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vorgänge: Artikel - 28.01.77
Geschichte und Vergangenheit
Christa Dericum
aus: vorgänge Nr.26 (Heft 2/1977), S.42-48
„Vergangenheit ist nicht objektiv da, sie lebt vom Gedächtnis der Leute. Nur was die Gegenwart von ihr weiß, ist vorhanden.” Von dieser These ausgehend zeigt die Historikerin und Publizistin Christa Dericum, wie sehr Geschichte die Bemühung ist, die Gegenwart und gänzlich ungewisse Zukunft dadurch zu bewältigen, daß sie darunter ein Netz aus nützlichem und für gewiß gehaltenem Vergangenen knüpft. Vergangenheit dient den einen zur Legitimation ihrer Macht, den anderen zur Legitimation ihres Kampfes um Befreiung.
„Nach Canossa gehen wir nicht“
I
Auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes, im Mai 1872, knapp ein Jahr nach der Gründung des zweiten Kaiserreiches, sagte Otto von Bismarck vor dem Reichstag mit kräftigem Pathos: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht, weder körperlich, noch geistig.”
Bismarck kannte die Wirkung solcher Rückgriffe in die Geschichte. Die begeisterte Zustimmung der Zuhörer und des deutschen Bürgertums, das sie vertraten, blieb nicht aus. Niemand wollte nach Canossa gehen. Die Empörung über die Ansprüche der römischen Kurie auf Unfehlbarkeit in Glaubenssachen wuchs mit der Erinnerung an die Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Kaisertum über die Laieninvestitur im hohen Mittelalter. Damals hatte sich der Kaiser nach langem Widerstreben der Autorität des Papstes unterworfen. Für sein Imperium lehnte Bismarck dergleichen ab. Ein zweites Canossa sollte es nicht geben.
Ein falscher Vergleich
Bismarcks Geschichtsverständnis reichte nicht weiter als das der meisten seiner Zeitgenossen. Der Vergleich mit der Demütigung, die Kaiser Heinrich IV im Winter des Jahres 1077 auf sich genommen hatte, war falsch. Aber er lag nahe. Niemand hielt Bismarck entgegen, daß weder der Papst noch die deutschen Fürsten im Jahr 1872 vom Kaiser und seinem Kanzler einen Bußgang mit leiblicher Unterwerfung verlangten.
Das Unfehlbarkeitsdekret des Papstes war eine erfindungsreiche Waffe im Kampf um die Macht; doch längst schon hatte die Theorie von den zwei Schwertern, dem geistlichen und dem - von diesem abhängigen - weltlichen, keine Wirklichkeit mehr. Hieß es während des mittelalterlichen Investiturstreits von Papst Gregor VII, daß er überall mit dem geistlichen Schwert herumblitze, so konnte man von Pius IX nichts vergleichbar Kraftvolles sagen. Er hatte den Kirchenstaat verloren, weil er die Impulse der italienischen Einigungsbewegung verkannt hatte. Von Rom war ihm die Peterskirche mit dem Vatikan- und Lateranpalast geblieben. Seine Versuche, den Verlust der weltlichen Macht durch Erklärungen geistlicher Autorität auszugleichen, mußten kläglich erscheinen gemessen an den Aufklärungs- und Freiheitsidealen der Epoche.
Papst Pius IX brauchte das Unfehlbarkeitsdekret, um die vorher erlassene Enzyklika „Quante cura”, die sich gegen die freien Anschauungen über die Religion richtete, und den sogenannten „Syllabus errorum” - das Verzeichnis aller Irrlehren, mit der Forderung der unbedingten Unterordnung des Staates und der wissenschaftlichen Forschung unter die Autorität der katholischen Kirche - durchsetzen zu können. Das Unfehlbarkeitsdekret war ein äußerstes Aufgebot. Die Ohnmacht des Papsttums gegenüber den neuen staatlichen Gewalten dokumentierte sich.
Papst und Kaiser im Mittelalter
Niemals wäre es Gregor VII und den Päpsten des Mittelalters in den Sinn Papst und Kaiser gekommen, sich als Stellvertreter Christi auf Erden in Glaubenssachen eine Garantie gegen den Vorwurf der Fehlbarkeit zu geben. Gab es zuweilen zwei oder gar drei Päpste, die sich ihre Macht gegenseitig streitig machten, so hatte das vorwiegend politische Gründe. Bei Canossa, im 11. Jahrhundert, stand päpstliche Autorität als von Gott gegeben noch hoch im Kurs: der Kaiser wurde vom Papst gekrönt und bestätigt, das Christentum bestimmte mit seiner hierarchischen Ordnung auch das gesellschaftliche Gefüge des Abendlandes.
