele dieser Objekte wurden später Spezialmuseen zur Verwaltung übergeben.
Die Kontroverse um die Neukonzeption des Frankfurter Museums
Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Gebäude des Historischen Museums zerstört. Die zum Teil ausgelagerten Bestände haben den Krieg im großen und ganzen überstanden. Nachdem das Museum seit 1954 seine Arbeit in verschiedenen provisorischen Unterkünften aufgenommen hatte, begann 1969 die Planung eines Neubaus. Am 13. Oktober 1972 wurden die ersten Abteilungen, die die Zeit von 800 bis 1500 und das 20. Jahrhundert dokumentieren, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1974 folgten weitere Abteilungen. Mit der Eröffnung der Dokumentation der Ausgrabungen im Altstadtbereich im März 1977 wird der letzte Planungsabschnitt der Bürgerschaft übergeben.
Seit Oktober 1972 ist das Historische Museum Gegenstand einer kontroversen öffentlichen Diskussion. Die ablehnende Kritik wurde am einprägsamsten von dem Kunsthistoriker Niels von Holst im Tagesspiegel, Berlin, am 28.1.1973 formuliert: „Die Frankfurter Neugründung ist ein Posaunenstoß; er signalisiert die tödliche Gefährdung der in Jahrhunderten gereiften europäischen Museumsidee, welche das Kunstwerk und den Menschen abseits aller Politik zusammenführt.”
In einem nicht abgedruckten Leserbrief vom 1. 2. 1973 machen Klaus Herding und Lutz Heusinger die Zusammenhänge deutlich, in denen Einschätzungen wie die von Holsts stehen: „Die ,in Jahrhunderten gereifte europäische Museumsidee` bestand keineswegs darin, ,das Kunstwerk und den Menschen abseits aller Politik` zusammenzuführen. v. Holst gibt vor, das Museum zu verteidigen, setzt aber in Wirklichkeit nur seine rechtsextreme Politik fort: 1934 feierte er den Beginn des von ihm sogenannten ,nachliberalistischen Zeitalters`. Weitere Aktivitäten führten dazu, daß er mit dem Ende des nationalsozialistischen Regimes den Museumsdienst quittieren mußte.”
Unter der Überschrift „Geschichte für alle!” begrüßte Karl Korn in der FAZ das neue Historische Museum. Er schreibt: „Dieses Museum ist nicht mehr nur eine Schatzkammer angesammelter Kostbarkeiten. Seine innere Ordnung durch Objekte; freie Stellwände, Tafeln, Beleuchtung ist variabel. Der Raum ist nicht zerhackt, sondern ein gleichsam im Fluß gehaltenes ganzes. Das Museum prunkt nicht, es zeigt. Aber es zeigt auf moderne, beinahe fröhliche Weise. Man kann sich in seinen angenehmen weiten Räumen ergehen und die aus Modellen, Diaprojektionen, Bildtafeln mit Texten und Originalen, seien sie Plastiken, Bauelemente, Gemälde, Kunsthandwerk, Gerät je etwa zur Hälfte gemischte Schau in aller Ruhe studieren. Man wird durch Filme, Dias und Schautafeln nach Farbfotos in so durchdachter Weise informiert, daß der Museumsbesuch zum ersten Mal frei sein wird von dem bekannten lähmenden Gefühl der Überforderung durch die Massierung von Sachwerten.” Was war geschehen, damit ein Museum so unterschiedlich beurteilt werden konnte?
Im Historischen Museum war konsequent das entwickelt worden, was eine „Lernausstellung” genannt wird. In der Konzeption hatten alle Beteiligten erklärt, sie wollten die Ausstellungsstücke nicht mehr „wohlsortiert und in gefälliger Form” darbieten. Vielmehr sei es ihr Ziel, dem Museumsbesucher „Einsicht in historische und gesellschaftliche Zusammenhänge” zu vermitteln. Dies entspricht dem bildungspolitischen Diskussionsstand der späten 60er Jahre. Durch Veröffentlichungen von Georg Picht und anderen war nachgewiesen worden, daß die Bundesrepublik vor einer „Bildungskatastrophe” stehe. Dies zu verhindern, war die Absicht der Kultur- und Bildungspolitiker aller gesellschaftlichen Gruppen. Die Motive waren jedoch unterschiedlicher Art. Während die einen nur um höhere Gewinne zu erzielen an besser ausgebildeten Arbeitskräften interessiert waren, sahen die anderen eine bessere Ausbildung als eine Voraussetzung für die Emanzipation der arbeitenden Bevölkerung an. Letztere fordern deswegen nicht nur Modernisierung und Effektierung, sondern auch Demokratisierung des Bildungssystems. Diese bildungspolitischen Überlegungen auf das Museum angewendet zu haben, ist der Verdienst des Arbeitsstabes des Direktors Dr. Stubenvoll. Damit tat er jedoch etwas für Kulturhistorische Museen durchaus Unübliches: der Arbeitsstab definierte schon 1970 das Museum als Bestandteil eines modernen Bildungssystems. Für den theoriefernen, meist kulturpessimistisch empfindenden
Museumswissenschaftler stellte diese Definition eine Provokation dar, von der man sich noch auf der Tagung des Deutschen Museumsbundes in Frankfurt 1974 nicht erholt hatte(2).