Wohl hatte der weltliche Machtanspruch der Päpste seit Karl dem Großen die Könige und Kaiser zu Gegenansprüchen gereizt. Die vielgepriesene Einheit des christlichen Abendlandes war in Wirklichkeit ein ständiges Gegeneinander im Miteinander. Sie bestand aus Spannungen und ungleichen Kräfteverhältnissen. Im Glauben aber war man sich einig: Papst, Kaiser, die Fürsten, das Volk. Daran änderten auch vorreformatorische Strömungen nichts.
Deshalb mußte Heinrich IV im Büßergewand vor Canossa erscheinen, nachdem er im Kampf um die weltliche Macht sich zu der für damalige Begriffe unerhörten Anmaßung hatte hinreißen lassen, den Papst für abgesetzt zu erklären. Wegen dieser Tat wurde er gebannt. Kein Kaiser des Mittelalters konnte es sich leisten, im Bann der Kirche Christi, die zu verteidigen er geschworen hatte, weiter zu regieren.
Bismarck und das päpstliche Unfehlbarkeitsdekret
Im Jahr 1872 sah die Situation für das protestantische Preußen, für das Deutsche Kaiserreich, für Bismarck und das deutsche Bürgertum gänzlich anders aus. Was von Bismarck und seinen Zuhörern an dem päpstlichen Unfehlbarkeitsdekret als Ungeheuerlichkeit empfunden wurde, war das Mißverhältnis zwischen dem historischen Anspruch und dem neuen nationalen Selbstbewußtsein mit Souveränitätsanspruch in allen Bereichen. Den Papst hätte Bismarcks Vergleich mit Canossa zutiefst befriedigen müssen, wäre er selbst in der Lage gewesen, den tiefsitzenden Komplex, die Unsicherheit zu beurteilen, die hinter Bismarcks Pathos stand. „Canossa” als Reaktion war mehr als das äußerste, das auch ein weniger abgewirtschaftetes Papsttum in dieser Lage hätte erwarten können.
Die scheinbare Wiederkehr einer historischen Konstellation, der Situation von Canossa, beeinträchtigte das omnipotente Hochgefühl des preußisch-deutschen Kaiserreiches offensichtlich ganz entscheidend. Natürlich war die Gleichzeitigkeit von Reichsgründung und Unfehlbarkeitserklärung nicht zufällig, wie der ganze darum entbrannte Streit sehr deutlich zeigt. Aber Bismarck verkannte mit seiner vehementen Abweisung einer Canossa-Unterwerfung die eigene Wirklichkeit genau so wie die Lage, in der Kaiser und Papst sich acht Jahrhunderte früher befunden hatten.
Woher kam das?
Geschichte als Stütze der Gegenwart
II
Wie so oft in der Politik spielte die Historie bei Bismarck dann eine Rolle, wenn vergleichbare Verhältnisse zu fortschrittlichen Erwägungen Anlaß boten. Die Idee, aus der Geschichte zu lernen, war schon vor dem 19. Jahrhundert tief eingewurzelt, lange bevor Jakob Burckhardt sie eindrücklich formulierte: „Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (für ein andermal) als weise (für immer) werden.” Das „weise für immer” des Philosophen kam der historisierenden Epoche entgegen. Das 19. Jahrhundert hatte die Geschichte als Stütze der Gegenwart nicht entdeckt, aber es machte entschiedener davon Gebrauch als frühere Epochen.
Der englische Historiker J. P. Plumb hat neuerdings nachgewiesen, daß zu allen Zeiten und in allen Kulturen Vergangenheit jeweils manipuliert worden ist. Vergangenheit dient den Interessen der Gegenwart, lautet seine These. Das ist durchaus nicht negativ zu beurteilen, sondern als notwendige Folge der Hilflosigkeit des Menschen seinem Dasein gegenüber, das er in seinen Bedingungen, in die er hineingeboren wurde; weder ganz erfassen, noch seinen wünschen entsprechend formen kann. Das einzig Sichere im Leben der Menschen ist das, was sie aus der abgeschlossenen Vergangenheit als Wissen, als Vorbild, als „Lebensideal”, wie Johan Huizinga sagt, mitnehmen können. Die gänzlich ungewisse Zukunft erhält eine einigermaßen gewisse Vorstrukturierung nur durch Rückgriffe auf etwas, was in der Vergangenheit als gut, nützlich, gewiß, gegenwartsstiftend galt. Oder auf etwas, das so abstoßend war, daß es in Gegenwart und Zukunft nicht wieder vorkommen soll.
Vergangenheit ist die Summe all dessen, was geschehen, gemacht und gedacht worden ist. Aber sie ist nicht in toto gegenwärtig. Vieles ist verloren, zerstört, vergessen. Nur Spuren der Vergangenheit sind da, Reste, die interpretiert werden müssen, um verstanden zu werden. Vergangenheit ist nicht objektiv da, sie lebt im Gedächtnis der Leute. Nur was die Gegenwart von ihr weiß, ist vorhanden.