Das Problem der Vermittlung von Geschichte durch Ausstellungsstücke
Karl Korn hat das Museum gut geschildert: Die Ausstellungsgegenstände sind chronologisch geordnet. Der Rundgang beginnt mit der ersten Erwähnung Frankfurts, also der Zeit um 800, und endet 1945. Doch die ausgestellten Gegenstände: Gemälde, Skulpturen, Waffen, Werkzeuge, Möbel, Geschirr und vieles andere, sprechen nicht für sich selbst. Um zu verstehen, aus welchen historischen Zusammenhängen sie stammen, muß man etwas wissen; Informationen haben. Diese Informationen werden durch das beschriebene System gegeben. Heute, wenige Jahre nach der Eröffnung, wird überall der Ausstellung von Objekten ein Informationssystem beigegeben. Auf dieser technischen Ebene hat sich die Konzeption des Historischen Museums Frankfurt durchgesetzt. Nur noch Leute, die das entsprechende Faktenwissen durch ein Studium erworben haben, behaupten, man könne auf Text/Bild-Tafeln verzichten, brauche keine Modelle oder Reproduktionen, die Fachsprache eines Kataloges informiere ausreichend.
Doch die Schwierigkeit liegt nicht in der Frage, ob Zusatzinformationen nötig sind, sie liegt in der Frage, welche Informationen gegeben werden, denn von dem großen Fundus an Fakten kann immer nur ein Teil vermittelt werden. Im Historischen Museum Frankfurt wird deswegen versucht, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu veranschaulichen, denen die Ausstellungsstücke entstammen. In seinen „Geschichtsphilosophischen Thesen” hat Walter Benjamin darauf hingewiesen, daß ein Kulturgut „niemals ein Dokument der Kultur (sei), ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“(3). Erst wenn man versucht, diese doppelte Aussagekraft der Objekte zu vermitteln, erschließt man den historischen Zusammenhang, aus dem ein Gegenstand hervorgegangen ist. Ein Gegenstand, der durch seine Pracht zu verleugnen scheint, wie vieler Not er seine Entstehung verdankt, kann auch darauf befragt werden, woher denn all die Pracht komme. Auf die gesellschaftlichen Konflikte, die direkt und indirekt das Aussehen eines Gegenstandes geprägt haben, wird im Historischen Museum in Frankfurt hingewiesen. Es ist deswegen symptomatisch, daß sich 1972 viele Gemüter deswegen erhitzt haben, weil der Begriff „Klasse” verwendet wurde. Besonders ein Zitat aus Otto Rühles „illustrierter Kultur-und Sittengeschichte des Proletariats” von 1930, wurde oft als Stein des Anstoßes zitiert. In den Wochen nach der Eröffnung war es immer wieder auf dem Bildschirm zu sehen, wurde immer wieder in Zeitungen abgedruckt. Rühle, der als Lehrer in Arbeiterbildungsvereinen tätig war, hätte seine Freude daran gehabt.
„Die Signatur des Mittelalters” - so beginnt das Zitat -„ist das Feudalsystem.” Die Kritik stellte oft fest, daß das Mittelalter so nur einseitig beschrieben sei, alles sei viel komplizierter. Rühle charakterisierte mit modernen Begriffen wie „Privateigentum, Privatwirtschaft, Klassenherrschaft und Autorität” eine Zeit, die diese Begriffe nicht gekannt habe. „Privateigentum” in unserem neuzeitlichen Sinne, kannte man im Mittelalter nicht. Rühle, der immerhin jahrelange Unterrichtserfahrungen in Arbeiterbildungsvereinen hatte, wußte, daß eine Begrifflichkeit, die sich gegen den Lernenden abschließt, das Begreifen behindert. Wer Geschichte deswegen studiert, weil er weiß oder ahnt, daß sie teils identisch mit seiner eigenen Geschichte ist, teils seine eigene Geschichte nach rückwärts verlängert, der erfährt die Kontinuität, in der er steht, auch durch einen Begriffsapparat, dessen Nützlichkeit er mit seinen gesellschaftlichen Erfahrungen konkret überprüfen konnte. Aber natürlich: zwischen Rühle und den Kritikern von 1972 besteht auch darüber eine unterschiedliche Auffassung, ob die von ihm gewählten Begriffe, die Gegenwart plausibel er-klären. So wurde dem Historischen Museum dann auch vorgeworfen, es betreibe „Klassenkampf”. Rühle hat jedoch in seinem. Text unausgesprochen eine Auffassung angegriffen, der niemals „Klassenkampf” vorgeworfen wurde: Friedrich Schlegels „Die Signatur des Zeitalters”, erschienen 1820 in der Zeitschrift „Concordia”. Zur Lösung der damaligen Probleme schlägt Schlegel ein System vor, das durch Begriffe wie „Stand”, „Gilde”, „Kirche”, „Schule” und „christlicher Staat” gekennzeichnet ist. Und tatsächlich: genau diese Begriffe wurden dem Historischen Museum als Ersatz für den „Rühletext” empfohlen. An diesem Beispiel wird deutlich, daß eine Diskussion über Geschichte auch eine Diskussion über die Gegenwart ist.
Bis heute finden konservative Kritiker eine merkwürdige Befriedigung dabei, ihre Beschimpfungen in dem Vorwurf des „Marxismus” gipfeln zu lassen. Der hessische CDU-Vorsitzende Dregger beweist seine Kreativität durch immer neue Wortverbindungen, die er um die Vokabel „Marxismus” rankt. Doch nicht, um mit Dregger zu argumentieren (Kann man das?), sondern um den Standpunkt abzuklären, will ich auf diesen Vorwurf eingehen. Würde man versuchen, die Zielsetzung aller im Hause Arbeitenden anzudeuten, so würden wohl Worte wie „kritisch” oder besser „aufklärerisch” vielleicht sogar „radikal-demokratisch” (im Sinne des 19. Jahrhunderts oder Gustav Heinemanns), den größtmöglichen gemeinsamen Nenner beschrieben. Es gibt Kollegen, die parteipolitisch gebunden sind, für andere trifft dies nicht zu. Einige sind Historiker, andere Kunsthistoriker, wieder andere Archäologen.