Geschichte als Interpretation von Vergangenheit
Vergangenheit ist nicht identisch mit Geschichte. Geschichte ist Bewußtwerdung von Vergangenheit. Johan Huizinga nannte es „die geistige Form, in der eine Kultur sich Rechenschaft über ihre Vergangenheit gibt”. Man könnte Geschichte auch als ins Gedächtnis zurückgerufene Vergangenheit bezeichnen. Da hat dann jeder seine eigene Geschichte, und was an Gemeinsamkeiten auftaucht, gelangte durch Interpretationen in die Köpfe. Und Interpretationen der Vergangenheit bestimmen die Gegenwart.
Während die Geschichtswissenschaft nach immer präziseren Methoden zur Erforschung der Vergangenheit suchte, machte sich schon im 19. Jahrhundert eine pragmatische Geschichtsauffassung breit. An der Idee des Fortschritts orientiert, wurde die Geschichte in Anspruch genommen, um an ihr das Besserwissen der Gegenwart, ihr Weisersein zu demonstrieren. Noch 1916 schrieb der ehemalige Reichskanzler Bülow eine „Deutsche Politik”, in der die Geschichte als Lehre für das politische Verhalten erscheint. Dabei wurde die historische Wirklichkeit im Sinne der jeweiligen Gegenwart gedeutet und eine zukunftsbeflissene Geschichte, statt einer vergangenheitsbezogenen Gegenwart, konstruiert.
Geschichte lebt vom Vergleich
Freilich ist, wie Edmund Burke angesichts der Französischen Revolution immer wieder darlegte, das Bedürfnis des Menschen, sich nach Vorbildern, ähnlichen Erscheinungen oder abschreckenden Beispielen in der Vergangenheit umzusehen, ein Grundmotiv menschlichen Verhaltens. Geschichte lebt vom Vergleich, und in der Unsicherheit seines Daseins ist der Mensch empfänglich für Vergleichbares. Bismarcks Canossa-Argument zeigt dies. Auch Fragen wie: Ist Bonn Weimar? War Hitler Karl dem Großen vergleich-bar? Ähnelte die Französische Revolution der protestantischen Reformation, der Mensch um 1900 dem des alten Rom? Glich die Konferenz von Helsinki dem Wiener Kongreß von 1814/15?
Solche Vergleiche sind üblich. Sie beruhen auf einer mehr oder weniger deutlichen Vorstellung zumindest eines der beiden Sachverhalte oder Menschen, einer der beiden Epochen. Sie etikettieren das jeweils andere mit der Assoziation vom einen. Alle Tradition beruht auf Vergleich. Unsere Erziehung ist geprägt davon. Da ist von „großen Deutschen” die Rede, von historischen Figuren, Helden, mythischen Taten. Aber auch von dem Onkel Egon, dem Verschwender, der dem heranwachsenden Knaben mahnend vorgehalten wird, er trete in dessen Fußstapfen. Oder von einer Ideologie des 19. Jahrhunderts, die vergleichsweise geschichtsträchtig für unsere Gegenwart wurde.
Geschichte als Legitimation der Macht
J. H. Plumb beschreibt in seinem Buch Die Zukunft der Vergangenheit die Auffassung der Chinesen, die bis heute ihre Vergangenheit nicht historisch-distanziert betrachten, sondern nach ihrer sozialen Effektivität. Die Vergangenheit wird genutzt für die Gegenwart. Gesetze, Sittenvorschriften, die Legitimität der Herrschaft, Erziehungsprinzipien, Glaubenssätze wurden und werden aus der Vergangenheit abgeleitet. Das Gewicht früheren Daseins verleiht solchen Zeugnissen zwingende Autorität. Plumb schließt seine Beobachtung dieses Phänomens an verschiedenen Kulturen mit der Behauptung, Geschichte sei immer eine aufgestellte Ideologie mit einer Absicht, die darauf hinziele, das Individuum zu kontrollieren, Gesellschaften zu motivieren oder Klassen zu inspirieren. Konzepte von Vergangenheitsinterpretation ändern sich je nach den Bedürfnissen der Gegenwart.
Macht bedarf der Legitimation. Erfahrungsgemäß suchen sie die jeweils Herrschenden in drei Bereichen: in der Religion oder Ideologie, die auf Vergangenheit gründen; in der
P h i 1 o s o p h i e, die ihre Weisheit aus Erfahrungen der Vergangenheit zieht; in der
G e s c h i c h t e, mit deren Hilfe gegenwärtige Ansprüche aus der Vergangenheit abgeleitet werden. Gemeinsam ist allen diesen Anstrengungen die Auffassung, die schon von den meisten Völkern der alten Welt überliefert ist, daß die Vergangenheit der einzige Beweis für das Fortleben in der Zukunft ist. Ob die Geschichte als fortschreitender Prozeß oder als kreis-, ellipsen- oder andersförmige Bewegung aufgefaßt wird, ändert daran nichts. Solange Menschen leben, wird sie in Bewegung sein.